Ehemalige Tongruben der Firma Idunahall AG in Gahlen

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Hünxe, Schermbeck
Kreis(e): Wesel
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
So klein ist die Welt! Da steht man vor dem Magdeburger Rathaus und erfährt vom Stadtführer, dass auf dem Dach 60.000 „Toscana“-Ziegel aus Schermbeck der Witterung trotzen. Ein Altersheim in Kameruns Hauptstadt ließ sich von Idunahall bedachen. Im Rostocker Hafen schützen Dachziegel von Idunahall das Getreide vor Regen, und selbst im fernöstlichen Singapur werden manhattangraue Dachziegel aus Schermbeck zum Blickfang.
Die Gahlener hören das alles und genießen mit stolzer Brust den internationalen Ruf der Schermbecker Dachziegel, weil sie nur zu gut wissen, dass es „ihr“ Ton ist, der da in veredelter Form die Reise um die halbe Welt angetreten hat.
Neudeutsch würde man heutzutage den Grubenbesitzern Franz Paul und Otto Minor den „siebten Sinn“ bescheinigen. Wie die beiden Gründer der Gewerkschaft Idunhall in Hannover und Gotha 1906 ausgerechnet auf das Dörfchen Gahlen kamen, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Doch der Geländekauf im Rheinland erwies sich als ein Glücksfall, denn bis zur Stilllegung der Firma Idunahall im Jahre 2005 „fütterten“ Gahlener Tongruben den Tonbunker im Dachziegelwerk nördlich der Lippe.
Bereits sechs Jahre nach der Gründung des Betriebs im Jahre 1908 waren acht Öfen in Betrieb, die jährlich über sechs Millionen Dachziegel produzierten. Das Rohmaterial wurde ab 1919 mit einer Seilbahn von Gahlen zur Firma Idunahall gebracht. Die ersten aufgelassenen Tongruben sind längst im Zuge von Rekultivierungsmaßnahmen zu wassergefüllten Partien im Gahlener Landschaftsbild geworden. 1982 wurde die letzte Tongrube von Idunahall in Gahlen angestochen, und zwar östlich jener Straße, die heute zur Schermbeck-Hünxer Deponie führt.

Im Grenzbereich zwischen Gahlen und Gartrop lagerten sich Septarientone ab. Im frischen Zustande ist es ein dunkelgrauer bis schwarzer, ziemlich fetter Ton, der zonenweise Kalkgehalt aufweist. Seinen Namen hat er von großen, flachrunden Kalkkonkretionen, den Septarien, die schichtenweise darin auftreten. Die Geologen haben den Schichten mit diesem Septarienton den Namen „Ratinger Schichten“ zugeordnet, weil sie auch in diesem Bereich auftreten.
Gahlener Ton besitzt gleich mehrere Vorteile, die dazu beitrugen, dass der Beschaffungsort südlich der Lippe nahezu ein Jahrhundert überdauern konnte. Über den bis zu 15 Meter mächtigen Tonschichten lagert nur eine etwa 50 Zentimeter dicke Abraumschicht. Bei den Abbautechniken mit Schaufel und Spaten war das zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Standortvorteil. Die einzelnen Partikel des Gahlener Tons besitzen einen günstigen Kornaufbau, um Dächer mit frostbeständigen Ziegel abdecken zu können. Der Gahlener Ton kommt zudem wegen seiner Grubenfeuchte in solch plastischer Form vor, dass er sich besonders in Zeiten einer extensiven Handarbeit wesentlich leichter verarbeiten ließ. Sicherlich wäre auch das Dachziegelwerk in Gahlen angesiedelt worden, wenn nicht die Nähe zum Schermbecker Bahnhof als ein wichtigerer Standortvorteil in die betriebswirtschaftlichen Entscheidungen eingeflossen wäre. Ein einmal existierendes Werk wird jedoch aus vielerlei Gründen nicht zum Rohstofflager verlegt, auch wenn der Bahnanschluss als zentraler Standortfaktor hinfällig wird. Die kleine Lorenbahn, die den Autofahrer bis 2005 zu bestimmten Zeiten ein Stück weit an der Maassenstraße begleitete, blieb die Nabelschnur, die ein weltweit bekanntes Unternehmen mit den Gahlener Tongruben verband.
Ein Eimerkettenbagger förderte den Gahlener Ton aus bis zu elf Metern Tiefe über eine 18 Meter lange Geländerampe schräg nach oben. Dabei wurde jeder einzelne Eimer mit Ton aus verschieden hoch gelegenen Schichten gefüllt, sodass sich eine gute Quermischung ergab, die den späteren Mischvorgang im Werk zeitlich deutlich verkürzen half. Etwa 30 Tonnen konnte die kleine Feldbahn aufnehmen, die etwa achtmal täglich Gahlener Ton zum drei Kilometer entfernten Werk an der Ecke Maassenstraße/Alte Poststraße bei Schermbeck beförderte. An der Jahrhundertwende schätzte Werksleiter Ulrich Weber: „In der jetzigen Grube lagert Ton für 40 Jahre, wenn man einen jährlichen Bedarf von 40.000 Tonnen zugrunde legt. Weitaus größere Zeiträume eröffnen sich, wenn man das gesamte Tonvorkommen berücksichtigt.“ Etwa 60 Hektar umfasst die abbaufähige Fläche. Die Förderung durch die Firma Idunhall ist eingestellt worden. Ungebrochen begehrt ist jedoch der Gahlener Ton. Die Firma Nottenkämper oHG baut im Bereich Gartroper Busch auch heute noch Ton ab.

(Helmut Scheffler, Heimatverein Gahlen, 2014. Erstellt in Kooperation mit der Biologischen Station im Kreis Wesel e.V. im Zuge des Projektes „Kulturlandschaft am Niederrhein“. Ein Projekt im Rahmen des LVR Netzwerks Umwelt)

Internet:
www.heimatverein-gahlen.de: Heimatverein Gahlen (Abgerufen am: 14.04.2014)

Literatur

Dachziegelwerke Idunahall AG (Hrsg.) (1983)
75 Jahre Idunahall Dachziegel. Schermbeck.
Scheffler, Helmut / Heimatverein Gahlen (Hrsg.) (2000)
Ton aus dem kleinen Gahlen für die weite Welt. In: Gahlen an der Lippe. Festschrift zur 50-Jahr-Feier des Heimatvereins. Mit Bausteinen einer illustrierten Nachkriegs-Dorfchronik, S. 277-278. Schermbeck.
Scheffler, Helmut / Ruhr Nachrichten (Hrsg.) (1999)
Gebrannter Ton aus Gahlen macht ostasiatische Dächer wetterfest. In: Dorstener Zeitung Nr. 191, 18.08.1999, o. O.

Ehemalige Tongruben der Firma Idunahall AG in Gahlen

Schlagwörter
Ort
46514 Hünxe / Schermbeck
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1906, Ende 1982
Koordinate WGS84
51° 39′ 13,28″ N, 6° 50′ 48,93″ O / 51.65369°, 6.84693°
Koordinate UTM
32U 351060.46 5724716.91
Koordinate Gauss/Krüger
2558655.34 5724711.84

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„Ehemalige Tongruben der Firma Idunahall AG in Gahlen”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-90658-20140415-4 (Abgerufen: 17. November 2018)
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