Lage und Gebäudebeschreibung
Nutzung als Wohnhaus mit Stall und Scheune
Zusätzlich zur Wohnnutzung kommen Schmiede, Erntekindergarten und Schneiderei
Quellen
Lage und Gebäudebeschreibung
Die beiden direkt aneinandergebauten Wohnhäuser befinden sich am Beginn der Burgstraße zwischen dieser und dem Kailbach. Sie tragen die Hausnummern 1 und 3. Die beiden Gebäude sind jeweils rechteckig, gegeneinander aber leicht abgewinkelt. Beide Gebäude sind zweigeschossig in geschlossener Bauweise errichtet und verfügen über traufständige Satteldächer mit dunkler Ziegeleindeckung. Der zur Brücke hin gelegene Erweiterungsbau ist hingegen mit Kunstschiefer gedeckt und besitzt ein gewalmtes Dach. Die Fassaden sind hell verputzt und klar gegliedert, mit regelmäßig angeordneten, rechteckigen Fensteröffnungen. Das rechte Gebäude, der ältere der beiden Bauten, ist vierachsig ausgebildet. In der dritten Achse befindet sich im Erdgeschoss die leicht zurückversetzte Haustür; die rechte Fensterachse ist dabei etwas weiter von dieser abgesetzt. Das linke Gebäude setzt sich aus einem im Erdgeschoss sechsachsigen Wohnhaus und einem links anschließenden Erweiterungsbau zusammen, der früher gewerblich genutzt wurde. Beide Gebäudeteile sind jeweils über Eingangstüren im jeweiligen rechten Gebäudebereich erschlossen. Besonders auffällig ist der eingeschossige, verglaste Erker im Erdgeschoss, der über Eck geführt ist und sich konstruktiv leicht vom Hauptbaukörper absetzt. Im Obergeschoss befinden sich mehrere, teils großformatige Fenster, deren Anordnung nicht mit der Gliederung des Erdgeschosses übereinstimmt.
Nutzung als Wohnhaus mit Stall und Scheune
Die heutigen Häuser Burgstraße 3 und Burgstraße 1 lagen außerhalb des ursprünglichen Gebäudebestandes der ehemaligen Burg- und Schlossanlage und sind zudem jüngeren Datums. Der Standort wird in einem historischen Plan der Anlage als „Platz vor dem großen Tor“ bezeichnet. Im Jahr 1811 gelangten die heutigen Grundstücke gemeinsam mit dem Pootenhaus (Burgstraße 5) in den Besitz von Peter Schmitt, der diesen unbebauten nordwestlichen Zipfel seines Grundstücks 1836 an Joseph Kneupper veräußerte.
Joseph Kneupper (1805-1862), von Beruf Schreiner, stammte aus Boppard am Rhein. Sein älterer Bruder Friedrich Jakob Kneupper hatte bereits 1818 Magdalena Gores geheiratet, die älteste Tochter aus dem Oberkailer Jäbges-Haus (Kuhberg 3). Joseph Kneupper ehelichte 1829 die jüngere Schwester Amalia Gores (1804-1870). Zwischen 1840 und 1850 errichteten die Eheleute an diesem Standort ein erstes Wohngebäude, das den Ursprung des heutigen Hauses Burgstraße 3 bildet. In einer Steuerliste des Jahres 1855 wird dieses Gebäude als „Wohnhaus zweiter Klasse“ geführt, was auf eine eher geringe Größe schließen lässt. Für die ersten Jahrzehnte dieses Hauses liefern die Grundbücher keine weiteren Informationen. Spätestens ab 1883 war der aus Osann stammende Handelsmann Moses Ermann (1841–1905) für das Wohngebäude steuerpflichtig. Vermutlich lebte er jedoch bereits seit 1881 mit seiner Familie dort, da diese in jenem Jahr aus der vorherigen Wohnung im späteren Haus Burgstraße 11 ausgezogen war. Moses Ermann war mit der Wittlicherin Carolina Dublon (1844–1907) verheiratet. Seit 1872 lebte das Ehepaar in Oberkail; dort wurden auch ihre neun Kinder geboren, von denen drei bereits im Säuglingsalter verstarben. Die Familie Ermann-Dublon ist die erste heute bekannte Familie jüdischen Glaubens in Oberkail. Zwei Töchter heirateten nach auswärts, Sohn Lyon zog mit seiner Ehefrau und den drei in Oberkail geborenen Kindern nach Trier. Sohn Michael (Michel) erwarb gemeinsam mit seiner Ehefrau das Haus Kirchstraße 3 und bewohnte es bis zum Wegzug der Familie nach Gerolstein im Jahr 1929. Sohn Adolf (1882–1946) lebte mit seiner aus Irrel stammenden Ehefrau Paula Kallmann (1884–1951) sowie den gemeinsamen Söhnen Max (1909) und Arnold (1910) im Haus Burgstraße 3.
Im Gebäudeverzeichnis von 1910 sind neben dem Wohnhaus ein „Abort“ sowie Scheune und Stall aufgeführt. Diese Ökonomiegebäude befanden sich am Standort des heutigen Hauses Burgstraße 1.
Zusätzlich zur Wohnnutzung kommen Schmiede, Erntekindergarten und Schneiderei
Ab dem Jahr 1929 ist im Grundbuch der Schmied Johann Eppers (1890-1980) als Eigentümer des Hauses mit Nebengebäuden verzeichnet. Er stammte aus Ingendorf und hatte bereits im Jahr zuvor gemeinsam mit seiner aus Fließem stammenden Ehefrau Elisabeth Zeihen (1896-1971) das gegenüberliegende Haus Burgstraße 2 erworben. Eppers nutzte vor allem die Nebengebäude zu gewerblichen Zwecken und errichtete 1935 einen neuen Schuppen. Er betrieb bis zum Neubau eines größeren Betriebs auf dem Kuhberg hier eine kleine Butterfass-Fabrik. Noch vor 1939 ging das Wohnhaus in den Besitz des Schneidermeisters Lorenz Gerhards (1899-1964) aus Spangdahlem und dessen aus Gransdorf stammende Ehefrau Katharina Kalle (1901-1967) über. Die früheren Ökonomiegebäude erwarb die Zivilgemeinde und richtete in dem Gebäude anschließend den ersten Oberkailer Kindergarten ein, einen sogenannten „Erntekindergarten“. Dabei handelte es sich um zeitlich befristete Kinderbetreuungseinrichtungen während der Erntezeiten, die von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) organisiert wurden, um die Kinder von Bäuerinnen zu betreuen, damit diese auf den Feldern arbeiten konnten. Die Erntekindergärten dienten zugleich der nationalsozialistischen Ideologie im Sinne der „Blut-und-Boden“-Propaganda sowie der Erfassung und Lenkung der Bevölkerung. Einige Jahre nach dem Untergang des Nationalsozialismus erwarb Lorenz Gerhards auch diesen Gebäudeteil, in dem sich vor der Kindergartennutzung Scheune und Stall befunden hatten.
Im Jahr 1955 ließ die Familie Gerhards-Kalle Umbauten am Wohnhaus vornehmen; 1957 wurden die ehemaligen Ökonomiegebäude zu Wohnraum und Laden umgebaut. Die Schneiderei florierte zunächst und verfügte über Kundschaft in zahlreichen umliegenden Dörfern. Mit der zunehmenden Industrialisierung verlagerte sich jedoch die klassische handwerkliche Schneiderarbeit immer stärker hin zur maschinellen Kleidungsproduktion in Großbetrieben, die seit Jahrzehnten zunehmend im Ausland ansässig sind. Dem Dorfschneider blieben schließlich nur noch wenige individuelle Auftragsarbeiten sowie Änderungen und Reparaturen von Kleidungsstücken. Erich und Theo Gerhards sahen sich daher gezwungen, ihre selbstständige handwerkliche Tätigkeit aufzugeben und neue Berufe als Angestellte zu ergreifen.
Nach seiner Eheschließung mit Erika Schuh aus Seinsfeld zog Erich Gerhards in das damals neue Wohngebäude, das heute die Hausnummer 1 trägt. Dieses bewohnte die Familie Gerhards-Schuh mit ihren beiden Töchtern bis zum Umzug der Eltern in eine seniorengerechte Wohnumgebung. Seit 2022 ist Pierre Spiller aus Zell an der Mosel Eigentümer des Wohnhauses Burgstraße 1 einschließlich der ehemaligen Geschäftsräume der Schneiderei. Er hat den Gebäudekomplex vermietet. Theo Gerhards hingegen blieb im Elternhaus Burgstraße 3 wohnen. Er heiratete Barbara Kreten aus Oberkail. Nach dem Tod der Eltern lebten die beiden gemeinsam mit ihrer Tochter in dem Haus. Auch heute wohnen die beiden Senioren weiterhin dort.
(Jörg Kreutz, Oberkailer Zeitspuren e.V. - geschichtlicher Verein der Ortsgemeinde Oberkail, 2026)
Quellen
- Kreisarchiv Bitburg: Akten des Standesamtes Oberkail.
- LHAK, Außenstelle Kobern-Gondorf: Bestände 734-1104, 736-2291 und 736-3427.
- Pfarrarchiv Oberkail und Bistumsarchiv Trier: Kirchenbücher der Pfarrei Oberkail.