Kirche Sankt Servatius

Servatiuskirche

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Siegburg
Kreis(e): Rhein-Sieg-Kreis
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
  • Die Servatiusskirche in Siegburg mit Umgebung, aufgenommen vom höher gelegenen Kreishaus aus (2010).

    Die Servatiusskirche in Siegburg mit Umgebung, aufgenommen vom höher gelegenen Kreishaus aus (2010).

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    Boddenberg, Marcel
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Lage
Im Zentrum der Stadt und gleichzeitig zu Füßen des Abteiberges in der Mühlenstraße gelegen, in umittelbarer Nähe des ständig von Leben erfüllten Marktplatzes, ist die katholische Pfarrkirche St. Servatius zusammen mit verschiedenen Resten mittelalterlicher Bebauung eine Keimzelle des Lebens in der heutigen Kreisstadt Siegburg. Diese schon im Mittelalter bedeutende Stadt, einstmals durch den großen Kölner Erzbischof Anno II. besonders gefördert, genoß damals als Handwerkerzentrum viel Ansehen. Einflußreiche Handwerkerzünfte gab es hier schon im 14. Jahrhundert, die vor allem von der Herstellung und dem Handel mit Tuchen, Töpferwaren, Leder, Papier und Wein lebten. Auch heute befinden sich wieder einige Töpfereien in direkter Umgebung der Kirche, welche die alte Tradition des Siegburger Steinzeugs fortführen.

Geschichte
Man vermutet, dass die Servatius, dem ersten Bischof von Tongern, geweihte Kirche eine Gründung aus der zweiten Hälfte des 10. oder aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts ist. Dafür spricht - neben aller Wahrscheinlichkeit - auch das Servatius-Patrozinium. Leider hat noch keine Grabung stattgefunden, die diese Datierung durch Funde stützen könnte.
Das Jahr 1169 wird gemeinhin als Baubeginn der Servatiuskirche angenommen. Einige Kunsthistoriker setzen den Baubeginn nach Stilvergleichen schon etwas früher an.
Die somit zwischen 1150 und 1170 begonnene Emporenkirche mit Westturm war um 1220 fertiggestellt, das heißt 1220 wurde der Turm als letzte Baumaßnahme beendet.
Das Mittelschiff der dreischiffigen Basilika war flachgedeckt, die Seitenschiffe - jeweils mit einer Vorhalle vor ihrem Mitteljoch - kreuzgratgewölbt. Der heutige gotische Chor ist ab 1265/1270 als ein Teil geplanter Baumaßnahmen entstanden, die größtenteils nicht ausgeführt wurden, wahrscheinlich aus finanziellen Gründen.
Erst 1502 begann man die notwendigen Gelder zu sammeln, um das romanische Langhaus optisch besser mit dem gotischen Chor zu verbinden. Am 10. Januar 1503 wurden Maurer, Steinmetze - darunter der Kölner Dombaumeister Johann Boicholtz - , Zimmerleute und Dachdecker verpflichtet, um mit den Arbeiten zu beginnen. Das Mittelschiff wurde im spätgotischen Stil erhöht und eingewölbt, das südliche Seitenschiff mit Vorhalle komplett abgerissen und mit geänderter Raumhöhe und Lichtführung wiederaufgebaut.

Im 17. und 18. Jahrhundert erlebte die Kirche etliche Instandsetzungen oder auch bauliche Veränderungen, die größtenteils durch Brand- oder Kriegsschäden hervorgerufen wurden: Im August 1647 vernichtete ein großer Stadtbrand sämtliche Kirchendächer einschließlich Turmhelm und Glocken. Erst 1674 wurde der Turm durch eine Barockhaube neu gedeckt. Die Kirche erlitt dann einige Beschädigungen während der französischen Besatzungszeit (1794-1810), als sie als Lazarett und Magazin benutzt wurde.

Das 19. Jahrhundert griff teilweise radikal „ordnend“ in die Bausubstanz von St. Servatius ein. Zwischen 1864 und 1869 veränderte man die Seitenschiffe, außerdem wurden noch vorhandene Reste des romanischen Obergadens entfernt und die Barocke Turmhaube durch einen Spitzhelm ersetzt. 1888 erneuerte man die neben dem Turm liegenden Teile der Seitenschiffe in neugotischen Formen. Beide dienen seitdem als Eingänge zu den Seitenschiffen und enthalten gleichzeitig die Aufgänge zu den Emporen.
Schon 1897 waren weitere Instandsetzungen nötig. Die relativ kurzen Phasen zwischen den einzelnen Restaurierungen erklären sich sowohl durch die ständig zunehmende Luftverschmutzung und ihre agressive Wirkung als auch durch die Porosität des Wolfsdorfer Basalttuffs, aus dem die Kirche zum größten Teil besteht.
1990 überarbeitete man zum wiederholten Male die Orgel aus dem Jahre 1894, die dabei ihren Prospekt von 1930 behielt.

Baubeschreibung
Der heute erhaltene Bau der Servatiuskirche gehört zu der im Raum Köln-Koblenz seit Mitte des 12. Jahrhunderts verbreiteten Gruppe von Emporenkirchen. Es handelt sich um eine dreischiffige Basilika mit romanischem Westturm und gotischem Chor. Mittelschiff und Seitenschiffe weisen je 5 ½ Joche auf und sind bis auf den unteren Teil des nördlichen Seitenschiffs kreuzrippengewölbt.

Außenbau
Der Westturm der Pfarrkirche ist zweifelsohne der dominierendste Bauteil. Er überragt mit seiner Höhe von 35,7 Meter (ohne die oktogonale Schieferpyramide des Helmes von 1960) die ihn umgebende Bebauung. Nach außen ist er in fünf, innen sechs Geschosse unterteilt, die bis auf die oberen anderthalb (13. Jahrhundert) aus dem 12. Jahrhundert stammen. Die Schallöffnungen des vorletzten Geschosses wurden vermauert, als die Glocken in das fertiggestellte oberste Stockwerk gehängt wurden.
Das Westportal diente früher der Rechtsprechung und wird deshalb auch als Gerichtsportal bezeichnet. Die Seitenportale sind kleiner und einfacher, ohne vorgeblendete Rahmung.
Das Mittelschiff zeigt sich nach außen schlicht. Man erkennt den basilikalen Aufbau der Kirche durch die Rücksprünge der Seitenschiffe.
Die dreiteilige gotische Choranlage besteht aus einem Hauptchor und zwei kleineren Nebenchören, die sich parallel gestaffelt im Osten an das Langhaus anschließen. Die Strebepfeiler des Hauptchores enden in filigranen Fialen, die über die Dachtraufe hinausragen. An ihren Stirnseiten sind Wasserspeier in tierischen oder menschlichen Formen angebracht; es handelt sich dabei um Kopien von 1985. Die Originale aus Trachyt findet man heute in Kirche und Stadtmuseum.
Die Maße der Kirche betragen in der Länge 43 Meter, in der Breite 16 Meter, in der Höhe 18 Meter.

Innenraum
Man erreicht das Eingangsportal der Kirche nach einem Gang über den kleinen Kirchplatz, der noch bis 1807 als Friedhof genutzt wurde, und betritt dann das Turmuntergeschoss, das durch ein schmiedeeisernes Gitter vom Kirchenschiff abgetrennt ist und gleichzeitig als Taufkapelle dient (romanischer Taufstein, Anfang des 13. Jahrhunderts). An den Seitenwänden des Turmraumes ist der aus Reliefarbeiten bestehende Kreuzweg (die ersten sieben Stationen an der südlichen Wand, die letzten sieben Stationen an der nördlichen Wand) angebracht.
Darüber befindet sich die Orgelempore, die durch einen weiteren Rundbogen zum Kircheninneren geöffnet ist.
Die Mittelschiffwände sind durch fünf einfache Arkaden- und Emporenöffnungen, große Maßwerkfenster und Wandvorlagen gegliedert. Auf jeder Seite sind vier Apostelfiguren an den Arkadenpfeilern befestigt, von denen sechs aus der Kölner Werkstatt des „Meister Tilmann Bildensnider“ (um 1521) stammen.
Vergleichsweise schlicht sind die niedrigen Untergeschosse der Seitenschiffe, deren Kreuzgrat- (im Norden, romanisch) bzw. Kreuzrippengewölbe (im Süden, spätgotisch) auf einfachen Konsolen und Kapitellen ansetzen.
Die Emporengeschosse sind bis auf die Breite identisch, da sie beide um 1504 erneuert wurden.
Das zeitliche Verbindungsglied zwischen diesen Bauteilen ist der Chor, der nach neuesten Erkenntnissen um 1265/70 begonnen wurde. Am nördlichen Chorpfeiler befindet sich auf einer Konsole eine lebensgroße Plastik der Mutter Gottes mit Kind (Lindenholz, farbig gefasst), ein Werk des Augsburgers Jeremias Geißelbrunn nach 1640. Der erhöhte Altarraum wird von dem golden schimmernden Hochaltaraufsatz abgeschlossen. Die Altarflügel (1903) zeigen außen Szenen aus der Leidensgeschichte Christi und innen aus der Lebensgeschichte des Heiligen Anno. Im Mittelteil sind sechs Statuen der Heiligen untergebracht, deren Reliquien die Kirche birgt. Der neue Altarblock und der ebenfalls aus Marmor gefertigte Ambo wurden zusammen mit dem über dem Altar hängenden Kreuz von Sepp Hürten aus Köln gefertigt. Der hierbei eingearbeitete Christus-Corpus ist eine alpenländische Arbeit um 1500.
Drei weitere Altäre sind in der Kirche aufgestellt: Im Nordchor ein Servatius geweihter Barock-Altar mit einer Statue des Heiligen aus dem 18. Jahrhundert, im Südchor ein Altar des 19. Jahrhunderts mit Christusdarstellungen auf dem Retabel und ein Marienaltar auf der nördlichen Empore.
Die Chorfenster sind wie der Sakristeianbau vom ehemaligen Kölner Dombaumeister Willy Weyres 1958/59 entworfen worden. Die Seitenchorverglasungen sind in kleinteiligen geometrischen Mustern in Blau-Rot-Weiß gehalten, die sehr gut mit den im Südchor freigelegten Fresken harmonieren. Die Hauptchorfenster sind mit reichen, stark farbigen Mustern versehen; im Achsfenster sind alttestamentliche Szenen neutestamentlichen gegenübergestellt.

(Angelika Polzin, 1991)

Literatur

Polzin, Angelika (1991)
Die Pfarrkirche St. Servatius in Siegburg. (Rheinische Kunststätten 363.) Köln.

Kirche Sankt Servatius

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Am Herrengarten
Ort
53721 Siegburg
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1150 bis 1170
Koordinate WGS84
50° 47′ 46,47″ N, 7° 12′ 27,34″ O / 50.79624°, 7.2076°
Koordinate UTM
32U 373681.74 5628697.87
Koordinate Gauss/Krüger
2585183.39 5629674.97

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„Kirche Sankt Servatius”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-23982-20111130-2 (Abgerufen: 12. Dezember 2017)
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