Kamillenfeld in der Gemarkung Sassen

Zweite Station des Erlebnisrundwegs: Trauds Aufenthalt in Sassen

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Sassen
Kreis(e): Vulkaneifel
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Koordinate WGS84 50° 15′ 57,6″ N: 6° 57′ 59,66″ O / 50,266°N: 6,96657°O
Koordinate UTM 32.355.081,36 m: 5.570.184,37 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.568.959,44 m: 5.570.443,23 m
  • Bild der Gertrud Feiler, genannt Traud, bei der Rast (späte 1950er Jahre)

    Bild der Gertrud Feiler, genannt Traud, bei der Rast (späte 1950er Jahre)

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    Verbandsgemeinde Kelberg
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  • Zeitzeugeninterview vom 4.8.2019 mit Peter Bauer und Hermann Hens zum Verkauf von Kamillenblüten (2019)

    Zeitzeugeninterview vom 4.8.2019 mit Peter Bauer und Hermann Hens zum Verkauf von Kamillenblüten (2019)

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    Esther Kerkhoff, Maria Bock, Lea Adams
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    Esther Kerkhoff; Lea Adams; Maria Bock
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  • Interview vom 12.10.2019 mit der Schriftstellerin Ute Bales über den ersten Kontakt mit der Figur der Traud

    Interview vom 12.10.2019 mit der Schriftstellerin Ute Bales über den ersten Kontakt mit der Figur der Traud

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    Florian Weber
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    Weber, Florian
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In der Gemarkung Sassen, auf der Hochgewann (Flur 5), liegt ein Kamillenblumenfeld. Dieses Feld wird in Erinnerung an die historische Person Gertrud Feiler, genannt Kamillen-Traud, gepflegt.

Die Kamillen-Traud wanderte im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert als Hausiererin in der Region der Vulkaneifel umher. Ihr Vater war verstorben, als sie noch ein Kind war und ihre Mutter Maria war verschuldet und hatte den elterlichen Bauernhof verloren. Nach dem Tod der Mutter im Jahr 1909, zog Traud alleine umher. Als obdachlose Hausiererin war sie auf die Mildtätigkeit der Menschen angewiesen. So bot sie den Bauern der Umgebung ihre Arbeitskraft an. Im Gegenzug erhielt sie Nahrungsmittel, einen kleinen Geldbetrag. Traud verkaufte die Blüten der Kamillenblume, die sie in der freien Natur gepflückt hatte und die damals in der Vulkaneifel zahlreich zu finden waren. So entstand ihr Name Kamillen-Traud.

Die echte Kamille
Die echte Kamille (Matricaria chamomilla L./Matricaria recutita - die Nomenklatur ist in der Literatur umstritten) galt früher schon als ein Wundermittel. Es wird auch heute noch bei Verdauungsschwäche genutzt. Die Kamille wirkt antibakteriell, austrocknend, beruhigend, blutreinigend, entzündungshemmend, krampflösend und schmerzlindernd. Leider ist sie in der freien Natur nicht mehr so oft anzutreffen. Sie wächst bevorzugt in der Nähe von Getreidefeldern. Der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft hat negative Folgen für die Verbreitung der Kamille.

Die Kamille wächst 20 bis 50 cm hoch. Der reichverzweigte Stängel weist viele wechselseitig angereihte Blätter auf, die länglich und zwei- bis dreifach gefiedert sind. Die Blüte besteht aus gelben Röhrenblüten, die außen von weißen Zungenblüten umrundet werden. Im Gegensatz zu anderen Kamillenarten weiß die echte Kamille eine hohlen Blütenboden auf und hat einen spezifischen und charakteristischen Geruch. Sie stammt aus Süd- Osteuropa, ist aber inzwischen in ganz Europa und Westasien verbreitet.

Die ärztliche Versorgung Anfang des 20. Jahrhunderts
Die ärztliche Versorgung in den ländlichen Regionen unterschied sich im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert enorm von der städtischen. So praktizierten auf dem Land weniger Ärzte als im urbanen Raum, was auch zur Folge hatte, dass ein Arzt für mehrere Dörfer zuständig war. Die 1911 eingeführte Reichsversicherungsordnung verpflichtete alle Menschen eine Krankenversicherung abzuschließen und reglementierte auch die ärztliche Versorgung. Die Ärzte in den ländlichen Regionen praktizierten häufig als Allgemeinmediziner, während sich die Ärzte in den Städten aufgrund der guten Versorgungslage spezialisierten und als Fachmediziner tätig waren. Die Ärzte auf dem Land mussten auch im Fall von Notfällen rund um die Uhr erreichbar sein und große Entfernungen bewältigen.

Die „Kamillen-Traud“
Traud und ihre Mutter Maria wussten um die Heilkraft der Kamille, die in vielen Fällen teure Medikamente zu ersetzen vermochte. Sie pflückten die Blumen mit dem Stiel vom Wegesrand, trockneten sie und verkauften sie zu geringen Preisen. Traud bot die gepflückte Kamille vielfach auch als Bezahlung oder Belohnung für Unterkunft, Kost oder Hilfe an.

Ute Bales schreibt in ihrem Roman „Kamillenblumen. Roman aus der Eifel“:
„Auch Maria trank aus der hohlen Hand. Sie wischten sich den Mund und füllten ihre Flaschen. Dann gingen sie weiter durch ungemähte Wiesen voll mit wildem Sauerampfer und Klee. Maria rupfte hier und da an den Kamillenstauden, bis sie Sträuße in unterschiedlichen Größen in der Hand hielt, die sie mit langen Grashalmen umwickelte und an ihr Gepäck band. 'Dat is jetzt grad die richtige Zeit für Kamille', verriet sie Traud, 'um Johanni ist sie am allerbesten. Eigentlich muss man sie morgens pflücken, direkt nach dem Tau, andernfalls wird sie schnell schwarz. Wenn man sie dann noch im Schatten trocknen lässt ...“ Maria richtete sich auf. „Wat is dann?“, wollte Traud wissen. „Dann hat man ein gutes Allheilmittel gegen allerhand Krankheiten. Wenn die Leut wüssten, wat man alles mit Kamille machen kann. Dat hilft gegen Würmer, gegen Krämpfe, Koliken und entzündete Augenlider, man kann auch Aufgüsse und Sitzbäder draus machen. Wunden heilen schneller, grad die eitrigen, und blonde Haare glänzen besonders schön, wenn man sie nach dem Waschen damit spült. Außerdem tut et den Frauen gut, wenn sie bluten“ (Bales 2016, S. 41).

(Esther Kerkhoff, Universität Koblenz-Landau, 2019)

Literatur

Bales, Ute (2016)
Kamillenblumen. Roman aus der Eifel. (Edition Schrittmacher Band 15, 6. überarbeitete Auflage.) Zell/Mosel.
Ferber, Franz-Josef (1980)
Nochmal: Die Kolverather Traud. In: Heimatjahrbuch Kreis Daun 1980, S. 30. o. O.
Ferber, Franz-Josef (1978)
Mir ward keine Liebe, kein heimatliches Land .... Erinnerungen an die Kolverather Traud oder: Ein Mensch am Rande der Gesellschaft. In: Heimatjahrbuch Kreis Daun 1978, S. 49ff.. o. O.
Mertes, Erich / Dickel, Klaus (2006)
Chronik von Sassen. Prüm.
Retterath, Tamara (2010)
Meine Erinnerungen an die Kolverather Traud. In: Heimatjahrbuch Kreis Vulkaneifel 2010, S. 178ff.. o. O.

Kamillenfeld in der Gemarkung Sassen

Schlagwörter
Ort
53539 Sassen
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Archivauswertung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1900

Empfohlene Zitierweise

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„Kamillenfeld in der Gemarkung Sassen”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-301151 (Abgerufen: 23. April 2021)
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