Naturschutzgebiet „Steinbruch nördlich Wiehl-Weiershagen“

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Engelskirchen, Wiehl
Kreis(e): Oberbergischer Kreis
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
  • Ehemalige Brecheranlage (2005)

    Ehemalige Brecheranlage (2005)

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  • Aufgefaltete Gesteinsschichten (2012)

    Aufgefaltete Gesteinsschichten (2012)

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  • Aufnahme eines am Boden sitzenden Uhus im Naturschutzgebiet Steinbruch Weiershagen. Der Uhu ist die größte einheimische Eulenart (2004).

    Aufnahme eines am Boden sitzenden Uhus im Naturschutzgebiet Steinbruch Weiershagen. Der Uhu ist die größte einheimische Eulenart (2004).

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  • Volltext-PDF-Datei "Lesebuch Landschaft – EinBlick in die Bergische Kulturlandschaft" (2015, 6,5 MB)

    Volltext-PDF-Datei "Lesebuch Landschaft – EinBlick in die Bergische Kulturlandschaft" (2015, 6,5 MB)

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    Carina Harbich; Frank Herhaus; André Spans; Manuela Thomas
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Wo die Homburgische Eisenstraße auf die Wiehl trifft, entstand im Hochmittelalter oder Spätmittelalter die Ortschaft Weiershagen. Eine erste schriftliche Erwähnung der Siedlung findet sich im Jahr 1396. An der Furt befand sich eine kleine turmförmige Burg, eine sogenannte Motte, welche zur Sicherung der Straße diente. Die Reste dieser Wehranlage waren bis zum Bau der Bahn noch in der Landschaft zu erkennen, sind seitdem jedoch unter der heutigen Bahnhaltestelle begraben. Seit 1470 ist außerdem die Weiershagener Eisenhütte bezeugt, die bedeutendste und wahrscheinlich älteste Eisenhütte der Herrschaft Homburg. Sie stand dort, wo sich heute der Baustoffhandel befindet und wurde noch bis in die 1860er Jahre bewirtschaftet. Betrieben wurde die Hütte mit der Wasserkraft der Wiehl, welche zu diesem Zweck im Bereich der heutigen Straßenbrücke aufgestaut wurde.

Der am Hömelskopf zwischen Weiershagen, Wiehlpuhl und Osberghausen nahe der Mündung der Wiehl in die Agger liegende, nicht mehr bewirtschaftete Grauwacke-Steinbruch ist insbesondere aus Naturschutzgründen von Bedeutung. Er bietet zahlreichen bedrohten und spezialisierten Pflanzen- und Tierarten (darunter vor allem Reptilien und Vögel) einen geeigneten Lebensraum, was sich vor Ort auch in einer beachtlichen Artenvielfalt äußert. Einige der hier vorhandenen Arten sind auch gefährdete Arten wie z. B. Uhu und Schlingnatter. Daneben ist der Steinbruch aber auch von außergewöhnlich regional- und industriegeschichtlicher Bedeutung, ist er doch ein Musterbeispiel für einen oberbergischen Steinbruchbetrieb und verdeutlicht die Abläufe der industriellen Grauwackegewinnung so vollständig und anschaulich wie kein anderer Standort im Oberbergischen.

Auch geologisch ist der Steinbruch von besonderem Interesse, gewährt er doch vielseitige Einblicke in die erdgeschichtliche Entwicklung. Die hier früher abgebaute Grauwacke, ein für das Oberbergische typischer Sandstein, entstand in den Mühlenberg-Schichten der Eifel-Stufe des mittleren Devons. Dieses plattige und dünnbankige, blaue bis graugrünliche Gestein hat einen Quarzanteil von etwa 80 %. Unterhalb der Mühlenberg-Schichten befinden sich die aus einer Abfolge von Ton-, Schluff- und Mergelgestein bestehenden Hobräcker Schichten mit vereinzelten Kalksteineinschlüssen.

Industrieller Abbau von Grauwacke in Oberberg
In den 1870er Jahren begann in Oberberg der industrielle Abbau von Grauwacke. Seine Hochphase erreichte er um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als durch die neu entstandenen Streckennetze der Eisenbahn an Wiehl, Wipper und Agger der einfache Abtransport von Schotter und Pflastersteinen aus Grauwacke ermöglicht wurde. 1914 hatten sich Steinabbau und -verarbeitung in Oberberg zum zweitwichtigsten Wirtschaftszweig nach der Textilindustrie entwickelt. Ursprünglich war es vorgesehen, den Abbau am „Rossrücken“ auf der entgegengesetzten Seite des Wiehltales zu betreiben. Dieses Vorhaben gab man aber nach einer kurzen Versuchszeit auf, da die starke Neigung der Gesteinsschichten den Abbau enorm erschwerte. Deshalb wurde für den Bruch schließlich das Gelände am Hömelskopf genutzt. Es handelte sich um den größten Einzelbruch, der über einen eigenen Brecher verfügte und der dadurch, dass er unmittelbar an der Strecke der Wiehltalbahn lag, vom Brecher aus über Silos die Eisenbahnwaggons mit dem Gestein beladen konnte. Aber auch Straßenfahrzeuge konnten dort die Grauwacke aufnehmen. Für den innerbetrieblichen Transport von der Bruchkante zum Brecher war allerdings ein erheblicher Aufwand notwendig. Anfangs wurden Bremsberge genutzt, um die Höhenunterschiede zu überwinden, dann setzte man Schrägaufzüge ein. Anstelle einer ansonsten nötigen Rangierlok diente eine neben den Gleisen befindliche Seilzuganlage zum Vor- und Zurückziehen der Reichsbahn-Waggons. Der Kohlmeier-Bruch war einer der Hauptabnehmer der erst seit kurzer Zeit in der Gegend in größerem Ausmaß verfügbaren Elektrizität. Seit 1902 war es Vorschrift, dass die Sprengungen durch elektrische Zündung ausgelöst werden mussten. Im Steinbruch am Hömelskopf war dieses Verfahren schon seit 1898 üblich. Auch Backenbrecher, Transportbänder, Siebtrommeln und Becherwerke mussten elektrisch betrieben werden. Dafür und für die Produktion der für die Bohrungen notwendigen Pressluft wurde ein 100-PS-Elektromotor benutzt.

Geschichte des Steinbruchs Weihershagen
Die Quellenlage zur Geschichte des Steinbruchs ist dünn und lückenhaft. Fest steht aber, dass er im Jahr 1910 von Hermann Imgram aus Ründeroth betrieben wurde. Spätestens 1921 muss die Anlage in den Besitz der Firma Carl Kohlmeier übergegangen sein. Führender Teilhaber von Kohlmeier waren seit 1907 die Eiserfelder Steinwerke. Schon seit 1905 kaufte diese oberbergische Steinbrüche auf. Das Unternehmen mit Sitz in Eiserfeld hatte schon vor dem Erwerb von Anteilen am Kohlmeier-Bruch ganze Jahreserträge des Steinbruchs Nordhelle übernommen. Nun führte es die Steinbrüche Hömelskopf und Nordhelle zu einer GmbH unter dem Namen Karl Kohlmeier zusammen. Ein solches Verfahren entsprach den Gepflogenheiten der oberbergischen Steinbruchindustrie. Wurde ein Steinbruch aufgekauft oder bekam einen neuen führenden Teilhaber, so behielt der bisherige Besitzer den Posten des Geschäftsführers und der Betrieb behielt den alten Namen bei. Nach 1918 gingen 40 % der Eiserfelder Steinwerke an die Linzer Basalt AG über. In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich die Eiserfelder Steinwerke gemeinsam mit der Linzer Basalt AG als größter oberbergischer Steinbruchbetrieb. Zusammen stellten die beiden zusammengeschlossenen Unternehmen 1925 80 % der oberbergischen Steinbruchproduktion. Die Nachfrage nach Grauwacke war zu dieser Zeit sehr groß. Die westdeutschen Betriebe mit ihren insgesamt 17 000 Beschäftigten waren nicht nur ausgelastet, sondern konnten sogar ausgebaut werden. Auch aufgrund dieser Entwicklung ist der Kohlmeier-Bruch eng mit der Geschichte der Steinbruchindustrie der 1920er Jahre verbunden. Ab 1911 nutzte man einen Fachwerk-Brecher, welcher 1927 durch ein Feuer zerstört wurde. Es ist davon auszugehen, dass das Bauwerk Ähnlichkeit mit dem Alperbrücker Brecher gehabt hatte. Anstelle des abgebrannten Gebäudes wurde nach dem damals modernsten Stand der Technik ein Ganzbeton-Komplex errichtet, welcher sich heute noch dort befindet.

Technische Ausstattung
Insgesamt umfasste die Anlage den Steinbruch selbst, zwei Bremsberge, sowie die Brecheranlage nebst Silos und Verladebereich. Architektur von Brecher- und Siloanlage orientierten sich an der damals modernsten Bauweise und waren inspiriert von avantgardistischen Architekten wie Le Corbusier und Walter Gropius. Die Bauten des Kohlmeier-Steinbruchs waren eine beispielhafte Umsetzung der kubistischen Ideen der 1920er-Jahre. Historische Fotodokumente belegen, wie sehr Brecher und Silos diesen Teil des Wiehltales optisch beherrschten. Sowohl Brecher als auch Silos sind Betonbauten. Der Brecher ist ein von einem leicht vorkragenden Flachdach gedeckter, auf rechteckigem Grundriss erbauter Turm mit charakteristischen liegenden Rechteckfenstern unterhalb des Daches. In die Flucht des Brecherturmes eingefügt, befindet sich auf der westlichen Schmalseite das weitaus niedrigere Maschinenhaus, welches wiederum drei große vertikale Rechteckfenster aufweist. Daran angeschlossen ist ein weiterer Gebäudeflügel, in dessen Giebel drei Blechtüren eingelassen sind. Zur Talseite hin tragen Stahlbetonstützen mit Stützwand einen mit weiteren liegenden Horizontalfenstern ausgestatteten Vorbau. Die in der Brecheranlage betriebenen Gerätschaften sind zwar nicht mehr vorhanden, aber dennoch sind die dortigen Arbeitsabläufe gut nachvollziehbar. Eine Brücke diente dazu, die Grauwacke in Loren vom Berghang aus in die im obersten Stockwerk des Brechers gelegene Verteilebene zu transportieren, wo das Gestein in einen Trichter gekippt wurde. Daraufhin wurde es in den darunter liegenden Ebenen gesiebt und gebrochen. Nach der Trennung wurde der Schotter mittels einer Bandanlage durch ein geschlossenes Brückenbauwerk in einen Siloturm befördert. Split und Sand gelangten über Rohrleitungen in zwei sich links daran anschließende niedrigere Silozellen. Das Silogebäude ist architektonisch ähnlich gestaltet wie die Brecheranlage: Es weist Flachdächer und nah darunter liegende Horizontalfenster auf. Die Siloelemente lagern auf einer sich nach links und rechts fortsetzenden ungefähr drei Meter hohen Bruchsteinwand. Direkt über der Bruchsteinmauer befinden sich heute noch die Verladerutschen aus Stahlblech. Von der Mauer aus befüllte man die bereitstehenden Waggons, zudem stabilisierte sie auch als Stützwand den Hang des Hömelskopfes. Die im Kohlmeier-Bruch produzierten Pflastersteine wurden über zwei Brecherberge westlich und östlich des Brechergebäudes talwärts transportiert, wo sie dann verladen wurden.

Historische Zeugnisse
1928/29 kam es zur Produktion eines für den Schulunterricht konzipierten Dokumentarfilmes über den Kohlmeier-Bruch. Dieser Film ist heute noch erhalten und bietet wertvolle Einblicke in sämtliche Arbeitsabläufe innerhalb des Steinbruchs. Mehrfach wird in der Dokumentation die Wichtigkeit der Wiehltalbahn betont, ohne die der Betrieb des Bruches nicht möglich gewesen wäre. Ein Großteil der männlichen Einwohner Weiershagens war damals in diesem Grauwacke-Bruch beschäftigt.

Auch für manche Abfallprodukte des Grauwackeabbaus fand sich eine Nutzung. Das sogenannte Hauermehl, eine Mischung aus Sand und Split, für die es im Betrieb keine weitere Verwendung gab, wurde von der Weiershagener Bevölkerung zum Gießen von Kellerdecken und als Zementbasis für die Verputzung der Häuser benutzt. Der mit dem Hauermehl hergestellte Putz hielt allerdings nicht lange und musste nach und nach ausgebessert werden. Auch die mit dem Material versetzten Kellerdecken erwiesen sich als bröckelig und mussten mit Eisen verstärkt werden.

Im ganzen Gebiet des Steinbruchs verteilt sind außerdem Bereiche, in denen Gewerberuinen und Mauerreste von der früheren Nutzung des Areals Zeugnis ablegen. Noch sichtbar ist zum Beispiel das schräge Planum der Aufzüge mitsamt aller Auffahr-Rampen und Wegunterführungen. Auch die Lage der an den Abraumhalden gelegenen Kipper-Buden zur Produktion von Pflastersteinen und der teilweise erst in den 1980er Jahren abgerissenen Maschinenhäuser ist noch erkennbar. Am Rand der Rampen sind außerdem oft noch Reste alter Zugseile zu finden. Außerdem sind noch die mit Stützmauern befestigten schiefen Ebenen der Bremsberge mit ihren Wegeüberführungen zu erkennen.

Heutige Nutzung des Geländes
1999 wurde der Steinbruch schließlich unter Naturschutz gestellt. Im Naturschutzgebiet Steinbruch Weiershagen finden sich Biotope, die für einen aufgegebenen und nicht rekultivierten Grauwackesteinbruch typisch sind. Dazu zählen insbesondere Steilwände, vegetationsarme Felswände und Geröllflächen, randlich gelegene Freiflächen und Gehölzbestände sowie artenreiche Ruderal-, Pionier-, Mager- und Sukzessionsgesellschaften. Insgesamt weist der Steinbruch also einen beachtlichen Strukturreichtum und eine große Biotopvielfalt auf. Grob lässt er sich in sechs Bereiche aufteilen. Im Süden und Südosten findet man auf trockenen und warmen Standorten südwestexponierte Eichen- und Eichenbirkenwälder mit reichhaltiger Krautschicht. Den zentralen Bereich des Steinbruchs dominieren weitläufige südexponierte Felspartien, Steilwände und Schutthalden mit geringer Vegetation. Nördlich und westlich wachsen auf Blockschutthalden und Bermen Laubwälder und Laubnadelmischwälder. Im Westen entwickelt sich aus einer großräumigen Kahlschlagsflur ein Niederwald. Auf mehreren kleinen Flächen finden sich auf einem Boden aus Grauwackeschotter Mager- und Trockenrasenstandorte.

(Biologische Station Oberberg, 2013. Erstellt im Rahmen des Projektes „Hecke, Hohlweg, Heimat – Kulturlandschaftsvermittlung analog und digital“. Ein Projekt im Rahmen des LVR Netzwerks Umwelt.)

Internet
www.youtube.com: „Kohlmeier Steinbruch Weiershagen“, Dokumentarfilm von 1928/29 zum Betriebsablauf des Steinbruchs (abgerufen 22.04.2015)

Literatur

Biologische Station Oberberg (Hrsg.) (2010)
Pflege- und Entwicklungskonzept (PEK). Nümbrecht.
Gries, Rainer / Nicke, Herbert (2002)
Die Wiehltalbahn und ihre Bedeutung als Denkmal der regionalen Wirtschaft. Wiehl.
Habermas, Ernst (1924)
Die Entwicklung der oberbergischen Steinbruchindustrie unter besonderer Berücksichtigung der Grauwacke. Köln.
Harbich, Carina; Spans, André; et al. / Biologische Station Oberberg; Biologische Station Rhein-Berg; Zweckverband Naturpark Bergisches Land (Hrsg.) (2015)
Lesebuch Landschaft – Ein Blick in die Bergische Kulturlandschaft. S. 40-41, Nümbrecht, Rösrath, Gummersbach.
Lauff, Siegfried (1977)
Wiehl im Wandel der Zeiten 1850-1950. Meinerzhagen.
Melk, Ulrich (1990)
Chronik der ehemaligen Gemeinden Wiehl und Drabenderhöhe. Wiehl.
Woelke, Jürgen (1985)
Kapital war nötig. Gummersbach.

Naturschutzgebiet „Steinbruch nördlich Wiehl-Weiershagen“

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Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung
Historischer Zeitraum
Beginn vor 1898
Koordinate WGS84
50° 58′ 54,85″ N, 7° 29′ 14,35″ O / 50.9819°, 7.48732°
Koordinate UTM
32U 393817.16 5648901.42
Koordinate Gauss/Krüger
2604487.93 5650687.03

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„Naturschutzgebiet „Steinbruch nördlich Wiehl-Weiershagen“”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-79537-20131114-2 (Abgerufen: 23. Mai 2018)
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