Denkmalbereich „Rheinberg - Ortskern“

Stadtkern

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Denkmalpflege
Gemeinde(n): Rheinberg
Kreis(e): Wesel
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
  • Blick in die Underbergstraße in Rheinberg mit dem Stammhaus der Firma Underberg (2016).

    Blick in die Underbergstraße in Rheinberg mit dem Stammhaus der Firma Underberg (2016).

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    Siewers, Johanna / Biologische Station im Kreis Wesel e.V.
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    Johanna Siewers
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Unweit der den Rhein begleitenden Rheinuferstraße aus der Römerzeit (1. bis 4. Jahrhundert) entstand direkt an einem Rheinknie auf einer hochgelegenen, vor Hochwasser geschützten Stelle eine fränkische Siedlung, als Vorläufer des mittelalterlichen Rheinbergs. Die Siedlung wurde erstmals 1003 urkundlich erwähnt und ging Anfang des 12. Jahrhunderts endgültig in den Besitz der Kölner Erzbischöfe über.

Erzbischof Heinrich von Molenark verlieh der mit einer hölzernen Befestigung versehenen Siedlung 1232 Stadtrechte. Nur von wenig Umland umgeben, gehörte die Stadt zu einer weit nördlich vorgeschobenen kurkölnischen Enklave, war ein Bollwerk zur Sicherung des Erzstiftes gegen die Grafschaften, spätere Herzogtümer Kleve und Geldern und die Grafschaft Moers. 1293 entstand am Nordrand der allen Siedlung unmittelbar am Rhein die erzbischöfliche Burg mit einem Zollturm zur Überwachung der Schifffahrt auf dem Rhein.

In der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde die Stadtanlage planmäßig ausgebaut. Anders als in den ebenfalls planvoll angelegten kurkölnischen Städten Lechenich und Uerdingen wurde das alte Siedlungsgebiet rund um die Goldstraße mit Pfarrkirche und Burg in die neue Stadt einbezogen. Das regelmäßige Straßennetz und einheitliche Parzellengrößen (9.2 x 70 Meter) verweisen auf das planmäßige Vorgehen bei der Entwicklung der mittelalterlichen Stadt. Die rege kirchliche und profane Bautätigkeit belegt, dass Rheinberg im 15. Jahrhundert eine Blütezeit erlebte. Für die Jahre 1494, 1563, 1567, 1593 sind Stadtbrände überliefert, die sich jedoch jeweils auf einzelne Stadtviertel beschränkten. Durch eine Explosion des als Pulvermagazin genutzten Zollturmes 1598 wurde die Burg zerstört, an die heute nur noch die Kellnerei und die Ruine des Pulverturmes erinnern.

Im 16. und 17. Jahrhundert war Rheinberg ständig Schauplatz der kriegerischen Auseinandersetzungen jener Zelt. 1583 eroberte Graf Adolf von Moers im truchsessischen Krieg die Stadt und baute bis 1585 die Befestigung aus. Im spanisch-niederländischen Krieg erlebte Rheinberg ständig wechselnde Eroberungen durch spanische und niederländische Truppen: 1590, 1597, 1598, 1601, 1633. In diesem Zusammenhang sieht Ende des 16. Jahrhunderts der Ausbau der Festungsanlagen mit einem Ring von Bastionen, Vorwerken und einem zweiten Graben. Nördlich der Stadt legten die Spanier 1626/27 die Fossa Eugeniana an, ein Kanal, der das protestantische Holland vom Rheinhandel abschneiden sollte. Nach erneuerter Eroberung Rheinbergs durch die Niederländer 1633 wurde dieses Projekt hinfällig, und der Kanal blieb ein nur bis Geldern verwirklichtes Fragment.

Einschneidende Folgen halle die Eroberung Rheinbergs durch die Preußen 1703. Der Rheinlauf wurde nach Osten auf preußisches Gebiet verlegt, und die Festungswerke wurden geschleift. Erst nach Beendigung der Franzosenzeit 1801 bis 1815 endete für Rheinberg eine mehr als zwei Jahrhunderte dauernde Zelt der Einbeziehung in kriegerische Auseinandersetzung, die verbunden waren mit dem wirtschaftlichen Niedergang der Stadt.

1815 wurde Rheinberg zunächst preußische Kreisstadt (bis 1856). Der Ausbau des alten Rheinarmes zum Hafen 1842-46 brachte kurzzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung. 1846 siedelte sich die Bitterlikörfabrik Underberg in Rheinberg an, die im weiteren Ausbau mit ihren Fabrikanlagen und dem 1878-80 am Holzmarkt erbauten Palais Underberg fast einen ganzen Baublock im mittelalterlichen Stadtgefüge beanspruchte.

Mit dem Bau der Eisenbahn Duisburg - Rheinberg - Kleve 1904 und der Ansiedlung der Solvay-Werke im Norden der Stadt 1905 begann für Rheinberg das Zeitalter der Industrialisierung.

Die als Promenade mit doppelten Baumreihen ausgebauten Wallanlagen wurden beidseitig mit Wohnhäusern besetzt. Auch die Leerflächen innerhalb der Stadt, entstanden u.a. durch Abbruch mittelalterlicher Klosteranlagen, wurden mit Wohnhäusern bebaut. Eine Hauszeile, die bislang Kirche und Markt voneinander trennte (vgl. Kalkar, Uerdingen), wurde 1911 abgebrochen.

Durch Fliegerangriffe im Zweiten Weltkrieg wurde vor allem der nördliche Stadtbereich betroffen.

Der überlieferte Stadtgrundriss wird geprägt durch das planvoll angelegte Netz der Straßen und Plätze des 14. Jahrhunderts, die unregelmäßigeren Straßen im nordöstlichen Stadtviertel aus der vorherigen Siedlungsphase und dem annähernd viereckigen, von den baumbestandenen Wallstraßen begrenzten Stadtumriss. Im Mittelpunkt angeordnet ist das Rathaus (15./19. Jahrhundert), den weiträumigen Marktbereich teilend in den westlich gelegenen Holzmarkt und den östlichen Großen Markt. Kreuzförmig führen die drei Torstraßen (Orsoyer Straße, Rheinstraße, Gelderstraße) auf den Markt. (Ein viertes Tor, das Alte Rheintor wurde bei der Explosion des Zollturmes 1598 zerstört und nicht wieder aufgebaut). Das Rathaus bildet den Blickpunkt in dem auch durch seine Breite hervorgehobenen, wichtigen Nord-Süd Straßenzug Orsoyer Straße/Rheinstraße. Die schmalere Gelder Straße findet ihren optischen Bezugspunkt in einer um Haustiefe in den Markt einspringenden Hauszeile. Die übrigen Straßen des planmäßigen Stadtausbaus (14. Jahrhundert) schließen rasterförmig an das Kreuz der Torstraße an. Als Standort von Klöstern und Klosterhöfen (Kamper Hof, Stadthaus des Kloster Kamps mit Hospiz und Kapelle, 13. Jahrhundert; Deutschordenskommende, Anfang 14. Jahrhundert; Kloster St. Barbaragarten, 2. Hälfte 15. Jahrhundert; erhalten ist nur die ehemalige Kapelle des Kamper Hofes) ist der ebenfalls nordsüdorientierte Straßenzug Kamper Straße/Beginnenstraße durch eine größere Straßenbreite hervorgehoben. Geprägt wird der Stadtgrundriss auch durch die ringsumführenden Doppelbaumreihen, die den Verlauf der mittelalterlichen Stadtbefestigung angeben. Durch Bewuchs, Bodenmodellierungen und Wegeführungen sind im Süden und Osten der Stadt auch noch die Befestigungsanlagen des 16. Jahrhunderts erkennbar.

Die dominierende historische Baugruppe besteht im Mittelpunkt der Stadt aus Pfarrkirche und Rathaus. Die raumgliedernde Funktion der ursprünglich vor der Kirche angeordneten Hauszeile übernehmen heute Baumreihen. Stadtbildprägend im Marktbereich ist das Palais Underberg (1878-80), das mit seinem Eckturm in Konkurrenz zu Rathaus und Kirche tritt.

Als weiterer historischer Großbau bestimmt am nordöstlichen Stadtrand die Kellnerei das Ortsbild. Die anschließende Freifläche, gestört durch einen Schulbau mit einrahmenden Baumpflanzungen, zeigt noch den Standort der erzbischöflichen Burg an.

In der Breite der Hausfassaden spiegelt sich fast durchgängig im ganzen Stadtbild die gleichmäßige Parzellenteilung des Mittelalters. Die ausweislich historischer Darstellungen überwiegend giebelständigen, zwei- bis dreiachsigen Wohnhäuser wurden im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Anlehnung an die nun bevorzugte traufständige Bebauung zur Straße abgewalmt. Zugleich wurden neue Häuser mit Walmdächern erbaut. Die meisten älteren Häuser erhielten im 19. Jahrhundert Putzfassaden mit zeitgemäßen Fensterformaten und entsprechendem Fassadendekor. Sie korrespondieren mit den meist traufständigen Neubauten jener Zeit. Nur wenige Häuser erinnern mit ihren straßenseitigen Giebeln an die mittelalterliche Hausform in Rheinberg.

Als einprägsame Silhouette wird das historische Stadtbild von Rheinberg aus der unbebaut gebliebenen Senke des Altrheinarmes Im Osten und Nordosten noch sichtbar. Von allen Seiten aus sichtbar ist das 1956 erbaute Lagerhochhaus der Firma Underberg, weithin die Bedeutung dieses Unternehmens für die jüngere Stadtgeschichte andeutend.

Rheinberg ist bedeutend als Teil der kurkölnischen Stadtgründungspolitik im 13. und 14. Jahrhundert. Der weitgehend erhaltene, geplante Siedlungsgrundriss einschließlich der noch erfahrbaren Befestigungsanlagen und der Parzellenstruktur geben Auskunft über den Städtebau im Zeitalter der Gotik. Rheinberg, vergleichbar in seiner Struktur mit ähnlichen Stadtgründungen dieser Zeit (Lechenich, Uerdingen, Kalkar), ist bedeutend auch durch das im Ortsbild und in der Silhouette überlieferte Zusammenspiel der mittelalterlichen Großbauten. In Dachlandschaft und Proportion der Hauskörper gehören viele Wohnhäuser noch der mittelalterlichen Bedeutungsschicht an. Die Ausprägung der Fassaden im 19. Jahrhundert, die Addition zusätzlicher Wohnhäuser in dieser Zeit, die Gestaltung der Wallanlagen, das Palais Underberg, sowie auch der Rathausumbau (1854/55) verschaffen dieser Entwicklungsperiode Wert und Bedeutung.

Im Februar 1984 beschloss der Rat der Stadt Rheinberg die Aufstellung einer Denkmalbereichssatzung. Das Gutachten des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege von 1985 wurde bis 1987 in einen Satzungsentwurf umgesetzt. Bei der Offenlegung wurden keine Bedenken und Anregungen geäußert. Die Satzung wurde 1988 rechtskräftig.

(Walter Buschmann, Rheinisches Amt für Denkmalpflege, LVR, aus: Mainzer (Hrsg.) 1996)

Literatur

Andernach, Norbert (1982)
Rheinberg. (Rheinischer Städteatlas, Lieferung VII, Nr. 40.) Köln.
Beucker, Ingo (1932)
Die sechs kurkölnischen Städte im Regierungsbezirk Düsseldorf. Eine städtebauliche Arbeit. In: Jahrbuch des Düsseldorfer Geschichtsvereins 37, S. 1-93. Düsseldorf.
Clemen, Paul (1892)
Die Kunstdenkmäler des Kreises Moers. (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, I.3.) Düsseldorf.
Kobbe, Bernd O. (1972)
Kurkölnische Stadtgründungen im 13. und 14. Jahrhundert. Untersuchung der Planmässigkeit des Gründungsvorganges. Aachen.
Küsters, Ludwig (1940)
Die kurkölnische Festung Rheinberg. Rheinberg.
Mainzer, Udo (Hrsg.) (1996)
Denkmalbereiche im Rheinland. (Arbeitshefte der rheinischen Denkmalpflege 49.) S. 188-190, Köln.

Denkmalbereich „Rheinberg - Ortskern“

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Großer Markt
Ort
47495 Rheinberg
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Denkmalbereich gem. § 5 DSchG NW
Fachsicht(en)
Denkmalpflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Übernahme aus externer Fachdatenbank, Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn vor 1003
Koordinate WGS84
51° 32′ 45,27″ N, 6° 36′ 11,86″ O / 51.54591°, 6.60329°
Koordinate UTM
32U 333816.25 5713257.46
Koordinate Gauss/Krüger
2541893.94 5712552.91

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„Denkmalbereich „Rheinberg - Ortskern“”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/BODEON-59348-12042017-266660 (Abgerufen: 17. November 2018)
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