Radrennbahn und Motorradrennbahn Wassenberg

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Wassenberg
Kreis(e): Heinsberg
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 51° 06′ 16,83″ N: 6° 10′ 35,9″ O 51,10467°N: 6,17664°O
Koordinate UTM 32.302.348,80 m: 5.665.256,73 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.512.415,49 m: 5.663.306,04 m
  • Historische Aufnahme "Gruss vom Sportplatz Wassenberg" vom Start zum am 26. August 1906 ausgetragenen Radrennen "Großer Preis von Wassenberg" auf der Rad- und Motorradrennbahn Wassenberg.

    Historische Aufnahme "Gruss vom Sportplatz Wassenberg" vom Start zum am 26. August 1906 ausgetragenen Radrennen "Großer Preis von Wassenberg" auf der Rad- und Motorradrennbahn Wassenberg.

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  • Historischer Zeitungsbericht zum Bau der Rennbahn in Wassenberg aus der Heinsberger Volkszeitung vom 2. Juni 1906.

    Historischer Zeitungsbericht zum Bau der Rennbahn in Wassenberg aus der Heinsberger Volkszeitung vom 2. Juni 1906.

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  • Historischer Zeitungsbericht zur Fertigstellung der Rennbahn in Wassenberg aus der Erkelenzer Zeitung vom 30. Juni 1906 (die Datierung "26. Juli" ist offensichtlich ein Druckfehler).

    Historischer Zeitungsbericht zur Fertigstellung der Rennbahn in Wassenberg aus der Erkelenzer Zeitung vom 30. Juni 1906 (die Datierung "26. Juli" ist offensichtlich ein Druckfehler).

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  • Typische Szene aus einem Radrennen zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Der Steher-Rennfahrer Peter Günther hinter seinem Schrittmacher Heinrich Otto (vor 1914).

    Typische Szene aus einem Radrennen zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Der Steher-Rennfahrer Peter Günther hinter seinem Schrittmacher Heinrich Otto (vor 1914).

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Nordöstlich des Wassenberger Waldgebiets Marienbruch war von 1906 bis 1926 eine Radrennbahn in Betrieb, die auch für Motorradrennen genutzt wurde. Die zahlreichen Rennveranstaltungen zogen teils mehr als 10.000 Zuschauer an.

Errichtung und Ausstattung
Rennen um den „Großen Preis“ und das „Goldene Rad“
Umbau 1924 und Ende der Bahn 1926
Lage und Objektgeometrie
Quellen, Internet, Literatur

Errichtung und Ausstattung
Das Velodrom wurde im Jahr 1906 auf Betreiben des sportbegeisterten Wassenberger Bürgermeisters Nikolaus Beckers angelegt. Ein im benachbarten Birgelen gegründeter Radfahr-Verein unterstützte Beckers und nahm „die Sache energisch in die Hand“ (Heinsberger Volkszeitung 1906). Der Beginn der Arbeiten erfolgte zum 25. Mai. „Für den Bau der Cabinen und Tribünen dürften weitere 14 Tage nötig sein“ (ebd.).
Für die Anlage hatte die Stadt ein 250 Ar (25.000 Quadratmeter) großes Grundstück gegenüber der Seidenweberei Krahnen & Gobbers gegen eine geringe Miete zur Verfügung gestellt. Bereits Anfang Juli des Jahres konnte das als nicht weiter befestigte Erd- und Lehmbahn angelegte Velodrom fertiggestellt werden.
Die Länge der 8-10 Meter breiten Bahn betrug 500 Meter, sie war zunächst auf Geschwindigkeiten von bis zu 70 km/h und später sogar auf 100 km/h ausgelegt (vermutlich nach dem Ausbau 1924).
Neben Tribünen und Kabinen entstanden auch Erfrischungshallen und sogar eine Musikhalle. Als besondere Attraktion befand sich inmitten der Bahn eine große Drehscheibe, von der aus dem Publikum das Programm und die Resultate angezeigt wurden (Hindelang / Mülders 2005).
Im Jahr 1909 entstand „an der Rennbahn“ der erste Fußballplatz des im gleichen Jahr gegründeteten Spiel- und Sportvereins SSV Viktoria 09 Wassenberg (Heinrichs 1987).
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Rennen um den „Großen Preis“ und das „Goldene Rad“
Nur eine Woche später als ursprünglich geplant, konnte schon am 29. Juli des Eröffnungsjahrs eine erste Rennveranstaltung stattfinden, die dem bereits 7.000 Besucher umfassenden Publikum „drei Fliegerrennen, zwei Dauerrennen mit Motorschrittmacher über 15 und 30 Kilometer und ein Motorradrennen mit Preisen von insgesamt 800 Mark“ bot (ebd.). Bei den zumeist als Steherrennen bezeichneten Fliegerrennen nutzen die Radrennfahrer den Windschatten eines knapp vorausfahrenden Motorrades und erzielen dadurch ein deutlich höheres Tempo.
Zu einem zweiten Rennen, das am 26. August 1906 als „Großer Preis von Wassenberg“ mit einem Preisgeld von insgesamt 1.200 Mark ausgerichtet wurde, fanden sich dann bereits mehr als 10.000 Besucher ein: „Hauptattraktion war ein Dauerrennen hinter schweren Schrittmachermaschinen. ... Die Asse waren Pongs aus Krefeld, Rippelmeyer aus Duisburg, der dunkelhäutige Hedspath, später auch der Erkelenzer Motorrad-Star Paul Rüttchen.“ (Heinrichs 1987 und Abb.).
Der Start des US-Amerikaners Woody Hedspath (1881-1941, auch Headspeth oder Hedspeth) war wohl eine besondere Attraktion für das Publikum. Der seinerzeit als „fastest colored rider in the country“ geltende Radrennfahrer war wegen der rassischen Vorbehalte gegen ihn 1905 aus den USA nach Europa emigriert, wo er in Programmen gleichwohl noch häufig gesondert als „Neger“ angekündigt wurde.

Auch spätere Veranstaltungen um das „Goldene Rad von Wassenberg“ zogen regelmäßig 4.000 bis 10.000 Zuschauer an und wegen großem Teilnehmerinteresse mussten die Meldelisten häufig frühzeitig geschlossen werden. Als weitere Daten zu größeren Veranstaltungen werden vor dem Umbau noch der 22./23. September 1906, 29. Juni 1907, 21. September 1913, 5. Mai 1921, 20. August 1922, 24. September 1922, 13. Mai 1923 und 15. oder 22. Juli 1923 genannt.
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Wie zahlreiche andere vornehmlich für den Bahnradsport angelegte Velodrome wurde auch die Wassenberger Bahn von Beginn an als Kurs für Motorradrennen genutzt. Die umfassende Sammlung von historischen Rennsportanlagen von Rob Semmeling führt unter der Rubrik „Velodrome Racing / Track Racing“ auch die Radrennbahn in Wassenberg. Für die Jahre 1906-1908 und 1922-1926 sind hier Motorradrennen dokumentiert (Semmeling 2009).
Bei einem als Showeinlage ausgerichteten Rennen „Reiter gegen Motorrad“ am 21. September 1913 gewann der Indianer „Texas Tex“ gegen das konkurrierende Motorrad – und das, obwohl er nach jeder Runde sein Pferd wechselte (Hindelang / Mülders 2005).

Anlässlich der Veranstaltung am 13. Mai 1923 berichtet die Fachzeitschrift Radwelt von Rennen in den Klassen „Motorrennen für Hilfsmotoren bis 4 PS, Motorrennen für Motoren über 2 PS, Motorrennen für Hilfsmotoren bis 2 PS“ sowie einem „Fliegerrennen für Fahrräder“ (Radwelt vom 22.05.1923, zitiert nach www.kie4192.de).
Im Rennen für Maschinen mit Hilfsmotoren bis zwei PS belegte Jean Fuchs, der in Erkelenz eine Fahrschule betrieb und dort auch Automobile reparierte, mit einem Eigenfabrikat seiner „Fahrzeug-Bau Jean Fuchs und Co. Erkelenz“ einen beachtlichen vierten Platz (www.aachener-zeitung.de).
Auch wenn sich die bescheidenen Leistungsangaben nur bedingt auf die heute genormte Umrechnung von 1 PS = 0,735 Kilowatt übertragen lassen, entsprachen die Motorleistungen der Rennmaschinen in den frühen 1920er Jahren in etwa lediglich denen heutiger Mofas.
Bei dem Rennen am 15. oder 22. Juli 1923 waren dann auch die „schweren Maschinen“ am Start. Die Listen der teilnehmenden Fahrer weisen aus, dass viele Rennsportler aus der näheren Umgebung teilnahmen, darunter lokale Piloten aus Dülken, Erkelenz, Grambusch, Mönchengladbach, Viersen und Waldniel (Radwelt vom 25.07.1923, zitiert nach www.kie4192.de).
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Umbau 1924 und Ende der Bahn 1926
Da die Lehmbahn bei Nässe für die Fahrer stets gefährlich war und Regenwetter zudem immer wieder zur Verschiebung von Rennen führte, erfolgte 1924 ein Umbau der bis dahin nicht weiter befestigten Rennbahn, bei dem auch steilere Kurven errichtet wurden (Semmeling 2009). Die Wiedereröffnung erfolgte mit einer Rennveranstaltung am 29. Mai 1924 vor annähernd 10.000 Zuschauern, ein weiteres größeres Rennen fand am 25. Juli 1925 statt (Heinrichs 1987).
Nach einer letzten Rennveranstaltung am 19. September 1926 endeten die ereignisreichen Sportjahre. Ein Zeitzeuge klagte: „Die Rennen fielen den Verbandsbestimmungen zum Opfer oder einer Überorganisation von höherer Stelle.“ (ebd.)
Ein Versuch, die Bahn für zwei Rennen im Sommer 1928 wiederherzurichten, scheiterte.
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Lage und Objektgeometrie
Die Wassenberger Rennbahn befand sich ausweislich der historischen Berichte „gegenüber dem neuen Etablissement der Firma Crahnen und Gobbers“ (Heinsberger Volkszeitung 1906) bzw. „inmitten des Parkes vis-a-vis der neuen Fabrik an der Dalheimer Straße“ (Erkelenzer Zeitung 1906) und damit „gegenüber der Firma Krahnen & Gobbers“ (Hindelang / Mülders 2005) „auf dem Gebiet der heutigen Oberstadt, damals nicht weit von der romantischen Waldschenke entfernt“ (Heinrichs 1987; das heutige „Hotel Restaurant Waldschänke“ in der Erkelenzer Straße 64, Verf.).
Vor Ort erinnert heute noch der Straßenname „An der Rennbahn“ an das frühere Velodrom. Nahe des untergegangenen Standorts der Rad- und Motorradrennbahn entstand in den 1920/30er-Jahren die nach dem Reichsiedlungs- bzw. Reichsheimstättengesetz staatlich geförderte und einheitlich geplante Siedlung Mittelstraße / Hochstraße durch die Siedlungsgesellschaft Rheinisches Heim (Burggraaff / Kleefeld 2001) bzw. 1936/38 die „GEHAG-Siedlung“ der Gemeinnützige Heimstätten-, Spar- und Bau-Aktiengesellschaft (www.wassenberg.de). Die im Luftbild NRW 1988-1994 noch sichtbaren historischen Fabrikgebäude der einstigen Seidenweberei Krahnen & Gobbers wurden seit Beginn der 2000er-Jahre allmählich beseitigt und mit Gewerbeeinrichtungen überbaut.

Die den Zeitraum des Bestehens der Rennbahn umfassenden historischen Karten der Preußischen Neuaufnahme (1891-1912) lassen die Sportstätte noch nicht erkennen und auch die etwas jüngeren topographischen Karten TK 1936-1945 weisen die Anlage nicht eindeutig aus (vgl. Kartenansicht). Auch die umfassende Sammlung von Altkarten unter www.landkartenarchiv.de gibt keinen entsprechenden Hinweis.

Das Velodrom wird hier daher mit aller Vorsicht über eine Geometrie lokalisiert und dargestellt, die sich an den vorgenannten Angaben zur Lage gegenüber Krahnen & Gobbers und der TK 1936-1945 orientiert.
Ergänzende Hinweise zu einer genaueren Lokalisierung sind willkommen!
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(Franz-Josef Knöchel, Digitales Kulturerbe LVR, 2020/2021)

Quellen
  • Freundliche Hinweise von Herrn Dr. Marco Kieser, LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, 2021.
  • Historische Zeitungsberichte zum Bau der Rennbahn in der Heinsberger Volkszeitung vom 2. Juni 1906 und zu deren Fertigstellung in der Erkelenzer Zeitung vom 30. Juni 1906 (Sammlung Dr. Kieser).
  • Peter Burggraaff / Klaus-Dieter Kleefeld: „Siedlung Mittelstraße/Hochstraße“ (Kartierung zur Datenerfassung im Kreis Heinsberg 2001 im Auftrag des LVR-Fachbereichs Umwelt, unveröffentlicht).

Internet
www.kie4192.de: Notizen zur Geschichte des Motorsports in Dülken, 1923 (abgerufen 08.12.2020)
www.aachener-zeitung.de: Erkelenz – Eine Fuchs ganz in Erkelenz-Blau (Aachener Zeitung vom 19.10.2010, abgerufen 08.12. 2020)
www.landkartenarchiv.de: Landkartenarchiv (abgerufen 08.12.2020)
www.radsportseiten.net: Woody Hedspath (abgerufen 07.04.2021)
de.wikipedia.org: Woody Headspeth (abgerufen 07.04.2021)
www.wassenberg.de: Geschichte (abgerufen 07.04.2021)
www.wassenberg.de: Historischer Altstadtrundweg (und dortiges Download-PDF „Historischer Rundweg durch die Oberstadt“, 4,3 MB, abgerufen 07.04.2021)
www.bildindex.de: Spinnerei Krahnen und Gobbers / Kartonagenfabrik Lucas und Söhne, historische Aufnahme von 1973 (abgerufen 07.04.2021)
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Literatur

Heinrichs, Heribert (1987)
Wassenberg. Geschichte eines Lebensraumes. S. 378, Mönchengladbach.
Hindelang, Susanne; Mülders, Anja (2005)
Das „Goldene Rad“ von Wassenberg. Die erste Rad- und Motorradrennbahn im Kreisgebiet. In: Heimatkalender des Kreises Heinsberg 2006, S. 163-165. Geilenkirchen.
Semmeling, Rob (2009)
Rennen! Races! Vitesse! Racing Circuits Netherlands, Belgium, Germany, Austria, Luxembourg, Switzerland. S. 130, o. O. Online verfügbar: www.wegcircuits.nl, abgerufen am 18.06.2020

Radrennbahn und Motorradrennbahn Wassenberg

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Gladbacher Straße / An der Rennbahn
Ort
41849 Wassenberg
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1906, Ende 1926

Empfohlene Zitierweise

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Empfohlene Zitierweise
„Radrennbahn und Motorradrennbahn Wassenberg”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-315832 (Abgerufen: 24. Mai 2022)
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