Bäuerliche Kulturlandschaft Schuir

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Essen (Nordrhein-Westfalen)
Kreis(e): Essen (Nordrhein-Westfalen)
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Siedlungsentwicklung
Die erste urkundliche Erwähnung des Namens ‚scure‘ (Schuir) datiert in die Mitte des 13. Jahrhunderts. Er bedeutet „Scheune, Schutz, auch Wetterdach, Schutzdach; vielleicht auch größere Scheune als Sammelort der weiterzuleitenden grundherrlichen Abgaben“ (Schmitz 2006, S. 150)
„Noch früher, um 800, gehörte die Herrschaft Walleney (= Welania), wie diese älteste Bezeichnung eines Schuirer Gebietes lautete, einer adligen Ganerbengemeinschaft. Es ist aufgrund der Flurbezeichnung (Walleney = runde Aue) anzunehmen, daß der Ursprung der damaligen Herrschaft Walleney in den heutigen bekannten Höfen Unter- und Oberwalleney, …, zu suchen ist“ (Schmitz 1994, S. 243).
Wahrscheinlich handelte es sich hierbei um den frühen Sitz der später „Schuir“ genannten Herrschaft (Schmitz 1994, S. 289).

In einer Urkunde der Abtei Werden wurde erstmals 1282 ein „Rutgerus de Schuren“ genannt. Im Jahr 1350 erfolgte die Belehnung eines „Wulfhardt von der Schüren“ mit den Höfen Oberschuir, Niederschuir und Walleney (Schmitz 2006, S. 154).
„Die Adelsfamilie von Schuiren entwickelte sich in der Grundherrschaft des Klosters Werden im Laufe der Zeit zu einem bedeutenden Amtsträger (‚Ministerialer‘), die zeitweise auch eines der vier Hofämter (Droste, Kämmerer, Mundschenk, Marschall) innehatte“ (Schmitz 2006, S. 151).
Wohnsitz der adeligen Familie war Niederschuir, dessen Mauerreste noch unter der Grasnarbe gegenüber des 1782 von Abt Bernhard II. als Sommersitz erbauten Hauses Schuir liegen. Niederschuir hatte sich offensichtlich aus einem Bauernhof heraus entwickelt. Als Ministeriale der Abtei Werden jedoch war die bäuerliche Arbeit bald nicht mehr standesgemäß:
„Die bewusste Distanzierung von jedweder landwirtschaftlichen Tätigkeit führte beim aufsteigenden Landadel dazu, den eigenen Grundbesitz einem freien oder abhängigen Bauern zu übertragen. Im Fall des Hauses Schuir betraf das den unmittelbar daneben gelegenen Halfmannshof, im abteilichen Sprachgebrauch Bauhof genannt“ (Schmitz 2006, S. 158).
Haus Schuir entstand also, wie auch die Herrensitze Haus Baldeney und Haus Scheppen, „… nicht aus strategisch-militärischen Gesichtspunkten. Die mehr oder weniger repräsentativen Anlagen waren Verwaltungssitze, auch Statussymbole der Ministerialen“ (Schmitz 2006, S. 158).
In Schuir gab es neben Haus Schuir (Niederschuir) mit den Nachbargütern Ober- und Unterwalleney sowie Lotterbeck um 1350 weitere Adelssitze. Sie waren miteinander verwandt.

Im Laufe der Jahrhunderte hatte die Familie von Schuir weite Ländereien von der Abtei Werden erworben. Somit gehörten alle Höfe und Kotten in der Honnschaft Schuir entweder dem Kloster oder den Adeligen von Schuiren, denen Abgaben geleistet werden mussten. Ihre Ersterwähnungen stammen meist aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Ein herausragender Hof war Schulte zu Dahl (Ruhrtalstraße 72). Die Abtei Werden erwarb ihn im Jahr 1093 und machte ihn zu einem ihrer Oberhöfe. In den Jahren 1663/64 und 1682 wurde „das Haus Schuir mit seinen Höfen und Waldungen, vor Jahrhunderten als Allod (Eigentum) verkauft und als Lehen ausgetan, wieder als ein uneingeschränktes Eigentum“ an die Abtei Werden verkauft (Schmitz 2006, S. 166).

Die Waldgebiete
In Schuir befanden sich bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch mehrere große Wald- und Buschparzellen. Für die ihr gehörenden Waldbestände hatte die freiherrliche Familie von Schuiren im 16. und 17. Jahrhundert klare Benutzungsordnungen erlassen. Diese endeten spätestens mit dem Verkauf des Hauses Schuir an die Abtei Werden im Jahr 1682.
„Bis dahin waren die einzelnen großen Buschparzellen mit einem tiefen Graben umgeben und durch die verschiedenen Zufahrts- und Transportwege verbunden. Den Zugang regelten bereits im 17. Jahrhundert aufgestellte Schlagbäume, die umgelegt und verschlossen werden konnten“ (Schmitz 1993, S. 137).
Zu den Waldungen des Hauses Schuir gehörte der Busch Hackenberg nordwestlich der Wallneyer Höfe zwischen Schuirweg und Wallneyer Straße.
„Die große Wald- und Buschflur Hackenberg, auch als Markenwaldung genutzt, war schon früh in den Besitz der Herren von Schuir gelangt, wenn auch die Walleneyer Höfe umfangreiche Nutzungsrechte darin besaßen. In erster Linie war es der Hof Unterwalleney zusammen mit dem Dahler Hof. Mit dem Ankauf des Hauses Schuir durch die Abtei wurden dieses Berechtigungen drastisch eingeschränkt“ (Schmitz 2006, S. S. 164, 177).
Lutterbecks Busch und Oberwalleneyer Busch wurden nach den gleichnamigen angrenzenden Höfen benannt. Die frühe Nutzung dieser Waldgebiete erfolgte wahrscheinlich ausschließlich durch diese Bauernhöfe (vgl. Schmitz 1993, S. 143).

Im südlichen Bereich befand sich die Rauenberger Mark, die im Westen an die große Kettwiger Mark angrenzte. Im Jahr 1474 wurde sie erstmals erwähnt, ihre Verwaltung unterlag dem Oberhof Dahl. Das jährliche Holzgericht wurde im Kotten Timmerscheidt abgehalten; das Haus ist noch vorhanden (Ruthertal 4). Der Waldbestand der Rauenberger Mark wurde zwischen 1817 und 1819 unter den Berechtigten aufgeteilt (Schmitz 1993 sowie Schmitz 1994).

Die Waldparzellen Hackenberg und Lutterbeck sind mittlerweilefast gänzlich verschwunden und bebaut. Vom Hackenbergbusch existiert noch ein Eichen-Buchen-Bestand südlich des Wetteramtes, der kleine Rest des Lutterbeckbusches schließt unmittelbar an den gleichnamigen Hof an. Auch das Waldstück Rieck wurde weitgehend gerodet. Hier entstand im 19. Jahrhundert eine Kottensiedlung, die bis heute existiert. Vom Oberwalleneyer Busch (östlich der Wallneyer Höfe), dem Waldstück am Hof Asey und der Rauenberger Mark sind noch größere Flächen erhalten geblieben. Ihre Ausdehnungen haben sich mindestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht verändert.

Überkommener Siedlungs- und Landschaftszustand
Seit Beginn des 19. Jahrhunderts hat in dem hier abgegrenzten Bereich kaum eine Veränderung der Landschaft oder des Siedlungsgefüges stattgefunden. Die Wald-/Offenlandgrenzen sind seitdem nahezu unverändert, wie aus dem Kartenvergleich hervorgeht. Es ist jedoch anzunehmen, dass „der äußere Landschaftszustand um 1800 ... weitgehend dem des ausgehenden Mittelalters (entspricht)“ (Heinen 1990, S. 19). Die großen Waldparzellen, die ursprünglich zu dieser gewachsenen bäuerlichen Kulturlandschaft dazugehörten und nach der Markenaufteilung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts weitgehend gerodet wurden, befanden sich in den hier ausgeklammerten Randbereichen. Das Straßen- und Wegenetz besteht seit 1803-1843 ebenfalls fast unverändert. Der Schuirweg ist nach der ehemaligen Honnschaft Schuir benannt. Es ist ein alter Verbindungsweg zwischen Werden und Mühlheim, der aufgrund seiner langen Nutzung über weite Strecken als Hohlwege ausgebildet ist. Als Zubringer zur Autobahn ist er heute stark frequentiert. Das gesamte Wegesystem ist durch wenig ausgebaute, schmale Straßen gekennzeichnet. Sie fügen sich damit in den allgemeinen ländlichen Charakter der Gegend ein.

Bestimmt wird das Landschaftsbild durch das hügelige Gelände, auf dem sich weite landwirtschaftliche Flächen erstrecken. Durchzogen wird das Gebiet von zahlreichen Wasserläufen; die größten sind Schuirbach, Ruther und Huxoltbach. Dazwischen verstreut liegen Einzelhöfe an ihren seit Jahrhunderten angestammten Standorten.
Die meisten der alten Höfe sind noch vorhanden und befinden sich häufig noch in Familienbesitz. Sie betreiben bis heute Landwirtschaft; Pferdezucht und Reitställe sowie der Direktverkauf von landwirtschaftlichen Produkten ab Hof sind weit verbreitet. Die modernen Hofanlagen verfügen meist noch über die historischen Gebäude aus Fachwerk und Bruchsteinmauerwerk. Ein „vergleichsweise seltenes Beispiel eines Wohnstallhauses mit einer Quereinfahrt“ ist das Fachwerkhaus des Halfmannshofes (Schmitz 2006, S. 173). Die Höfe wurden in Quellmuldenlage errichtet. Das heißt, hier entspringen viele der kleinen Wasserläufe, die die hügelige Landschaft netzartig durchziehen. So befindet sich die Quelle des Aseybaches auf dem Hof Asey, die des Schuirbaches auf dem Hof Unter-Wallney. Diese werden außerdem von kleineren Zuflüssen gespeist, die auf anderen Höfen entspringen. Meist sind die Teiche, die über den Quellen angelegt wurden, noch vorhanden.

Die Bachauen wurden bis ins 19. Jahrhunderts fast ausnahmslos als Grünland genutzt. Diese historische Nutzung als Weide- und Wiesenflächen ist heute insbesondere noch am Schuirbach und an Abschnitten des Aseybaches und des Huxoltbaches zu finden. Buchen- und Eichenmischwälder sind daneben die typischen Begleiter der Bachtäler. Die naturnahen, strukturreichen Bachläufe weisen einen regionaltypischen Biotopkomplex aus tief eingeschnittenen Siepentälern, Feuchtbereichen, Auenwald- und Laubwaldresten auf. Als Vernetzungsbiotope zahlreicher gefährdeter Pflanzen- und Tierarten spielen sie eine herausragende Rolle im Biotopverbund des unteren Ruhrtals. Als Besonderheit haben sich an einigen Stellen der steilen Felshänge Schluchtwaldreste erhalten. Typisch für die felsigen Bereiche sind auch die Quellenvorkommen.

Die großen Waldparzellen auf den Höhen sind weitgehend verschwunden. Die erhaltenen Eichen- und Buchenwaldreste sind häufig jedoch von großer naturschutzfachlicher Bedeutung.

(Kathrin Lipfert, LVR-Fachbereich Umwelt, 2011)

Quellen
Objekt „BK-4607-0012 – Schuirbach“. In: Biotopkataster NRW. Bearbeitungsstand: 16. Juli 2007, www.naturschutzinformationen-nrw.de/bk/de (Abgerufen: 05. Oktober 2010)
Objekt „BK-4507-0057 – Wald und Kulturlandschaft an den Oberläufen des Wolfsbaches“. In: Biotopkataster NRW. Bearbeitungsstand: 16. Juli 2007, www.naturschutzinformationen-nrw.de/bk/de (Abgerufen: 05. Oktober 2010)
Objekt „BK-4607-0013 - Ruthertal “. In: Biotopkataster NRW. Bearbeitungsstand: 16. Juli 2007, www.naturschutzinformationen-nrw.de/bk/de (Abgerufen: 05. Oktober 2010)
Objekt „BK-4607-0016 - Wald östlich vom Springer-Verlag, Essen-Kettwig“. In: Biotopkataster NRW. Bearbeitungsstand: 17. Juli 2007, www.naturschutzinformationen-nrw.de/bk/de (Abgerufen: 05. Oktober 2010)
Objekt „BK-4507-0062 - Feldgehölze am Wetteramt in Bredeney“. In: Biotopkataster NRW. Bearbeitungsstand: 16. August 2007, www.naturschutzinformationen-nrw.de/bk/de (Abgerufen: 05. Oktober 2010)

Literatur

Amt für Geoinformation, Vermessung und Kataster der Stadt Essen (Hrsg.) (1965)
Historischer Atlas zur Karte der Stadt Essen 1803/06, Karten von Honigmann/Vogelsang (überarbeitet und ergänzt). Essen.
Dickhoff, Erwin (1979)
Essener Straßen - Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen. Essen.
Heinen, Gerhard (1990)
Essen im 19. und 20. Jahrhundert. Karten und Interpretationen zur Entwicklung einer Stadtlandschaft. (Geographische Gesellschaft für das Ruhrgebiet, Essener Geographische Arbeiten, Sonderband 2.) Essen.
Landesvermessungsamt NRW (Hrsg.) (2005)
Historika 25, Historische topographische Karten des heutigen Nordrhein-Westfalen im Wandel der Zeit, Blatt 4607 - Heiligenhaus. Bonn.
Landesvermessungsamt NRW (Hrsg.) (2005)
Historika 25, Historische topographische Karten des heutigen Nordrhein-Westfalen im Wandel der Zeit, Blatt 4507 - Mühlheim. Bonn.
Schmitz, Herbert (2006)
Als in Schuir die von Schuiren noch das Feuer schürten. Der Adelssitz Haus Schuir, von seinen Bewohnern und ihrem Leben. In: Geschichten aus der Werdener Geschichte 4, S. 149-181. o. O.
Schmitz, Herbert (1994)
Höfe, Kotten und ihre Bewohner. Ein Beitrag zur Siedlungsgeschichte der Vororte Fulerum, Haarzopf, Ickten, Kettwiger Umstand, Raadt, Roßkothen, Schuir, 3. Aufl.. (Zeitschrift des Geschichtsvereins Mülheim a.d. Ruhr 1.) Essen.
Schmitz, Herbert (1993)
Höfe, Kotten und ihre Bewohner. Band II und Nachlese. Ein Beitrag zur Siedlungsgeschichte der Vororte Fulerum, Haarzopf, Ickten, Kettwiger Umstand, Raadt, Roßkothen, Schuir. Bottrop, Essen.

Bäuerliche Kulturlandschaft Schuir

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Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung
Historischer Zeitraum
Beginn 800 bis 1282
Koordinate WGS84
51° 23′ 22,78″ N, 6° 57′ 57,12″ O / 51.38966°, 6.96587°
Koordinate UTM
32U 358471.03 5695121.51
Koordinate Gauss/Krüger
2567274.46 5695439.76

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„Bäuerliche Kulturlandschaft Schuir”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-5643-20110214-2 (Abgerufen: 17. Dezember 2017)
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