Stadtteil Eltville-Martinsthal

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Eltville am Rhein, Walluf, Wiesbaden
Kreis(e): Rheingau-Taunus-Kreis, Wiesbaden
Bundesland: Hessen
Historische Siedlungsentwicklung
In Neudorf, einst „Martinsthal“ genannt, zu dessen Seite hoch oben das Gontard'sche (ehemals Stadion'sche) Landhaus winkt, begrüßen wir den Geburtsort des als Diplomatiker und Geschichtsschreiber berühmten Nicolaus Kindlinger. Bunt und drollig sind die Erinnerungen, welche sich aus den 1830er Jahren an das beliebte Gasthaus zur Krone (Dröser) hierselbst knüpfen, wo damals die demagogischen Untersuchen geführt wurden.

Das benachbarte, 1803 aufgehobene Kloster Tiefenthal, jetzt eine Mühle, ist nach vielfachen Zerstörungen und Veränderungen, namentlich dem Abbruch seiner schönen gotischen Kirche, kaum mehr erkennbar, aber ehrwürdig durch die Legende, daß die hl. Elisabeth von Hessen, deren Bußkleid ehedem hier auch gezeigt wurde, eine Zeitlang in seinen Mauern weilte. (Herzogthum Nassau 1862)

Als landesherrliche Gründung des 14. Jahrhunderts erscheint Martinsthal als relativ junge Ansiedlung, in deren Entstehungsgeschichte ältere Siedlungen bzw. Klöster der näheren Umgebung mit einbezogen werden müssen. So lässt der Ortsname nach dem Patron des Mainzer Erzbistums, aber auch der benachbarten Oberwallufer Kirche die Vermutung zu, dass der spätmittelalterlichen Dorfgründung Martinsthal vielleicht ein älterer Hof als Oberwallufer Ausbausiedlung voranging.

Als Muttergemeinde der Neusiedlung Martinsthal kommt das Dorf Rode in Betracht; weiterhin werden seit dem 13. Jahrhundert ein Ritter von Glimme, später von Glimendal (Glimmenthal) und ein zugehöriges Dorf (Rode ?) erwähnt. Dieser Name ist als Flurbezeichnung Im Kleimet erhalten.

Das Dorf Rode wird erstmalig 1151 urkundlich genannt, als das dortige Frauenkloster, eine Gründung des Abtes Eberhard vom Kloster Langenselbold ?, unter die Schutzherrschaft des Mainzer Erzbischofs gelangte und in das - vielleicht von den Roder Schwestern gegründete - Kloster Tiefenthal umzog. Eine weitere klösterliche Gemeinschaft ist im 13. Jahrhundert bezeugt, als die Chorherren des Ordens vom Heiligen Grabe in Jerusalem hier eine Niederlassung besaßen. Sie blieb auch nach der Gründung von Martinsthal und der Auflösung des Dorfes Rode an dieser Stelle bestehen. 1288 wird in Rode, einer Filialgemeinde von Eltville, ein Geistlicher genannt. Das östlich des Wallufbaches als Rheingaugrenze gelegene Dorf unterstand dem Einfluss der Nassauer Grafen, es gehörte zum Bezirk des Lindauer Gerichts unter Lehenshoheit der Herren von Lindau. 1469 wird die Kapelle der hl. Jungfrau zum Rödchen als zum Pfarrbezirk Neudorf gehörig bezeichnet - die  Bezeichnung Neudorf hatte sich seit dem 15. Jahrhundert für Martinsthal durchgesetzt. Nachden die Chorherren im Bauernkrieg geflohen waren, wurden Gebäude und Besitzungen des Klosters 1536 an den Mainzer Kurfürsten verkauft. Trotzdem verfielen in der Folgezeit die Gebäude, bestehen blieb nur die Kapelle, die bald zu einem beliebten Wallfahrtsort für Prozessionen aus den umgliegenden Dörfern wurde. Nach dem Abriss der letzten Baulichkeiten zeigt eine zu Beginn des 19. Jahrhunderts errichtete kleine Feldkapelle in der Weinbergslage Langer Berg den Standort des ehemaligen Klosters und Dorfes Rode an.

Die Gründung der Siedlung Martinsthal erfolgte als landesherrlicher Akt des Mainzer Erzbischofs Gerlach von Nassau zur Gebietssicherung an einem durch das seit dem 13. Jahrhundert angelegten Gebück unzureichend gesicherten Abschnitt der östlichen Rheingaugrenze im Walluftal. Die Gründungsurkunde für Martinsdal trägt das Datum 1363. In diesem Dokument wird den Neubewohnern Steuerfreiheit für 10 Jahre zugesichert sowie die Erlaubnis erteilt, das Dorf zu „begraben und befesten“. 1364 bestand Mertynst(h)al bereits, da zu diesem Zeitpunkt dem Kloster Tiefenthal das Recht freier Durchfahrt urkundlich gestattet wird.

Nach Aufbau des nach dem Patron des Mainzer Erzbistums benannten Dorfes setzte der Zuzug von Bewohnern des außerhalb der gesicherten Grenze gelegenen Ortes Rode ein; gleichzeitig entstand die zunächst umgangssprachliche, seit 1402 auch offiziell gebrauchte Bezeichnung Nuwendorff (Neudorf) in Unterscheidung zu dem „alden Rode“. Es werden nun erstmals Kaplan und Schultheiß genannt. Mehrfache Erwähnung findet die Brücke von Martinsthal und von Glimmental, die vielleicht auch Gerichtsstätte war, wobei nicht geklärt ist, ob es sich um eine oder zwei verschiedene Brücken handelt. Sowohl Glimmenthal als auch Rode gingen wahrscheinlich vollständig in Neudorf/Martinsthal auf.

1429 beanspruchten die Neudorfer nach dem Bau einer den Heiligen Laurentius und Sebastianus geweihten Kirche das Patronatsrecht und die Ausgliederung aus dem Eltviller Pfarrverband; nur das Taufrecht verblieb weiterhin bis 1511 bei Eltville. Mit dem neu erworbenen Taufrecht ging eine Umgestaltung der Kircheninneren einher, die 1512 vollendet war. Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage wurden im Jahre 1589 die beiden Pfarreien Oberwalluf und Martinsthal zusammengelegt, der Pfarrer hatte seinen Sitz in Martinsthal. Beide Pfarreien bleiben bis über die Mitte des 17. Jahrhunderts vereint.

Das erstgenannte, 1373 erwähnte Gebäude des Ortes ist die Glimmenmühle, später Neudorfer-, Kindlinger- und Kerbermühle genannt, Geburtshaus des Historikers Nikolaus Kindlinger (1749-1819). Für 1525 sind in Neudorf 87 Herdstätten überliefert. Nach der vom Mainzer Erzbischof erlassenen Landesordnung für den Rheingau waren 1527 trotz der relativ geringen Ortsgröße 7 Ratsmitglieder vorgeschrieben. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts kam es zu einer Verarmung des Dorfes, 1589 wurde die Vereinigung mit der Pfarrei Oberwalluf beschlossen und bis ins 17. Jahrhundert aufrechterhalten. Im 17. Jahrhundert reduzierten der Dreißigjährige Krieg und die Pest die zwischen 300 und 400 liegende Einwohnerzahl auf etwa die Hälfte. Um 1700 werden 37 Bürger und 8 Beisassen genannt. Um 1900 lag die Einwohnerzahl bei rund 500, heute um 1400.

Im 19. Jahrhundert wurde die Weinbaufläche um Martinsthal stark ausgedehnt und 1898 eine Winzergenossenschaft gegründet.

Von 1895 bis 1933 führte die Kleinbahn Eltville-Schlangenbad durch die Martinsthaler Hauptstraße. Als Haltestelle diente das kleine Bahnhofsgebäude in der Hauptstraße 38.

1935 wurde auf Wunsch der Einwohner der bis dahin geltende Ortsname Neudorf wieder auf das ursprüngliche Martinsthal  geändert.

Historisches Ortsbild
Der Ortskern veränderte sich bis zum 19. Jahrhundert nur geringfügig. Nach dem zweiten Weltkrieg vollzog sich die Erweiterung, bedingt durch die Topographie der umgebenden Steilhänge, vor allem nach Süden, entlang der Landstraße nach Eltville.

Der Ortskern zeigt eine enge, geschlossene Baustruktur mit parallel zum Bach- und Höhenverlauf angelegten Straßen und Gassen, die durch kurze Querwege verbunden sind. Trotz Erhalts der Baustruktur trat in weiten Bereichen ein Verlust des historischen Erscheinungsbildes ein. Bereits 1907 stellt Luthmer fest: „Von alten Fachwerkhäusern ist das Meiste durch Verputz unkenntlich gemacht worden. Erhalten hat sich ein hübscher Erker, auf Sattelhölzern über Eck vorgebaut und mit geschweiften Dach an dem jetzigen Gasthaus in der Mitte des Ortes.“  Das stark angewachsene Verkehrsaufkommen in der schmalen Ortsdurchfahrt stellt gegenwärtig eine hohe Belastung des Ortskerns dar.

Das alte Pfarrhaus nahe der Kirche war im 18. Jahrhundert baufällig, so daß 1804 durch Kauf des Pflanz'schen Hauses (Haus des Müllermeisters Pflanz) dem Pfarrer Ersatz zur Verfügung gestellt wurde. Dieses durch sein hohes Krüppelwalmdach prägnante Gebäude aus dem 18. Jahrhundert musste dem Neubau der katholischen Kirche von 1962 weichen.

Das erste Schulhaus an der Kirche wurde 1825 durch ein zweiklassiges Schulgebäude in der Lehrgasse und 1947 durch das heute noch bestehende, als Gemeindehaus genutzte Alte Schulhaus ersetzt.

Am Marktplatz in der Ortsmitte befand sich um 1900 ein gusseiserner Pumpenbrunnen, an dessen Stelle wenig später eine Waage mit Wiegehäuschen trat. Dieses wurde bei der letzten Neugestaltung des Platzes wiederum durch einen Brunnen ersetzt.

(Landesamt für Denkmalpflege Hessen, 2009)

Stadtteil Eltville-Martinsthal

Schlagwörter
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:25.000 (kleiner als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1363
Koordinate WGS84
50° 03′ 9,93″ N, 8° 07′ 15,65″ O / 50.05276°, 8.12102°
Koordinate UTM
32U 437075.12 5544866.67
Koordinate Gauss/Krüger
3437124.99 5546645.28

Empfohlene Zitierweise

Urheberrechtlicher Hinweis
Der hier präsentierte Inhalt ist urheberrechtlich geschützt. Die angezeigten Medien unterliegen möglicherweise zusätzlichen urheberrechtlichen Bedingungen, die an diesen ausgewiesen sind.
Empfohlene Zitierweise
„Stadtteil Eltville-Martinsthal”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/P-CU-20091102-0005 (Abgerufen: 17. August 2017)
Seitenanfang