Gedenkstein in Nideggen-Schmidt

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Nideggen
Kreis(e): Düren
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 39′ 33,59″ N: 6° 24′ 29,26″ O / 50,65933°N: 6,40813°O
Koordinate UTM 32.316.812,96 m: 5.615.147,83 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.528.902,83 m: 5.613.828,62 m
  • Bild 1: Der 1999 gesetzte Gedenkstein in Nideggen-Schmidt an dem Standort im Gemeindepark, den er dort bis zum Frühjahr 2019 einnahm (Aufnahme vom 30.10.2015).

    Bild 1: Der 1999 gesetzte Gedenkstein in Nideggen-Schmidt an dem Standort im Gemeindepark, den er dort bis zum Frühjahr 2019 einnahm (Aufnahme vom 30.10.2015).

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  • Bild 2: Nahaufnahme des Gedenksteins in Nideggen-Schmidt (Aufnahme vom 30.10.2015). Darauf steht zweisprachig: "Sie starben nicht vergeblich / denn sie gewannen den Frieden / zwischen unseren Völkern."

    Bild 2: Nahaufnahme des Gedenksteins in Nideggen-Schmidt (Aufnahme vom 30.10.2015). Darauf steht zweisprachig: "Sie starben nicht vergeblich / denn sie gewannen den Frieden / zwischen unseren Völkern."

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  • Bild 3: Die Position des Gedenksteins in Nideggen-Schmidt nach Umgestaltung der Parkanlage 2018/2019 (Aufnahme vom 12.10.2019)

    Bild 3: Die Position des Gedenksteins in Nideggen-Schmidt nach Umgestaltung der Parkanlage 2018/2019 (Aufnahme vom 12.10.2019)

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  • Bild 4: Die zweite Fassung einer Hinweistafel zum Gedenkstein in der Grünanlage Nideggen-Schmidt mit Erläuterungen zum weiteren Vorgehen mit dem umstrittenen Stein vom Dezember 2019 (Aufnahme vom 28.02.2020).

    Bild 4: Die zweite Fassung einer Hinweistafel zum Gedenkstein in der Grünanlage Nideggen-Schmidt mit Erläuterungen zum weiteren Vorgehen mit dem umstrittenen Stein vom Dezember 2019 (Aufnahme vom 28.02.2020).

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Der Stein befindet sich in Nideggen-Schmidt auf einer zentral gelegenen kommunalen Grünanlage Ecke Monschauer Straße / Kommerscheidter Straße.

Beschreibung
Geschichte
Konflikt
Eskalation des Konflikts

Beschreibung
Auf dem Stein befindet sich der zweisprachige Text „Sie starben nicht vergeblich / denn sie gewannen den Frieden / zwischen unseren Völkern.“ Unter der deutschen Fassung ist ein Hufeisen abgebildet; dabei handelt es sich um das Emblem der 89. Infanterie-Division („Hufeisen-Division“) der Wehrmacht. Unter der englischsprachigen Fassung befindet sich das Emblem des US-amerikanischen 707th Tank Battalion. Beide Einheiten waren an den Endkämpfen im Westen des vormaligen Deutschen Reiches beteiligt. Unter den Emblemen der beiden Einheiten befinden sich außerdem die bundesdeutsche und die US-amerikanische Flagge; dazwischen zwei sich gegenseitig umfassende Hände mit den darüber angebrachten Jahreszahlen „1944/45“ (Bild 1 und 2).
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Geschichte
Der Stein wurde 1999 auf der zentralen Grünanlage Nideggen-Schmidts auf Initiative des Niederländers Ron van Rijt aufgestellt. Knapp zwanzig Jahre später begann eine Auseinandersetzung um den Stein, die wie ein Seismograph etwas über unterschiedliche Positionen in der Erinnerungspolitik der Nordeifel aussagt.

Der Initiator Ron van Rijt ist begeisterter Militariaanhänger, was auf seiner Facebook-Seite einen deutlichen Niederschlag findet. Die Zeitschrift des Veteranenverbands der 116. Panzer-Division der Wehrmacht („Windhund“-Division) führte ihn 1999 als Mitglied ihres „Familienverbandes“ auf und widmete der Einweihung des Gedenksteins ein Foto und einen kurzen Text (Der Windhund, 1999, H. 4, S. 12). 2003 rechnete sie van Rijt einem „Beraterteam“ des Fördervereins der „Windhunde“ zu (Der Windhund, 2003, H. 4, S. 14).

Ohne lokale Unterstützung wäre es allerdings kaum möglich gewesen, den Stein in einer so zentral gelegenen Anlage aufstellen zu lassen. Beistand fand Ron van Rijt bei dem 1989 gegründeten örtlichen „Heimatbund 500 Jahre Schmidt e. V.“ und dessen Vorsitzendem Ludwig Fischer, der damals zahlreiche Ämter in Vereinen, in der Politik (CDU) und in der Kirche bekleidete. Fischer verfasste zu einem im Jahr 2000 veröffentlichten Buch über die auf dem Stein genannte 89. Infanterie-Division der Wehrmacht auch ein Vorwort, in dem sich eine Passage findet, die mit der Aussage auf dem Stein inhaltlich identisch ist. Darin heißt es, dass das Buch „vom Leiden und Sterben deutscher und amerikanischer Soldaten berichten“ werde, die es waren, die gemeinsam „den Grundstein legten für die längste Friedensepoche, die wir in Europa erlebten.“ (Ludwig Fischer für den Heimatbund Schmidt, in: Gevert Haslob, Ein Blick zurück in die Eifel. Schicksalsweg der 89. Infanteriedivision, Emmelshausen: Condo Verlag 2000, S. 5). Auch hier tauchen Wehrmacht und amerikanische Soldaten gemeinsam als Friedensbringer auf, was die tatsächliche Geschichte des Zweiten Weltkriegs verfälscht.
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Konflikt
Der Konflikt um den Stein mit der geschichtsrevisionistischen Botschaft begann spät. Am 18. September 2017 reichte der Schmidter Bürger Konrad Schöller einen Bürgerantrag beim Rat der Gemeinde Nideggen ein, in dem er anregte, den Gedenkstein nach wissenschaftlichen Kriterien einordnen und vor Ort entsprechend kommentieren zu lassen. Dies sei notwendig, weil der Text des Steins eine Einheit der Wehrmacht nicht etwa als ausführendes Organ in einem rassistischen Vernichtungskrieg benenne, sondern gleichberechtigt an der Seite der Amerikaner als Friedensbringer verkläre. Am 17. Oktober 2017 unterstützte die Ratsversammlung in Nideggen den Antrag Konrad Schöllers einstimmig.
Danach geschah zunächst wenig. Erst ein gutes Jahr später lud der parteilose Bürgermeister der Gemeinde Nideggen, Marco Schmunkamp, zu einem Gespräch für den 5. November 2018 ein, um den weiteren Umgang mit dem Gedenkstein zu erörtern. An dem Treffen nahmen 16 Personen teil. Darunter Vertreterinnen und Vertreter des Heimatbundes Schmidt, des Heimat- und Geschichtsvereins Nideggen, verschiedene Sympathisanten Ron van Rijts, der selbst krankheitsbedingt nicht erschienen war, außerdem der Ortsvorsteher von Schmidt, der Bürgermeister von Nideggen, Vertreter des Kirchenvorstands von Schmidt sowie Konrad und sein Sohn Benedikt Schöller. Das Treffen – so schildern es Teilnehmende – verlief seitens der Verteidiger des Steines streckenweise laut, ruppig und emotional. Konrad Schöller, der Initiator des Bürgerantrags, war von dem Verlauf der Sitzung dermaßen entsetzt, dass er sich aus dem weiteren Verfahren zurückzog. Am Ende des Treffens stand eine Absichtserklärung, unter fachhistorischer Begleitung einen erläuternden Text in der Nähe des Steins anbringen zu lassen. Im weiteren Verlauf wurde auch deutlich, dass es für die Aufstellung des Steins gar kein geordnetes Antrags- und Genehmigungsverfahren gegeben hatte.

Zwischenzeitlich hatte sich der Bürgermeister in dem Konflikt um wissenschaftlichen Beistand bemüht. Dr. Karola Fings, seinerzeit stellvertretende Direktorin des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, hatte eine schriftliche Stellungnahme eingereicht, der zu entnehmen war, dass der Stein nicht die Voraussetzungen für eine Historisierung durch Kommentierung erfülle. Der Versuch, einen Bogen vom Einsatz der 89. Infanterie-Division zum Nachkriegsfrieden zu schlagen, diene dem Zweck, dem Kampf der Wehrmachtsoldaten nachträglich einen Sinn einzuschreiben und zudem die Wehrmacht zu glorifizieren. Die historisch falsche Botschaft, die damit von dem Stein ausgehe, solle nicht durch dessen Präsenz im öffentlichen Raum an Legitimität gewinnen. Frau Fings forderte die Entfernung des Steins. Zu demselben Schluss kamen auch die Autorinnen und Autoren der von der Akademie Vogelsang IP erstellten „Machbarkeitsstudie für ein Landschaftsmuseum Hürtgenwald“. Sie wiesen darauf hin, dass der Gedenkstein bereits im Jahr seiner Aufstellung nicht mehr der damals gültigen erinnerungskulturellen Praxis entsprochen habe. Dem schlossen sich auf einer Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung und Tourismus auch Vertreter der Landesgeschäftsstelle des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge NRW an und forderten ebenfalls dessen Entfernung.
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Eskalation des Konflikts
Doch die hinzugezogene Fachkompetenz von außen führte zu keinem den Konflikt beilegenden Ergebnis, das von einer Mehrheit des Stadtrats hätte getragen werden müssen. Das Gegenteil war zunächst der Fall. Denn parallel zu den Auseinandersetzungen um den Stein in Rat und Ausschuss fand 2018/19 eine Umgestaltung der Grünanlage statt, auf der sich der Stein befindet. Sprang er vor der Umgestaltung nicht direkt ins Auge, so war er nun zum unübersehbaren optischen Zentrum der Anlage gemacht worden (Bild 3). Sein Standort war erhöht und der Stein damit zusätzlich hervorgehoben worden. Außerdem sorgten jetzt Außenstrahler dafür, dass er nachts zusätzlich beleuchtetet wurde.

Eine erläuternde Tafel wurde im Dezember 2019 installiert, die darauf hinwies, dass der künftige Umgang mit dem Stein ein offener Prozess sei. Es war bereits das zweite Schild dieser Art (Bild 4). An dem vorausgehenden war bemängelt worden, dass der künftige Umgang nicht als offener Prozess benannt, sondern eine Beseitigung des Steins sprachlich ausgeschlossen worden sei. Die im Dezember installierte Tafel folgte einer fachlichen Empfehlung von Karola Fings.

In einer Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung und Tourismus wurde am 4. Februar 2020 das Thema „Stein des Anstoßes“ erneut diskutiert. Die Fraktion „Menschen für Nideggen“ beantragte dort, den Stein „sofort vom öffentlichen Grundstück zu entfernen“. Der Antrag wurde mit drei Ja-Stimmen, vier Gegenstimmen und zwei Enthaltungen abgelehnt. Die Versammelten folgten anschließend einer Beschlussvorlage der Verwaltung. Sie geht auf die Tatsache zurück, dass an der Ruhr-Universität in Bochum am Lehrstuhl von Jun.-Prof. Dr. Christian Bunnenberg eine Masterarbeit über den Stein in Schmidt geschrieben werden soll. Diese Arbeit möchte man nun zur Grundlage der Entscheidung machen. Bedacht wurde dabei nicht, dass es sich bei einer Masterarbeit um eine reine Qualifizierungsarbeit am Ende eines Studiums handelt und nicht um ein Fachgutachten. Das bedeutet, dass der thematische Zuschnitt dieser Arbeit im Belieben der Studierenden steht und keineswegs auf die Lösung der Schmidter Probleme ausgerichtet sein muss. Darüber hinaus besteht seitens der Studierenden keine Verpflichtung, ihre Arbeit öffentlich zu machen. Auf der Grundlage der Masterarbeit soll im ersten Halbjahr 2021 weiter nach einer Lösung gesucht werden. Volker Uerlings kommentierte den Vorgang in den Aachener Nachrichten vom 8. Februar 2020 wie folgt: „Nicht erst seit zwei Monaten, sondern schon seit mehr als zwei Jahren eiert der Nideggener Stadtrat herum […]. Klug war es, historische Fachleute um ihre Einschätzung zu bitten. Unverständlich ist es, deren einstimmigen (!) Rat in den Wind zu schlagen: Das Denkmal sollte nicht bleiben.“
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(Frank Möller, Gesellschaft für interdisziplinäre Praxis e. V., 2021)

Internet
frank-moeller.eu: Harzheim, Gabriele / Lamp, Bodo / Moritz, Albert / Schön, Mareike / Wunsch, Stefan (2019), Machbarkeitsstudie für ein Landschaftsmuseum Hürtgenwald, Vogelsang (abgerufen 02.01.2021).
www.heimatbund-schmidt.de: Heimatbund 500 Jahre Schmidt e. V: (abgerufen 02.01.2021)
frank-moeller.eu: Möller, Frank (2019), Stein des Anstoßes – ein Schauspiel in fünf Akten: Die Wehrmacht als Friedensbringer in Schmidt. In: Hürtgenwald Newsletter Nr. 6 (abgerufen 02.01.2021)
frank-moeller.eu: Möller, Frank (2020), Gedenkstein in Schmidt: Über den Kern des Problems und seinen Ursprung. Ein Denkanstoß. In: Hürtgenwald Newsletter Nr. 10 (abgerufen 02.01.2021).
frank-moeller.eu: Möller, Frank (2020), Ausschuss für Stadtentwicklung und Tourismus: Wissenschaftsfreie Zone Nideggen ausgerufen. Ein Kommentar. In: Hürtgenwald Newsletter Nr. 11 (abgerufen 02.01.2021)
frank-moeller.eu: Möller, Frank (2020), Wegducken, denunzieren und zensieren. Drei Varianten der Rhetorik von rechts in der Auseinandersetzung um den „Stein des Anstoßes“ in Schmidt. Eine Analyse. In: Hürtgenwald Newsletter Nr. 11 (abgerufen 02.01.2021)
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Literatur

Familienverband ehemaliger Angehöriger der Windhunddivision (116. Panzer-Division) e. V. (Hrsg.) (2004)
Der Windhund. In: Heft 4, S. 14. Bochum.
Familienverband ehemaliger Angehöriger der Windhunddivision (116. Panzer-Division) e. V. (Hrsg.) (1999)
Der Windhund. In: Heft 4, S. 12. Bochum.
Fischer, Ludwig / Heimatbund 500 Jahre e. V. Schmidt (Hrsg.) (2006)
Erinnerungen. Nideggen-Schmidt.
Haslob, Gevert / Geschichtsverein Hürtgenwald e. V. (Hrsg.) (2000)
Ein Blick zurück in die Eifel. Schicksalsweg der 89. Infanteriedivision. Mit einem Vorwort des Heimatbund 500 Jahre Schmidt e. V. Emmelshausen.
Schöller, Benedikt; Schöller, Konrad (2020)
Gedenkorte des Zweiten Weltkriegs. Eine pädagogische Herausforderung. In: Pädagogik, Heft 4/2020, S. 26-29. Weinheim.

Gedenkstein in Nideggen-Schmidt

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Monschauer Straße / Kommerscheidter Straße
Ort
52385 Nideggen - Schmidt
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Schriften, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Archivauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1999

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Empfohlene Zitierweise
Frank Möller, „Gedenkstein in Nideggen-Schmidt”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-327318 (Abgerufen: 23. September 2021)
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