Lage und Gebäudebeschreibung
Das zur Unterscheidung von den übrigen Kiewel-Häusern in der Bitburger Straße nach einem früheren Bewohner als „Kiewel-Jusep“ bezeichnete Gebäude ist ein freistehendes, zweigeschossiges Wohngebäude mit langgestrecktem, rechteckigem Grundriss und einem dunkel gedeckten fensterlosen Satteldach. Der Baukörper erstreckt sich traufständig entlang der ansteigenden Straßenflucht in Richtung Gindorf und weist eine klare, regelmäßig gegliederte Fassadenstruktur auf. Die straßenseitige Hauptfassade ist als sechsachsige Putzfassade ausgebildet. Im Erdgeschoss befinden sich beidseits des annähernd mittig angeordneten Hauseingangs insgesamt fünf Fensteröffnungen, während das Obergeschoss sechs Fensterachsen aufweist. Die Fenster sind überwiegend als stehende Rechteckfenster ausgeführt und werden durch farblich abgesetzte Gewände hervorgehoben. Die Fenster der beiden linken Achsen liegen dichter beieinander und sind zugleich deutlich von den übrigen Achsen abgesetzt. Die abweichende Achseinteilung und Proportionierung lassen erkennen, dass dieser Gebäudeteil nicht Bestandteil des ursprünglichen Wohnhausbaukörpers war, sondern auf die spätere Umnutzung der ehemaligen Scheune zurückzuführen ist.
Das ursprüngliche Haus umfasste somit die vier rechten Fensterachsen. Der leicht zurückgesetzte und über wenige Stufen erschlossene Hauseingang befindet sich in der dritten Achse von rechts. Die Fassadenflächen sind mit hellem Strukturputz versehen und werden durch einen farblich abgesetzten Sockelbereich sowie die ebenfalls abgesetzten Fenster- und Türrahmungen gegliedert.
Die Giebelseiten sind deutlich geschlossener ausgebildet: die rechte Giebelseite weist lediglich wenige Öffnungen auf. Im linksseitigen Gebäudeteil befinden sich eine in den Baukörper integrierte Garage mit modernem Sektionaltor sowie eine ehemalige Stalltür mit Oberlicht und zwei flankierenden Fensteröffnungen. Im Obergeschoss dieses ehemaligen Wirtschaftsteils befinden sich zwei großformatige Öffnungen, die durch hölzerne Tor- bzw. Klappenkonstruktionen verschlossen sind.
Die Geschichte des Wohnhauses
Die ältesten detaillierten kartographischen Aufnahmen aus den Jahren 1676/77 zeigen hinter den Anwesen Bitburger Straße 12 bis 16 einen Baumgarten, der sich über die gesamte Breite zwischen der heutigen Bitburger Straße und dem Orsfelder Weg erstreckte. Vermutlich wurden zwischen den Obstbäumen auch Gemüse- und Futterpflanzen angebaut. Im ersten preußischen Kataster von 1828 werden diese Parzellen lediglich als „Garten“ bezeichnet; die frühere Differenzierung zwischen Garten und Baumgarten war zu diesem Zeitpunkt bereits entfallen. Das Gartengrundstück, auf dem das heutige Anwesen Bitburger Straße 20 steht, gehörte damals Matthias Schmitz, der aus dem Kiewel-Haus (Bitburger Straße 16) stammte.
Kurz vor 1840 erwarb Adam Meyer das Grundstück und errichtete darauf ein kleines Wohnhaus, das den Vorgängerbau des heutigen rechten Gebäudeteils darstellt. Nähere Informationen zu Adam Meyer liegen nicht vor. Das Haus scheint er jedoch nur für kurze Zeit selbst genutzt zu haben, denn nach 1860 besaß es der Tagelöhner Bernhard Herrmann (1823-1894). Seit 1847 war dieser mit Katharina Foegen (1823-1886) aus Eisenschmitt verheiratet. Von den fünf gemeinsamen Kindern überlebte nur der jüngste Sohn Theodor die Eltern. Im Jahr 1888 heiratete Theodor Herrmann (1864-1922) die aus Preist stammende Susanna Hiesdorf (1859-1953). Sie wohnten zunächst in Theodors Elternhaus auf Spolich, wie der Bereich der Haupichgasse und Bitburger Straße damals bezeichnet wurde. Zu Beginn der 1890er Jahre - nach dem Tod des Erbauers Matthis Heck und dem Fortzug von dessen Tochter nach Echternach - kauften sie das Haus Kuhberg 17 und verzogen dorthin. Mit ihrem Umzug erhielt das Haus im Kuhberg dann den bis heute gebräuchlichen Hausnamen „Schbolia“.
Nach dem Tod Bernhard Herrmanns im Jahr 1894 wurde das Haus in der Bitburger Straße an den damals noch ledigen Schuhmacher Johann Baumann (1871-1909) veräußert. Dieser stammte aus dem Nachbarhaus Bitburger Straße 11. Im Jahr 1898 heiratete er Anna Maria Haas (1876-1957) aus Bettenfeld. Im Gebäudebuch von 1910 sind für das Anwesen ein Wohnhaus mit Stall und Abort sowie ein Schuppen verzeichnet. Eine genauere Beschreibung überlieferte sich in der Kiewel-Familie mündlich: „Es war ein Flurküchenhaus, ohne Unterkellerung, und mit nur einer Stube rechts neben der Flurküche. Von der Küche konnte man im oberen Geschoss ein Doppelschlafzimmer und eine kleine Kammer über eine Treppe erreichen. Der hintere Teil des Hauses war ein Stall, in der Größe etwa wie die Stube. Dieser hatte seinen Eingang in der rechten Giebelseite. Hinter der Küche war ein kellerartiger Raum, in den der Backofen hineinragte, der von der Küche aus befeuert wurde. Dieser Kellerraum hatte nur den Zugang aus der Küche und einen Ausgang in die später angebaute Scheune und Stall. Der hintere Teil des Hauses lag bis zum 1. Stockwerk im Berg, der aus schwerem Lehm bestand.“
Nach Johann Baumanns Tod waren seine Witwe und die fünf minderjährigen Kinder die Erben. Nach ihrer zweiten Eheschließung im Jahr 1911 mit Nikolaus Hoffmann (1885-1954) aus Speicher übersiedelte die Familie nach Essen-Stehle. Das Anwesen wurde zunächst vom ledigen Tagelöhner Johann Zwilling erworben, der es jedoch bereits ein Jahr später an Wilhelm Schmitz (1880-1948) aus dem Kiewel-Haus im Thulenecken und seine Ehefrau Margaretha Berscheid (1864-1938) aus Gindorf verkaufte. Im Jahr 1922 erwarben die Eheleute zudem das Wohnhaus der Familie Zöll oberhalb ihres Anwesens. Dieses wurde anschließend abgebrochen und durch einen Neubau von Stall und Scheune ersetzt. Der kinderlose Witwer Wilhelm Schmitz heiratete 1939 erneut, die 50-jährige Maria Ernst (1889-1944) aus Rittersdorf. Doch nach nur fünf Ehejahren in Oberkail verstarb sie an einem Schlaganfall.
Der inzwischen zum zweiten Mal verwitwete 64-jährige Wilhelm Schmitz nahm 1944 seinen Neffen Josef Schmitz (1901-1972), der ebenfalls aus dem Kiewel-Haus im Thulenecken stammte, mit seiner Frau Katharina Rondé (1903-1983) und der gemeinsamen Tochter Christine (*1943, Christel gerufen) zu sich in das Haus. Josef Schmitz, im Ort als „Kiewel-Jusep“ bekannt, wurde zum Namensgeber des Anwesens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1978 übernahm Christel Krisor, geborene Schmitz, die seit 1965 in Kyllburgweiler lebt, das Haus von ihren Eltern und vermietete es nach dem Tod ihrer Mutter. Heute gehört es ihrem Sohn Klaus-Josef Krisor.
Vom Zöllen-Haus zum Wirtschaftsgebäude des Kiewel-Hauses
Am Standort des heutigen linken Gebäudeteils von Bitburger Straße 20 befand sich ursprünglich ebenfalls ein Garten, der im Jahr 1828 Hilarius Carpentier gehörte. Dieser stammte aus dem Lorentz-Haus (Bitburger Straße 7) und hatte sich daneben ein kleines Wohngebäude errichtet, das heute zum linken Teil des Anwesens Bitburger Straße 9 gehört. Im Jahr 1848 verkaufte er das Gartengrundstück an den Maurer Nikolaus Zöll (1821-1880) aus Dahlem. Seit 1846 war dieser mit Maria Franziska May (1825-1905) aus Malberg verheiratet. Kurz darauf dürften sie auf dem Grundstück in Oberkail ein Wohnhaus errichtet haben, das in der Steuerliste des Jahres 1856 als Wohnhaus der Klasse I und damit der niedrigsten Steuerkategorie geführt wird. Im Gebäudebuch von 1910 sind für das Anwesen ein Wohnhaus mit Abort, ein Stall sowie ein Schuppen verzeichnet. Eigentümer sind im Gebäudebuch die Erben des Nikolaus Zöll ausgewiesen. Zu dieser Erbengemeinschaft gehörten vermutlich die beiden verheirateten Töchter Anna Katharina (1846-1937, in Meisburg wohnhaft) und Elisabeth (1852-1918). Ob der nach Nordamerika ausgewanderte Sohn Bernhard (*1855) noch Mitglied dieser Erbengemeinschaft war, lässt sich anhand der überlieferten Daten nicht mehr feststellen. Möglicherweise lebte zu diesem Zeitpunkt auch noch der 1848 geborene Sohn Nikolaus, zu dem keine weiteren genalogischen Daten vorliegen. Einer mündlichen Überlieferung innerhalb der Kiewel-Familie zufolge soll der letzte männliche Bewohner des Zöllen-Hauses „bis ins hohe Alter als Knecht und Hausdiener bei Frau Bauer“ im Haus Bitburger Straße 1 gearbeitet. Hierbei könnte es sich um Nikolaus Lehnen handeln, den 1841 in Weinsheim geborenen Ehemann von Elisabeth Zoell, der möglicherweise als Witwer allein im Elternhaus seiner Ehefrau wohnte. Ein entsprechender Sterbeeintrag lässt sich in den Standesamtsunterlagen von Oberkail jedoch nicht nachweisen.
Spätestens im Jahr 1922 hatte er das Anwesen jedoch verlassen, denn dann ging es ins Eigentum des Nachbarn Wilhelm Schmitz über. Wilhelm Schmitz ließ das Wohnhaus abbrechen, den unmittelbar dahinter ansteigenden Hang teilweise abtragen und errichtete an seiner Stelle einen Stall- und Scheunenbau. Im Grundbuch wurde der neu errichtete Stall- und Scheunenbau zunächst noch rund drei Jahrzehnte als eigenständige Liegenschaft geführt. Erst im Jahr 1952 erfolgte die vollständige grundbuchliche Vereinigung mit dem Kiewel-Jusep-Anwesen.
(Jörg Kreutz, Oberkailer Zeitspuren e.V. - geschichtlicher Verein der Ortsgemeinde Oberkail, 2026)
Quellen
Christel Krisor: Familiengeschichtliche Überlieferung im Kiewel-Haus.
Kreisarchiv Bitburg: Akten des Standesamtes Oberkail.
LHAKo, Außenstelle Kobern-Gondorf: Bestände 734-1104, 736-2291 und 736-3427.
Pfarrarchiv Oberkail und Bistumsarchiv Trier: Kirchenbücher der Pfarrei Oberkail.