Martinsbrunnen in Bonn

Martinitreiben, Gänsebrunnen

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Denkmalpflege
Gemeinde(n): Bonn
Kreis(e): Bonn
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 44′ 0,88″ N: 7° 05′ 55,57″ O / 50,73358°N: 7,09877°O
Koordinate UTM 32.365.833,79 m: 5.621.922,05 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.577.614,67 m: 5.622.584,55 m
  • Der Martinsbrunnen in Bonn (2016)

    Der Martinsbrunnen in Bonn (2016)

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  • Gänsejagd am Bonner Martinsbrunnen (2018)

    Gänsejagd am Bonner Martinsbrunnen (2018)

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„Wenn der heilge Sankt Martin / Will der Bischofsehr entfliehn,
Sitzt er in dem Gänsestall, / Niemand findt ihn überall,
Bis der Gänse groß Geschrei / Seine Sucher ruft herbei.

Nun dieweil das Gickgackslied / Diesen heilgen Mann verriet,
Dafür tut am Martinstag / Man den Gänsen diese Plag,
Dass ein strenges Todesrecht / Gehen muss über ihr Geschlecht.

Drum wir billig halten auch / Diesen alten Martinsbrauch,
Laden fein zu diesem Fest / Unsre allerliebsten Gäst
Auf die Martinsgänslein ein / Bei Musik und kühlem Wein.“


(„Des Knabens Wunderhorn“ gedruckt in: „Simon Dachs Zeitvertreiber“, 1700, zitiert aus: Becker-Huberti 2000, S. 252).

Vor der Westfassade des Bonner Münsters, an der Stelle, wo sich die Straße In der Sürst mit der Gangolfstraße schneidet, findet ein wildes Treiben statt: Ein Mädchen und ein Junge sind damit beschäftigt, je eine große Gans zu ergreifen. Ein zweiter Junge hatte bereits Erfolg: Eine Gans klemmt unter seinem rechten Arm, eine weitere hält er am Flügel fest. Aufgrund der Tatsache, dass der Junge ein Mädchenkleid trägt, was im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert für Jungs im Vorschulalter eine durchaus übliche Bekleidung darstellte, lässt sich das Alter des Kindes auf vier bis sechs Jahre festlegen (Hoke 2011, S. 238). Die Gänse versuchen zu entfliehen und wehren sich Flügel schlagend, schnatternd und fauchend. Es erscheint überraschend, dass es grade dem jüngsten Knaben gelungen ist, zwei Tiere zu ergreifen. Von einer erhöhten Position aus betrachtet ein dritter Junge – allem Anschein nach ist er von allen Kindern das älteste – die Jagd und beleuchtet mit einer langen Stablaterne die Szenerie. Auch zu seinen Füßen befindet sich eine Gans, die sich mit gespreizten Flügeln zwischen den Beinen des Gänsejungens hindurch zu zwängen versucht. Eingefroren, im Moment verhaftet, ist die Szenerie figurativer Teil einer der über hundert öffentlichen Brunnen in Bonn, an dem die Passanten vorübergehen und von dessen Skulpturen sie mal mehr, mal weniger Notiz nehmen.

Die in Bewegung dargestellten Bronzefiguren der Kinder und der Tiere erzeugen eine gewisse Spannung und kontrastieren so mit dem schlicht gehaltenen Brunnenbecken und Brunnensockel aus Stein. Gleichmäßig sind die Figuren in der über dem Brunnenbecken angebrachten Brunnenschale platziert. Den Brunnensockel bekrönt der ältere Gänsehirte mit der alles überragenden Stablaterne. Das Wasser ergießt sich aus drei Ausläufen in die Brunnenschale, in der sich die drei Kinder mit den Gänsen befinden. Das Wasser überflutet die Brunnenschale und ergießt sich in das untere Brunnenbecken.

Der aus Berlin stammende Bildhauer Heinrich Götschmann (1857-1929) schuf den Martinsbrunnen im Jahre 1902 und setzte damit einem alten Brauch ein Denkmal, das sich jährlich in den ländlichen Regionen Deutschlands um die Zeit des St. Martinfestes vollzog: das Begleichen der bäuerlichen Pacht in Form von Naturalien und häufig auch fetten Gänsen. Diese wurden den Dorflehrern und Pfarrern übergeben, was jedoch voraussetzte, dass sie erst eingefangen wurden. Diese Tätigkeit erforderte eine gewisse Geschicklichkeit und wurde häufig von den Bauernkindern übernommen.
Der ursprünglich von Götschmann gewählte Name des Brunnens „Martinitreiben“ spielt darauf an, dass dieses Einfangen des schwer gemästeten Federviehs kein einfaches Unterfangen darstellte. Neben dem Fangen der Martinsgänse stellt die Stablaterne, die nachts sogar mittels einer Glühbirne das Dargestellte illuminiert, eine weitere Anspielung auf das St. Martinsfest und seine Laternenumzüge dar. „Mehr als 50 Martinszüge ziehen heute noch durch die Bundesstadt. Höhepunkt ist der Innenstadtzug ‚Bonn-Zentral‘, organisiert vom Martins-Ausschuss der Münster-Pfarre.“ (www.bonner-muenster.de)

Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Bronzefiguren des Martinsbrunnens, wie auch die dreier weiterer Bonner Brunnen eingeschmolzen (Karl-Simrock-Forschung 2002, S. 22). Mittels der originalen Gussformen aus Gips konnten 1958 die Bronzefiguren jedoch wieder neugegossen und der Brunnen in seiner alten Gestalt rekonstruiert werden. Die Kosten beliefen sich auf 30.000 Mark, die durch Spenden an den Martins-Ausschuss, sowie durch die Stadt Bonn und den Landschaftsverband Rheinland finanziert wurden (www.bonner-muenster.de und de.wikipedia.org).
Im Winter 2008/2009 wurde der älteste Gänsehirte auf dem Sockel des Brunnens für eine Restaurierungsmaßnahme auf dem städtischen Bauhof eingelagert. Während der im April 2009 erfolgten Wiederaufstellung des frisch restaurierten Gänsehirtens mit der Laterne wurde ebenfalls eine Wiederherstellung der ursprünglichen Ausrichtung der Bronzefigur mittels alter Fotografien angestrebt. Seit 1958 war diese Figur nämlich nach einer anderen Richtung ausgerichtet, die nicht der von 1902 entsprach. Dies war jedoch einer Bonner Bürgerin beim Vergleich mit einem historischen Gemälde aufgefallen. Somit entspricht die heutige Ausrichtung des den Brunnen bekrönenden Knabens wieder der ursprünglichen (www.general-anzeiger-bonn.de). Mittlerweile hat das Münster-Carré die Patenschaft über den Martinsbrunnen übernommen, wodurch die Instandhaltung des jährlichen Wasserlaufs von Mai bis September gesichert ist (www.bonner-muenster.de).

(Florian Weber, LVR-Redaktion KuLaDig, 2018)

Internet
www.bonner-muenster.de: Martinsbrunnen. Gänsetreiben bei sanftem Wasser-Geplätscher (abgerufen 12.09.2018)
www.general-anzeiger-bonn.de: Der Gänsejunge ist zurück (General-Anzeiger vom 08.04.2009, abgerufen 12.09.2018)
de.wikipedia.org: Bonner Münster (abgerufen 12.09.2018)
alltagskulturen.lvr.de: Von Laternenzug und Narrenkappe. Der 11.11. (abgerufen 12.09.2018)

Literatur

Becker-Huberti, Manfred (2000)
Lexikon der Bräuche und Feste. 3000 Stichwörter mit Infos, Tipps und Hintergründen. o. O.
Hoke, Sarah (2011)
Fritz von Uhdes "Kinderstube" - die Darstellung des Kindes in seinem Spiel- und Wohnmilieu. Göttingen.
Karl-Simrock-Forschung (Hrsg.) (2002)
Karl Simrock 1802-1876, Einblicke in Leben und Werk. Wissenschaftliche Beiträge und Dokumentarisches anläßlich Simrocks 200. Geburtstag am 28. August 2002. S. 22, o. O.

Martinsbrunnen in Bonn

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
In der Sürst 4
Ort
53111 Bonn - Zentrum
Fachsicht(en)
Denkmalpflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung
Historischer Zeitraum
Beginn 1902

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„Martinsbrunnen in Bonn”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-284557 (Abgerufen: 13. November 2019)
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