Die Hofwüstung „Auf dem Gier“ umfasst ein 2,5 Hektar großes Grundstück am Ostabfall des Gierbergs. Sie liegt oberhalb des Wüstebachtals auf der Dreiborner Hochfläche und zwar unweit nordöstlich des bis heute bestehenden Verbindungswegs zwischen Dreiborn und Erkensruhr. Der Zufahrtsweg auf das Grundstück bog 50 Meter entfernt von der heute am Wegrand stehenden Ruhebank ab. Die Hofstelle „Auf dem Gier“ bestand bis 1946 aus zwei Aussiedlerhöfen.
Die Besiedlung des Gierbergs Der erste Hof wurde 1886 durch den Landwirt Carl Dartenne, auch „der Gieremann“ genannt, als Dreiseithof erbaut, der zweite Hof im Jahr 1922 etwa 150 Meter hangabwärts als Zweiseithof. Dort wohnten die älteste Tochter von Carl Dartenne, Regina, und ihr Ehemann Anton Kupp (mündliche Überlieferung sowie Archiv Vogelsang-IP). Das sanft gewellte Relief der Dreiborner Hochfläche ohne starke Hangneigungen bot Raum für großflächige, zusammenhängende landwirtschaftliche Nutzflächen, auch wenn es sich um eine vergleichsweise karge Mittelgebirgslage handelt. Nach mündlicher Überlieferung geht die Gründung des Hofes auf persönliche und wirtschaftliche Entscheidungen zurück: Carl Dartenne hatte ursprünglich eine Auswanderung erwogen; stattdessen ist ihm von seinem Vater, Johann Baptiste Dardenne, nahegelegt worden, sich „auf dem Gier“ eine eigenständige Existenz aufzubauen. Die Hofgründung 1886 fällt in eine Zeit, in der die Abwanderung aus der Eifel weiterhin eine reale Option war, auch wenn die Emigrationsspitzen hier zeitlich eher früher lagen (Mitte 19. Jahrhundert).
Beide Höfe waren zweigeschossig und teilweise in Fachwerkbauweise ausgeführt. Beim älteren Hof (Dartenne) bildeten Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude drei Seiten eines nach Osten, zur windabgewandten Seite geöffneten Hofraums. Typisch für Häuser in windexponierter Lage ist das nach Westen als Wetterschutz tief heruntergezogene Dach des Wohnhauses. Bei beiden Höfen wurde für die Außenmauern auch lokaler Schiefer aus den nahegelegenen Steinbrüchen im Wüstebachtal als Baumaterial verwendet (Röös 2006). Der Großvater von Carl, Nicolaus Dardenne, hatte bis 1857 mehrere solcher „Leygruben“ betrieben („Ley“ bezeichnet in der Eifel „Schiefer“) (Schröder 2025).
Bewirtschaftung Die Höfe waren landwirtschaftliche Familienbetriebe mit weitgehender Selbstversorgung auf etwa 75 Hektar Fläche, die durch Pachtflächen ergänzt wurden. Angebaut wurden vor allem Hafer, Gerste und Roggen sowie Kartoffeln. Hinzu kam eine Bienenzucht und die Haltung von Enten und Hühnern. Der Viehbestand belief sich auf etwa zehn rotbunte Kühe sowie Ochsen als Zugtiere; Pferde gehörten nicht zum Hof. Erst Anton Kupp verfügte später über einen Zweispänner. Die geringen Überschüsse (u. a. Butter, Eier, Gemüse) wurden teils außerhalb der Region vermarktet, zum Beispiel auf dem Wochenmarkt in Köln. Die Anreise dorthin erfolgte über Dreiborn-Schleiden per Bus und weiter mit der Bahn. Die abgeschiedene Hochflächenlage und die eingeschränkte Mobilität bedeuteten stets lange Wege, die fehlende Infrastruktur (kein Strom, kein Telefon, schlechte Wege) und im Winter große Schneemassen kamen im Alltag erschwerend hinzu (Röös 2006).
Zwangsräumung 1946 Am 1. September 1946 beschlagnahmte die britische Militärverwaltung weite Teile der Dreiborner Hochfläche zur Errichtung des Truppenübungsplatzes Vogelsang (Requirierungsbefehl vom 1.9.1946; Archiv Vogelsang-IP). Die Hofstelle wurde innerhalb weniger Wochen zwangsgeräumt, ohne dass den Bewohnern unmittelbar Ersatzwohnraum oder Entschädigung zugewiesen wurden. Damit ereilte sie das gleiche Schicksal wie den Einwohnerinnen und Einwohnern von Wollseifen. Die Familien Emil Dartenne und Anton Kupp kamen mitsamt Vieh und Hausrat zunächst bei Verwandten im benachbarten Dorf Dreiborn unter. Da der Ort jedoch durch die Kriegseinwirkungen baulich in Mitleidenschaft gezogen worden war und durch die Evakuierungen aus Wollseifen an seine Kapazitätsgrenzen stieß, zogen die beiden Familien bald weiter. Emil Dartenne zog mit seiner Frau und seinen sechs Kindern zunächst weiter nach Erkensruhr, wo er einen leerstehenden Hof anmietete. Einige Jahre später fanden sie ein neues Zuhause in Kesternich, wo die Familie 1951 endgültig wieder sesshaft wurde. Anton Kupp mit Frau und Kindern mietete zunächst ein Haus in Dreiborn, später gelang der Familie dort der Erwerb eines eigenen Hauses. Ihr Sohn Josef führte später die Gastwirtschaft an der Kirche. Eine finanzielle Entschädigung für die Enteignung erfolgte in den 1950er Jahren (aachener-zeitung.de). Die Hofstelle „Auf dem Gier“ diente zunächst den britischen und ab 1950 den belgischen Streitkräften als Übungsziel bei Artillerie- und Panzergefechten. Bereits 1951 standen von den Gehöften nur noch die Grundmauern. Seit 2004 gehört das Areal zum Nationalpark Eifel und die Vegetation hat die eingeebneten baulichen Reste vollständig bedeckt.
Kulturhistorische Bedeutung Die Hofwüstung ist vergleichbar mit der Wüstung Wollseifen und in erster Linie zeugnishaft für die Auswirkungen der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einsetzenden Nutzung der Dreiborner Hochfläche als Truppenübungsplatz auf die örtliche Bevölkerung. Hier zeigen sich die tiefgreifenden Auswirkungen durch staatlich-militärische Interessen auf gewachsene Kulturlandschaften. In diesem Zusammenhang sind alle Wüstungen der Dreiborner Hochfläche als Teil eines größeren historischen Zusammenhangs zu verstehen, der zur dauerhaften Entvölkerung des zentralen Teils der Dreiborner Hochfläche führte. Andererseits steht die Geschichte des Ortes auch beispielhaft für die vor allem aufgrund der naturräumlichen Voraussetzungen entbehrungsreichen Lebensverhältnisse der kleinbäuerlichen Bevölkerung in weiten Teilen der Eifel bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Gründung der Hofstelle im ausgehenden 19. Jahrhundert steht exemplarisch für eine Phase, in der Aussiedlerhöfe entstanden, um der Flächenknappheit in den Dörfern zu begegnen und um sich neue wirtschaftliche Perspektiven zu eröffnen. Als heute nicht mehr sichtbare Siedlungsstelle ist die Hofwüstung „Auf dem Gier“ ein wichtiger Bestandteil der historischen Kulturlandschaft der Nordeifel. Die Bedeutung liegt vor allem im dokumentarischen Wert - und die Geschichte der Höfe trägt zum Verständnis des Kulturlandschaftswandels von der agrarisch über die militärisch genutzte Dreiborner Hochfläche bis zum heutigen Nationalpark Eifel bei.
Exkurs Der Familienname Dardenne geht zurück auf eine Dynastie von Schieferbrechern aus dem nordfranzösischen Fumay. Der Name Dardenne leitet sich von „D(e) Ardenne“ ab, was soviel bedeutet wie „aus den Ardennen“. Fumay liegt im Großdepartement Ardenne. Nicolas Dardenne, der aus Amel bei Malmedy stammte, ließ sich 1814 im Tal der Erkensruhr bei Hirschrott nieder. 1825 kaufte er eine Schiefergrube und betrieb diese bis 1857. Carl Dartenne war ein direkter Nachfahre von Nicolas Dardenne. Er führte das „t“ in seinem Nachnamen ein, um sich von seinem Vetter sprachlich abzugrenzen und ständige Verwechslungen bei der Briefzustellung damit zu beenden. Ein Enkel von Carl, der Bonner Augenarzt Prof. Dr. Ulrich Dardenne (1924-2001), hat diesen Buchstabentausch in seinem Namen wieder rückgängig gemacht. Unter anderem auch deshalb stößt man heute auf beide Varianten des Namens.
(Martina Gelhar, LVR-Abteilung Kulturlandschaftspflege / Edgar Dartenne, 2026)
Internet www.aachener-zeitung.de: Zerstörte Hofstelle Gier im Nationalpark Eifel soll nicht in Vergessenheit geraten. Artikel vom 21.05.2019. Autor: Peter Stollenwerk (abgerufen: 23.12.2025) www.vogelsang-ip.de: Archiv Vogelsang-IP (abgerufen: 23.12.2025)
Literatur
Röös, Michael (2006)
Die ehemalige Hofstelle Auf dem Gier im Nationalpark Eifel. Manuskript Nationalparkverwaltung Eifel; unveröffentlicht.
Schröder, Maria (2025)
Die Schiefergruben Dreiborn und Dedenborn am Wüstebach. In: Das Monschauer Land Jahrbuch 2025, S. 83-106. Monschau.
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Empfohlene Zitierweise
Martina Gelhar, Edgar Dartenne (2026): „Hofwüstung „Auf dem Gier“ bei Dreiborn”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-356764 (Abgerufen: 12. Januar 2026)
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