Synagoge am Schaarplatz in Oberwesel

zeitweise Dienststelle der Wasserschutzpolizei, heute Wohnhaus

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Denkmalpflege
Gemeinde(n): Oberwesel
Kreis(e): Rhein-Hunsrück-Kreis
Bundesland: Rheinland-Pfalz
  • Die nach dem Krieg umgebaute ehemalige Synagoge Oberwesel, Schaarplatz 3 (2013).

    Die nach dem Krieg umgebaute ehemalige Synagoge Oberwesel, Schaarplatz 3 (2013).

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Die jüdische Gemeinde Oberwesel seit dem frühen 19. Jahrhundert:
Über die Geschichte der Gemeinde im 19. und 20. Jahrhundert ist nur wenig bekannt. Bis in die 1880er Jahre gehörte sie zur Kultusgemeinde Sankt Goar, dann wurde sie selbständig.
Gemeindegröße um 1815: 33 (1808) / 39 (1822), um 1880: 47 (1885), 1932: 44, 2006: –.
Bethaus / Synagoge: 1808 und 1836 ist die Existenz einer Betstube belegt; um 1853 wurde ein Neubau errichtet, der einem Brand zum Opfer fiel. 1886 Einweihung eines weiteren Neubaus, der 1938 verwüstet wurde und heute als Wohnhaus dient (Angaben vorab nach Reuter 2007).

Nachdem zuvor wohl jüdische Wohnhäuser als Beträume genutzt worden waren, wird erstmals 1853 eine „neue und geräumige“ Synagoge mit eigener Frauenempore erwähnt. Diese soll jedoch nur wenig später durch einen Brand zerstört worden sein (de.wikipedia.org).
Im Auftrag des jüdischen Oberweseler Kaufmanns Alexander Mayer entstand dann ab 1872 der Bau einer neuen Synagoge als zweigeschossiges Backsteingebäude am Schaarplatz (als Eckhaus der damaligen Damscheider Straße zur Chablisstraße, heute Oberstraße 1), die 1886 eingeweiht wurde.
In den 1950er Jahren wurde das Gebäude zu Wohn- und Bürozwecken umgebaut; u.a. dienten die Räume zeitweise als Dienststelle der Wasserschutzpolizei.

(LVR-Redaktion KuLaDig, 2016)


Als die letzte Synagoge von Oberwesel am 20. Oktober 1886 eingeweiht wurde, wurden die Thorarollen in einer feierlichen Prozession dorthin überführt. Das ursprüngliche, dreigeschossige Gebäude wurde im romantischen klassizistischen Stil von Maurermeister Joseph Kipper mit Rundbogenfenstern errichtet. Das Walmdach hingegen wies mit den Zwerchhäuschen, dem Zinnenkranz und den Ecktürmchen neugotische Züge auf.

Im Zuge der Reichspogromnacht am 9. November 1938 schändeten die Nationalsozialisten die Synagoge, indem sie Thorarollen und -wimpel sowie Gebetbücher in den Oberbach warfen und die gesamte Einrichtung zerschlugen. Aufgrund der engen Bebauung wurde darauf verzichtet, das Gebäude in Brand zu stecken. Das heutige Objekt ist ein viergeschossiger, traufständiger (die waagrechte obere Kante des Daches verläuft parallel zur Straße) und verputzter Bau, dessen Obergeschoss verschiefert ist.

Zur Zeit der Machtergreifung durch Hitler lebten in Oberwesel 61 jüdische Mitbürger, 1942 waren es nur noch 25 Juden. Diese wurden am 30. April oder 27. Juli desselben Jahres über Koblenz in die Vernichtungslager im Osten nach Theresienstadt oder Auschwitz deportiert. 1938 konnte die Familie von Dr. Alfred Gottschalk, einem berühmten Rabbiner in den USA, fliehen und emigrieren. Der Besitzer der Schönburg, T.J. Oakley Rhineländer verhalf 1941 einem Ehepaar zur Flucht.
Insgesamt überlebten nur sechs jüdische Bürger den Holocaust, die aber nach kurzem Aufenthalt nach Kriegsende in Oberwesel in die USA auswanderten. Somit enden fast 700 Jahre jüdische Geschichte in Oberwesel. An sie erinnern heute Stolpersteine am Schaarplatz und an der Pliersgasse sowie ein Gedenkstein an der Schaar.

1956 wurde die Synagoge umgebaut und beherbergte bis 1974, auf das auch das rheinland-pfälzische Wappen hindeutet, die Behörde der Wasserschutzpolizei. Heute dient das Gebäude als Wohnhaus.

(Kira Bublies, Universität Koblenz-Landau, 2016)

Internet
de.wikipedia.org: Jüdische Gemeinde Oberwesel (abgerufen 04.10.2016)

Literatur

Arbeitsgemeinschaft für Landschafts- und Umweltschutz und für Denkmalpflege e.V. in der Stadt Oberwesel (Hrsg.) (1992)
Heimat Oberwesel. Zwischen Liebfrauen und St. Martin. Ein Stadtführer. S. 42, Oberwesel.
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz (Hrsg.) (1997)
Die Kunstdenkmäler des Rhein-Hunsrück-Kreises. Teil 2.2: Ehemaliger Kreis St. Goar. Stadt Oberwesel. S. 706-707, München, Berlin.
Schwarz, Anton (2004)
Oberwesel. Bilder aus der Geschichte einer kleinen Stadt am großen Strom. S. 146-147, Koblenz.
Schwarz, Anton (2000)
Eine Zeitreise durch Oberwesel. Historischer Stadtführer. S. 98, Dielheim.

Synagoge am Schaarplatz in Oberwesel

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Oberstraße 1
Ort
55430 Oberwesel
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Geschütztes Kulturdenkmal gem. § 8 DSchG Rheinland-Pfalz
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Denkmalpflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Schriften, Auswertung historischer Fotos, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1872 bis 1886
Koordinate WGS84
50° 06′ 27,66″ N, 7° 43′ 36,77″ O / 50.10768°, 7.72688°
Koordinate UTM
32U 408964.62 5551379.62
Koordinate Gauss/Krüger
3409003.31 5553160.65

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„Synagoge am Schaarplatz in Oberwesel”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-254942 (Abgerufen: 24. Mai 2018)
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