Denkmalbereich „Mülheim/Ruhr - Kirchenhügel“

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Denkmalpflege
Gemeinde(n): Mülheim an der Ruhr
Kreis(e): Mülheim an der Ruhr
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Auf einer Niederterrasse an der Ruhr, gelegen an einem Abzweig des Hellweges, der hier den Fluss kreuzte, entstand ein 1093 urkundlich erstmals erwähnter Edelhof. Die befestigte Anlage mit Vor- und Hauptburg, Eigenkirche und Wirtschaftshof war fränkischen Ursprungs und diente im Grenzgebiet zwischen Franken und Sachsen, wie auch das auf der gegenüberliegenden Flussseite gelegene Schloss Broich (2. Hälfte 9. Jahrhundert) zur Sicherung des fränkischen Hoheitsgebietes. Der die Ostseite den Ruhrübergangs schützende Herrenhof gehörte bis zum 12. Jahrhundert den Herren von Mülheim, ging dann über in den Besitz der Grafen von Altena-Isenberg, stand später unter der Hoheit der Grafen von Berg und war dem bergischen Amt Angermund zugeordnet.

Als Gerichtssitz (seit dem 11. Jahrhundert), Markt- (seit 1256) und Kirchort hatte Mülheim zentrale Bedeutung für das Umland. Das auf älteren Karten überlieferte sternförmige Wegenetz mit der Petrikirche auf dem Hügel im Zentrum, war städtebaulicher Ausdruck dieser zentralörtlichen Funktion. Mülheim war im Mittelalter mehrfach Schauplatz von Belagerungen und Eroberungen. Während einer fast fünfzigjährigen Zugehörigkeit des Ortes zum klevischen Herrschaftsbereich wurde Mülheim 1442 neu befestigt. Seit der Reformation 1555 ist die Petrikirche evangelisch.

Mit Schiffbarmachung der Ruhr (1776-1780) erhielt Mülheim eine bedeutende Stellung im Kohlenhandel. 1808 wurden die Stadtrechte verliehen. Eine Stadterweiterungsplanung durch Adolph von Vagedes von 1829 mit einer Vergrößerung der Siedlungsfläche auf das Vierfache des existierenden Ortes belegt den damaligen Optimismus für eine großzügige Ortsentwicklung, hatte jedoch in jener Zeit keine Aussicht auf Verwirklichung. Die Anfänge der Friedrich-Wilhelms-Hülle, 1820 durch die Gebrüder Dinnendahl als Gießerei und mechanische Werkstatt gegründet und nach einer Planung von 1831 zum Hochofenwerk weiterentwickelt, die Troost'sche Spinnerei von 1791, die aufkeimende Lederindustrie nach 1850, die eiserne Kettenbrücke über die Ruhr von 1842 und die in den 1860er Jahren den Ort erreichenden Eisenbahnlinien sind wichtige Marksteine in der industriellen und städtebaulichen Entwicklung der Stadt, die zu neuen Schwerpunkten im Norden und Osten des Kirchenhügels führten. Im räumlichen Kontext mit der Keimzelle des Ortes entstanden Wohnhäuser von Handwerkern, Schiffern und Tagelöhnern, sowie zahlreiche soziale Einrichtungen: Evangelische Kleinkinderschule 1846, Waisenhaus und Volksschule 1861/63, Friedhof um 1860, katholisches Krankenhaus 1886/87.

1875 wurde der östlich an den Kirchhügel angrenzende Mühlenteich zugeworfen und zum Kaiserplatz gestaltet.

Nach dem Übergang Mülheims zur Großstadt, exakt 100 Jahre nach Verleihung der Stadtrechte, entstanden am Fuß des Kirchhügels das Hotel Handelshof 1906 und die Reichsbank 1910. Emil Fahrenkamp baute neben der evangelischen Petrikirche 1928/29 die katholische Pfarrkirche. Nach dem Krieg wurde in Verlängerung der 1958/60 erneuerten Schlossbrücke mit der Leineweberstraße ein Straßendurchbruch quer durch die Altstadt getrieben, der den Kirchhügel optisch und städtebaulich von der nördlichen Stadthälfte trennte.

Nach wie vor dominierende Position im heutigen Stadtbild besitzt der Kirchhügel mit der evangelischen Kirche. Eingefasst durch Mauern aus Sandstein, ist der Hügel von der einstigen Hauptstraße des Ortes, der Delle aus, über eine Treppenanlage zugänglich.

Die einst nahezu geschlossene Kirchhofumbauung mit Fachwerkhäusern, die sich der Kirche zuwendeten, ist nur noch partiell entlang der Bogenstraße fassbar. Die Häuser sind hier über zwei gemauerte Bogenbrücken (eine dritte Brücke wurde 1898 abgebrochen) mit dem Kirchhof verbunden. Der Kirchhof war ursprünglich Begräbnisstätte. Südlich der evangelischen Kirche vorgelagert ist der Marktplatz, der heute mit dem Vorraum der katholischen Kirche von 1928/29 zu einer großzügigen Platzanlage verschmilzt. Das sternförmig auf den Kirchhügel bezogene Straßennetz ist seit dem Bau der Leineweberstraße nach dem Krieg nur noch südlich der evangelischen Kirche fassbar. Kaiserplatz und Friedhof begrenzen im Osten und Süden den Bereich der historischen Keimzelle Mülheims.

In baulicher Korrelation mit der politischen Entwicklungsgeschichte findet sich in Mülheim die nördliche Grenze des bergischen Hauses, dessen Eigentümlichkeiten hier schon voll ausgebildet sind: Fachwerk mit schwarz bis dunkelbraun gestrichenen Balken, Schieferverkleidung besonders der beanspruchten Wetterseiten, vorkragende Obergeschosse. Diese überwiegend dem 18. Jahrhundert zugehörigen Fachwerkbauten werden im Ortsbild kräftig akzentuiert durch die Backsteinbauten des 19. und 20. Jahrhunderts. In sinnvoller Ergänzung steht dazu die in einheimischem Kohlensandstein errichtete evangelische Kirche mit zugehöriger Kirchplatzummauerung. Die soziale Differenzierung wird deutlich durch die größeren Häuser in unmittelbarem Umfeld der Kirche und die kleineren Häuser der Schiffer und Tagelöhner in den Randbereichen.

Mülheim ist in Stadtanlage und Bebauungsformen vergleichbar mit mehreren anderen Orten des Bergischen Landes (Wülfrath, Mettmann, Hattingen), hat aber durch die Entwicklung zur Industriestadt und besonders durch die Neuordnung in der Nachkriegszeit, viel von der Ausstrahlungskraft dieses bergischen Siedlungstyps mit der von Fachwerkhäusern ringförmig umgebenen Kirche und sternförmigem Wegenetz verloren. Dies findet Niederschlag in der nördlichen Begrenzung des ausgewiesenen Denkmalbereichs unmittelbar entlang des Kirchhügels und Leineweberstraße. Bedeutend ist der Denkmalbereich Kirchhügel für die städtebauliche Entwicklung Mülheims, als deren Ausgangspunkt und Keimzelle.

Nachdem für Mülheim schon 1975 ein Kurzinventar veröffentlicht worden war (Die Denkmäler des Rheinlandes, Bd. 21), war der Bereich Kirchhügel noch einmal im Auftrag der Stadt erfasst worden. 1982 wurde vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege das Gutachten für die Denkmalbereichssatzung erarbeitet. Während der Offenlage wurden mehrere Bedenken und Anregungen geäußert, die mehrheitlich eine Ausdehnung des Bereiches unter Einbeziehung der beiden Schulen anregten. Diese waren bereits als Einzeldenkmale geschützt. Auch der Einspruch des katholischen Krankenhauses, das eine zu strenge Reglementierung zukünftiger Veränderungen befürchtete, wurde abgewiesen.
Die Satzung wurde 1983 rechtskräftig.

(Walter Buschmann, Rheinisches Amt für Denkmalpflege, LVR, aus: Mainzer (Hrsg.) 1996)

Literatur

Benecke, Christl (1972)
Mülheim an der Ruhr in Stadtansichten aus vier Jahrhunderten. Frankfurt.
Clemen, Paul (1893)
Die Kunstdenkmäler der Stadt Duisburg und der Kreise Mülheim a.d. Ruhr und Ruhrort. (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz / im Auftrage des Provinzialverbandes hrsg. von Paul Clemen; Bd. 2,2.) Düsseldorf.
Günter, Roland (1975)
Mülheim an der Ruhr. (Die Denkmäler des Rheinlandes 21.) Düsseldorf.
Mainzer, Udo (Hrsg.) (1996)
Denkmalbereiche im Rheinland. (Arbeitshefte der rheinischen Denkmalpflege 49.) S. 167-169, Köln.
Ortmanns, Kurt (1989)
Mülheim a.d. Ruhr. (Rheinischer Städteatlas, Lieferung IX, Nr. 50.) Köln.

Denkmalbereich „Mülheim/Ruhr - Kirchenhügel“

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Althofstraße
Ort
45468 Mülheim an der Ruhr - Altstadt I - Stadtmitte (Geschäftsviertel) 11
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Denkmalbereich gem. § 5 DSchG NW
Fachsicht(en)
Denkmalpflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Übernahme aus externer Fachdatenbank, Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn vor 1093
Koordinate WGS84
51° 25′ 35,08″ N, 6° 53′ 0,48″ O / 51.42641°, 6.88347°
Koordinate UTM
32U 352856.62 5699370.49
Koordinate Gauss/Krüger
2561489.76 5699456.14

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„Denkmalbereich „Mülheim/Ruhr - Kirchenhügel“”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/BODEON-59334-12042017-266646 (Abgerufen: 21. Mai 2018)
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