Missionsarbeit im Kolonialismus
Ein Zeiskamer wird Missionar
Bei der „Schutztruppe“ im Ersten Weltkrieg
Zurück in Deutschland
Erneute Mission und Alltag in Pare
Schädelraub für Berliner Museen
Filmaufnahmen und Selbstdarstellung
Tansania heute
Quellen / Internet
Missionsarbeit im Kolonialismus
Ab 1885 begann das Deutsche Kaiserreich sich als Kolonialmacht in Ostafrika zu etablieren. Die Kirchen „drängte die nationale Christenpflicht“ auch dort das Evangelium zu verkündigen. Die Leipziger Mission zögerte lange, ob sie sich dieser Entwicklung anschließen sollte. Als die Leitung sich 1892 schließlich doch dazu entschied, wurde betont, „nicht dem Deutschen Reich, sondern dem Reich Gottes“ dienen zu wollen, was zu einem Zwiespalt der Missionare führte. Von Beginn an wehrte sich die indigene Bevölkerung gegen die Kolonialherren, allein zwischen 1905 und 1907 starben 300.000 Einheimische im Befreiungskampf. Einige Missionare kritisierten die Kolonialherrschaft, und wirkten mit den örtlichen Stammesführern („Mangi“) zusammen. Selbstkritisch schreibt ein Missionar 1912: „Du sollst nicht begehren und nehmen, was einem anderen gehört. Soviel ist klar, dass alle Kolonialpolitik gegen dieses Gebot verstößt.“ Und dass „die Verträge, durch welche Negerfürsten [diese Bezeichnung ist aus heutiger Sicht rassistisch und diskrimminierend, wird lediglich zur Vermittlung des damaligen europäischen Weltbildes genutzt, Anm. der Red.] für ein Butterbrot ihre Landeshoheit an eine europäische Macht abtreten“, wohl kaum als rechtmäßig bezeichnet werden können. „Während Kolonialmacht und Kolonisten doch nicht in erster Linie das Wohl der Eingeborenen, sondern den eigenen Nutzen im Auge haben, dem sie die Kolonie und ihre Bewohner, die man als niedere Rasse gering schätzt, dienstbar machen wollen,“ will die Mission den Eingeborenen dienen.
Ein Zeiskamer wird Missionar
In diese etablierte Missionsarbeit wollte Philipp Wilhelm Guth eintreten, der 25-jährige Sohn einer Zeiskamer Bauernfamilie. In seinem Lebenslauf schreibt er: „Ich verlebte in einem frommen und kirchlichen Elternhaus eine sehr schöne Jugendzeit. Da bei uns die Missionare der Baseler und Herrnhuter Mission verkehrten und übernachteten, erwachte in mir schon früh der Wunsch, auch einmal Missionar zu werden. Um die Jahrhundertwende erwartete man aber von einem Missionar eine mehr praktische als wissenschaftliche Ausbildung. Daher kam ich in eine dreijährige kaufmännische Lehre nach Worms und ging dann im Jahre 1906 nach London, um die englische Sprache gründlich zu erlernen.“ Ab 1907 studierte er im Leipziger Missionsseminar Theologie und wurde 1913 als Missionar ordiniert. Er berichtet: „Ich kam auf die Missionsstation Gonja im Pare-Gebirge, wo ich mich zunächst der Erlernung der Chasu-Sprache widmete. Auch half ich bald im Schulunterricht und in der Krankenpflege mit.“ Gonja liegt in der Nähe des Kilimandscharo und der Usambara-Region im heutigen Tansania. Das Chasu ist eine sehr schwierige Bantu-Sprache.
Bei der „Schutztruppe“ im Ersten Weltkrieg
„Kaum hatte ich die ersten Predigten in Chasu gehalten, brach der Erste Weltkrieg aus. Da wir in Ostafrika vollkommen abgeschnitten waren und alle Gelder aus der Heimat zur Weiterführung der Missionsarbeit ausfielen, meldete ich mich freiwillig zur Schutztruppe als Sanitäter.“ Die Kolonie Deutsch Ostafrika war im Ersten Weltkrieg umkämpft, die sogenannte „Schutztruppe“ bestand aus einheimischen Söldnern unter der Führung deutscher Offiziere. Die Anzahl ziviler Opfer des Krieges war hoch. 1917 erkrankte Guth an der Amöbenruhr, aus Mangel an Medikamenten wurde er den Engländern übergeben und dort als Kriegsgefangener behandelt, mit einem Hospitalschiff kam er nach Indien und schließlich in ein Gefangenenlager in Ägypten. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 verlor das Deutsche Reich Deutschland seine Kolonien, Deutsch-Ostafrika wurde zwischen England und Belgien aufgeteilt.
Zurück in Deutschland
Guth kehrte 1919 nach Deutschland zurück, wo er Frieda Minna Schmidt aus dem thüringischen Seelingstädt heiratete. Die afrikanischen Gemeinden entwickelten sich durch den Abzug europäischer Missionsgesellschaften eigenständig weiter. Von 1922 bis 1923 war Wilhelm Guth als Missions-Werbearbeiter in Wetterfeld in Hessen tätig. Er berichtet dann: „Da aber die Inflation derartige Formen annahm, dass wir zuletzt für einen Monatsgehalt [als Missionar] nur noch einen Liter Milch kaufen konnten, bat ich um Aufnahme in den Bayerischen Kirchendienst.“ Mitte September 1923 wurde er Pfarrverweser in Harburg bei Nördlingen, später in Hohenaltheim, wo er Frühjahr 1924 nach dem zweiten theologischen Examen Pfarrer wurde.
Erneute Mission und Alltag in Pare
1927 reiste er mit seiner Frau und drei Kindern „und 65 Kisten“ erneut nach Ostafrika, inzwischen britische Kolonie „Tanganyika“. Zum Gepäck gehörten „10 Kisten Medikamente, 10 Kisten Schulmaterial, 10 kleinere Glocken … 2 Harmoniums, 1 eiserner Küchenherd und eine Waschmaschine in der damaligen Ausführung, auch viel Hausrat und Wäsche. Da die Station Gonja 1400 m hoch auf dem Berge liegt,“ so schreibt er weiter, mussten alle Sachen am Fuße des Berges vom Auto abgeladen, in Trägerlasten von etwa 50 Pfund umgepackt und auf den Köpfen der Eingeborenen den schmalen Bergpfad hinaufgetragen werden. Es dauerte etwa drei Wochen, bis alle Lasten oben waren. (In der Mediengalerie befindet sich eine Audio, mit einem vorgelesenen Bericht von Philipp Guth)
Besonders die Schulen an den Missionsstationen waren wesentliches Instrument der Christianisierung. Die Schüler bekamen neben dem Unterricht zum Teil Kost und Unterkunft, mussten dafür allerdings Hilfsarbeiten erbringen. Die Leipziger Mission betätigte sich auch in der Versorgung von Kranken. Die Missionare respektierten einheimische Bräuche wie Musik und Tänze, die traditionelle Namensgebung, aber auch die übliche Beschneidung von heranwachsenden Jungen. Anderseits versuchten sie die Vielehe, die Zauberei und traditionelle medizinische Behandlungen zu verhindern. Nicht immer mit Erfolg: ein Missionar berichtet von einer erfolgten Konfrontation mit einheimischen Christen, die die Vielehe nicht aufgeben wollten. Diese argumentierten mit dem biblischen Verbot der Ehescheidung. Trotzdem wurde nur Gläubige getauft, die in Einehe lebten. Die indigenen Dörfer der Pare-Region führten als Initiierungsritus der Männer ein tagedauerndes Waldfest durch, bei dem Jungen alles beigebracht wurde, was sie für das Erwachsenen-, Ehe- und Familienleben wissen mussten. Für Mädchen übernahm die Initiierung eine ältere Frau. Junge Frauen lernten beispielsweise, innerhalb der Ehe darauf zu achten, erst vier Jahre nach der Geburt eines Kindes wieder schwanger zu werden. Auch die Initiierung der Frauen wurde mit einem Tanzfest abgeschlossen.
Schädelraub für Berliner Museen
Fünf Jahre vor dem Missionseinsatz von Wilhelm Guth hatte sich ein Leipziger Missionar am Handel mit menschlichen Gebeinen beteiligt. Das Königliche Museum für Völkerkunde in Berlin, heute Ethnologisches Museum, meldete: „Wir haben ein ganz dringendes Bedürfnis nach menschlichen Schädeln und Skeletten aus Ihrer Gegend.“ Hans Fuchs war ebenfalls Missionar in der Pare-Region im Nordosten Tansanias. Er antwortete dem Museumsdirektor, dass viele afrikanischen Stämme „die Überreste ihrer Verstorbenen für heilig halten … Gleichwohl, glaube ich, bietet sich dann und wann. die Gelegenheit, unauffällig Schädel u. dgl. zu bekommen“ Nachgewiesen sind 15 Schädel und ein Skelett, die in Deutschland landeten und für die der Missionar „einen entsprechenden Betrag auf meinen Namen“ überwiesen bekam. Um Verbindung mit den Geistern der Ahnen zu halten, benötigten Pare-Männer einen Teil des Körpers des Verstorbenen. Dazu wurden den Toten ein Jahr nach dem Begräbnis der Schädel als Zentralsitz des Lebens abgetrennt und an einem dafür bestimmten Ort abgelegt. In Notfällen in der Familie betete man zu diesen Ahnen und brachte ihnen Fleisch- und Getränkeopfer dar. Eine aktuelle Stellungnahme des Leipziger Missionswerks bittet um Vergebung, die heutigen Verantwortlichen halten es für ihre Pflicht, das Wissen über die Herkunft der Gebeine transparent zu machen. Im Ethnologischen Museum in Berlin befinden sich noch immer mehr als 10.000 „Objekte“ aus dem heutigen Tansania.
Filmaufnahmen und Selbstdarstellung
Im Jahr 1927 erstellte ein Team unter der Leitung von Wilhelm Guth einen Werbefilm für drei deutsche Missionsgesellschaften. Guth berichtet, dass „das Heidentum und die Missionsarbeit zur Darstellung kommen sollte … Wir filmten dann eine Kindesaussetzung im Pare-Gebirge, heidnische Tänze und heidnische Krankenbehandlung … die christliche Verkündigung, das Schulwesen und die christliche Krankenbehandlung.“ In für die damalige Zeit typischer kolonialer Sichtweise wurden somit die ideale europäisch-christliche Welt der angeblich „zurückgebliebenen“ indigenen Kultur gegenübergestellt.
„Die letzten Jahre“, so berichtet Guth über die Arbeit in der Region, „waren angefüllt mit dem Bau eines Hospitals, zwei größeren Kirchen und einer Reihe von Schulen … Auch bekam ich eine Schwester für die Arbeit an den Kranken, die ich bisher allein versah. Jährlich fanden eine Reihe von Erwachsenentaufen statt. Die Gonja-Gemeinde zählte 800 Seelen. Wir hatten auch einige Eingeborene, die sich bisher bewährt hatten, zu Geistlichen ordinieren können, sodass die Arbeit nach und nach auf afrikanische Schultern gelegt werden konnte.“ 1938 kehrte die Familie Guth endgültig in die Heimat zurück, Guth war dort weiterhin für die Mission tätig. Ab 1956 lebte Wilhelm Guth in Bayern im Ruhestand, später im Feierabendheim Rummelsberg. Er ist am 26. August 1980 verstorben.
Tansania heute
Seit 1963 ist die Evangelical Lutheran Church im heutigen Tanzania eine eigenständige afrikanische Kirche mit 27 Diozösen. In Guths früheren Wirkungsort wurde 1971 mit deutscher Unterstützung das Gonja Lutheran Hospital errichtet.
(Hartwig Humbert, Zeiskam, 2025 / Freundliche Hinweise von den Enkeln von Wilhelm Guth)
Internet
digitallibrary.usc.edu: Fotoaufnahmen von Wilhelm Guth (abgerufen 12.01.2026)
www.leipziger-missionswerk.de: Mission und Kolonialismus (abgerufen 12.01.2026)
www.smb.museum: Ethnologisches Museum (abgerufen 12.01.2026)
www.kirche-mv.de: Rettung für das Gonja Hospital in der Pare-Diözese, Tansania (abgerufen 12.01.2026)
health.elct.org: Gonja Hospital (abgerufen 12.01.2026)