Synagoge Bad Neuenahr

ehemaliger Synagogenstandort Tempelstraße

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Bad Neuenahr-Ahrweiler
Kreis(e): Ahrweiler
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Die jüdische Gemeinde Bad Neuenahr seit dem frühen 19. Jahrhundert:
1875 wurden drei Gemeinden zum Kurbad Neuenahr vereinigt, darunter Wadenheim, wo sich 1860 erstmals eine jüdische Familie niedergelassen hatte. Um 1895 konstituierte sich eine jüdische Gemeinde. 1932 war Heimersheim angeschlossen

Am ehemaligen Standort der Synagoge, heute Wadenheimerstraße 8, erinnert ein Gedenkstein an deren Platz mitten in einem Wohngebiet mit Mehrfamilienhäusern. Dieser Gedenkstein wurde im Jahr 1996 von der Stadtverwaltung gestiftet mit der Aufschrift:
„Zur Mahnung * Zum Gedenken. In diesem Bereich stand die Synagoge der ehemaligen jüdischen Gemeinde Bad Neuenahr. Erbaut 1901 – Zerstört 1938.“

Gemeindegründung und Bau einer eigenen Synagoge
In den historischen Ortsteilen Wadenheim, Hemmessen und Beul gab es vor dem Zusammenschluss oder auch der Gründung des Badeortes Bad Neuenahr keine jüdische Gemeinde. 1860 zog Gottfried Borg als erster Jude mit seiner Familie von Heimersheim in den Ort Wadenheim. Bereits 1866 wurden in einem Zimmer des Hotels Landskron, dessen Eigentümer Gottfried Borg war jüdische Gottesdienste abgehalten. Waren es vor der Entdeckung der Heilquellen mehr jüdische Mitbürger aus Heimersheim, so änderte sich dies nach der Quellenweihe. Die Zahl der Juden nahm in Heimersheim ab wohingegen die Zahl derer in Neuenahr stieg. So kam es im Jahr 1870 zur Überführung der Gesetzesrollen von Heimersheim nach Wadenheim.
1847 hatte die preußische Gesetzgebung die Juden dazu aufgerufen, sogenannte Synagogenbezirke zu bilden. Erst am 22.08.1895, also fast 48 Jahre später, sandt die jüdische Gemeinde von Neuenahr einen Brief an den Regierungspräsidenten in Koblenz, in dem sie um die Bildung einer Synagogengemeinde bat. Als Hauptgrund hierfür gaben sie an, dass ein Religionsunterricht für ihre Kinder momentan nicht möglich sei. Dazu müsse ein jüdischer Religionslehrer eingestellt werden und hierfür sei die Bildung einer Synagogengemeinde von Nöten. Im Frühjahr 1896 kam es dann zur Konstitution einer jüdischen Gemeinde in Neuenahr und auch der Religionsunterricht wurde seitdem einmal wöchentlich durch den Religionslehrer Naumann aus Sinzig abgehalten. Nachdem die Ahrweiler Juden bereits seit 1894 eine Synagoge hatten, wollten auch die Neuenahrer 4 Jahre später zum einen für die Gemeindemitglieder und zum anderen aber auch für die in Bad Neuenahr verweilenden jüdischen Kurgäste eine eigene Synagoge haben. So schrieb der Gemeindevorstand am 22.08.1898 an den Regierungspräsidenten, dass die Synagogengemeinde Neuenahr den Bau einer Synagoge im Flur 11 Nr. 1276/646 und 652, welche zu diesem Zweck noch käuflich erworben werden sollen, beantrage. Am 04.03.1899 bekam die Synagogengemeinde die Genehmigung erteilt und die Mitglieder setzten sich zusammen, um den Bau zu planen. Die Ausführung des Baus erfolgte direkt anschließend und kostete die Gemeinde 8.000 Mark. Am Freitag, den 16.08.1901, lud die Gemeinde zur Synagogeneinweihung ein.

Damaliges Aussehen
Auch die Neuenahrer Synagoge zeigte dem Betrachter, ebenso wie das jüdische Gotteshaus in Ahrweiler, einen eher orientalischen Stil, wie sich am besten an der Fenstergestaltung ablesen lässt. Grund dafür war, eine möglichst deutliche Abhebung von christlichen Gebäuden zu erreichen. Im Gegensatz zu der Ahrweiler Synagoge, die rein aus Backsteinen errichtet ist, war die Neuenahrer Synagoge damals verputzt und hell angestrichen. Der Innenraum der Synagoge war 11,5 Meter lang und 7 Meter breit, somit war eine Fläche von 80,5 Quadratmetern gegeben. Im Eingangsbereich gab es damals eine 7 Meter breite und 2,55 Meter tiefe Empore für die Frauen, die über eine kleine Wendeltreppe erreichbar war. Die Synagoge verfügte insgesamt über 7 Fenster, 4 zur damaligen Tempelstraße hin (heute Wadenheimer Straße) und 3 auf der anderen Seite.

Nutzung der Synagoge
In diesem jüdischen Gotteshaus traf man sich nicht nur, um den Gottesdienst zu zelebrieren, sondern auch um Feste, wie die Beschneidung, Hochzeiten, die Mizwa (Aufnahme eines Jungen in die Gemeinde der Erwachsenen) und Jahrzeit (mit Gebeten in der Synagoge erinnern die Kinder an die Todestage der Eltern) zu feiern. Zudem wurde dieser Ort jeden Sonntag für den Religionsunterricht, bei dem die Kinder die hebräische Sprache lernten, genutzt.

Ausgrenzung und Vernichtung der Juden in Bad Neuenahr
Als die Nationalsozialisten am 30.01.1933 die Macht in Deutschland übernahmen, begann auch in Bad Neuenahr die Ausgrenzung der Juden. So kam es am 1. April des gleichen Jahres dazu, dass sich zwei SA-Männer mit einem Schild, auf dem zu lesen stand „Kauf nicht bei Juden!“ vor jüdische Geschäfte stellten. Doch war die Ausgrenzung im Kurort Bad Neuenahr nicht ganz so groß, da Kurgäste, egal welcher Konfession, immer noch gern gesehene Gäste waren. Im Sommer 1936 merkte man nichts vom aggressiven Antisemitismus, da Hitler mit außenpolitischen Angelegenheiten beschäftigt war. Doch konnte man im gleichen Jahr im Gästeverzeichnis feststellen, dass jüdisch geführte Betriebe extra aufgeführt wurden. Am 23.6.1938 meldete die Ahrweiler Zeitung, dass in den letzten Tagen und Wochen Eigentümer Neuenahrer Hotels und Gaststätten an ihre Eingangstür ein Schild aufhängten, auf dem stand „Juden erwünscht!“ Dies war eine Antwort der Betreiber von Hotels und Gaststätten in Bad Neuenahr auf die im Februar 1938 in der Nazi-Zeitung „Der Stürmer“ gestellte Frage an den Besitzer Ernst Clees, ob sein Palast-Hotel und Cafe jüdisch sei. In der Nacht auf den 2.10.1938 wurden dann alle Gebäude, in denen Juden wohnten oder arbeiteten, mit weißer Farbe und der Aufschrift „Jüdisches Geschäft“ oder „Jude“ markiert.
In Bad Neuenahr war es so, dass in der Nacht auf den 9.11.1938 SS-Leute aus Wiesbaden kamen, und mit Anbruch des Tageslichtes begannen, zusammen mit der örtlichen SS, beginnend in der Poststraße, Geschäfte, die von Juden geführt wurden, zu zerstören. Hiernach folgten Hotels, die von diesen geleitet wurden (Hotel Stadt London, Hotel Bismarck). Obwohl diese Taten am hellichten Tag verübt wurden, kam es zu keinem Widerstand der ortsansässigen Bevölkerung. Genauso war es leider auch, als die Synagoge in der Wadenheimerstraße von den SS-Leuten am Morgen des 10. November im Zuge der Verwüstung in der sogenannten Reichskristallnacht in Brand gesetzt wurde, wie sich die Zeitzeugin Hilde Reiter, geborene Vos zurückerinnerte. Ihr Vater Ludwig und Herr Julius Gottschalk wollten bei diesem gelegten Brand noch die Thora-Rollen und die Gebetbücher retten, doch wurden sie von der Polizei zurückgehalten und verhaftet.
Konsequenz hieraus war, dass viele jüdische Familien den Weg in die Emigration wählten, da sie in Deutschland mit seiner antisemitischen Führung keine Zukunft mehr für sich sahen. Doch lebten 1942 noch 156 Juden im Kreis Ahrweiler. Grund für das Bleiben dieser Juden war bei vielen, dass sie das Geld für eine Auswanderung nicht aufbringen konnten und deshalb bleiben mussten. Andere konnten und wollten sich von ihrer Heimat Deutschland nicht trennen. Doch jeder Jude, der Deutschland bis zum 23.10.1941 nicht verlassen hatte, unterlag der Kennzeichnungspflicht. Er musste den sogenannten Judenstern an seiner Kleidung tragen, sodass jeder erkennen konnte, wer Jude war. Weitere Einschränkungen in diesem Zusammenhang, der auch als Arisierung oder Entjudung bezeichnet wurde, waren, dass sie nur noch in bestimmten Geschäften kaufen durften, eine Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen verboten wurde und sie ihre Wohnungen zum großen Teil aufgeben mussten. Neuer und wohl auch letzter Treffpunkt jüdischer Familien, die in Bad Neuenahr geblieben waren, war das Hotel „Stadt London“ in der Poststraße.
Am 13.05.1942 waren in Bad Neuenahr noch 11 jüdische Männer, 15 Frauen und ein Kind gemeldet, welche 6 Wochen später am 27.06. mit einem Sammeltransport zunächst nach Koblenz und dann in unterschiedliche Vernichtungslager gebracht wurden, wo sie dann alle den Tod fanden.
Mit dem Holocaust wurde das jüdische Leben aus der Bad Neuenahrer Gesellschaft getilgt. So gibt es in Bad Neuenahr außer dem jüdischen Friedhof keine weiteren Zeugnisse, die an das damalige Leben der Juden im Kurort Bad Neuenahr erinnern.

(Vanessa Bindarra, Universität Koblenz-Landau, 2015)

Internet
synagogen.info: Bad Neuenahr-Ahrweiler, Wadenheimer Straße 8 (ehem. Tempelstraße), Ortsteil Bad Neuenahr (abgerufen 13.11.2015; nicht mehr erreicbar am 04.05.2018)
alemannia-judaica.de: Die Synagoge in Bad Neuenahr (abgerufen 04.05.2018)
kreis-ahrweiler.de: Zur Baugeschichte der ehemaligen Synagoge Bad Neuenahr (abgerufen 04.05.2018)
kreis-ahrweiler.de: Die Anfänge der ehemaligen Synagogengemeinde Bad Neuenahr (abgerufen 04.05.2018)

Literatur

Fischbach, Stefan / Westerhoff, Ingrid (Bearb.) / Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz (Hrsg.) (2005)
Synagogen Rheinland-Pfalz - Saarland: "... und dies ist die Pforte des Himmels". (Gedenkbuch der Synagogen in Deutschland 2.) S. 94f., Mainz.
Reuter, Ursula (2007)
Jüdische Gemeinden vom frühen 19. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. (Geschichtlicher Atlas der Rheinlande, VIII.8.) S. 26, Bonn.
Warnecke, Hans (1998)
Bad Neuenahr. In: Warnecke, Hans (1998): Zeugnisse jüdischen Lebens im Kreis Ahrweiler, S. 88-100. Simmern (Hunsrück).

Synagoge Bad Neuenahr

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Wadenheimer Straße 8
Ort
53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung
Historischer Zeitraum
Beginn 1866 bis 1901, Ende nach 1938
Koordinate WGS84
50° 32′ 41,16″ N, 7° 08′ 20,84″ O / 50.54477°, 7.13912°
Koordinate UTM
32U 368153.78 5600856.6
Koordinate Gauss/Krüger
2580786.4 5601624.97

Empfohlene Zitierweise

Urheberrechtlicher Hinweis
Der hier präsentierte Inhalt ist urheberrechtlich geschützt. Die angezeigten Medien unterliegen möglicherweise zusätzlichen urheberrechtlichen Bedingungen, die an diesen ausgewiesen sind.
Empfohlene Zitierweise
„Synagoge Bad Neuenahr”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-245696 (Abgerufen: 25. Mai 2018)
Seitenanfang