Kloster Sankt Paulus Stift in Herxheim

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Fachsicht(en): Landeskunde
Gemeinde(n): Herxheim bei Landau / Pfalz
Kreis(e): Südliche Weinstraße
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Koordinate WGS84 49° 09′ 4,53″ N: 8° 13′ 5,86″ O 49,15126°N: 8,21829°O
Koordinate UTM 32.442.997,71 m: 5.444.564,96 m
Koordinate Gauss/Krüger 3.443.050,36 m: 5.446.303,86 m
  • Überblicksvideo über den Sankt Paulus Stift in Herxheim (2025)

    Überblicksvideo über den Sankt Paulus Stift in Herxheim (2025)

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    Produziert von: Klaus Eichenlaub und Peter Daum Photoart Herxheim
    Fotograf/Urheber:
    Audio: Klaus Eichenlaub; Video: Peter Daum
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Das St. Paulusstift thront über den Dächern von Herxheim, von der Ferne bereits für alle sichtbar, genauso, wie es sich der Gründer wünschte. Sollte es doch nicht verborgen liegen irgendwo im Tal und im Wald, sondern leuchten auf der Höhe als helles Zeichen der Integration, ja Inklusion von Menschen mit Behinderung in das allgemeine Leben.
Begonnen wurde 1896 im sogenannten Antoniushaus mitten im Dorf, in der Unteren Hauptstraße 157. Dazu Bussereau im O-Ton: „Am 1. April 1896 wurde in Herxheim bei Landau ein Asyl eröffnet, worin epileptische, schwachsinnige, auch blinde, taubstumme, gebrechliche und andere Menschen, die Leidensten und Ärmsten der Menschheit, liebevoll Aufnahme, Pflege und Beschäftigung, kurz eine Versorgung auf Lebenszeit finden.“

Gründung des Stifts
Im Jahre 1896 wurde der Grundstein für das St. Paulusstift gelegt. Sein Gründer, der damalige Pfarrer Jakob Friedrich Bussereau, bestimmte den 1. April als Gründungsdatum. Eine Vision nahm ihren Lauf, nämlich eine Einrichtung zu gründen für Menschen mit Behinderung, die Schutz, Fürsorge, Hilfe und ein Zuhause brauchten. Eine solche Einrichtung gab es bis dato noch nicht in der Pfalz, der Bedarf jedoch war groß. Also galt es, eine adäquate Unterbringungsmöglichkeit für Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Beeinträchtigung zu schaffen. Jakob Friedrich Bussereau wurde mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern zum Pionier der behinderten Arbeit in unserem Land. Als zentralen Ort seines Start-ups, wie man heute wohl sagen würde, wählte er sich Herxheim bei Landau, wo er bereits Jahre zuvor als Kaplan wirkte, und ideale Voraussetzungen vorfand, um seine Ideen in die Tat umzusetzen.

Baugeschichte
Starke, mutige und Gott verbundene Frauen stellten sich mit ihrem Hab und Gut in den Dienst der neuen Einrichtung und ermöglichten den Start in das Unterfangen. Die Pläne zum Bau eines Baukomplexes, der klösterliches Leben und die Betreuung behinderter Menschen ermöglichen sollte, waren schon in Bearbeitung. Bereits am 11. Februar 1896 wurde ein Teil der Acht Morgen auf dem höchsten Punkt nordöstlich der katholischen Kirche von Herxheim angekauft und am 27. Mai 1896 lag die Genehmigung des Bezirksamtes Landau zur Errichtung einer Privatkrankenanstalt für Kretinen, Epileptiker etc. vor. Mit den Bauarbeiten wurde am 8. Juni 1896 begonnen. Zunächst wurde der Westflügel des Hauptbaus über Sommer nach den Plänen und Vorstellungen Bussereaus errichtet. Im Spätherbst war es so weit hergestellt, dass die Bewohner des Antoniushauses am 16. November umziehen konnten.

Nutzung
Direktor Bussereau vollzog die Weihe des Hauses, in dem er segnend, betend und weihwassersprengend von Zimmer zu Zimmer, von Stockwerk zu Stockwerk ging. Mit ihm waren insgesamt 46 Pfleglinge und Pensionäre sowie 13 Pflegeschwestern eingezogen. Bereits im folgenden Jahr wurde mit dem Bau des Ostflügels begonnen, der dann von den männlichen Kranken mit ihren Pflegebrüdern bezogen wurde, von denen sich die ersten bereits 1896 mit dem Bezug des Westflügels eingefunden hatten. 1898 schließlich wurde der mittlere Teil mit der Hauskapelle in das Gebäude eingefügt. Das Gebäude vereinte auf den verschiedenen Stockwerken die klösterliche Klausur sowie Unterkünfte und Gemeinschaftsräume für die betreuten Menschen. Am 1. Oktober 1897 wurden bereits 93 Kranken verpflegt. Den Kindern wurde „nach ihrem Fassungsvermögen Unterricht erteilt und den Pfleglingen nach ihren Fähigkeiten Beschäftigung in Küche, Keller, Zimmer, im Waschen, Bügeln, Nähen, in verschiedentlicher Handarbeit, in Ökonomie, Gärtnerei, Schuhmacherei, Schneiderei, Korbflechterei und Spitzenklöppeln angewiesen“.

Leitgedanke des Hauses
Im Namen trug die Einrichtung nicht die Bezeichnung Anstalt wie es sonst üblich gewesen wäre. Bussereau wollte keine „Anstalt“, sondern eine Idee stiften, die er in seinen Visionen sah: ein Zusammenleben in der Art eines Mehrgenerationenhauses, in dem sich jeder und jede mit seinen Fähigkeiten und Mitteln einbringt, um in einem gemeinschaftlichen Leben alle teilhaben zu lassen an den Höhen und Tiefen des alltäglichen Lebens auf der Grundlage des christlichen Glaubens. Genannt hat er sein Werk nach dem Völkerapostel Paulus, weil er der Apostel der Liebe ist, wie er einmal sagte. Er bezog sich dabei auf den Ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth, wo im 13. Kapitel über die Liebe ein Lied gesungen wird: „Es ist die Liebe, die über allem steht und sich in guten Werken bezeugen soll“. In seinem Anstaltsbericht 1896-1897 schreibt Bussereau: „Nicht Menschenklugheit, nicht Willensenergie, nicht Genie und nicht einmal das Geld, sondern die Liebe, die echte, wahre und tätige Gottes- und Nächstenliebe, das ist das Element, durch welches das traurige Angesicht der Erde erneuert werden soll zum Staunen der ungläubigen Welt.“ Insofern steht „St. Paulusstift“ nicht für das Gebäude, sondern für die Vision bzw. die Idee, die dahintersteht.

Wunsch nach Unabhängigkeit
Autark und selbstständig, unabhängig von der Bewilligung staatlicher Gelder sollte es sein, sein Sankt Paulusstift. So gibt es mitten im Haupthaus einen bis zur Talsohle reichenden Brunnen, damit niemand je das Wasser würde abdrehen oder den Brunnen vergiften können. Seit 1904 gab es Telefon, der Strom wurde selbst produziert und erleuchtete bereits seit dem 13. November 1905 das ganze Haus, bereits 1906-07 wurde eine Abwasseranlage mit Kanalisation installiert, 1913 bekam die Einrichtung ihren Friedhof, seit 1914 hat das ganze Haus Zentralheizung. Vor dem Hintergrund, dass im Dorf die erste Glühbirne erst im Jahre 1908 leuchtete und die Wasserleitung im Jahre 1928 verlegt wurde, ist das St. Paulusstift als Vorreiter technischer Innovation für das ganze Dorf zu sehen. Aber auch für die Autarkie in weiteren Bereichen war vorgesorgt. Es gab eine eigene Landwirtschaft mit Viehhaltung, eine Gärtnerei, eine Bäckerei, eine Wäscherei, eine Schneiderei u.v.m. Das Kloster versorgte sich ausnahmslos selbst.

Ableger
Bereits 1898 wurde in Neuötting in Oberbayern ein weiteres St. Paulusstift eröffnet. Innerhalb weniger Jahre verwirklichte das „Finanzgenie“ Bussereau mit einem unglaublichen Gottvertrauen und der Hilfe seiner treuen Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus dem Nichts seine Vision des St. Paulusstifts. Um sein Werk zukunftsfähig zu machen, gründete Bussereau zwei Ordensgemeinschaften, einen weiblichen und einen männlichen Zweig, die 1913 ihre kirchliche und staatliche Anerkennung erhielten: die Kongregation der Schwestern vom heiligen Paulus und die Kongregation der Brüder vom heiligen Paulus, die beide zur großen franziskanischen Familie gehören.

Aktuelle Situation
Heute trägt die Jakob-Friedrich-Bussereau-Stiftung das Erbe des Gründers weiter. Ca. 850 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgen in der Pfalz und in Bayern für mehr als 500 Menschen mit Behinderung, dass sie gemäß den Visionen und Ideen Bussereaus teilhaben können am Leben der Welt, gefördert in ihren Schwächen, gefordert in ihren Stärken im Sinne der Inklusion.

(Klaus Eichenlaub, Herxheimer Heimatverein e.V., 2024)


Internet
paulusstift-herxheim.de: Paulusstift Herxheim (abgerufen 16.12.2025)

Literatur

Steffen Roth (2021)
125 Jahre St. Paulusstift in Herxheim. In: Herxheimer Heimatbrief Jg. 2021, S. 40 ff. Herxheim.

Kloster Sankt Paulus Stift in Herxheim

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Bussereaustraße 18
Ort
76863 Herxheim
Fachsicht(en)
Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1896

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Klaus Eichenlaub (2024): „Kloster Sankt Paulus Stift in Herxheim”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-356752 (Abgerufen: 14. März 2026)
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