Tissjiens-Haus in Oberkail

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Fachsicht(en): Landeskunde
Gemeinde(n): Oberkail
Kreis(e): Eifelkreis Bitburg-Prüm
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Koordinate WGS84 50° 02′ 9,47″ N: 6° 40′ 39,69″ O 50,03597°N: 6,67769°O
Koordinate UTM 32.333.699,04 m: 5.545.213,24 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.548.595,39 m: 5.544.629,19 m
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    Tissjiens-Haus in Oberkail (2026)

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    Federzeichnung des Tissjiens-Anwesens

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    Ferraris-Karte

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    Kartenmaterial aus der Zeit um oder kurz nach 1860

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    Ortslagenkarte aus dem Jahr 1828

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    Tissjiens-Haus in Oberkail

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Das Anwesen Orsfelder Weg 3 und 3a gehört zu den historisch gewachsenen Hofanlagen Oberkails und lässt die Entwicklung eines für die Südeifel typischen Trierer Einhauses eindrucksvoll nachvollziehen. Aus einem Anfang des 19. Jahrhunderts entstandenen Wohnhaus mit Wirtschaftsgebäuden entwickelte sich durch zahlreiche An- und Umbauten das heutige Wohnensemble. Neben der Baugeschichte zeichnet die Hauschronik auch die wechselvolle Geschichte seiner Bewohner nach - von den ersten Eigentümern über die Familie Thiesgen bis zur behutsamen Sanierung in jüngster Zeit. Damit verbindet das Anwesen auf anschauliche Weise Bau-, Familien- und auch Ortsgeschichte.


Lage und Gebäudebeschreibung
Das Anwesen Orsfelder Weg 3 und 3a präsentiert sich heute als langgestreckter, zweigeschossiger Massivbau mit traufständiger Ausrichtung zur Straße. Ursprünglich handelte es sich um ein Trierer Einhaus, bei dem Wohnteil, Stall und Scheune unter einem gemeinsamen Dach zusammengefasst waren. Diese für die Südeifel charakteristische Hausform ist trotz der späteren Umbauten bis heute deutlich ablesbar. An den beiden Gebäudeenden schließen sich Nebengebäude an. Links befindet sich ein zweigeschossiger, ehemaliger Wirtschaftsbau, rechts ein jüngerer Nebentrakt mit Carport.
Das Hauptgebäude wird von einem flach geneigten, mit Ziegeln gedeckten Satteldach abgeschlossen und besitzt schlichte, verputzte Fassaden. Die Fensteröffnungen werden von schmalen, braun gefassten Gewänden eingefasst und sind mit moderneren Fenstern ausgestattet. Trotz der einheitlichen Fassadengestaltung lässt die Anordnung der Öffnungen die ursprüngliche Gliederung des Gebäudes erkennen.
Der linke Gebäudeteil diente seit seiner Errichtung als Wohnbereich. Im rechten Abschnitt befanden sich ursprünglich Stall und Scheune. Im Zuge einer umfassenden Modernisierung wurden die zuvor landwirtschaftlich genutzten Bereiche vollständig zu Wohnraum umgebaut. Die ehemaligen Wirtschaftsöffnungen wurden durch neue Fenster- und Türöffnungen ersetzt, sodass sich das Gebäude heute als geschlossenes Wohnhaus präsentiert.
Die Straßenfassade weist jedoch keine streng regelmäßige Achsengliederung auf. Vielmehr sind Fensterachsen und Öffnungsgrößen leicht gegeneinander verschoben, wodurch die einzelnen Bau- und Nutzungsabschnitte weiterhin erkennbar bleiben. Besonders im älteren Wohnteil unterscheiden sich die Fensterformate und Achsabstände deutlich voneinander. Die vier Fensterachsen lassen sich in zwei unterschiedliche Bauabschnitte gliedern. Der ältere Teil ist dabei vermutlich in den beiden linken, ungewöhnlich weit auseinander liegenden Achsen zu sehen. Der Hauseingang befindet sich in der zweiten Achse. Die Fenster der beiden rechten Achsen sind größer und vertikal gegenüber den linken nach oben verschoben. Im ehemaligen Stall- und Scheunenbereich, heute mit der Hausnummer 3a versehen, wurden die neuen fast quadratischen Fenster zwar regelmäßig angeordnet, orientieren sich jedoch nicht an den Achsen des Wohnteils. Diese gestalterisch oder konstruktiv bedingten Verschiebungen verleihen der Fassade ihren charakteristischen, gewachsenen Eindruck und dokumentieren die historische Entwicklung des Anwesens vom landwirtschaftlichen Wohnstallhaus zum modernen Wohngebäude.

Die bauliche Entwicklung des Anwesens
Die ältesten detaillierten Kartenaufnahmen aus den Jahren 1676/77 zeigen hinter den Anwesen Bitburger Straße 12 bis 16 einen Baumgarten, der sich über die gesamte Breite zwischen dem heutigen Orsfelder Weg und der Bitburger Straße erstreckte. Vermutlich wurden zwischen den Obstbäumen auch Gemüse- und Futterpflanzen angebaut. Im ersten preußischen Kataster von 1828 werden diese Parzellen lediglich als „Garten“ bezeichnet; die frühere Differenzierung zwischen Garten und Baumgarten war zu diesem Zeitpunkt bereits entfallen. Zudem zeigt der Katasterplan dieser Zeit schon zwei kleine Gebäude am Standort des heutigen Tissjiens-Anwesens. Das eine davon grenzt direkt an den Weg, der damals schon offiziell „Orsfelder Weg“ genannt wurde. Im Dorf hat sich jedoch bis heute die ältere Bezeichnung „Hiehl“ von Hohlweg gehalten, oft mit dem Hausnamenszusatz „Reiss-Hiehl“ versehen, zur Unterscheidung von der „Schangen-Hiehl“ (=Schulstraße). Bei diesem Gebäude handelt es sich höchstwahrscheinlich um das damalige Wohnhaus (heutiger linker Teil von Orsfelder Weg 3). Das zweite, deutlich kleinere Gebäude lag etwas vom Weg zurückgesetzt an der unteren Grundstücksgrenze zum neuen Reiss-Haus (Standort Orsfelder Weg 1). Vermutlich handelte es sich um ein Wirtschaftsgebäude, das den Kern des heutigen, deutlich erweiterten Gebäudes bildet. An der Auffahrt des direkt angrenzenden Nachbaranwesens ist dieser ältere Gebäudeteil durch die vorgesetzte Stützmauer deutlich erkennbar. Diese beiden Gebäude wurden vermutlich in den 1810er Jahren erbaut.
Während die Detailkarten von 1828 zwei rechteckige Grundrisse zeigen, weist die gut 30 Jahre später entstandene Karte beim Wohnhaus einen kleinen quadratischen Anbau mittig auf der Straßenseite aus. Dabei handelt es sich um den Backofen des Hauses. In der Folgezeit wurde das Wohngebäude auch in Richtung Ortsausgang erweitert. Dabei handelte es sich wahrscheinlich um einen Stall im Bereich der heutigen rechten Fensterachsen des Wohnhauses Orsfelder Weg 3 sowie einer daran anschließenden Scheune. Im Gebäudebuch des Jahres 1910 wird der Baubestand wie folgt verzeichnet: Wohnhaus, Backofen und Abort, Scheune, Stallung, Schweinestall. Im Jahr 1913 wurde der ehemals freistehende Wirtschaftsbau vergrößert und um einen Holzschuppen erweitert. Seitdem sind die Gebäude miteinander verbunden.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der frühere Stall zu Wohnräumen umgebaut, sodass die beiden rechten Fensterachsen entstanden sind. In diesem Zuge wurde rechts der Scheune ein neues Stallgebäude errichtet - ebenfalls in gleicher Breite, Trauf- und Firsthöhe wie die älteren Bauten.
Nach der Einstellung der landwirtschaftlichen Nutzung um die Jahrtausendwende wurden diese früheren Stall- und Scheunengebäude zu Wohnzwecken umgebaut und bilden seitdem das heutige eigenständige Wohngebäude mit der Anschrift Orsfelder Weg 3a.

Geschichte der Bewohner des Tissjiens-Hauses
Im ersten preußischen Kataster von Oberkail aus dem Jahre 1828 wird Peter Loch (1785-1871) als Besitzer des Hauses und des kleinen Wirtschaftsgebäudes im heutigen Orsfelder Weg 3 geführt. Er war von Beruf Schuhmacher und stammte aus Spang. Im Jahr 1810 hatte er Maria Anna Caspars (1767-1835) aus dem Kiewel-Haus (Bitburger Straße 16) geheiratet. Vermutlich hatten sich die Eheleute nach der Hochzeit am Rande des Gartengeländes des Kiewel-Hauses ein neues Haus errichtet, das in den 1830er Jahren als „Beihaus“ galt, also keine Holznutzungsrechte aus der gräflichen Zeit besaß.
Nach den frühen Sterbefällen von Anna Marias Halbbruder Johann Schmitz im Jahr 1800 und dessen gleichnamigem Sohn im Jahr 1813 wurde der Besitz des Kiewel-Hauses neu aufgeteilt. Der älteste Sohn von Johann Schmitz junior heiratete 1832 ins Elternhaus ein. Seine Schwester Margaretha Schmitz wird 1832 als Mitbesitzerin des Kiewelhansenhauses geführt. Ein Jahr später heiratete sie Johann Kerry, der aus dem ehemaligen Mühlengebäude des Schlosses (Burgstraße 6) stammte. Vermutlich wohnten sie mit ihren drei Kindern im Haus des kinderlosen Ehepaars Loch-Caspars. Margarethas Großtante Anna Maria Caspars hatte nur einen unehelichen Sohn, von dem außer seiner Geburt im Jahr 1791 keine Informationen vorliegen. Nach dem Tod Peter Lochs wurde der jüngste Sohn des Paares Kerry-Schmitz, Adam Kerry (geboren 1842), Besitzer des Anwesens. Seit 1867 war er mit Anna Maria Lenz, geboren 1845 in Malberg, verheiratet. Mit ihren beiden noch lebenden Kindern wanderten sie nach Nordamerika aus. Das Haus im Orsfelder Weg wurde in diesem Zusammenhang 1875 an Peter Kyll (1829-1888) verkauft. Dieser stammte aus Großlittgen, war von Beruf Ackerer und seit 1867 mit der damals 25-jährigen Witwe von Johann Lenz, Anna Maria Gierten verheiratet. Deren Kinder verzogen nach Saarburg, Opladen und Düsseldorf, so dass das Anwesen im Orsfelder Weg in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts erneut verkauft wurde.
Wendelin Thiesgen (1849-1919) stammte aus Dahlem und war als Schäfer in Oberkail tätig. Seine Ehefrau Anna Schmitz (1864-1932) war im Kiewel-Haus (Bitburger Straße 16) geboren worden und verbrachte auch ihre Kinder- und Jugendjahre dort. Später zog sie mit ihren Eltern und Geschwistern ins Kiewel-Haus im Thulenecken (Schulstraße 7). Im Jahr 1892 heiratete sie dann Wendel Thiesgen. Vermutlich lebten sie zunächst im Elternhaus der Frau. Die ältesten vier Kinder des Paares wurden jedenfalls in Oberkail geboren, die nächsten beiden 1899 und 1902 in Spang. Spätestens ab dem Jahr 1905 lebte die Familie aber wieder in Oberkail, denn damals erscheinen im Grundbuch „Schäfer Thiesgen, Wendel und Ehefrau Anna geb. Schmitz“ als Eigentümer des Anwesens in der Hiehl in Erscheinung. Im Jahr 1929 wurde der älteste Sohn Johann Thiesgen (1893-1986) als Eigentümer eingetragen. Er war seit 1925 mit Anna Maria Spoo (1898-1963) aus Wallersheim verheiratet. Von den fünf Töchtern des Paares verstarben drei als Säuglinge. Die jüngste, Theresia Thiesgen, heiratete 1956 Wilhelm Nober aus dem Haus Burgstraße 10 und erbaute mit ihm das Haus und die spätere Gastwirtschaft in der Meisburger Straße 20. Die älteste, Anna Maria Thiesgen (1927-2000) - genannt „Annchen“, heiratete 1953 Johann Densborn (1923-1998) aus dem Schmatz-Haus (Kuhberg 8). Sie bewohnten mit ihren vier Kindern das Haus im Orsfelder Weg und betrieben dort eine Landwirtschaft. Außerdem arbeitete „Häns“ als Waldarbeiter im arenbergischen Wald.
Nach der Aufgabe der Landwirtschaft baute die jüngste Tochter den Wirtschaftstrakt zum Wohngebäude um. Die zweitjüngste übernahm nach dem Tod der Mutter das Elternhaus, das dann zunächst vermietet war und anschließend an die Familie Tsalidis-Savvidou-Tsiompanou verkauft wurde. Im Jahr 2018 kaufte es die heutige Besitzerfamilie Erich und Dagmar Schäfers und sie sanierten seitdem das Gebäude behutsam. Der rechte Gebäudeteil wechselte mehrmals den Besitzer und ist inzwischen vermietet.

(Jörg Kreutz, Oberkailer Zeitspuren e.V. - geschichtlicher Verein der Ortsgemeinde Oberkail, 2026)

Quellen
Kreisarchiv Bitburg: Akten des Standesamtes Oberkail.
LHAKo, Außenstelle Kobern-Gondorf: Bestände 734-1104, 736-2291 und 736-3427.
Pfarrarchiv Oberkail und Bistumsarchiv Trier: Kirchenbücher der Pfarrei Oberkail.

Literatur

Gerten, Erich; Kreutz, Jörg; Rech, Claus (2001)
Oberkail. Geschichte eines Dorfes in der südlichen Eifel. Neuerburg.

Tissjiens-Haus in Oberkail

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Orsfelder Weg 3
Ort
54533 Oberkail
Fachsicht(en)
Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Vor Ort Dokumentation, Archivauswertung

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Jörg Kreutz: „Tissjiens-Haus in Oberkail”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-360448 (Abgerufen: 13. August 2026)
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