Zündhütchenfabrik (Rheinische) Sprengkapselfabrik F. Paulus in Küppersteg

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Leverkusen
Kreis(e): Leverkusen
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 51° 02′ 36,32″ N: 7° 00′ 12,73″ O 51,04342°N: 7,00354°O
Koordinate UTM 32.360.045,70 m: 5.656.550,17 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.570.422,84 m: 5.656.956,78 m
Die Zündhütchenfabrik (Rheinische) Sprengkapselfabrik F. Paulus wurde 1876 in Küppersteg gegründet. Im Jahr 1908 fusionierte sie mit der unmittelbar benachbarten Zündhütchenfabrik Schmitt & Co. zur Rheinische Zündhütchen- und Sprengkapselfabrik GmbH.

Zündhütchen
Chronologie zur Gründung, Zugehörigkeiten und Fusionen
Die Zündhütchenfabrik F. Paulus in Küppersteg
Lage, historische Karten und Objektgeometrie
Internet, Literatur

Zündhütchen
Über die Weiterentwicklung von Feuerwaffen und deren Zündmechanismen - hier vereinfacht gesagt vom Vorderlader mit Steinschloss über das Perkussionsschloss hin zur Patrone mit Hülse, Zündhütchen, Treibladung und Geschoss - setzten sich die um 1810/20 erfundenen Anzündhütchen als Meilenstein der Entwicklung zur modernen Zentralfeuerpatrone durch. Die Zündung der schlagempfindlichen und eher geringen Sprengmasse des Anzündhütchens (oft auch einfach „Zündhütchen“ oder „Zündkapseln“ genannt) löst dabei die eigentliche Explosion des Treibsatzes der Patrone aus, welche das Geschoss mit Höchstgeschwindigkeit aus dem Lauf der Waffe treibt.
Die metallenen und anfangs häufig noch wiederverwendbaren Röhrchen des Zündhütchens wurden aus Stahl, Kupfer oder Hartzinn gefertigt. Als schlagempfindliche Zünd-Substanzen wurden zunächst Quecksilberfulminat (das sehr giftige und korrosive „Knallquecksilber“) und Kaliumchlorat verwendet, dann ab etwa 1930 ein Gemisch aus Tetrazen und Bleitrinitroresorcinat („Sinoxid-Sätze“) oder das weder Blei noch Quecksilber enthaltende, aber dafür teurere Diazodinitrophenol (DDNP).

Chronologie zu Gründung, Zugehörigkeiten und Fusionen
Die Unternehmensgeschichte der Firma F. Paulus erscheint durch zahlreiche Beteiligungen und Zusammenschlüsse mit anderen (Sprengstoff-) Unternehmen und damit einhergehenden Umbenennungen unübersichtlich. Daher vorab eine chronologische Zusammenfassung:

  • 1876: Gründung als Sprengkapselfabrik F. Paulus in Küppersteg.
  • 1887: Übernahme durch den Zündhütchenproduzenten Ernst Schreiner, nun Rheinische Zündhütchen- und Sprengkapselfabrik bzw. Rheinische Sprengkapselfabrik F. Paulus.
  • ab 1902: Teil der Fabrik elektrischer Zünder GmbH (FEZ), einer Tochter der Rheinisch Westfälische Sprengstoff AG (RWS).
  • 1908: Fusion mit der Küppersteger Zündhütchenfabrik Schmitt & Co. zur Rheinische Zündhütchen- und Sprengkapselfabrik GmbH.
  • 1921: Übergang an die Selve Aktiengesellschaft, Altena.
  • 1924: Liquidation des Anteils der Firma Schmitt durch die FEZ.
  • 1935: Zweigniederlassung der Vereinigte Deutsche Metallwerke AG.
  • 1935: Außerbetriebnahme und Demontage des Werks.
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Die Zündhütchenfabrik F. Paulus in Küppersteg
Nach Trimborn (2002, S. 201) wurde die Sprengkapselfabrik F. Paulus in Küppersteg 1876 auf Initiative der Dynamit Nobel AG (DAG) von deren Werk in Schlebusch aus gegründet, um mit einer eigenen Produktion von anderen Munitionswerken unabhängig zu werden. Diese besaßen über eine „Convention der Deutschen Zündhütchen-Fabrikanten“ ein Sprengkapselmonopol, dem die Firma Paulus allerdings nicht beitrat.
Der Gründer F. Paulus, über den ansonsten kaum Informationen vorliegen (ergänzende Hinweise sind willkommen!), hatte enge Verbindungen zu der DAG (Trimborn 2002, S. 11).

Im Jahr 1883 wurden im Küppersteger Werk bereits 3 Tonnen Zündsatz produziert, die Belegschaft umfasste 1885 20 Arbeiter. Vermutlich im Jahr 1887 übernahm Ernst Schreiner, ein seinerzeit auch im Badischen und in Nürnberg tätiger Zündhütchenproduzent, die Küppersteger Fabrik. Diese firmierte nun als Rheinische Zündhütchen- und Sprengkapselfabrik bzw. Rheinische Sprengkapselfabrik F. Paulus.
In den Folgejahren wurde die Zündhütchenfertigung zeitweise mangels Rentabilität eingestellt bzw. auf die Produktion elektrischer Zünder umgestellt.

Bauschen (2002) berichtet zur Geschichte:
„Von F. Paulus im Jahr 1876 errichtet gehörte das Unternehmen ab 1902 zur Fabrik elektrischer Zünder (FEZ) und wurde 1908 mit jener Zündhütchenfabrik zusammen gelegt, die Nikolaus Schmitt als Firma 'Schmitt & Co' im Jahr 1897 … geschaffen hatte. Nach der Fusion von 1908 standen die vereinigten Firmen einige Jahre unter der Leitung von Nikolaus Schmitt …“.
Nach Trimborn (2002) hatte Nikolaus Schmitt vermutlich bereits 1902 die Betriebsleitung für die Fertigung von Zündsprengkapseln in der Rheinischen übernommen. In der Leitung war daneben auch das metallverarbeitende Unternehmen Basse & Selve aus dem Sauerländischen Altena eingebunden, das bereits ab 1901 (noch unter Schreiner) in die Küppersteger Produktion involviert war.

Nach der Fusion von 1908 mit dem nur wenige hundert Meter entfernten Werk vonSchmitt & Co. blieb die vormalige Firma F. Paulus das größere Unternehmen des Zusammenschlusses. Beide Fabriken wurden nun als „Abteilungen“ eines FEZ-Werks Küppersteg geführt, das 1910 mit der Übernahme des Düsseldorfer Unternehmens Braun & Bloem erheblich ausgeweitet wurde.
Zum 23. März 1921 ging das gesamte Küppersteger Werk zur Altenaer Selve Aktiengesellschaft über, die im gleichen Jahr aus der vorab genannten Basse & Selve oHG entstanden war und ab 1924 als Selve-Kronbiegel-Dornheim AG (Selkado) mit Sitz im thüringischen Sömmerda firmierte. Über Selve trat das Küppersteger Werk dann auch in das Sprengkapsel-Syndikat ein, das diesem eine Quote von 9,5 Tonnen Zündsatz jährlich zugestand.
In den 1930ern ging Selve in die Vereinigte Deutsche Metallwerke (VDM) ein, womit die Küppersteger Fabrik ab 1935 unter Vereinigte Deutsche Metallwerke AG, Zweigniederlassung Rheinische Sprengkapsel- und Zündhütchenfabrik Köln-Ehrenfeld, Fabrik Küppersteg firmierte und einem benachbarten Metallwerk angeschlossen war.
1945 wurde die Fabrik außer Betrieb genommen und vollständig demontiert (Trimborn 2002; ebenso Bauschen 2002).
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Akten des Stadtarchivs Leverkusen berichten über die Geschicke und Vorhaben der beiden Firmen Paulus und Schmitt an den Standorten in Küppersteg und Bürrig. Beide Orte sind heute Stadtteile von Leverkusen, sie gehörten vor 1930 zeitweise zu der Bürgermeisterei und späteren Stadt Wiesdorf:

  • Eine auf die Jahre von 1885 bis 1903 datierte Akte über „Allgemeine Sachen der Rheinischen Zündhütchen und Patent - Sprengkapselfabrik J. Paulus zu Küppersteg“ enthält ein Gesuch für den Fabrikanbau von Büro-, Wohnungs- und Magazinräumen mit Plänen und Grundrissen (Bürrig, Flur 13, Parzelle 231 und 417/230).
  • Eine weitere Akte für 1911-1915 umfasst dann Pläne und Baubeschreibungen der Rheinische Sprengkapsel- und Zündhütchen-Fabrik GmbH für die Errichtung einer Badeanstalt (Eisholz, Bürrig, Flur 13, Parzelle 356/229) und den Umbau der Packstuben (Eisholz, Bürrig, Flur 13, Parzelle 489/231).
  • Für die Jahre 1912 bis 1915 enthält eine Akte über „Allgemeinde Sachen der Sprengkapsel- und Zündhütchen-Fabrik GmbH“ u.a. die Genehmigung zur Errichtung eines Trockenhauses für Sprengkapseln und Sägespänen sowie zur Verlegung eines bereits konzessionierten Mischhauses für Verarbeitung nassen Sprengsatzes mit Plänen, einen Antrag auf Erhöhung der Lagerkapazitäten von Sprengstoff in den Ladestuben, diverse Zeitungsartikel über die Bestrafung von Arbeitern sowie die Genehmigung zur Herstellung von Zündladungskörpern aus Piktinsäure mit Beschreibung und Plänen.
  • Für das Jahr 1915 berichtet schließlich noch eine Akte über Pläne der GmbH zum Bau einer neuen Abortanlage mit Baubeschreibung und Lageplan (Bürrig, Flur 13, Parzelle 356/229).

Lage, historische Karten, Objektgeometrie
Auf der zwischen 1836 und 1850 erarbeiteten Preußischen Uraufnahme zeigt sich das Areal der hier ab 1876 entstandenen Fabrik noch völlig unbebaut. Auf den historischen Kartenblättern der Preußischen Neuaufnahme (1891-1912) findet sich dann der Eintrag einer „Zündhütchen-Fbr.“ im Bereich des heutigen Müllheizkraftwerks am Zündhütchenweg - hier zugleich Grundlage der knapp einen Hektar Grundfläche einnehmenden Objektgeometrie. Die zeitlich nachfolgenden topographischen Karten TK 1936-1945 lassen den Bereich noch vage erkennen, ohne jedoch, dass hier eine Fabrik o.ä. eigens benannt ist (vgl. Kartenansicht).
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Heute weist noch der Name des Zündhütchenwegs in Küppersteg auf die Sprengstofffabrik hin, die hier einst ansässig war. Im Jahr 1938 ist die Straße als noch namensloser Weg zur „Rheinischen Sprengkapsel und Zündhütchenfabrik Küppersteg“ verzeichnet und erscheint dann im Stadtplan 1968 als Zündhütchenweg (www.leverkusen.com). Die Fabrik wird hier als „Dynamitfabrik“ bezeichnet, obgleich dieser Explosivstoff zumindest bei der Produktion von Zündhütchen keine Verwendung fand.

(Franz-Josef Knöchel, Digitales Kulturerbe LVR, 2026)

Quellen
Stadtarchiv Leverkusen, Küppersteg/Wiesdorf:
  • Nr. 1089 „Allgemeine Sachen der Rheinischen Zündhütchen und Patent - Sprengkapselfabrik J. Paulus zu Küppersteg“, online unter www.archive.nrw.de, 1089 (abgerufen 04.02.2026).
  • Nr. 1091 „Rheinische Sprengkapsel- und Zündhütchen-Fabrik GmbH: Errichtung einer Badeanstalt“, online unter www.archive.nrw.de, 1091 (abgerufen 04.02.2026).
  • Nr. 1092 „Rheinische Sprengkapsel- und Zündhütchen-Fabrik GmbH: Bau einer neuen Abortanlage“, online unter www.archive.nrw.de, 1092 (abgerufen 04.02.2026).
  • Nr. 3072 „Allgemeinde Sachen der Sprengkapsel- und Zündhütchen-Fabrik GmbH“, online unter www.archive.nrw.de, 3072 (abgerufen 04.02.2026).

Internet
www.leverkusen.com: Zündhütchenweg (abgerufen 04.02.2026)
koeln-muelheim.de: Eine Historie mit viel Zündstoff (Text Matthias Bauschen, Kölner Stadt-Anzeiger vom 25.01.2002, abgerufen 04.02.2026)
de.wikipedia.org: Anzündhütchen (abgerufen 04.02.2026)
de.wikipedia.org: Basse & Selve (abgerufen 09.03.2026)
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Literatur

Junkers, Günter (2017)
Brisante Sprengstoffe aus Leverkusen. In: Niederwupper 28, S. 133-140. o. O.
Trimborn, Friedrich (2002)
Explosivstoffabriken in Deutschland. Ein Nachschlagewerk zur Geschichte der Explosivstoffindustrie (2. völlig überarbeitete Auflage der Ausgabe von 1995). S. 11, 145-146, 201, Köln.

Zündhütchenfabrik (Rheinische) Sprengkapselfabrik F. Paulus in Küppersteg

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Zündhütchenweg
Ort
51373 Leverkusen - Küppersteg / Deutschland
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Kein
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1876, Ende 1945

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„Zündhütchenfabrik (Rheinische) Sprengkapselfabrik F. Paulus in Küppersteg”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-356897 (Abgerufen: 22. März 2026)
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