Ausweichsitz der nordrhein-westfälischen Landeszentralbank in Satzvey

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Mechernich
Kreis(e): Euskirchen
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 37′ 12,79″ N: 6° 41′ 56,2″ O / 50,62022°N: 6,69895°O
Koordinate UTM 32.337.229,90 m: 5.610.120,34 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.549.507,51 m: 5.609.631,66 m
  • 10 DM-Banknote der Ersatzwährung "BBK II" der Deutschen Bundesbank (1959-1988).

    10 DM-Banknote der Ersatzwährung "BBK II" der Deutschen Bundesbank (1959-1988).

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Der Ausweichsitz der früheren nordrhein-westfälischen Landeszentralbank für den Fall eines Atomkrieges wurde in den 1960er Jahren als zweigeschossige Tiefbunkeranlage mit über 100 Schutzplätzen unter einer Schule im heutigen Stadtteil Mechernich-Satzvey eingerichtet.

Bunker und Ausweichsitze
Ausweichsitz der Landeszentralbank NRW
Baugeschichte
Baubeschreibung
Der Tresorraum
Nutzung und aktuelle Situation
Internet, Literatur

Bunker und Ausweichsitze
Während des Kalten Krieges wurden für den – seinerzeit keineswegs unwahrscheinlichen – Fall eines mit Atomwaffen geführten Krieges zahlreiche Bunker für die Rettung von Menschen eingerichtet. Diese gab es sowohl für die Zivilbevölkerung wie auch für Vertreter der jeweiligen Landes- oder Bundesregierungen als zumeist so genannte „Ausweichsitze“.
Neben entsprechenden Vorkehrungen für militärische Szenarien eines „V-Falls“ (Verteidigungsfall), gab es aber auch solche für wirtschaftliche Krisenfälle wie z.B. eine mögliche Störung des Geldumlaufs. Mit dem Wirtschaftssicherstellungsgesetz (WiSiV) von 1965 wurde die Aufrechterhaltung der „Versorgung mit Leistungen auf dem Gebiet des Geld- und Kapitalverkehrs“ sogar als Bundesgesetz verankert (lange vor den später umstrittenen Notstandsgesetzen von 1968). Um beispielsweise einen gestörten Kapitalverkehr im Fall einer vom Feind durch in Umlauf gebrachtes Falschgeld verursachten Hyperinflation zu begegnen, wurden dazu auch größere Reserven einer (Not-)Währung in speziellen Bunkereinrichtungen vorgehalten.
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Ausweichsitz der Landeszentralbank NRW
Die damalige Landeszentralbank Nordrhein-Westfalen richtete ihren Ausweichsitz als Bunkerbauwerk in der Ortschaft Satzvey ein.
(Anmerkungen: Der historische Burgort und Amtssitz Satzvey wurde zum 1. Juli 1969 zur damaligen Gemeinde Veytal eingemeindet, die lediglich vom 1. Juli 1969 bis zum 31. Dezember 1971 bestand und zum 1. Januar 1972 mit dem Kreis Schleiden in den Kreis Euskirchen eingegliedert wurde. Seit einer Strukturreform zum 1. Mai 2002 firmieren die früheren Landeszentralbanken (LZB) heute als Filialen bzw. Bankplätze der Deutschen Bundesbank.)

Erbaut wurde der LZB-Bunker zwischen 1965 und 1969 unter der damaligen Mittelpunktschule am Veybach, der heutigen Förderschule „Freie Veytalschule Satzvey“. Von hier aus sollte im Kriegsfall der aus der Düsseldorfer Zentrale evakuierte Führungsstab den reibungslosen Geld- und Kapitalverkehr in Nordrhein-Westfalen aufrecht erhalten.
Aufgrund von Geheimhaltungsvorgaben erfolgte die Auftragserteilung an die ausführende Baufirma im November 1966 für ein „Bauvorhaben Mittelpunktschule Satzvey, Los II, Schutzbau“ – dies war ein Tarnname für das Bunkerbauwerk, das an anderer Stelle auch als „Sonderbauwerk Steinfurt“ bezeichnet wurde – wobei es einen entsprechenden Ort in der Nähe gar nicht gibt. Auf der Baustelle galt das für Bauten diesen Typs übliche strikte Fotografierverbot.
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Baugeschichte
Der Rohbau entstand – in etwa einem Meter Tiefe unterhalb des Schulhofs beginnend – als zweigeschossige Tiefbunkeranlage aus bewehrtem Stahlbeton mit einem Außenmaß von 32,4 x 30,4 x 8,6 Metern. Die äußeren Umfassungsmauern waren bis zu 1 Meter stark ausgeführt.
Bis zum Abschluss des Rohbaus mit 1.800 Quadratmeter Fläche am 18. Dezember 1967 wurden ca. 4.150 Kubikmeter Beton und rund 630 Tonnen Bewehrungsstahl verbaut und die Kosten beliefen sich auf 1,625 Millionen DM (Zahlenangaben nach www.bunker-doku.de und www.geschichtsspuren.de).
Am 25. Januar 1968 erfolgte eine umfassende Besichtigung des zukünftigen LZB-Ausweichsitzes durch die am Bau beteiligten Architekten und Ingenieure sowie Vertreter der Gemeinde und der Landeszentralbank. Der Bunkerbau war zu diesem Zeitpunkt bereits von einer Erdschicht überdeckt, so dass von außen lediglich die Zu- und Abluftkanäle sichtbar waren.

Im Frühjahr 1968 wurden die Arbeiten für den Innenausbau ausgeschrieben, bei denen bis zur Fertigstellung und Übergabe an die Landeszentralbank am 14. November 1969 „vor allem lokale und regionale Bau- und Handwerksbetriebe“ eine Beschäftigung fanden (www.geschichtsspuren.de).
Die Gesamtkosten des Innenausbaus werden auf 856.000 DM beziffert und der Kostenaufwand für die gesamte Baumaßnahme auf letztlich über 5 Millionen DM (ebd.).
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Baubeschreibung
Im LZB-Ausweichsitz Satzvey entstanden etwa 70-75 Wohn-, Arbeits- und Technikräume mit allen notwendigen Einrichtungen hinsichtlich der Versorgung, Belüftung, Klimatisierung usw. Ferner wurden die für Bunker üblichen Dekontaminations- und Sanitätsräume eingerichtet sowie eine Fernmeldezentrale und Anlagen für die Stromversorgung in Form von Dieselaggregaten und die Wasserversorgung in Form von Tiefbrunnen.
Der Zugang in das Bunkerbauwerk erfolgte über zwei größere Schleusenzugänge, die als überbaute Treppenabgänge vom Schulhof her eingerichtet waren, sowie einen kleineren Zugang über den Keller der Schule.
Für das Personal wurden in dem Bauwerk insgesamt 109 Schlafplätze in Sammelräumen mit 9-16 Betten eingerichtet. Einzelbetten sollen lediglich für den Präsidenten der LZB und ein Vorstandsmitglied vorgesehen gewesen sein. Neben den Unterkünften und sanitären Anlagen verfügte der Bunkerbau über eine Waschküche, eine Großküche und entsprechende Vorratsräume. In diesen waren ständig Lebensmittelvorräte eingelagert, die natürlich regelmäßig ausgetauscht werden mussten.
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Der Tresorraum
Der zentrale Tresorraum befand sich im Untergeschoss des Bunkers und sollte zur Aufbewahrung von „Geld- und Sonderbeständen“ bzw. „Sonderwerten“ dienen. Alleine für die Tresortür wird ein Gewicht von rund 10-12 Tonnen angegeben und ein damaliger Preis zwischen 180.000 und 200.000 DM.
Nach Auskunft von Teilnehmern an Bunkerübungen befand sich indes nie Geld in dem Tresor, da dieses den Planungen nach erst im Verteidigungsfall aus den Tresoren des Düsseldorfer LZB-Hauptsitzes nach Satzvey geliefert worden wäre (ebd.).
Die Frage, ob im Ernstfall in Satzvey die ab 1960 für Kriegszeiten vorgehaltenen, aber nie ausgegeben Bundeskassenscheine oder Ersatz-Geldnoten der so genannten „BBk II-Serie“ (vgl. hierzu den Eintrag zum Bundesbankbunker) eingelagert worden wären, muss daher wohl unbeantwortet bleiben. Lubbe hält dies „aufgrund der zu geringen Größe der Tresorkammer“ jedoch für ausgeschlossen (ebd.). Unter www.bunker-doku.de wird eine Einlagerung von Goldbeständen als zumindest mögliche weitere Nutzungsoption erwähnt.
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Nutzung und aktuelle Situation
Unmittelbar nach Fertigstellung des Bunkers erfolgte im Winter 1969 eine erste Übung; diese fanden in der Folge mindestens alle zwei Jahre statt. Im Mai 1971 nahmen dabei erstmals auch zwei als Stenotypistinnen eingesetzte Damen teil. Das Protokoll vermerkte hierzu anschließend ausdrücklich, dass deren Mitwirkung „keinerlei Probleme“ mit sich gebracht habe.
Der Schulbetrieb blieb von den bis 1989 regelmäßig stattfindenden „Belegungsversuchen“ unberührt. Während die Banker unterirdisch den „V-Fall“ probten, wurden gleichzeitig „oben weiter Grundrechenarten und das Alphabet gelernt.“ (www.bunker-doku.de)

Nach dem faktischen Ende des „Kalten Krieges“ wurde der Ausweichsitz der Landeszentralbank 1990 aufgegeben und nachfolgend bis zur Mitte der 1990er Jahre auch technisch außer Dienst gestellt. Die durchgeführten Rückbauarbeiten betrafen dabei v.a. den Ausbau von technischen Gerätschaften und das Verfüllen der Tiefbrunnen.
Mangels Wartung steht das Bauwerk inzwischen teilweise unter Wasser. Aus Sicherheitsgründen wurde die zunächst noch teilweise begehbare Bunkeranlage inzwischen vollständig verschlossen. Aktuell wird eine Öffnung des Bunkerkomplexes und die Einrichtung von Führungen in der Anlage diskutiert und vorbereitet (so www.bunker-doku.de).
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(Franz-Josef Knöchel, LVR-Redaktion KuLaDig, 2018)

Internet
www.geschichtsspuren.de: Christoph Lubbe, Das Sonderbauwerk der Landeszentralbank NRW (umfassende Beschreibung des Bauwerks mit zahlreichen Abbildungen und Fotos, undatiert, abgerufen 09.07.2018)
www.bunker-doku.de: Bunker-Dokumentationsstätten, Ausweichsitz Landeszentralbank NRW (abgerufen 09.07.2018)
www.spiegel.de: Atombunker-Touren in der Eifel: Die Uhren stehen auf kurz vor zwölf (Spiegel-online vom 15.06.2014, abgerufen 09.07.2018)
www.bgbl.de: Gesetz über die Sicherstellung von Leistungen auf dem Gebiet der gewerblichen Wirtschaft sowie des Geld und Kapitalverkehrs (Wirtschaftsicherstellungsgesetz), Bundesgesetzblatt vom 24. August 1965 (abgerufen 10.07.2018)
www.veytalschule.de: Freie Veytalschule Satzvey e.V. (abgerufen 11.07.2018)
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Literatur

Groten, Manfred; Johanek, Peter; Reininghaus, Wilfried; Wensky, Margret / Landschaftsverband Rheinland; Landschaftsverband Westfalen-Lippe (Hrsg.) (2006)
Handbuch der Historischen Stätten Nordrhein-Westfalen. HbHistSt NRW, Kröners Taschenausgabe, Band 273, 3. völlig neu bearbeitete Auflage. S. 719 u.a., Stuttgart.
Pötzl, Norbert F.; Traub, Rainer (2010)
Der Kalte Krieg. Wie die Welt den Wahnsinn des Wettrüstens überlebte. München.

Ausweichsitz der nordrhein-westfälischen Landeszentralbank in Satzvey

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Am Kirchturm
Ort
53894 Mechernich - Satzvey
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1965 bis 1969, Ende nach 1990

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Empfohlene Zitierweise
„Ausweichsitz der nordrhein-westfälischen Landeszentralbank in Satzvey”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-281269 (Abgerufen: 17. Juni 2019)
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