Wohnhaus von Susanne Erdmann in Zeiskam

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Fachsicht(en): Landeskunde
Gemeinde(n): Zeiskam
Kreis(e): Germersheim
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Koordinate WGS84 49° 14′ 2,28″ N: 8° 14′ 46,12″ O 49,23397°N: 8,24614°O
Koordinate UTM 32.445.120,06 m: 5.453.738,66 m
Koordinate Gauss/Krüger 3.445.173,54 m: 5.455.481,22 m
  • Ehemaliges Wohnhaus der Familie Enzinger/Erdmann in der Straße Im Böbig 1 in Zeiskam (o.J.)

    Ehemaliges Wohnhaus der Familie Enzinger/Erdmann in der Straße Im Böbig 1 in Zeiskam (o.J.)

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  • Susanne Erdmann aus Zeiskam am Klavier (1985)

    Susanne Erdmann aus Zeiskam am Klavier (1985)

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  • Susanne Erdmann aus Zeiskam, genannt „Sannchen“, auf dem Landauer Wochenmarkt (1980er Jahre)

    Susanne Erdmann aus Zeiskam, genannt „Sannchen“, auf dem Landauer Wochenmarkt (1980er Jahre)

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  • Susanne Erdmann aus Zeiskam, genannt „Sannchen“, auf dem Landauer Wochenmarkt (1980er Jahre)

    Susanne Erdmann aus Zeiskam, genannt „Sannchen“, auf dem Landauer Wochenmarkt (1980er Jahre)

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  • Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz: Steckkreuz und Miniatur an einer Anstecknadel

    Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz: Steckkreuz und Miniatur an einer Anstecknadel

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Nur die älteren Zeiskamer wissen noch, wenn sie an dem älteren Haus Im Böbig, eine Nebenstraße der Bahnhofstraße, vorbeifahren, wer darin einmal gewohnt hat. Nach dem Tod des Vaters Philipp Enzinger II. und seiner Frau Erika lebten darin ihre Kinder Susanne, Luise und ihr geistig beeinträchtigter Bruder Theophil. Mit großem Respekt ist die Lebensleistung der beiden Schwestern anzuerkennen. Susanne Erdmann geb. Enzinger (1905 – 1994) wurde in ihrem letzten Lebensjahr, besonders für ihr musikalisches und soziales Engagement im Dorf, durch den Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz geehrt. Vor dem bescheidenen Wohnhaus lässt sich der selbstlose Einsatz der Familie heute nicht mehr zu erahnen.

Jahrzehnte an der Kirchenorgel
Geprägt vom Glauben
Schutz und Fürsorge für den Bruder
Orgeldienst als Lebensaufgabe
Alltag zwischen Marktstand und Mission
Eine verdiente Würdigung
Quellen / Internet


Jahrzehnte an der Kirchenorgel
Ab ihrem 25. Lebensjahr war es amtlich: Susanne Enzinger begleitete von nun an jeden Sonntag den Gesang der Gottesdienstbesucher in der Protestantischen Kirche an der Orgel. Otto Heinrich Gottschall war 1930 seit fünf Jahren Pfarrer der Kirchengemeinde. Doch von wem hatte die junge Frau in dem Bauerndorf die Orgel spielen gelernt? Es ist anzunehmen, dass Oberlehrer Johann Vogel, der selbst zuvor den Orgeldienst ausgeführt hatte, ihr Lehrmeister war.

Geprägt vom Glauben
Die Zeiskamer Familie Enzinger war eine sehr gläubige Familie und besuchte neben den Gottesdiensten in der Kirche die Versammlungen im „Evang. Vereinshaus“ in der Mittelgasse, erbaut 1909. Vater Philipp Enzinger II. hatte bereits mit 16 Jahren im November 1885 den Zeiskamer Posaunenchor mitbegründet. Gern gesehene Gäste waren die Zeiskamer Bläser auf vielen Missionsfesten in der ganzen Pfalz. In den 1920er Jahren waren im Zeiskamer Gemeinschaftsbezirk die Prediger Bauer und Strack tätig, die sich über das junge musikalische Talent von Susanne Enzinger nur freuen konnten, denn sie begleitete dort den Gesang der Versammlungs- und Bibelstundenbesucher am Harmonium. Besonders verbunden war die Familie mit der Evangelischen Diakonissenanstalt in Speyer. Die älteste Schwester Susannes, Pauline Enzinger (1894 – 1978), war als Diakonisse in das dortige Mutterhaus eingetreten.
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Schutz und Fürsorge für den Bruder
Zwei Töchter der Familie, denen Vater Philipp und seine Ehefrau Erika geb. Heupel nacheinander den Vornamen Lydia gegeben hatten, verstarben noch als Kinder. Sohn Theophil (1898 – 1960) taucht 1936 in den Akten des Gesundheitsamtes Germersheim auf. Im Jahr der Regierungsübernahme 1933 hatten die Nationalsozialisten das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen. Und im Dorf war bekannt: Auch Theophil Enzinger ist geistig behindert und wird von der Familie umsorgt, weil er kein eigenständiges Leben führen kann.
Aus seinem Schülerbogen, der den Akten des Gesundheitsamtes beiliegt, geht hervor, dass seine Noten in den sieben Volksschulklassen sowie in den drei Klassen der Volksfortbildungsschule durchgehend bei drei und vier lagen, außer der sehr guten Note in Betragen und der guten Note im Fleiß. Insgesamt war er also kein leistungsfähiger Schüler. Wann und wodurch die Behinderung offensichtlich wurde, ist aus den Akten nicht ersichtlich. Aufgrund der gesetzlichen Vorgaben sollte Theophil vom Amtsarzt untersucht und einer Sterilisation zugeführt werden. Vater Philipp schrieb nach Germersheim:
„… Teile Ihnen mit, daß ich absolut gegen einen operativen Eingriff bei ihm bin. I. hat er gar keine Neigung gegen das andere Geschlecht und II. ist leicht möglich, daß er durch solche Sachen einen Rückfall in Nervenstörung bekäme und wir hätten dann wieder die Sorgen und Lasten.“
Tatsächlich blieb Theophil der Eingriff erspart und die Schwestern, neben Susanne auch das jüngste Familienmitglied Luise Enzinger (1906 – 2005), übernahmen die jahrzehntelange Fürsorge für ihren Bruder.
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Orgeldienst als Lebensaufgabe
Susanne hatte sich im Jahr 1936 mit Heinrich Erdmann verheiratet und wohnte ab Mitte 1940 mit ihm in Freisbach. Doch die eingegangene Ehe hatte keine Zukunft. Bereits von 1943 bis 1947 wird sie wieder als Organistin im Zeiskamer Gotteshaus aufgeführt. Danach hatten jüngere Menschen viele Jahre lang das Spiel auf den Orgelmanualen übernommen, zuerst für drei Jahre der Zeiskamer Pfarrerssohn und Theologiestudent Traugott Marx, dann von 1951 bis 1970 Wilhelm Günther. Doch nach ihm stieg Susanne Erdmann noch einmal fast 24 Jahre lang die Treppenstufen zur früheren Zeiskamer Orgelempore hinauf und begleitete die Gottesdienste. Viele Jahre organisierte sie auch das Singen mit den Konfirmanden, damit diese bei ihrem Abschlussgottesdienst das eine oder andere Lied vortragen konnten. In die Tasten griff sie weiterhin im Missionshaus und bei Begräbnisfeiern in der Friedhofshalle. Ein Honorar wollte sie dafür nicht in Anspruch nehmen, sondern sah dies als Dienst aus ihrem Glauben heraus. Auch in Freisbach, Gommersheim, Weingarten und anderswo hatte sie über die Jahre Orgeldienst übernommen und fuhr bei Wind und Wetter in die Nachbardörfer. Einmal kam sie so nass an ihrem Einsatzort an, dass ihr Mantel während des Gottesdienstes am Herd des Pfarrers getrocknet wurde.

Alltag zwischen Marktstand und Mission
Eine Bekanntheit war Susanne Erdmann bis ins hohe Alter auch in Landau, da sie dort den Wochenmarkt mit den zusammen mit ihrer Schwester Luise selbst angebauten Früchten belieferte. Gemüsehändler Willi Humbert, der auch den Landauer Markt belieferte, nahm die Ware der Schwestern in seinem Lieferwagen mit. Susanne Erdmann fuhr kurz nach 7 Uhr mit dem Zug hinterher, meist noch mit einem Säckchen weitere Ware, die sie noch schnell gerichtet hatte. Die Zeiskamer Schüler und Lehrlinge, die mit dem gleichen Zug fuhren, haben ihr häufig geholfen, ihre Sachen auf den Marktplatz zu bringen.
Die Preise für die Käufer errechnete sie im Kopf. Manche Lebensratschläge und fromme Wünsche hat sie in ihrer einfachen Originalität ihren Kunden mit auf den Weg gegeben. In ihrer bescheidenen, aber liebevollen und fürsorglichen Art kümmerte sie sich vor Ort in Zeiskam um kranke und alte Menschen und zeigte so, was gelebtes Christentum bedeutet. In der Weihnachtszeit sah man sie im Ort von Haus zu Haus gehen und den Zeiskamern christliche Kalender und die Herrnhuter Losungsbüchlein anbieten. Und immer wieder bat sie in den Häusern um Spenden für die Mission, beispielsweise für die Christoffel-Blindenmission, für die sie auch gebrauchte Brillen weiterleitete. Auch blieben die drei Schwestern ihr Leben lang mit der Speyerer Diakonissenanstalt eng verbunden.

Eine verdiente Würdigung
1993 erhielt Susanne Erdmann eine besondere Ehrung für ihr hingebungsvolles Leben. Sie erhielt den Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz, verliehen durch den Ministerpräsidenten an Personen, die Außergewöhnliches für das Land geleistet haben. Sie steht damit in einer Reihe mit z.B. den SPD-Politikern Klaus von Dohnanyi und Jockel Fuchs, dem früheren Ministerpräsident Bernhard Vogel, dem Alt-Kirchenpräsidenten Heinrich Kron und dem ehemaligen Fußballspieler des 1. FCK Horst Eckel. Altbürgermeister Roland Humbert berichtet von dem Ereignis:

„Mit Bas Sanche und ihrer Schwester Bas Luise verbinden mich die schönsten Erinnerungen meines Lebens. Für mich als damaliger Ortsbürgermeister war es selbstverständlich, dass ich sie zu der geplanten Ehrung nach Mainz bringen werde. Wir waren früh vor Ort. Schon als wir Speyer auf der Umgehungsstraße passierten und die Türme des Doms und der ‚Retscherkirche‘ sahen, waren die beiden begeistert. Und als wir in Mainz an vielen alten Patrizierhäusern vorbei fuhren, sagten sie: ‚Theophil [ihr verstorbener, behinderter Bruder] würde sagen: Das sind lauter Kirchen.‘ Wir hatten bis zur Ehrung noch Zeit und besichtigten einen Teil der Innenstadt mit Dom, Rathaus, Rheinufer usw. Als wir auf dem mit kleinem Naturpflaster befestigten Domplatz etwas Platz nahmen, sagte ‚Bas Luise‘: ‚War des e Ärwet, bis des alles geplaschtert war.‘ Die Veranstaltung fand im Regierungshaus, in einem Saal neben dem Büro von Ministerpräsident Kurt Beck statt. Der Saal war voller VIPs, dazwischen Bas Sannche, ihre Schwester und ich. Und als ihre Ehrung an der Reihe war, und diese begründet wurde, ging ein Raunen voller Ehrfurcht durch den Saal und endete in einem frenetischen Beifall. Unter viel geehrter Prominenz war sie ungewollt der ‚Star‘. Sie war gerührt, und zugegeben, auch ich war sehr ergriffen und bekam feuchte Augen. Ich hatte sie im Anschluss an die Ehrung persönlich in Mainz zum Abendessen eingeladen. Auch hier große Bescheidenheit, ich musste sie fast drängen etwas zu wählen. Und zum Trinken kam der Hinweis: Nicht so viel trinken, sonst muss man in der Nacht so oft raus. Was mir an diesem Tag nicht so gefiel: Die beiden ließen es sich nicht nehmen mich, immer etwas ehrfürchtig, mit ‚Herr Bürschermeister‘ anzusprechen. Roland wäre mir lieber gewesen. Wie gesagt, es war mein schönster Tag in zwanzig Jahren Tätigkeit als Ortsbürgermeister.“

Durch die Verleihung des Verdienstordens des Landes erfuhr eine einfache Frau die Anerkennung für ein Leben in Bescheidenheit und Hingabe. Bereits im darauffolgenden Jahr, Ende Februar hatte sie das letzte Mal die Orgel gespielt, verstarb Susanne Erdmann am 22. März 1994 im Diakonissenkrankenhaus der Speyer im Alter von 89 Jahren und konnte damit die Inbetriebnahme der neuen Orgel in der evangelischen Kirche in Zeiskam Ende des gleichen Jahres nicht mehr erleben. Ihre Schwester Luise wurde 99 Jahre alt und verstarb 2005 ebenfalls in Speyer.
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(Hartwig Humbert, Zeiskam, 2025)


Quellen
  • Akten des Gesundheitsamtes Germersheim im Landesarchiv Speyer, Bestand O 52 Nr. 124
  • Evang. Kirchenbote: „ 60 Jahre als Organistin in Zeiskam tätig“. Ausgabe vom 03.03.1985
  • Evang. Kirchenbote: Ein bescheidenes Leben im christlichen Sinne„. Ausgabe vom 22.03.1992
  • Rheinpfalz: “Eine seltene selbstlose Treue„. Ausgabe vom 19.02.1985
  • Rheinpfalz: “Die Umsetzung des Christentums innerhalb der Gemeinde. 19.02.1992
  • Persönliche Information durch Altbürgermeister Roland Humbert

Internet
de.wikipedia.org: Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz (abgerufen 19.08.2026)
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Wohnhaus von Susanne Erdmann in Zeiskam

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Im Böbig 1
Ort
67378 Zeiskam
Fachsicht(en)
Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Fotos, Literaturauswertung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger

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Hartwig Humbert (2025): „Wohnhaus von Susanne Erdmann in Zeiskam”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-360472 (Abgerufen: 21. August 2026)
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