Preußische Stadterweiterung in Brühl

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Brühl (Nordrhein-Westfalen)
Kreis(e): Rhein-Erft-Kreis
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 50′ 5,85″ N: 6° 53′ 49,02″ O 50,83496°N: 6,89695°O
Koordinate UTM 32.351.913,68 m: 5.633.579,34 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.563.230,08 m: 5.633.669,83 m
Nördlich und nordwestlich des historischen Stadtkerns von Brühl erfolgte ab Mitte des 19. Jahrhunderts in zwei Bauphasen eine Stadterweiterung in Form repräsentativer Wohnbebauung.

Ausgangssituation und Entwicklung
Mit der Säkularisation und Auflösung des Kurfürstentums Köln zu Beginn des 19. Jahrhunderts verlor die Residenzstadt Brühl an politischer Bedeutung und Einnahmen. Schließlich beantragte der Stadtrat 1830 den Eintrag in die 4. Gewerbesteuerklasse, womit Brühl der Stadtstatus aberkannt und als Landgemeinde eingestuft wurde (Custodis 1972, S. 169; Schmidt 1963, S. 17).
Ein langsamer Umschwung vollzog sich erst wieder, als Friedrich Wilhelm IV. Schloss Augustusburg 1841 in die Reihe der königlich preußischen Schlösser aufnahm, es neu ausstatten ließ und als zeitweiligen Aufenthaltsort für seine Besuche der Herbstmanöver in der Eifel nutzte. Auch die aufstrebende Braunkohlenindustrie sorgte für einen wirtschaftlichen Aufschwung. Zusätzlich eröffnete die Köln-Bonner-Eisenbahngesellschaft 1844 die Strecke Köln - Bonn und errichtet einen Bahnhof in direkter Nachbarschaft zum Schloss. 1874 folgte die Strecke Köln-Euskirchen-Trier der Rheinischen Eisenbahngesellschaft mit dem aufwendig gestalteten und mit einer Parkanlage ausgestatteten, sogenannten „Kaiserbahnhof“ in Kierberg. Des Weiteren wurde Brühl mit dem Bau von Landstraßen an das überörtliche Verkehrsnetz angeschlossen (Custodis 1972, S. 169). Allmählich stiegen die Bevölkerungszahlen, und auch die Bevölkerung aus der Region um Köln und Bonn entdeckte Brühl als lohnendes Ausflugsziel.

Für diese wurde 1844 in Schlossnähe das Hotel und Ausflugslokal „Brühler Pavillon“ mit Tanzsaal errichtet und auch die Gartenanlage von Schloss Augustusburg wurde für die allgemeine Bevölkerung zugänglich gemacht (Janßen-Schnabel 2009, S. 208). Insgesamt sind die Platzierung der Bahntrasse und des Bahnhofes innerhalb der geöffneten Schlossgartenanlage und in direkter Nähe zur Residenz als Anbruch einer neuen Zeit und als Wunsch des Königs, Volksnähe zu demonstrieren, zu sehen. Somit übte Brühl, nun wieder wirtschaftskräftig und hoffähig geworden sowie verkehrsmäßig sehr gut angebunden, eine hohe Anziehungskraft als Wohnort auf das gehobene Bürgertum (Geschäftsleute, Industrielle, pensionierte Militärangehöre) aus: Westlich und nördlich des Stadtkerns wurden – bevorzugt in Schlossnähe oder mit bestem Blick auf die Landschaft – prächtige Villen mit entsprechenden Gartenanlagen errichtet (Custodis 1972, S. 169). „Brühls Entwicklung zur Villen- und Gartenstadt begann“ (Custodis 2012, S. 24). Kretzschmar (2004, S. 61) unterscheidet zwei bauliche Phasen der Stadterweiterung:

Stadterweiterung ab 1845 bis 1880/1890
Von 1845 bis 1890 wurden überwiegend nördlich und westlich des historischen Stadtkernes und der Residenz bevorzugt an Comesstraße, Schildgesstraße, Wilhelmstraße und Kaiserstraße große Villen „inmitten stattlicher Privatparks mit prächtigem Baumbestand“ gebaut. „Meistens gehört ein eigenes Gärtnerhaus, oft auch mit Gewächshaus zur Versorgung des großen Parks, dazu, auch Stallgebäude und Unterstellmöglichkeiten für die Kutschen. (…) Die Gestaltung dieser Häuser in Formen des Spätklassizismus und der Neurenaissance, die Proportionen ihrer Fassaden und die Wahl der Stuckornamente spiegeln die Welt des humanistisch gebildeten Großbürgerturms wider“ (Custodis 1972, S. 170).
Mit dem Bau des Kierberger Bahnhofes verlagerte sich die Stadterweiterung ab 1874 auch in Richtung Westen entlang der neu angelegten Prachtstraße zwischen Bahnhof und Schloss, der Kaiserstraße (Custodis 2012, S. 28). Weitere neu angelegte Ausfallstraßen wurden ebenfalls bebaut: Kurfürstenstraße, Clemens-August-Straße, Königstraße, Kaiserstraße, Friedrichstraße, Auguste-Viktoria-Straße (Kretzschmar 2004, S. 61). Außer dem Hotel „Brühler Pavillon“, wurden die Hotels „Deutscher Kaiser“, „Belvedere“ und „Barion“ errichtet (Custodis 1972, S. 179f).

Stadterweiterung ab 1880/90
Immer mehr Bevölkerung drängt nach Brühl, angezogen von dem Wohlstand, der Industrie, den guten Verkehrsverbindungen und dem Ruf der Kaiserresidenz. In den Jahren zwischen 1890 und 1910 findet in Brühl ein lebhafter Grundstücksverkehr statt. Käufer sind erneut viele Auswärtige, meist Kölner Geschäftsleute und Rentner. Als Folge werden umfangreiche neue Baugebiete, vornehmlich im Norden und Westen der Stadt, erschlossen. (…) Relativ hohe Grundstückspreise und Erschließungskosten lassen aber nur noch im Gegensatz zu den zuvor besprochenen Villen kleinere Parzellen zu, die meist in offener Bauweise mit Doppelhäusern bebaut werden“ (Custodis 1972, S. 181). Nun wurden zahlreiche villenähnliche bzw. bescheidenere Einfamilienhäuser mit Vorgärten und Stuckfassaden errichtet, die den Baubestand der ersten Phase verdichteten (Kretzschmar 2004, S. 61). Grundlage der städtebaulichen Planung bildeten nun Fluchtlinienpläne sowie ein Brühler Ortsstatut: Gebaut werden durfte nur an fertig ausgebauten neuen bzw. verlängerten Straßen, so z.B. an der Königstraße, Gartenstraße, Kurfürstenstraße, Liblarer Straße, Friedrichstraße, Wilhelmstraße, Heinrich-Esser-Straße, Kentenichstraße, Hermannstraße, Clemens-August-Straße und Goethestraße (Custodis 1972, S. 181).
Die Aufschließung neuer Straßen sowie den Bau und Verkauf der Villen der zweiten Phase nahm bis 1910 die Brühler Baugesellschaft vor, für die die Architekten und Bauleiter Carl Ringe, Ferdinand Gollers, Joseph Kölling, Wilhelm Hoffmann und Wilhelm Düx tätig waren (Custodis 1972, S. 181).
An den Bauten der zweiten Phase des Villenbaues wird ersichtlich, welche „Gestaltungsmittel einem Architekten jener Zeit zur Verfügung stehen. Die Wahl des Stiles und die verwandten Ornamente umfassen Elemente aus allen Bauepochen, die in buntem Wechsel in jeglicher Kombination montiert und zu einer mehr oder weniger einheitlichen Fassade zusammengesetzt werden“ (Custodis 1972, S. 183).

Kulturhistorische Bedeutung
Ein Teil der großbürgerlichen Villen der ersten Phase wurde in den 1960- und 1970er Jahren abgerissen, da sie renovierungsbedürftig geworden waren und sich eine Sanierung als zu kostspielig darstellte. „Noch in den späten sechziger Jahren des 20. Jh. nahm man die Zeugnisse dieser Epoche eher beiläufig wahr oder empfand sie als hässlich, störend oder als Hemmnis für eine moderne Stadtentwicklung“ (Custodis 2012, S. 22). Man schätzte aus heutiger Perspektive weder ihren städtebaulich-ästhetischen noch historischen Wert. Custodis (2012, S. 23) zitiert Hansmann, der 1970 ein Denkmalinventar für Brühl erstellte: „Die städtebaulich bedeutendste Zeit begann seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Brühl sich rühmen konnte, zeitweise königliche und kaiserliche Residenz zu sein. Damals entstanden die zahlreichen Häuser und Villen, die vor wenigen Jahrzehnten noch wegen ihres verspielten Fassadenschmucks als Kitsch der Gründerzeit belächelt wurden (...)“. Der Bereich der hier beschriebenen Preußischen Stadterweiterung repräsentiert somit eine Zeit des wirtschaftlichen Wiederaufschwunges der Stadt Brühl, der im Stadtbild anhand der Villen der ersten und zweiten Bauphase sehr gut nachvollziehbar und erlebbar ist. Die Villen der zweiten Bauphase (Jahrhundertwende) sind nahezu unverändert erhalten; der nördlich an den historischen Stadtkern Brühls angrenzende Bereich der Preußischen Stadterweiterung ist als Denkmalbereich „Nördliche Stadterweiterung“ geschützt. Als zeitgeschichtliches Dokument des späten 19. Jahrhunderts sind sie von hoher kulturhistorischer Bedeutung.

Hinweise
Das Objekt „Preußische Stadterweiterung Brühl“ ist wesentliches Merkmal des historischen Kulturlandschaftsbereiches Brühl, Kurfürstliche Schlösser (Kulturlandschaftsbereich Regionalplan Köln 161) und beinhaltet den Denkmalbereich Nördliche Stadterweiterung in Brühl.

(Nicole Schmitz, LVR-Abteilung Kulturlandschaftspflege, 2019)

Literatur

Custodis, Paul-Georg (2012)
Bürgerliche Villen in Brühl. 40 Jahre nach ihrer Wiederentdeckung. In: Rheinische Heimatpflege. 1/2012. 49. Jahrgang, S. 21-30. o. O.
Custodis, Paul-Georg (1972)
Die Villen des späten 19. Jahrhunderts in Brühl. In: Rheinische Heimatpflege, S. 169-189. o. O.
Janßen-Schnabel, Elke (2009)
Die Schlösser Augustusburg und Falkenlust in Brühl. Untersuchung des Ausstrahlungsbereiches. (Jahrbuch der rheinischen Denkmalpflege Bd. 40/41.) S. 201-219. o. O.
Kretzschmar, Frank (2004)
Mühlen, Bauten und versteckte Winkel im Rhein-Erft-Kreis. Köln.
Schmidt, Hermann (1963)
Brühl. eine wirtschafts- und sozialgeographische Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung des Strukturwandels nach dem Erlöschen der Braunkohlenindustrie. Forsbach].

Preußische Stadterweiterung in Brühl

Schlagwörter
Ort
50321 Brühl - Zentrum
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung
Historischer Zeitraum
Beginn 1844 bis 1910

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Nicole Schmitz, 2019: „Preußische Stadterweiterung in Brühl”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-268901 (Abgerufen: 26. November 2022)
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