Wer waren die Tagelöhner?
Begriffsverwendung
Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt
Alltag im Tagelohn
Familienschicksale
Statistik aus Zeiskam von 1863
Mehrere Generationen im Tagelohn
Wer waren die Tagelöhner?
Tagelöhnerinnen und Tagelöhner waren im 19. Jahrhundert und im frühen 20. Jahrhundert die unsichtbaren Stützen in den Dörfern. In ländlichen Regionen lebten sie deutschlandweit meist in einfachen Häuschen in der Nähe der Bauernhöfe. Ihr Alltag war geprägt von harter Arbeit, doch wer genauer hinsah, entdeckte ein Netz aus Zusammenhalt, Wissen und gegenseitiger Unterstützung. Wenn die Bauern sie riefen, kamen sie zuverlässig, oft über Jahre hinweg zu denselben Höfen. Sie waren es, die neben der Bauernfamilie die Felder bestellten, die Ernte einbrachten und damit das Überleben der gesamten Dorfgemeinschaft sicherten, denn ohne sie hätten die Bauern selbst nicht genug Arbeitskräfte gehabt.
Begriffsverwendung
Der ländliche Raum zwischen 1832 und 1934 gilt in der historischen Forschung als immer noch im 18. Jahrhundert feststeckend, während die Städte als modern gelten. Die Heimatforschung neigt zur romantischen Verklärung und nimmt dabei die Perspektive der Landbesitzenden ein und nicht die der arbeitenden Menschen im Tagelohn.
Arbeitende im Tagelohn, Tagelöhner und Tagelöhnerinnen werden auch bezeichnet als Tagnerinnen und Tagner, pfälzisch Daachlehner, in den katholischen Pfarrbüchern lateinisch operarii, in Akten der französischen Zeit journaliers. Heute hat der Begriff eine teils stigmatisierende Bedeutung und wird daher nicht mehr verwendet, da die Entlohnungsform heute größtenteils nicht mehr weiterbesteht und Tagelohn durch Mindestlohn ersetzt wurde. Heutige Begriffe sind Hilfsarbeitskräfte, Aushilfen oder Ungelernte, in der Landwirtschaft Erntehelfer und Erntehelferinnen.
Arbeitende im Tagelohn werden in Schriften des 19. und 20. Jahrhunderts oft gleichgesetzt mit Ungelernten bzw. als “ungelernte Tagelöhner„ bezeichnet. In Zeiskam hatten Personen im Tagelohn jedoch teilweise eine handwerkliche Ausbildung, z.B. als Maurer. Beispielsweise war der Tagelöhner Jakob R. aus Zeiskam, der 1853 im Streit von seinem Vermieter erschlagen wurde, in den Kirchenbüchern mit dem Beruf Krämer/Händler (mercatoris) und Maurer (murarii) verzeichnet. Für Peter B. aus Zeiskam (geboren 1877) werden als Berufe angegeben: Tagner, Maschinist, Heizer, Zementierer.
Von Tagelohn konnte niemand reich werden. Die abhängige Stellung im Unterschied zu den wenigen fest angestellten Knechten und Mägden, die unsicheren Einkommensverhältnisse, der wenig umfangreiche bzw. gänzlich fehlende Haus- und Bodenbesitz: alles führte zu einem niedrigen sozialen Status. Gesellschaftspolitisch waren Personen im Tagelohn daher kaum von relevant.
Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt
In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts gehörte die Pfalz zu den dicht besiedelten Gebieten in Europa. Nach Konersmann arbeiteten 1832 im Bereich des Kommissariats Neustadt 15% der Bevölkerung im Tagelohn. Danach sank die Anzahl rentabel betreibbarer landwirtschaftlicher Betriebe, es kam zu einer Konkurrenzsituation auf den ländlichen Arbeitsmärkten. Somit verdoppelte sich innerhalb von nur 20 Jahren der Anteil der Personen im Tagelohn (28% 1840 und 29,9% 1852). Ab 1860 erfolgte eine Abwanderung an die Fabrikstandorte durch die fortschreitende Industrialisierung der Pfalz. Beispielsweise erfolgte 1865 die Gründung der Badischen Anilin- und Sodafabrik, BASF. Gleichzeitig sank aufgrund der Mechanisierung der Landwirtschaft durch Stahlpflüge, dampfmaschinenbetriebene Dreschmaschinen und erste Traktoren mit Verbrennungsmotor der Bedarf an Landarbeitskräften.
Besitzlose Personen im Taglohn konnten an die Fabrikstandorte abwandern. Familien mit etwas Besitz stellten meist auf eine arbeiterbäuerliche Existenz um mit Fabrikarbeit als Haupterwerb und Landwirtschaft oder Tagelohn als Nebenerwerb. 1872 wurde die Bahnlinie Germersheim-Landau eröffnet mit einem Bahnhof in Zeiskam, was das Pendeln in die Fabriken erleichterte. Auch die Eisenbahngesellschaften selbst waren attraktive Arbeitgeber. Aufgrund dieses sozialen Wandels sank der Prozentsatz von Personen im Tagelohn 1907 im Bereich des Kommissariats Neustadt offiziell wieder auf 18,1%. Mit der Einführung des “Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit„ 1934 durch das NS-Regime war Arbeit im Tagelohn offiziell abgeschafft und durch die Verpflichtung zur Industriearbeit ersetzt. Auch der Zeiskamer Wanderarbeiter Peter Meigel wurde durch dieses Gesetz zur Fabrikarbeit gezwungen. Das NS-Regime warf ihm Arbeitsverweigerung vor und ermordete ihn in einem KZ-Arbeitslager.
Alltag im Tagelohn
Arbeitende im Tagelohn wohnten in Zeiskam einem einstöckigen, länglichen “Daachlehnerhäusel„ in räumlicher Nähe zu den Bauernhöfen des Dorfes und den Feldern. Wer solch ein Häuschen mit einem angrenzenden Nutzgarten oder Feld besaß, gehört zu den “Häuslern„. Auf einer kleinen Fläche von durchschnittlich 1-5 Tagwerk wurden meist Kartoffeln zum Eigenbedarf angebaut. Häusler konnten einen Teil des Hauses abtrennen und an “Einlieger„ vermieten, besitzlose Familien oder alleinstehende Männer.
Außerhalb der Erntesaison mussten andere Einnahmequellen erschlossen werden. Zusätzlich zum Tagelohn konnten die Menschen als Krämer/Hausierer arbeiten, den für Zeiskam wichtigen Samenhandel betreiben oder bezahlte Gemeindeämter wahrnehmen wie beispielsweise Feldschütz, Waldschütz, Nachtwächter, Totengräber, Viehhirte oder Bachschütz. Wer im Winter in Not geriet, musste Schulden aufnehmen oder sich der als vorbildlich gelobten Zeiskamer Armenpflege anvertrauen.
Familienschicksale
Familien im Tagelohn hatten selten Zugang zu höherer Bildung, daher gibt es nur wenige aussagekräftige Biographien außer der von Franz Rehbein. Rehbein berichtet aus seinem Leben als Tagelöhner bei der Kornernte in Norddeutschland um 1900. Da 1862 in Zeiskam vorwiegend Getreide, Kartoffeln und Gras für Heu angebaut wurden, ist der von Rehbein geschilderte Tagesablauf gut übertragbar.
“Solange die Ernte aber währt, kennt der Tagelöhner nur einen Grundsatz: schaffen, schuften und schinden. Hier wird das Wort zur Wirklichkeit: Akkordarbeit ist Mordarbeit! Die Selbstantreiberei geht dann so weit, daß man dem Tag nicht 24, sondern am liebsten 48 Stunden lang wünschen möchte. Schon um 3 Uhr morgens ging ich von zu Hause fort; nach einem halbstündigen Fußmarsch war ich auf dem Felde. Etwa um 6 Uhr wurde das erste Frühstück gegessen, das meine Frau inzwischen nachgebracht hatte. Wir arbeiteten nämlich auf eigene Kost, wie dies die meisten Tagelöhner tun, die ihre Angehörigen zur Arbeit mitnehmen. Es gibt dann auf den Morgen Acker ein paar Mark mehr, und da für die Familie doch sowieso gekocht werden muß, so nimmt man als verheirateter Mann schon lieber das Bargeld als die Kost vom Bauern. Unsern Jungen fuhren wir in einem für alt gekauften Kinderwagen mit aufs Feld, dort wurde er hinter den Hocken gepackt, und dann konnte er schlafen, spielen oder schreien, solange er Lust hatte; er mußte es beizeiten anwerden, daß er nur ein Tagelöhnerkind war. Endlich spät, spät abends, wenn die ermüdenden Glieder schon fast den Dienst versagen, wird das Tagewerk beendet. Längst ist die Sonne untergegangen und nebeliges Abenddunkel lagert über den Feldern, dann erst wird Feierabend gemacht. Etwa eine Stunde bevor wir Mannsleute mit der Arbeit aufhielten, trat meine Frau mit ihrem Kinderwagen den Heimweg an, um das Essen gar zu haben, wenn ich um 9 oder 10 Uhr nach Hause kam. Öfters arbeitete ich allerdings auch die ganze Nacht hindurch, nur daß ich eine oder zwei Stunden im Hocken ruhte.”
Statistik aus Zeiskam von 1863
Das Protokoll einer am 8.10.1862 durchgeführten Orts- und Bannbesichtigung nennt folgende Statistik. 1.824 Personen lebten in Zeiskam in 489 Familien, davon waren von 27% (494) die Einkommensarten erfasst. Die beiden größten Gruppen: 43,12% lebten von der eigenen Landwirtschaft (213 Personen), 22,3% vom Tagelohn (110 Personen), die übrigen Personen arbeiteten im Gemüse-/Samenhandel (106) oder im Gewerbe (65).
Die Feldmark umfasste 2.601 Tagwerk, davon waren 47% Ackerfläche (1.231 Tagwerk). Die wichtigsten Anbaupflanzen auf der Ackerfläche waren Heu (36,8%, 453 Tagwerk), Kartoffeln (32,5%, 400 Tagwerk) und Spelz. Alle Getreidesorten addiert beanspruchten 58,9% der Ackerfläche (720 Tagwerk), alle Gemüsesorten addiert nur 6,58% (81 Tagwerk). Die Zwiebel, die heute das Zwiebeldorf Zeiskam symbolisiert, wurde damals nur auf 1,2% der Ackerfläche (15 Tagwerk) angebaut.
Die Besitzverhältnisse zeigen, dass 4% der Familien im Besitz von jeweils 20-30 Tagwerk waren, was 19% der Gesamtfläche Zeiskams entsprach (500 Tagwerk von 2.601). Demgegenüber besaßen 65,7% der Familien nur 0-5 Tagwerk (319 Familien):
| 20 Familien | Mit 20-30 Tagwerk | 4% der Familien |
| 150 Familien | Mit 5-10 Tagwerk | 30,67% der Familien |
| 280 Familien | Mit 1-5 Tagwerk | 57% der Familien |
| 39 Familien | Ohne Grundbesitz | 8% der Familien |
Ein Mann konnte 16-20 Kreuzer am Tag verdienen (1/3 Gulden), eine Frau 10-16 Kreuzer (1/6 Gulden). Verglichen dazu verdiente 1863 ein festangestellter Knecht (Gesinde) 60-100 Gulden im Jahr, eine Magd (Gesinde) 40-50 Gulden. Der katholische Lehrer in Zeiskam kam 1844 auf maximal 155 Gulden im Jahr. Der Gemeinde- und Polizeidiener verdiente 1849 auf 80 Gulden im Jahr.
Konersmann nennt für die Vorderpfalz höhere Löhne im Tagelohn, vermutlich bedingt durch die Nähe der Fabrikarbeitsplätze oder durch das fruchtbarere Ackerland:
| Zeit | Männer | Frauen |
| 1840-1855 | 30-35 | 21-23 |
| 1855-1865 | 40 | 25 |
| 1870-1875 | 52-63 | 35-38 |
Mehrere Generationen im Tagelohn
Für Zeiskam sind in den Kirchenbüchern innerhalb einer Familie sogar mehrere Generationen im Tagelohn nachgewiesen, wie z.B. bei Familie L. Der Zeiskamer Jakob L. (1790-1855) ist verzeichnet als Musikant, Leinenweber, Tagner (operarii). Sein ältester Sohn Matthias (1815-1854) wird ebenfalls Tagner. Auch Jakobs Sohn Georg (1824-1885) wird Tagner, Ackerer, Totengräber. Jakobs älteste Tochter Magdalena (geb. 1817) wird ebenfalls Tagnerin und für einige Jahre Dienstmagd.
Jakobs jüngerer Sohn Valentin (geb. 1836) wird als Maurer geführt. Eines von Valentins acht Kindern, Jakobs Enkel Peter (geb. 1873), wird Tagner, Korbmacher, Gänsehirt (1904-1908). Peters Sohn Heinrich (1898-1937) ist dann der letzte verzeichnete Tagelöhner der Familie L. als Tagner, Korbmacher, Musikant.
(Britta Jung, Historisches Komitee Ortsgemeinde Zeiskam, 2025)