Brotfabrik in Beuel

ehemalige Germania Brotfabrik

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Bonn
Kreis(e): Bonn
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
  • Eingang zum Kulturzentrum "Brotfabrik" mit Kulturkneipe, Theatersaal und Kinosälen (2012)

    Eingang zum Kulturzentrum "Brotfabrik" mit Kulturkneipe, Theatersaal und Kinosälen (2012)

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  • Außenansicht der Zufahrt zum Kulturzentrum "Brotfabrik Traumpalast e.V." in der Kreuzstraße in Bonn-Beuel (2012)

    Außenansicht der Zufahrt zum Kulturzentrum "Brotfabrik Traumpalast e.V." in der Kreuzstraße in Bonn-Beuel (2012)

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  • Wegweiser am Eingang zum Kulturzentrum "Brotfabrik" (2012)

    Wegweiser am Eingang zum Kulturzentrum "Brotfabrik" (2012)

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In das reiche Kulturangebot des Bonner Stadtteils Beuel reiht sich das Kulturzentrum Brotfabrik ein, welches von dem Verein Traumpalast e.V. betrieben wird. Auf dem Gelände des ehemaligen Backhauses der Germania-Brotfabrik in der Kreuzstraße in Bonn-Beuel besteht ein umfassendes Kulturangebot für alle Altersgruppen: Tanz, Theater, Kino, Werkstätten, sowie Bildungsangebote und eine Kneipe. Wie der Name vermuten lässt, verbirgt sich hinter dem heutigen Kulturzentrum die Geschichte eines ehemaligen Backhauses.

Die Brotfabrik als Backhaus
1903 erhielt August Osberghaus die Genehmigung, den Betrieb der Germania Brotfabrik aufzubauen. Doch nach weniger als dreißig Jahren war der Betrieb hoch verschuldet und stand vor dem Ende. 1932 übernahm dann überraschend ein Auswärtiger, Karl Maria Johannes Troullier, kurz Hans Troullier, den angeschlagenen Betrieb. Dessen Familie hatte schon seit Generationen Brotfabriken geführt.
Hans Troullier verstand es, sich in Bonn einen guten Namen zu machen und sich in seine neue Heimat zu integrieren, so wurde er bald Karnevalsprinz. Er nutzte seine guten Beziehungen und gewann Großkunden. Vom Militärdienst war Troullier währen des Zweiten Weltkrieges zunächst freigestellt, denn sein Betrieb wurde als kriegswichtig angesehen. Deshalb erhielt die Germania Aufträge von der Wehrmacht und musste rund um die Uhr produzieren. Vom Beueler Bahnhof aus wurden die Backwaren dann in Güterzügen an die Ostfront geliefert. Eigene Fahrer belieferten ebenso den Westwall. Während des Kriegsverlaufs wurden immer mehr Arbeiter eingezogen und diese in der Fabrik durch polnische Kriegsgefangene ersetzt. Schließlich musste Anfang der 1940er Jahre auch Hans Troullier der Wehrmacht dienen.

Nach der Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft konnte Troullier seinen Absatz bald erweitern. Im Gegensatz zu den meisten anderen Beueler Betrieben hatte das Gebäude der Germania Brotfabrik den Krieg weitestgehend unbeschadet überstanden und war fast durchgängig in Betrieb. Nach Kriegsende konnte Troullier an seine erfolgreichen Geschäfte mit Großkunden anknüpfen. Er belieferte neben vielen kleineren Geschäften unter anderem die britischen Besatzungsbehörden und später in den 1950er Jahren den Bundesgrenzschutz in Hangelar.
Ab den 1960er Jahren begann für Troullier und seine Fabrik der Konkurrenzkampf mit den aufkommenden Supermarktketten. Der Absatz unterlag starken Schwankungen und so sah der Fabrikant den Ausweg im Erwerb weiterer Betriebe, die er zum Beispiel in Köln aufkaufte. Eine Erweiterung des Fabrikgebäudes, einhergehend mit der Modernisierung und Anschaffung neuer Öfen, führte in den 1970er Jahren schließlich zu einer Produktionssteigerung in Beuel. In einer Stunde konnten nun 1.200 Brote gebacken werden.

1984 entschied sich Hans Troullier zur Aufgabe seines Betriebes in Beuel sowie den weiteren Fabriken. Der Konkurrenzdruck wurde in dieser Zeit immer größer, außerdem waren die Söhne nicht an der Weiterführung des Betriebes interessiert. Troullier verkaufte allerdings nur die Maschinen, nicht die Immobilie. Die Käufer stellten die Produktion in Beuel bald ein und nutzten die Maschinen für ihre Standortvergrößerung in Köln. Die Beueler Brotfabrik stand daraufhin leer.

Das Kulturzentrum „Brotfabrik“
Seit über 25 Jahren hat sich das Kulturzentrum Brotfabrik mittlerweile etabliert. Zunächst sollte der Standort eine Übergangslösung für freie Künstlergruppen und Studenten sein, die einen Spielort Kultur in Bonn suchten. Die Gruppen schlossen sich zusammen zum Verein Traumpalast und bekamen von der Stadt Bonn für 1988 die Friesdorfer Tapetenfabrik als Schaffensort in Aussicht gestellt. Vorübergehend mietete der Verein 1985 den ersten Stock der stillgelegten Brotfabrik in Beuel an. Eröffnet wurde der Spielbetrieb der Brotfabrik im Juni 1986 mit einem Theaterprogramm.
1988 nahm der Verein mit finanzieller Unterstützung von Bund, Stadt und Land die Sanierung der alten Brotfabrik vor und blieb so dem Standort treu. In den darauf folgenden Jahren wuchs das Kulturzentrum Brotfabrik stetig an und schloss nach der mehrjährigen Umbauphase des 2.500 Quadratmeter großen Komplexes einen Nutzungsvertrag mit der Stadt Bonn, der noch bis Ende 2017 läuft.

Eine Statistik aus dem Jahr 2009 verzeichnet folgende Daten über den Betrieb der Brotfabrik:
  • 57 Theateraufführungen
  • 42 Kindertheater-Vorstellungen
  • 28 Konzerte
  • 41 Kooperations-Veranstaltungen
  • 12 sonstige Veranstaltungen
  • 14.684 Besucherinnen und Besucher
Als eine Unterorganisation der Brotfabrik veranstaltet die Bonner Kinemathek auch außerhalb der Mauern der Brotfabrik Vorführungen, wie etwa im LVR-Landesmuseum Bonn sowie die Internationalen Stummfilmtage, die im August 2012 als 28. Ausgabe des Bonner Sommerkinos im Innenhof des Universitäts-Hauptgebäudes stattfanden.
Von der Film- und Medienstiftung NRW wurde die Brotfabrik 2012 für ihr Jahresprogramm 2011 mit 10.000 Euro als Programmprämie sowie 5.000 Euro für ihr Jugend- und Kinderprogramm 2011 ausgezeichnet.

Ausstellung: Politischer Widerstand um die „Germania“-Brotfabrik 1933-1935
Im September 1989 zeigte eine Ausstellung in der Beueler Brotfabrik Arbeiten des Düsseldorfer Malers Karl Schwesigs mit einer historischen Dokumentation des politischen Widerstandes um die „Germania“-Brotfabrik in Duisburg-Hamborn.
Der sogenannte „Brotfabrik-Prozeß“ wird in einem Bericht der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 1936 dokumentiert. In diesem Bericht des Parteivorstandes der SPD im Exil (SOPADE) wird die Zerschlagung des sozialdemokratischen Widerstandskreises um die „Germania“-Brotfabrik in Duisburg-Hamborn und die damit verbundenen Verhaftungen von etwa 1.000 Personen durch die Nazionalsozialisten beschrieben. Der Sozialdemokrat August Kordahs (1905-1987) kaufte 1933 den Betrieb, die beiden NS-Widerstandskämpfer Hermann Runge (1902-1975, später einer der „Väter“ des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland) und Sebastian Dani (1899-1985, später Beigeordneter, Bürgermeister und Stadtdirektor der Stadt Bonn) wurden als Auslieferer der Brotfabrik angestellt. Unter der Tarnung als „Brotkutscher“ verbreiteten sie im Umkreis von Duisburg sozialdemokratische Schriften und Zeitungen, um den Widerstand gegen den Faschismus und den Fall des Nazi-Regimes voranzutreiben. Viele weitere Verbindungskuriere bilden ein Informationsnetz, über das die Schriften aus dem Exil von Dänemark und Belgien über Duisburg im Rheinland und Ruhrgebiet verteilt wurden.

Die Verbindung dieser Widerstandkreise zur gleichnamigen „Germania“-Brotfabrik in Beuel bei Bonn ist ungeklärt. Die Nutzung gewerblicher Mittel zur Verbreitung sozialdemokratischer Werte und Schriften, wie es von Duisburg aus geschah, konnte für die Beueler Brotfabrik nicht nachgewiesen werden. Wohl aber konnten Verbindungen der SPD- und KPD-Angehörigen Mitarbeiter der Beueler Brotfabrik in den politischen Widerstand nachgewiesen werden. Ebenso wird vermutet, dass die Mitarbeiter der Beueler Brotfabrik über Kontakte in Köln zumindest Empfänger der illegalen sozialdemokratischen Schriften waren und diese womöglich auch weiterleiteten. Dies geht laut Geisen (1989) aus Gesprächen mit Bonner Zeitzeugen hervor.
Karl Schwesig, selbst gefangen und gefoltert unter dem Nazi-Regime, illustrierte mit seinen Zeichnungen den Duisburger Brotfabrik-Prozess, wie auch seine eigenen Folterqualen im Düsseldorfer Schlegelkeller.
In der Ausstellung vom 2.-30. September 1989 im heutigen Kulturzentrum „Brotfabrik“ waren diese Zeichnungen ausgestellt.

(Svenja Prinz, Geographisches Institut der Universität Bonn, 2013)

Internetquellen:
www.traumpalast.brotfabrik-bonn.de: Brotfabrik Bonn-Beuel (Abgerufen 07.01.2013).
www.fes.de: Friedrich-Ebert-Stiftung: Flucht vor Hitler oder Widerstand, Teil 2: 1933 bis 1945 (Abgerufen 07.01.2013).
www.foerderverein-filmkultur.de, Förderverein Filmkultur: Bonner Sommerkino / Internationale Stummfilmtage (Abgerufen 07.01.2013).
www.foerderverein-filmkultur.de, Förderverein Filmkultur: Verleihung der Kinoprogrammpreise NRW, Spitzenpreis geht an das Kino in der Brotfabrik (Abgerufen 07.01.2013).

Literatur

Bab, Bettina / Harling, Sabine / Stang, Erhard / Bonner Geschichtswerkstatt e.V. (Hrsg.) (1996)
Hans Troullier und die Beueler Germania Brotfabrik. In: "Die Beueler Seite ist nun einmal die Sonnenseite...", Ein historisches Lesebuch, S. 131-138. Bonn.
Bachem, Carl Jakob (1989)
Beueler Chronik. Zeittafel zur Geschichte des rechtsrheinischen Bonn; aus Anlass der 2000-Jahrfeier. (Studien zur Heimatgeschichte des Stadtbezirks Bonn-Beuel 26.) Bonn.
Bernert, Holger (2017)
Aus ungenutzt wird umgenutzt. Neuer Zweck für alte Bonner Bauten. In: meinRHEINLAND 01/2017, S. 54-59. S. 56, o. O.
Geisen, Bernd / Brotfabrik Bonn-Beuel (Hrsg.) (1989)
Der Düsseldorfer Maler Karl Schwesig und der politische Widerstand um die "Germania"-Brotfabrik 1933-1935. Bonn.
Kulturzentrum Brotfabrik (Hrsg.) (2010)
Die Bühne der Brotfabrik (Imagebroschüre). Bonn-Beuel.

Brotfabrik in Beuel

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Kreuzstraße 16
Ort
53225 Bonn - Beuel
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Kein
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Schriften, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Archivauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1903
Koordinate WGS84
50° 44′ 27,19″ N, 7° 07′ 24,2″ O / 50.74088°, 7.12339°
Koordinate UTM
32U 367591.56 5622690.2
Koordinate Gauss/Krüger
2579340.29 5623423.54

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„Brotfabrik in Beuel”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-56527-20121108-2 (Abgerufen: 20. August 2018)
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