Das Revolutionsjahr 1848
Die Freikorps
Die Revolutionäre kommen nach Zeiskam
Johann Joseph Trauth und sein Kommandant
Familiengründung
Als Fremdenlegionär in Nordafrika
Kämpfe mit der einheimischen Bevölkerung
Tod von Johann Joseph Trauth
Internet
Das Revolutionsjahr 1848
Der größte Teil der Bevölkerung, Bauern, Handwerker und Tagelöhner hatte anfangs des 19. Jahrhundert kaum Interesse an politischen Themen oder notwendigen Reformen in den bestehenden Monarchien. Dies änderte sich nur dann, wenn die eigene Existenz bedroht war, was durch die klimatisch bedingten Missernten, die der Ausbruch des Vulkan Tambora in Indonesien 1815 weltweit auslöste. Eine rechtliche Gleichstellung hatten die Bürger links des Rheins bereits als Teil der République francaise in der napoleonischen Zeit zwischen 1798 und 1814 kennengelernt. Nachdem die Pfalz nach dem Wiener Kongress Bayern zugeschlagen wurde, weckte das Hambacher Fest 1832 in der pfälzischen Bevölkerung erneut demokratische Ideen.
Im März des Revolutionsjahrs 1848 kam es deutschlandweit zu Unruhen und Demonstrationen. Die politische Elite forderte eine Vereins- und Pressefreiheit. Die radikalen Kräfte strebten nach einer demokratischen Republik, die Liberalen tendierten eher zu einer konstitutionellen Monarchie. Überall in Städten und Dörfern, auch in der Pfalz, gründeten sich politische Vereine, darunter im Oktober 1848 auch ein „Volksverein“ in Zeiskam. Namentlich sind uns seine Mitglieder nicht bekannt.
Dachorganisation dieser Vereine war der im April 1848 in Kaiserslautern gegründete „Pfälzische Volks- und Vaterlandsverein“. Zweck war u.a. die Aufstellung von Kandidaten für die Frankfurter Nationalversammlung, die ab Mai 1848 tagte, um für alle deutschen Staaten, die Pfalz gehörte seit 1816 zu Bayern, eine verbindliche Reichsverfassung zu erarbeiten.
Vertreter der Gemeinde Zeiskam im revolutionären „Cantonalvertheidigungsausschuß“ des Landkommissariats Germersheim war der Zeiskamer Gemeindeschreiber Friedrich Jakob Hoffmann (geb. um 1807 in Zweibrücken). An die Beamten und ins besondere auch an die Lehrer erging die Aufforderung, in schriftlicher Form die durch die Frankfurter Nationalversammlung beschlossene Reichsverfassung anzuerkennen. Das Zeiskamer Gemeindepersonal sah sich jedoch nicht als Staatsbeamte. Bürgermeister, Adjunkt und der Gemeinderat erklärten, dass sie erst einen Eid leisten wollten, wenn die neue Verfassung auch in Bayern gelten würde. Als einzige uns bekannten Zeiskamer erklärten der aus Hainfeld stammende katholischer Schullehrer Johann Georg Schwaab (1790 - 1865) zusammen mit dem genannten Gemeindeschreiber Hoffmann ihre Anerkennung der neuen Verfassung.
Die Freikorps
Der Landesverteidigungsausschuss bildete aus Bürgerwehren und Freischärlern die Pfälzische Volkswehr. Sie umfasste bis zu 13.000 Mann, fast ein Fünftel der damals waffenfähigen Pfälzer. Allerdings waren diese nicht besonders gut mit Waffen und meist auch nicht mit einheitlichen Uniformen ausgestattet. Informationen über die ganz unterschiedlichen Reaktionen der Südpfälzer Bevölkerung sind in dem „Tagebuch eines politischen Flüchtlings während des Freiheitskampfes in der Rheinpfalz und Baden“ von A. Daul, einem „Offizier“ der Freischärler zu entdecken. „Bauer, Handwerker und Private, Groß und Klein, Jung und Alt … Auf der Straße wimmelte es von Schaaren [!] von Landleuten jeden Alters mit den abentheuerlichsten Vertheidigungsmittel, mit Gabeln, Knitteln, Sensen, Picken, Aexten und sogar langen Feuerhaken bewaffnet,“ so beschreibt er die Beteiligten und die Bewaffnung der Aufständischen. In Oberhochstadt „stellten die Leute Humpen Weins auf die Tische, daß man bange davor kriegen mußte. Leider besoff sich auch die Mehrzahl der Kompanie weidlich. Der Herr Hauptmann hatte sich im Pfarrhof einquartiert und dort wurde, schien mir's, ewig getafelt und getrunken …“
Eine Nachtpatrouille, mit „sechs Feuergewehre und eine Sense hoch“ bewaffnet, marschierte abends um 11 Uhr nach Zeiskam und weckte dort Bürgermeister Sutter, „um durch seinen Machtspruch ein Wirthshaus anzuweisen, dessen Küche und Keller zur Erfrischung unserer durch einen fast einstündigen Marsch [von Oberhochstadt nach Zeiskam!] ermüdeten Patrouillenmannschaft geöffnet werden sollten. Verstärkt durch die auf dem Gemeindehause schnarchende Dorf Wachtmannschaft, sagten wir dem Weine, dem Käse und dem Brode des aus den Federn gescheuchten Wirths ungemein zu.“
Unorganisiert und schlecht geführt liefen die Scharmützel in der Südpfalz ab. „Zu allem Ueberfluß befand sich in unserem Korps eine liederliche Dirne, welche bald zum Gegenstand allgemeiner Zänkereien und Gehässigkeiten wurde. Ebenso gab es nichts als Excesse von Betrunkenen und man hatte seine liebe Noth, diesen und jenen Streit zu schlichten, die Klage dieses, die Vertheidigung jenes anzuhören.“ Die genannte Dame unter den Freischärlern gelang es nun zu vertreiben. Zwei ihrer Liebhaber, „an denen nicht viel verloren war,“ folgten ihr heimlich. Dann klagt der Schreiber über die heruntergekommene Fußbekleidung der Leute. Die Bürgermeister wurden gezwungen, bei den örtlichen Schustern Schuhe in Auftrag zu geben und aus den Gemeindekassen zu bezahlen.
Die Revolutionäre kommen nach Zeiskam
„Der Ort Zaiskam [!] war besonders durch seinen starken Gemüsebau bekannt“, so lautet es weiter in dem Bericht. Dort wurde die Abteilung nun stationiert, „hauptsächlich um die Zaiskamer zu hindern, den Germersheimern und Landauern [und damit den bayerischen Garnisonen] ferners mittel- und unmittelbar Gemüse und andere Viktualien zuführen zu können. … Dies erregte durchaus keine freundschaftlichen Gesinnungen der Zaiskamer gegen uns, noch weniger Sympathien für die Sache der Freiheit. Den Zaiskamern war ihr Gemüshandel lieber, als die Verfassung des deutschen Reichs, zu deren Aufrechterhaltung die Pfalz eigentlich die Waffen ergriffen hatte.“ Genauer geht Daul noch auf die Zeiskamer ein: „Eine Partei der Zaiskamer Bürger, den Pfarrer an ihrer Spitze, machte es sich zum Geschäfte, Gerüchte über das Andringen von Feinden zu verbreiten.“ Protestantischer Pfarrer in Zeiskam war zu diesem Zeitpunkt Karl Helfenstein (1817 - 87). Diese „Muckerpartei“ behauptete, dass bayerische Soldaten auf Zeiskam vorrückten, „und das Angstgeschrei der behosten und unbehosten Weiber nahm erst ein Ende, als Lieutenant Köhler in die verschiedenen Straßen einige Feuerröhre hineinblicken ließ, worauf Ales in die Häuser lief und Thor, Thüren und Fensterläden versperrte.“ Nachdem das Gerücht durch eine kontrollierende Patrouille aus der Welt geschafft war, quartierten sich die Freischärler „ungestört bei unseren furchtsamen Wirthen ein, saßen auch bald bei den reichlichen Salatschüsseln und vollgefüllten Wasserkrügen des gemüse- und wasserreichen, aber sehr fleisch- und weinarmen Zaiskams.“
Pfarrer Helfenstein „mit seinem Anhange“ schaffte es aber weiterhin, die Truppe zu verunsichern. „Auf stürmisches Verlangen der Haasenfüße unter unserem Korps wurden noch Abends, als bereits die minder Furchtsamen und die vom Dienste befreit waren schon im Bette lagen, die Straßen des Ortes noch verbarrikadirt, und Morgens diese Bollwerke wieder niedergerissen. Der größte Theil unserer Kompagnie war von lächerlicher Furcht angesteckt.“ Doch dann passierte in Zeiskam noch ein Unfall. Einem der Bewaffneten ging beim Herabsteigen von einem Wagen die Waffe los und schoss dadurch „einem armen Taglöhner aus dem Dorfe das Bein ab“. Daraufhin ließ der Hauptmann „Generalmarsch schlagen, und da er von den Zaiskamern etwas Uebles befürchten mochte, oder angesteckt von den Altweibermährchen der Muckerpartei, abmarschiren.“ Damit war die Revolution für Zeiskam zwar noch nicht vorbei, aber die Mannen zogen vorerst von dannen, nach Nieder- und nach Oberhochstadt, „wo die Fleischtöpfe des Pfarrhofes einen magnetischen Einfluß auf unsern würdigen Chef auszuüben schien.“
Zehn Tage später fällt die Beurteilung der Zeiskamer positiver aus: „Übrigens muß ich den Oberlustadtern und Zeiskamern, welche unsere Rekognoscirungsmannschaft bequartierten, alles gebührende Lob über ihre Gastfreundlichkeit nachsagen. Zum ersten Mal, seit ich in der Pfalz war, schlief ich hier in Zeiskam wieder in einem guten Bette.“
Anfang Juni 1849 entschied die preußische Regierung, dem Geschehen in Süddeutschland nicht weiter zuzusehen und mit militärischen Operationen, einem Zusammenschluss von hessischen, bayerischen, württembergischen , mecklenburgischen und preußischen Truppen gegen die Aufständischen vorzugehen. Ab Mitte Juni 1849 zogen sich diese zunehmend aus der Pfalz zurück. Die preußische Armee hatte, bevor die bayerischen Truppen unter General von Thurn und Taxis eintrafen, die Freischärler in der Pfalz bereits vernichtend geschlagen. Die Mitglieder der Provisorischen Regierung war aus dem Land geflohen und die bayerische Monarchie fand in der Rheinpfalz ihre Fortsetzung.
Dauls Bericht endet am 10. Juli 1849 in Jestetten südlich von Schaffhausen mit der Feststellung: „Dieß war das klägliche Ende des pfälzisch-badischen Aufstandes, welcher für die neuaufgehende Freiheit Deutschlands so viele Hoffnungen gebar, die jedoch durch Nachlässigkeit und Unerfahrenheit der Führer des Volksheeres und durch Verrath des Volkes selbst schon in ihrer Geburt erstickt wurde.“
Johann Joseph Trauth und sein Kommandant
Teilnehmer dieser Revolte war auch der 23-jährige Johann Joseph Trauth, gebürtig in Herxheim bei Landau. Wir entdecken seinen Namen („Schneider in Zeiskam“) in den bayerische Hochverratsprozess 1850/51 in Zweibrücken. Allerdings waren die meisten militärischen Führer ins Ausland geflohen, teilweise wurden sie in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Die einfachen Aufständischen konnten wegen der großen Anzahl nicht zur Verantwortung gezogen werden. Joseph Trauth tritt in den Verhandlungen als einer von 61 Zeugen gegen seinen 1849 erst 21 Jahre alten Freikorps-Kommandanten Carl von Loreck auf. Es ging dabei im Besonderen um die Verletzung eines Bauern, die durch den Hauptmann erfolgt war. Die Compagnie hatte in Bellheim einen Johann Hardenstein aus Herxheim, den Trauth wohl gekannt hatte, erwischt, der offensichtlich mit seinem Fuhrwerk einen bayerischen Soldaten in die Festung nach Germersheim gebracht hatte. Trauth berichtete dem Gericht, dass „Loreck den Säbel zog und dem Mann, der sich mit den Händen schützte, viele Hiebe gab. Als ich sah, daß Blut floß, suchte ich abzuwehren und verband dann, auf Befehl Lorecks, den Verwundeten mit dem Sacktuch …“
Loreck, der sich zum Zeitpunkt des Prozesses bereits zwei Jahre in Haft befunden hatte, gab zu seiner Verteidigung zu Protokoll: „… Ich habe mich der Sache des Volkes aus reiner Ueberzeugung angeschlossen. Ich habe mich keiner entehrenden Handlung schuldig gemacht, wohl aber der Roheit [!] meiner Leute soviel möglich Einhalt gethan; manche Familie in der Pfalz, die ich in Schutz genommen, könnte mir dies bezeugen …“ Verurteilt wurde er schließlich zu „6 Monaten Gefängniß und zu den Kosten [des Gerichtsverfahrens].“
Familiengründung
Bei den durchgeführten Prozessen gegen die Aufständler wurde Joseph Trauth nicht zur Verantwortung gezogen. Er hatte ein halbes Jahr zuvor, im März 1851, die Zeiskamerin Eva Margaretha Frey, Tochter der Ackersleute Johann Peter Frey und Anna Maria geb. Humbert, geheiratet und wohnte mit ihr im Haus der Schwiegereltern in der Krongasse.
Auch wenn wir, außer von der Geburt einer Tochter drei Monate nach der Hochzeit, die allerdings nach einem dreiviertel Jahr verstarb, nicht viel mehr von dem jungen Freigeist wissen, erscheint schließlich sein Name in den Zeiskamer Personenstandsakten mit einem ungewöhnlichen Sterbeeintrag. Eva Margarethe Frey wird darin als seine Witwe genannt, die im Oktober 1865 den Witwer Johann Peter Herzog II. heiraten wollte. Dabei lag die Sterbeurkunde ihres ersten Mannes vor, der am 26. Juni 1857 „in Sig in Afrika“ verstorben war.
Als Fremdenlegionär in Nordafrika
Nun beginnt die weitere Spurensuche nach dem Zeiskamer: Zu der schwierigen Ortsangabe kommt der Hinweis einer Familienforscherin aus Südfrankreich. Bei dem Sterbeort Trauths handelt sich um Saint-Denis-du-Sig im Département Oran in Algerien. Was hatte den Südpfälzer dorthin vertrieben? Der bei der Information mitgelieferte Eintrag aus den französischen Nationalarchiven bringt Klarheit. Joseph Trauth war „fusilier au 2° Régiment Étranger, 3° Bataillon, 3° Compagnie, Numéro matricule 1502“, also Schütze in der französischen Fremdenlegion, dem in Oran stationierten 2. Regiment. Algerien war ab 1830 wichtigste Kolonie Frankreichs und wurde zum integralen Bestandteil des Mutterlandes erklärt. Auch ehemalige Deutsche wollten sich nach ihrer Legionärszeit dort niederlassen und beantragten eine entsprechende „Concession“. Einige Personen aus dem Elsass und aus der Pfalz („Bavaria“) sind aus Dokumenten als Siedler bekannt. Allerdings war die Kolonisierung der Region mit vielen Problemen verbunden. Der harte Boden war schwer zu bewirtschaften. Es war vor allem Getreide, das von den Siedlern angebaut wurde. Durch die Nähe von Sümpfen kam es zu Malariaepidemien, auch Typhus, Cholera und Ruhr raffte manchen Pionier dahin. Vor den verheerenden Mückenplagen gab es keinen Schutz.
Kämpfe mit der einheimischen Bevölkerung
Doch zu den Unbill der Natur kamen Angriffe der indigenen Bevölkerung. 1857 unternahm die französische Kolonialarmee in Algerien unter der Führung von Marschall Jacques-Louis Randon Expeditionen gegen kabylische Berberstämme. Diese waren in ihrer bergigen Gegend lange unabhängig geblieben und leisteten heftigen Widerstand gegen die Kolonialisierung durch Frankreich. Am 24. Juni 1857 gelang dem 2. Régiment ètranger unter der Führung des französischen Offiziers Marie Louis Henry de Granet-Lacroix de Chabrières (1807-1859) der Sieg über den Stamm der Beni-Raten. Allerdings kamen auf Seiten der Franzosen 400 Soldaten ums Leben, auf Seiten der Kabylen werden 650 Tote angenommen. Mitte Juli meldete Marschall Randon nach Paris: „Alle kabylischen Stämme haben die Autorität Frankreichs anerkannt und scheinen bereit zu sein, den Weg des Fortschritts einzuschlagen, den ihnen eine weise Regierung verständlich machen kann.“
Tod von Johann Joseph Trauth
Unser Pfälzer Joseph Trauth starb, wie wir aus seiner vom Militär ausgestellten Sterbeurkunde erfahren, am 27. Juni 1857 in einem „hôpital temporaire“, also einem provisorischen Krankenhaus, in Sig. Dabei wird uns nicht die Todesursache mitgeteilt, ob es die Folge eines grassierenden Fiebers war, oder ob er zuvor bei den französischen Kämpfen gegen die Kabylen verletzt wurde. Er kann jedoch kaum bei dem entscheidenden Kampf drei Tage zuvor beteiligt gewesen sein, da das Kampfgebiet bei Tizi-Ouzou über 400 km entfernt lag. Joseph Trauth war also eine Rückkehr in seine Pfälzer Heimat nicht mehr vergönnt. Er starb im jungen Alter von nur 31 Jahren. Auf jeden Fall kam die Todesnachricht auf dem langen Weg aus dem fernen Nordafrika zur in der Heimat verbliebenen Witwe, die acht Jahre später einen neuen Lebenspartner fand. Nach dem Zweiten Weltkrieg häuften sich die Spannungen in Algerien zwischen den europäischen Siedlern („Pieds-noirs“, wörtlich „Schwarzfüße“) und deren Nachkommen mit der Urbevölkerung und erst nach einem acht Jahre dauernden Befreiungskrieg gegen die französische Armee wurde Algerien 1962 unabhängig. Zur Zeit des Zeiskamers Trauth hatte das algerische Sic noch unter 2.000 Bewohner, heute ist es zu einer Stadt mit über 70.000 Einwohner angewachsen.
(Hartwig Humbert, Zeiskam, 2025)
Internet
www.histoire-genealogie.com: Quelques „anciens“ de la Légion Etrangère française en Algérie - 1re partie (abgerufen 31.03.2026)