Fast vier Jahrhunderte lang prägte das Beyers-Haus diesen Standort. Sein Ursprung reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück, ehe 1748 ein Neubau entstand. Generationen von Bauernfamilien bewirtschafteten das Anwesen, bevor es Ende des 19. Jahrhunderts in den Besitz der Gellatz-Familie überging. Das heutige Wohnhaus aus den 1960er Jahren steht damit auf geschichtsträchtigem Boden.
Lage und Baubeschreibung Das neue Gellatz-Haus mit der Anschrift Bitburger Straße 14 ist ein typisches Wohngebäude aus den 1960er Jahren. Es steht traufseitig zur Bitburger Straße, etwa 15 Meter zurückversetzt und damit in die historische Gebäudefront eingepasst. Es handelt sich um einen zweigeschossigen Massivbau auf annähernd rechteckigem Grundriss. Es wird von einem flach geneigten Satteldach mit dunkler Eindeckung abgeschlossen. Der rechte Giebel ist schmucklos gestaltet, während am linken Dachabschluss der Treppengiebel, also der gestufte Brandgiebel des unmittelbar anschließenden Nachbargebäudes (Kiewel-Haus) sichtbar ist. Die regelmäßig gegliederte Straßenfassade umfasst sechs Fensterachsen, wobei die beiden äußeren Achsen breite, dreiteilige Fenster besitzen, die zudem etwas weiter nach unten reichen als jene der mittleren vier Achsen. Der Hauseingang befindet sich in der linken dieser vier schmaleren Fensterachsen und wird über eine mehrstufige Freitreppe mit Waschbetonplatten erschlossen. Die weiß gestrichene Haustür besitzt einen verglasten Einsatz. Sämtliche Fenster sind stehende Rechteckfenster mit weißen Kunststoffrahmen. Diese asymmetrische Verteilung der Fensteröffnungen verleiht der ansonsten sachlich gestalteten Fassade eine dezente Individualität. Die hell verputzten Fassaden ruhen auf einem dunkel abgesetzten Sockel. Unter dem linken Hausteil befindet sich eine Garage mit hell gestrichenem Tor. Der leicht erhöhte Vorgarten ist durch eine niedrige Mauer mit einer Metallzaunanlage eingefasst und mit Ziersträuchern sowie Rosen bepflanzt. Das Dach besitzt einen geringen Dachüberstand mit sichtbarer Dachrinne. An der rechten Gebäudeseite führt eine befestigte Zufahrt in den rückwärtigen Grundstücksbereich. Auf der rechten Grundstücksseite befindet sich in gleicher Flucht wie das Wohngebäude eine zweigeschossige Doppelgaragenanlage mit sehr leicht geneigtem Walmdach. Auch dieses Gebäude ist hell verputzt. Die Tore sowie die Fenster sind in dunklem Braunton gehalten. Der große Vorplatz ist gepflastert.
Von den Anfängen des Beyers-Hauses bis zum Ende der Feudalzeit Der bislang älteste bekannte Nachweis für die Existenz des Beyers-Hauses, das bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts am Standort des heutigen neuen Gellatz-Hauses stand, findet sich in den Rechnungen der Herrschaft Kail aus dem Rechnungsjahr 1560/61. Dort steht „Beyers Hauß“ mit dem später gestrichenen Zusatz „pfleglos“ und der Überschreibung „modo Kayler Hanß“. Daraus lässt sich schließen, dass die Beyers-Vogtei, deren Namen vermutlich auf einen bayerischen Einwanderer zurückging, schon vorher existierte. Die zugehörigen Ländereien waren bis 1560 offenbar nicht mehr bewirtschaftet worden. Im Jahr darauf hatte dann Johann Kail (Kayler Hanß) das Gut übernommen und verrichtete fortan die auf dem Gut lastenden Abgaben. In einer Auflistung über ältere Unterlagen zu den Oberkailer Stockhäusern aus der Zeit um 1818 wird berichtet, dass Graf Philipp Dietrich (1613-1653) das Beyers-Stockgut „mit Haus, Hof, Scheune und Stallung sowie Garten, Peschen, Wiesen und Ackerland an Niclasen Schmid“ und seine Ehefrau Anna vergeben hätte. Das Dokument, auf das sich dort bezogen wurde, ist heute allerdings in keinem Archiv mehr auffindbar. Ferner heißt es, dass die Eheleute und ihre Erben und Nachkommen vom Beyers-Gut „den schuldigen Pacht nach Ausweistung des Rentenregisters ohnweigerlich vermiegen und ausrichten sollen.“ Dies scheint jedoch nur von kurzer Dauer gewesen zu sein, denn 1655 ist zumindest ein Teil der Ländereien wieder als „pfleglos“ bezeichnet. Im Jahr 1656 wird dann mit „Beyerß Hilger oder Hilger Schomacher“ wieder eine konkrete Person benannt, die auch 1680 (Beyers Hilger) und 1681 (Beyerß Hilger) in den Rechnungen genannt wird. Ein Jahr später übernahm Beyerß Michel das Gut übernommen. Er wird auch im Güterverzeichnis 1698 und in den Rechnungen 1718 (Beyerß Michell) und 1728 (Bayrischen Michell) genannt. Danach ist Bayers Fritz Inhaber des Stockhauses. Bei ihm handelt es sich um Friedrich Bickendorf, der um 1680 geboren war und mit einer Susanna verheiratet war. Das Paar hatte fünf Kinder. Die älteste Tochter Ottilia (um 1710-1756) war nicht verheiratet, hatte aber 1730 den unehelichen Sohn Johann Kaspar zur Welt gebracht. Der Sohn Johann (um 1715-1771) wurde Fritz' Nachfolger im Beyers-Haus. Er heiratete 1738 Anna Barbara Rondé (1716-1756) aus dem Jägers-Haus (Kirchstraße 6) und 1757 Maria Kamers aus Strassen in Luxemburg, die 1767 verstarb. Der Sohn Wolfgang Heinrich (1720-um 1756) war nach Seinsfeld verheiratet, die Tochter Anna Maria (1723-1758) heiratete 1741 Johann Wilhelm Siegeler und zog zu ihm ins Boden-Haus (Standort hinter dem heutigen Haus Bitburger Straße 2). Der jüngste Sohn Matthias (1727-1798) heiratete 1758 mit Maria Katharina Herrmann die Erbtochter aus dem Dieders-Haus (Hauptstraße 1). Kurz vor 1748 muss Fritz Beyers verstorben sein, denn ab dann tritt in den Rechnungen sein Sohn Jo(hann)es in Erscheinung. Im Jahr 1748 wurde auch das neue Beyers-Haus errichtet, das dann über zwei Jahrhunderte den Standort prägen sollte. Das ältere Beyers-Haus stand gemäß Baubefund am neueren Wirtschaftsgebäude rechts des heutigen Hauses (vergleiche die Rekonstruktionszeichnung von Karl Schmitz). Der Backofen reichte sogar über die heutige Grundstücksgrenze Richtung Orsfelder Weg hinaus. Von den zehn Kindern aus den beiden Ehen des Johann Bickendorf starben nachweislich fünf im Kindes- oder jungen Erwachsenenalter. Die älteste Tochter ist vermutlich auch vor ihrem Vater verstorben, denn die Nachfolge tritt mit Theodor Bickendorf (1742-1811) das zweitgeborene Kind an. Von Theodors (Halb-)Geschwistern ist nur eine Eheschließung bekannt: Katharina Bickendorf (1760-1813) heiratete 1789 ins Mergen-Haus (Kuhberg 9) ein. Theodor heiratete nach 1766 Maria Sybilla Blum (1745-1814) vom Hof Schwickerath. Als die französischen Revolutionstruppen einrückten, waren Theodor 52 und Sibylla 49 Jahre alt und kinderlos. Von 1779 bis zum Ende der Feudalzeit 1794 war Theodor Hochgerichtsschöffe der Herrschaft Kail. Zur Unterscheidung von seinem 24 Jahre jüngeren namensgleichen Vetter aus dem Dieders-Haus wurde er als „Theodor Bickendorf senior“ bezeichnet.
Große Umbrüche im Beyers-Haus in französischer und preußischer Zeit Für die Zeit nach dem Tod der letzten Bewohner aus der Familie Bickendorf verliert sich die Überlieferung zunächst. Kurz vor 1828 muss ein Landvermesser, der „Geometer“ Franz Linden, hier gewohnt haben. Im preußischen Kataster, das für Oberkail im Jahr 1828 begonnen wurde, erscheint Nikolaus Becker als Eigentümer zwischen 1828 und 1851. Dieser stammte aus Leiwen, war Handelsmann und seit 1819 mit Katharina Kohl aus dem Philipps-Haus (heutiger Standort Schulstraße 1) verheiratet. Becker hatte auch das Hill-Haus (heute nicht mehr vorhanden, auf dem Grundstück hinter Kuhberg 1 gelegen) erworben und ließ sich 1828 ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus in der Wittlicher Straße 11 errichten - jenes Gebäude, das später als Amtsverwaltung genutzt wurde. Die beiden Stockhaus-Anwesen dürfte Becker vor allem wegen der mit ihnen verbundenen Waldnutzungsrechte erworben haben. Die Wohngebäude selbst waren dagegen vermietet. In den Jahren um 1835 wird Stephan Kuhn (1804-1847) als Pächter des Beyers-Hauses genannt. Dieser erbaute 1838 im Kuhberg 2 ein eigenes Wohnhaus, das nach seinem Vornamen für mehrere Generationen den Hausnamen „Stäfens“ trug. Im Jahr 1838 verstarb Matthias Bickendorf im Beyers-Haus. Er war mit dem letzten Beyers-Ehepaar verwand: Thedor Bickendorf war sein Cousin und dessen Ehefrau Sibylla geborene Blum seine Taufpatin und gleichzeitig Kusine der Mutter seiner Ehefrau Anna Elisabeth Weymann. Rund 20 Jahre bewohnten sie einen Teil des Arkadenbaus der früheren Schlossanlage (Haupichgasse 1), den der alleinlebende Witwer kurz vor seinem Tod an Nikolaus Baring verkauft hatte. Über die Bewohner des Beyers-Hauses in den 1840er Jahren ist bislang nichts bekannt. Die Grundbücher berichten lediglich von einer „Grenzbegradigung“ im Jahr 1843. Nikolaus Becker verkaufte damals ein fast quadratisches Grundstück von 9 Quadratmeter Grundfläche an den Nachbarn Peter Lenz. Das war der Grund, auf dem früher der Backofen des alten Beyers-Hauses stand, und der in das Wewisch-Anwesen hineinragte. Laut den Eintragungen in den Grundbüchern war ab 1851 Hugo Zllien Eigentümer des Beyers-Hauses. Er war 1825 in Gindorf geboren und hatte 1849 Katharina Reuland (1827-1890) aus dem Schmettna-Haus (Nordflügel des früheren Schlosses, heute Burgstraße 10 und 12) geheiratet. Zwischen 1850 und 1874 wurden ihnen zehn Kinder geboren. Die Familie betrieb eine Landwirtschaft. Im Jahr 1883 kaufte Hugo Zillien auch eine 31 Quadratmeter große Grundstücksfläche von Bernhard Herrmann. Dabei handelte es sich um eine Scheune, die direkt an den Hausgiebel des Wewisch-Hauses angebaut war und zur Metschend-Familie (Bitburger Straße 10 und Orsfelder Weg 2) gehörte. Heute bildet dieser Bereich die gepflasterte Hoffläche zwischen der rechten Autogarage und dem Wewisch-Haus. Von den zehn Kindern der Eheleute Zillien-Reuland waren nachweislich drei als Kinder verstorben und zwei weitere waren vor 1890 nach auswärts verheiratet. Von zweien liegen außer den Geburts- und Taufeinträgen keine weiteren Mitteilungen vor. Sohn Ludwig heiratete erst 1918 in Schiffweiler. Damals lebte er aber nicht mehr in Oberkail. Tochter Margaretha verstarb 1935 in Köln-Porz. Möglicherweise lebte sie 1890 noch mit ihrer verwitweten Mutter im Beyers-Haus. Mutter Katharina verstarb im Februar desselben Jahres, im Mai heiratete Sohn Johann und verzog nach Großostheim. Kurz danach muss dann das Anwesen in Oberkail verkauft worden sein. Käufer war August Foegen „Ackerer und Gemeindevorsteher und Ehefrau Katharina geb. Schmitt“ aus dem gegenüberliegenden Gellatz-Haus (Bitburger Straße 7).
Das Beyers-Haus im Besitz der Gellatz-Familie Offenbar war für die Gellatz-Familie beim Erwerb des Beyers-Anwesens vor allem der Zugewinn an Wirtschaftsgebäuden von Bedeutung. Das Hauptanwesen auf der gegenüberliegenden Straßenseite bot kaum noch Möglichkeiten zur Erweiterung der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung. Das Gebäudebuch des Jahres 1910 bezeichnet das Anwesen als „Nebenwohnhaus und Abort, Scheune mit Stallung und Schweineställe“. Wenige Jahre später wurde zum Haus vermerkt: „steht leer“. Das frühere Wohnhaus wurde nur zu Lagerungszwecken genutzt, die Wirtschaftsgebäude dagegen intensiv. Bereits zwei Jahre vor Augusts Tod im Jahr 1916, übernahmen sein Sohn Adam Foegen (1866-1941) und dessen Ehefrau Barbara Kolles (1869-1956) das Beyers-Anwesen, das Gellatz-Haus erst fünf Jahre später. Adam war spätestens 1910 auch Eigentümer des früheren Kiewel-Hilger-, später dann Etteldorf-Hauses zwischen dem Kiewel-Hansen-Haus (heute Bitburger Straße 16) und dem Beyers-Haus. Die letzten Bewohner dieses schmalen Hauses, Bernhard Etteldorf und seine Ehefrau Anna Leisch, hatten spätestens 1908 ein neues Haus in der damaligen Arenbergstraße (heute Meisburger Straße 4) für ihre Familie erbaut und das Haus in der Bitburger Straße samt der links ans Nachbarhaus anschließenden Scheune verkauft. Auch dieses kleine Haus wurde von der Gellatz-Familie nicht zu Wohnzwecken genutzt. Adam Foegens Sohn August (1899-1957) übernahm nach seiner Hochzeit mit der aus Spang stammenden Katharina Magdalena Dillenburg (1912-1996) im Jahr 1939 alle elterlichen Anwesen und führte die land- und forstwirtschaftliche Bewirtschaftung der Familie fort, die nach seinem Tod aufgegeben wurde. Die frühere Scheune des Kiewel-Hilger-Anwesens wurde an die Familie Elsen aus dem Schmieds-Haus (Orsfelder Weg 2) verkauft. Sohn Artur Foegen ließ die beiden ehemaligen Wohngebäude am heutigen Standort Bitburger Straße 14 abbrechen und errichtete für sich und seine Familie (Ehefrau Lieselotte Nabakowski und die Kinder Iris, Arno und Mario) in den 1960er Jahren ein großes neues Dreifamilienhaus. Dieses Haus bewohnt er bis heute. Stall- und Scheunengebäude des Beyers-Anwesens blieben zunächst unverändert neben dem neugebauten Wohnhaus stehen, wurden aber in den 1980er Jahren abgebrochen. Auf einem Teil der frei gewordenen Fläche wurde die heute vorhandene große Garagenanlage errichtet.
(Jörg Kreutz, Oberkailer Zeitspuren e.V. - geschichtlicher Verein der Ortsgemeinde Oberkail, 2026)
Quellen Herzoglich von Croysches Archiv Dülmen, HCAD, BMB, 16, 15, Urteil vom 29. November 1832 in Sachen der Fürsten von Salm-Salm gegen die Stockbesitzer in Oberkail. Herzoglich von Croysches Archiv Dülmen, HCAD, 1, 11, Pro Memoria, angelegt in den Jahren 1814-1818. Kreisarchiv Bitburg: Akten des Standesamtes Oberkail. LHAK 15, 1052, Maria-Theresia-Kataster 1766. LHAK 15, 280, Steuerliste 1793. LHAK, Außenstelle Kobern-Gondorf; Bestände 734-1104, 736-2291 und 736-3427. Pfarrarchiv Oberkail und Bistumsarchiv Trier: Kirchenbücher der Pfarrei Oberkail. Pfarrarchiv Oberkail: Gebundene Abschrift eines Güterverzeichnisses aus der Zeit um 1700. Staatsarchiv Brüssel - Archives Générales du Royaume de Belgique, Bestand Arenberg, La 5359, Rechnungen Oberkail 1453. Urteilsschrift des Rheinischen Appellations-Gerichtshof zu Cöln in seiner öffentlichen Sitzung des ersten Civil-Senats vom 22. April 1835.
Oberkail - Geschichte eines Dorfes in der südlichen Eifel. Neuerburg.
Mehs, Matthias Joseph (1934)
Das Oberkailer „Nahmen Buch der Heiligen Undt Hochheiligen Bruderschaft Jesu undt Mariae“. In: Wittlicher Tageblatt, Nr. 277 und 282, Sonderdruck, Wittlich.
Rech, Claus (o.J.)
Stockbesitzer und Beisassen in Oberkail (Eifel). Ein Beitrag zur Geschichte der Oberkailer Häuser und ihrer Bewohner vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. o.O.. Online verfügbar: https://www.wgff.de/trier/
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