Hinter dem Haus: Festungswall mit Garten und tiefem Blick in den ehemaligen Wallgraben.
Im Garten neben der Treppe befand sich die jüdische Metzgerei und Gastwirtschaft „Zum Bären“ von Emanuel Becker. Da der Verkehr später durch die Innenstadt geleitet wurde, musste das Tor wegen seiner Enge und des zunehmenden Aufkommens durch große Fuhrwerke einer neuen Durchfahrt weichen und wurde so bereits durch die 1550 entstandene neue Befestigung unter Kurfürst Friedrich II. dem Verkehr entzogen.
Der Turm war bis 1747 im Besitz des Stadtschreibers Franz Anton Berg. 1752 wurde er zum Wohnhaus umgewidmet. Er diente nun als Amtswohnung des jeweiligen Stadt- und Ratsschreibers. In dieser Zeit diente der tiefe Keller mit seinem „Angstloch“, durch welche die Gefangenen hinabgelassen worden sein sollen, wohl auch als Kerker.
Das Haus, „welches kein Bauer brauchen konnte, weil es weder Nebengebäude noch Hofraum hat und 12 Staffeln zu dem Eingang hinaufführte“, ging am 13. März 1821 laut Tauschurkunde des Notars Adrian Hauck um 800 Gulden vom Vorbesitzer, dem Bierbrauer und Schwanenwirt Peter Anton Helbach, einem Verwandten des Stadtschreibers Franz Anton Berg, an die katholische Kirchengemeinde über.
Der ehemalige Wehrturm war nun katholisches Pfarrhaus von 1821 bis 1964, deutlich zu erkennen durch die damals in der Nische an der Vorderfront des Hauses vorhandene Statue des heiligen Antonius von Padua.
1962, nach Auflösung des Simultaneums, veräußerte die katholische Kultusgemeinde das Haus an Frau Elsa Pfeiffer aus Ludwigshafen, und errichtete eine eigene katholische Kirche mit angeschlossenem Pfarrhaus. Danach wurde Familie Götz Eigentümer.
In den 70er Jahren wurde das Haus vom Verlagsangestellten, Philosophen und Karikaturisten und Gründer der Kunstschule Herxheim Dietrich Gondosch erworben, heute wird das Haus bewohnt von seiner Frau Bärbel.
Im Haus sind heute noch zwei Schießscharten und Reste des ehemaligen Ausgangs Richtung Rohrbach zu sehen. An der linken Seite des einstigen Durchgangs lässt sich die Fußgängerpforte erahnen. Auch im Gewölbekeller mit dem „Angstloch“ ist noch eine Schießscharte zu erkennen. Ein hinter dem Gewölbekeller liegender tiefer Raum könnte als Munitionslagerraum gedient haben.
Seit der zweiten großen Befestigung Billigheims erhebt sich hinter dem ehemaligen „nider-thurn“ der neu geschaffene Festungswall. Zur Zeit der katholischen Pfarrherren wurde er als Pfarrgarten genutzt mit Laube, Weinstöcken, Blumen, Gemüsen und seltenen Obstbaumsorten. Da der aufgeschüttete Wallboden sehr fruchtbar war, „vergilt er reichlich genug die aufgewandte Mühe und macht seinem Besitzer viele Freuden, die einzigen, die er hier genießen kann“!
Heute kann man einen mit Buchsbaumrabatten versehenen verwunschenen Garten erleben, von dem aus man tief hinabblickt in die letzten Überreste des einstiegen Wallgrabens.
Im unteren Garten, von der Treppe bis zum Nachbarhaus, stand einmal die jüdische Metzgerei und Gastwirtschaft „Zum Bären“ von Emanuel Becker (PlNr: 356). (Ist es eventuell sein Grabstein, der über dem Eingang zum „Angstloch“ - leider völlig unlesbar - eingemauert ist?)
Sein Enkel, Daniel Becker, betrieb im Haus neben dem Obertor ein Schuhwarengeschäft.
Zeittafel
| 1468 | wurde das „Rohrbacher Tor“ oder der „nider thurn“ im Rahmen der ersten Befestigung Billigheims durch Kurfürst Friedrich I. erbaut. |
| 1550 | aus verkehrstechnischen und strategischen Gründen durch Bau einer neuen Befestigung unter Kurfürst Friedrich II. dem Verkehr entzogen. |
| 1752 | zur Amtswohnung des Stadt- und Ratsschreibers umgewidmet. |
| 1821 | laut Tauschurkunde um 800 Gulden vom Bierbrauer und Schwanenwirt Peter Anton Hellbach an die katholische Kirchengemeinde übergegangen. |
| 1821 bis 1964 | katholisches Pfarrhaus. |
| 1962 | veräußert |
| 1972 | vom Philosophen, Karikaturisten und Gründer der Kunstschule Herxheim Dietrich Gondosch erworben. |
(KuLaDig-Projektteam Billigheim-Ingenheim, 2026)