Schulgebäude in Sassen

Dritte Station des Erlebnisrundwegs: Trauds Schulzeit

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Sassen
Kreis(e): Vulkaneifel
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Koordinate WGS84 50° 15′ 57,11″ N: 6° 57′ 53,07″ O / 50,26587°N: 6,96474°O
Koordinate UTM 32.354.950,54 m: 5.570.173,03 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.568.829,16 m: 5.570.426,63 m
  • Klassenfoto mit Kindern des Jahrgangs 1897/98 in der Dorfschule in Sassen (1897/98)

    Klassenfoto mit Kindern des Jahrgangs 1897/98 in der Dorfschule in Sassen (1897/98)

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    Verbandsgemeinde Kelberg
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  • Der Bildausschnitt aus dem Klassenfoto von 1897/98 zeigt die Traud als Schulmädchen (1897/98)

    Der Bildausschnitt aus dem Klassenfoto von 1897/98 zeigt die Traud als Schulmädchen (1897/98)

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  • Interview vom 12.10.2019 mit der Schriftstellerin Ute Bales über Trauds Schulbildung und Schulzeit

    Interview vom 12.10.2019 mit der Schriftstellerin Ute Bales über Trauds Schulbildung und Schulzeit

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    Florian Weber
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Die benachbarten Gemeinden Kolverath und Sassen beschlossen 1894 die Gründung eines gemeinsamen Schulverbandes. Der erste Unterricht fand in Sassen statt. In die linke Haushälfte des Hauses Nohner, die der Schulverband Sassen-Kolverath mietete, war die einklassige Volksschule zwischen 1894 bis 1901 untergebracht. Der Klassenraum war 50 Quadratmeter groß. Der Lehrer wohnte im oberen Stockwerk. Das Haus Nohner wurde im Jahr 1969 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.

Aufgrund der beengten Verhältnisse war ein neues Schulgebäude dringend erforderlich. Im Jahr 1900 wurde mit dem Bau des neuen Gebäudes am Ortsrand von Kolverath begonnen. Dieses wurde im Jahr 1901 fertiggestellt. Der Unterricht wurde im Herbst des gleichen Jahres aufgenommen. Zwischen den Jahren 1966 und 1970 wurde die Schule stufenweise geschlossen. Die Schließung erfolgte aufgrund der Neuorganisation des Schulwesens und der Zusammenführung der Schüler zur gegliederten Mittelpunktschule in Kelberg, heute Grundschule und Realschule plus St. Martin Kelberg. Im Jahr 1970 wurde der Schulbetrieb in Kolverath endgültig eingestellt.

(Peter Burggraaff, Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, 2019)


Das Schulwesen im ausgehenden 19./frühen 20. Jahrhundert
Das deutsche Schulwesen basierte zur Wende vom 19. aufs 20. Jahrhundert auf der Einteilung in Volksschulen und Gymnasien. Gymnasien gab es in der Regel nur in Städten. Dort wurden Volksschulen vornehmlich von Kindern ärmerer Bevölkerungsschichten besucht, während die Kinder aus wohlhabenden Familien in die örtlichen Gymnasien gingen. Somit war die Bildung zu jener Zeit stark an die soziale Herkunft und den sozialen Stand gebunden. In ländlichen Regionen gab es zumeist nur Volksschulen.

Im Jahr 1815 wurde die Eifel Preußen zugesprochen. Dies hatte auch zur Folge, dass die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde. Allerdings fielen bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert die Einschulungsquoten gerade in ländlichen Gebieten eher gering aus, da viele Familien von der Unterstützung der Kinder bei Haus- und Landarbeit abhängig waren. Die Pädagogen der Zeit waren bestrebt, die Kinder in Gehorsam und Gottesfürchtigkeit zu unterweisen. Körperstrafen (Züchtigung) war an der Tagesordnung, häufig auch unter Gebrauch eines Schlagstocks. In der Volksschule wurde den Kindern auch die elementaren, für die Landarbeit brauchbaren Kenntnisse gelehrt (Speitkamp 1998, S. 38f.).

Die Dorfschule
Die Dorfschule um 1900 umfasste in der Regel zwei Klassenräume, in denen die Unterklasse (erstes bis viertes Schuljahr) und die Oberklasse (fünftes bis achtes Schuljahr) untergebracht waren und vom Dorflehrer unterrichtet wurden. Klassen mit bis zu 50 Kindern waren auch in den 1920er Jahren keine Seltenheit. Die Kinder saßen paarweise in hölzernen Schulbänken. Der Lehrer stand hinter seinem hohen hölzernen Pult (dem Katheder). Geschrieben, gerechnet und gemalt wurde mit Griffeln (zunächst Schiefer, später Kreide) auf Schiefertafeln, an denen kleine Schwämme mit einer Schnur befestigt waren. Neben Rechnen und Schreiben stellte Religion eins der Hauptfächer dar: Bibel und Katechismus waren feste Bestandteile eines jeden ledernen Schulranzens. Damit im Winter das Klassenzimmer angenehm warm war, mussten die Kinder Holzscheite für den Ofen von Zuhause mitbringen.

Der Schulunterricht wurde sicherlich von manch bäuerlicher Familie mit Argwohn betrachtet. Durch die Zeit im Klassenzimmer ging Arbeitskraft verloren, die dringend gebraucht wurde. Aus diesem Grunde war der Schulalltag sehr stark durch die Phasen des bäuerlichen Lebens geprägt. Diese umfassten Pflanz-, Ernte- und Schlachtphasen. Die sogenannten Kartoffelferien im Herbst künden noch von dieser Zeit. Ebenso das Ablesen der gefürchteten Kartoffelkäfer oder das Roggenbinden. Bis in die Nachkriegszeit mussten Kinder in Deutschland in der Landwirtschaft mitarbeiten.

Traud als Schulmädchen
Im Schulkindalter verlor Traud ihren Vater und kurz darauf ihr Zuhause. Trauds Mutter Maria hatte sich und ihrer Tochter eine Unterkunft bei ihrem Schwager gesichert. Für Kost und Logis mussten Mutter und Tochter im Haushalt harte Arbeit leisten. Traud konnte aber zu dieser Zeit die Volksschule in Sassen besuchen. Ute Bales schreibt in ihrem Roman „Kamillenblumen. Roman aus der Eifel“, dass Traud gemeinsam mit Regina, der Tochter des Onkels, die Dorfschule besuchte:

„Seit dem Herbst ging sie mit Regina in die Volksschule. Was ihr anfangs Freude machte, wurde bald schon zu einer Tortur für Körper und Seele. Die täglichen Hänseleien, der Spott, das Geflüster und Gelächter zehrten an ihr und oft ballte sie die Fäuste, wenn sie an die Schulkameraden dachte. Um St. Martin wurde es für Traud besonders schlimm. Am Abend, neben Maria auf dem Strohlager, weinte sie über die bitteren Worte, die sie tagsüber eingesteckt hatte. 'Dat ich stinken tät, haben sie gesagt', heulte sie, rieb den Rotz am Ärmel ab, dass es dort glänzte wie von Schneckenspuren, 'dabei wäscht sich der Horst überhaupt net. Keiner will neben mir sitzen. Der Ulrich hat Lumpenmädchen zu mir gesagt, obwohl ich genauso flink bin wie die anderen und in der Schul sogar noch besser. Nur weil wir kein richtiges Heim haben', heulte sie und auch Maria kämpfte mit den Tränen. 'Wenn du rechnen kannst, Traud, dat Einmaleins und die Brüch, dann gehn wir weg und suchen uns wat Neues“ (Bales 2016, S. 19f.).

Auch wenn sie auf Grund ihrer Verarmung dort viel Spott und Häme von anderen Schülern ertragen musste, stellte sich Traud als fleißige, kluge Schülerin heraus. Ihre Mutter Maria hielt es für wichtig, dass ihre Tochter das Rechnen und Lesen beherrschte. Die Bildung, so glaubte die Mutter, würde Traud für das spätere Leben wappnen. Erst als Traud beides grundlegend erlernt hatte, nahm die Mutter sie von der Schule. Gemeinsam verließen sie den Hof von Trauds Onkel, um sich eine Bleibe außerhalb von Sassen zu suchen.

(Lea Adams, Universität Koblenz-Landau, 2019)

Internet
www.heimatjahrbuch-vulkaneifel.de: Was Opa uns erzählte, von Kathrin Pinn (recherchierbar über Volltextsuche, abgerufen 14.02.2020)

Literatur

Bales, Ute (2016)
Kamillenblumen. Roman aus der Eifel. (Edition Schrittmacher Band 15, 6. überarbeitete Auflage.) Zell/Mosel.
Edelstein, Benjamin; Veith, Hermann (2017)
Schulgeschichte bis 1945. Von Preußen bis zum Dritten Reich. o. O.
Speitkamp, Winfried (1998)
Jugend in der Neuzeit. Deutschland vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. (Sammlung Vandenhoeck.) o. O.

Schulgebäude in Sassen

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Hauptstraße 2
Ort
56767 Sassen
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Schriften, Auswertung historischer Karten, Auswertung historischer Fotos, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Fernerkundung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1894, Ende nach 1901

Empfohlene Zitierweise

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Empfohlene Zitierweise
„Schulgebäude in Sassen”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-300115 (Abgerufen: 22. Oktober 2021)
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