Denkmalbereich „Hellenthal - Reifferscheid“

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Denkmalpflege
Gemeinde(n): Hellenthal
Kreis(e): Euskirchen
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Das ehemalige Hochschloss mit Vorburg und Burgsiedlung („Freiheit oder Stat“) in Reifferscheid gehört neben Kronenburg und Wildenburg zu den für die Eifeltypischen gotischen Burg-Tal-Siedlungen kleinerer Herrschaftsbereiche. Glücklicherweise konnte der Ort über Jahrhunderte seine ursprüngliche Anlageform bewahren; so veranschaulicht er auch heute noch eine bedeutende Epoche der Entwicklungsgeschichte der Eifel. Diese, in der Regel auf Anhöhen malerisch gelegenen, mit Befestigungen umgebenen Siedlungen um eine Burg mit Vorburg, prägen bis in die heutige Zeit ganz wesentlich das Landschaftsbild dieser Region. Reifferscheid entstand im 14. Jahrhundert auf einem Bergsporn am Zusammenfluss des Reifferscheiderbaches und des Reinzelbaches. Die Anlage gehört zu den bedeutendsten und bekanntesten dieser mittelalterlichen Burg-Tal-Siedlungen.

Im Jahre 1106 wurde Reifferscheid in Urkunden als Burg des Herzogs von Lothringen erstmals erwähnt. Ab 1195 war sie Sitz der Herrschaft Reifferscheid unter dem gleichnamigen Dynastengeschlecht bis zu seiner Auflösung im Jahre 1794. Bis ins 15. Jahrhundert war die Burg ständige, später noch gelegentliche Residenz der Grafen von Reifferscheid.

Die Burgsiedlung fand zum Ende des 14. Jahrhunderts erste urkundliche Erwähnung. In dieser Zeit erhielt sie auch ihre Befestigung mit dem heute noch erhaltenen Matthiastor. Nach Stadtbränden von 1509 und 1669 und Zerstörungen durch die Franzosen 1689 wurde Reifferscheid, das in dieser Zeit weitgehend aus Fachwerkbebauung bestand, wieder aufgebaut. Die Burg war nur leicht beschädigt. Die Anlage wurde in Anlehnung an den französischen Schlossbau wiederhergestellt mit welschen Hauben für die Turmhelme. Die Gestalt einer spätgotischen Burganlage blieb dennoch gewahrt. 1794 wurde die Burg von der französischen Verwaltung versteigert und in den Jahren darauf zur Baustoffgewinnung weitgehend abgebrochen.

Die Pfarrkirche war mit Sicherheit anfangs als wesentlicher Bestandteil der Befestigung der Südostspitze der Umwehrung gedacht. Sie wurde Ende des 15. Jahrhunderts als Hallenkirche erbaut, jedoch im 19. Jahrhundert mehrfach verändert.

Burgsiedlung (Tal), Vorburg und Burg von Reifferscheid staffeln sich malerisch auf ovalem Grundriss am Hang des nordöstlichen Bergrückens. Alle Siedlungsabschnitte sind jeweils von Mauern mit zugehörigen Toren umgeben. Die hoch über dem stellen Hang des Bergrückens gelegene Burgruine ist nur über die Siedlung und die Vorburg erreichbar. Sie wird überragt vom erhaltenen mächtigen Bergfried des 14. Jahrhunderts. Die Burgruine veranschaulicht in ihrem heutigen Bestand nur bruchstückhaft die charakteristische spätgotische Adelsburg mit Bergfried, Schildmauer und Palas. Vom Wiederaufbau zum Barockschloss nach 1669 sind kaum noch Spuren geblieben. Im Osten und Süden ist der Kernburg die Vorburg vorgelegt. Sie ist hauptsächlich eine Anlage der Spätgotik, deren zur Siedlung gerichtete Befestigungsmauern noch weitestgehend erhalten sind. Sie wurden im 17. und 19. Jahrhundert von Wohnbebauung überbaut. Im Jahre 1689 wurde das doppeltürmige Burgtor anstelle eines älteren Vorgängers errichtet. Insgesamt vermittelt die Vorburg mit ihren wenigen, vor allem aus Zweckbauten (ehemalige Zehntscheune) entstandenen Wohnhäusern, den großen Freiflächen und den fast vollständig erhaltenen Mauerzügen mit zugehörigen Toren noch anschaulich ihren historischen Werdegang aus dem gotischen Zwinger über den barocken Vorplatz und Wirtschaftshof bis zur kleinen bäuerlichen Anlage in den Resten eines ehemaligen Herrschaftssitzes.

Die Burgsiedlung oder Freiheit war ehemals vollständig von einem Mauerbering umgeben. Ihre fortifikatorische Bedeutung entsprach der eines äußern Zwingers, der nach Nordosten, aufgrund der Topographie des Berges der Burganlage vorgestellt war. Heute ist die untere Hälfte der Ringmauer noch vollständig erhalten. Im Norden grenzt die Siedlung unmittelbar an einen anschließenden Höhenzug. An dieser gefährdeten Stelle steht das mächtige Matthiastor aus dem 14. Jahrhundert mit gemauerten Flankentürmen, das nur über eine Brücke über den ehe maligen Halsgraben, einen künstlichen Einschnitt, zugänglich ist. Ein weiterer Zugang zur Burgsiedlung wurde Anfang des 15. Jahrhunderts im Osten angelegt und im Jahre 1581 erneuert. Die Bebauung innerhalb des Beringes ist heute weniger dicht als bis 1689. Sie präsentiert sich als eine Gruppe von Häusern des 17. bis 20. Jahrhunderts, die nach Brand und Zerstörung von 1689 entstanden sind. Es handelt sich hierbei um zweigeschossige, sowohl giebelständige als auch traufständige Wohnhäuser, mit rechtwinklig anschließenden Ställen und quer liegenden Scheunen. Die verbreitete Bauart ist der Fachwerkbau oder Massivbau aus dem in der Region vorkommenden Buntsandstein, mit Kalkschlämme verputzt. Charakteristisch ist seit Mitte des letzten Jahrhunderts die Dacheindeckung aus Schiefer oder schwarzglasierten Hohlziegeln. Straßenführung und Platzfolgen entsprechen weitgehend der mittelalterlichen Siedlungsstruktur. Die Bebauung des Berings setzte erst nach dem Verlust seiner wehrtechnischen Bedeutung ein.

Am 4. September 1985 hatte der Rat der Gemeinde Hellenthal die Denkmalbereichssatzung für den Ortsteil Reifferscheid beschlossen mit dem Ziel, die Siedlung in ihrer Gesamtheit und ihrem Erscheinungsbild zu erhalten, zu sichern und wiederherzustellen. Darüber hinaus soll die Silhouette des Ortes, die sich aufgrund der exponierten Lage des Burgberinges Reifferscheid darbietet, erhalten bleiben.

Die Bedeutung von Burg und Siedlung Reifferscheid, die in ihrer Gesamtheit einen wichtigen Denkmalbereich mit zahlreichen Baudenkmälern darstellt, liegt darin, dass sich hier weitgehend der Typ der spätgotischen umwehrten Siedlung mit Burg in seiner ursprünglichen Grundrissdisposition erhalten hat mit teilweise noch mittelalterlichen Aufbauten. Die im 17. bis ins 20. Jahrhundert gewachsene ländliche Bebauung, die in Proportion und Umriss dem mittelalterlichen Grundriss gerecht wird, verkörpert die regionaltypische Bauweise der Eifel.

Dank der besonderen Topographie blieb die Gesamtanlage auch in ihrer ursprünglichen Ausdehnung überliefert. So hat sich bis heute das charakteristische Erscheinungsbild des Ortes nicht verändert. Einen Beitrag dazu leisteten überdies die Bewohner, die Neubauten unter Wahrung des Maßstabes errichteten und bei der Wahl der Baumaterialien auf ortstypische Baustoffe zurückgriffen.

Trotz großer Anstrengungen der Bewohner von Reifferscheid, die historische Bausubstanz des Ortes zu pflegen, gelingt es nicht, alle Objekte von baugeschichtlicher Bedeutung zu erhalten. Hierzu gehören auch die zahlreichen ortstypischen Trockenmauern. Auch aus diesem Grund hat die Gemeinde HeIlenthal bei der Landesregierung NRW den Antrag gestellt zur Aufnahme von Reifferscheid in das Sonderprogramm zur Erhaltung historischer Ortskerne.

(Oktavia Zanger, Rheinisches Amt für Denkmalpflege, LVR, aus: Mainzer (Hrsg.) 1996)

Literatur

Böhm, Gabriele / Eberhardt, Jürgen / Kandler, Ekkehard (1994)
Hellenthal-Reifferscheid. (Rheinische Kunststätten, Heft 402.) Neuss.
Clasen, Carl-Wilhelm; Hansmann, Wilfried; Osteneck, Volker / Landeskonservator Rheinland (Hrsg.) (1975)
Ensembles 1. (Arbeitsheft 4.) Köln.
Dambleff-Uelner, Ursula; Schmitz-Michels, Jochen / Der Gemeindedirektor der fol. Hellenthal (Hrsg.) (1992)
Städtebaulicher Rahmenplan Reifferscheid. Bonn.
Franz Pesch; et al. / Ministerium für Stadtentwicklung und Verkehr (Hrsg.) (1994)
Historische Stadt- und Ortskerne in Nordrhein-Westfalen. Duisburg.
Herzog, Harald (1989)
Burgen und Schlösser. Geschichte und Typologie der Adelssitze im Kreis Euskirchen. Köln.
Mainzer, Udo (Hrsg.) (1996)
Denkmalbereiche im Rheinland. (Arbeitshefte der rheinischen Denkmalpflege 49.) S. 100-102, Köln.
Neu, Peter / Landschaftsverband Rheinland, Amt für Rheinische Landeskunde (Hrsg.) (1979)
Reifferscheid. (Rheinischer Städteatlas / Hrsg. Landschaftsverband Rheinland, Amt für Rheinische Landeskunde, Bonn; Nr. 29 = Lfg. 5.) Köln.
Wackenroder, Ernst / Clemen, Paul (Hrsg.) (1932)
Die Kunstdenkmäler des Kreises Schleiden. (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz XI.2.) Düsseldorf.

Denkmalbereich „Hellenthal - Reifferscheid“

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
In der Freiheit
Ort
53940 Hellenthal - Reifferscheid
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Denkmalbereich gem. § 5 DSchG NW
Fachsicht(en)
Denkmalpflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Übernahme aus externer Fachdatenbank, Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn vor 1106
Koordinate WGS84
50° 28′ 37,46″ N, 6° 27′ 59,93″ O / 50.47707°, 6.46665°
Koordinate UTM
32U 320255.98 5594742.15
Koordinate Gauss/Krüger
2533168.36 5593578.92

Empfohlene Zitierweise

Urheberrechtlicher Hinweis
Der hier präsentierte Inhalt ist urheberrechtlich geschützt. Die angezeigten Medien unterliegen möglicherweise zusätzlichen urheberrechtlichen Bedingungen, die an diesen ausgewiesen sind.
Empfohlene Zitierweise
„Denkmalbereich „Hellenthal - Reifferscheid“”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/BODEON-5148-13012017-263156 (Abgerufen: 19. November 2018)
Wir verwenden Cookies, um die Nutzbarkeit unserer Seiten zu optimieren. Falls Sie mit der Speicherung von Cookies nicht einverstanden sind, finden Sie weitere Informationen auf unserer Internetseite.
Seitenanfang