Ortskern Castrop mit historischen Straßen

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Castrop-Rauxel
Kreis(e): Recklinghausen
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Es finden sich in der Altstadt Castrop heute noch zahlreiche Einzelobjekte aus Neuzeit, Historismus und Moderne, die für das Stadtbild prägende Bedeutung aufweisen oder inzwischen auch als Baudenkmale unter Denkmalschutz gestellt sind.

Die Entwicklung vom Ortskern zum Stadtkern geht auf eine lange Geschichte zurück:
834 wird bei einem Grundstückstausch der Abtei Werden die „villa“ Castrop genannt. Eine „curia“ in Castrop stand der Abtei Deutz 1019 zu. Der 1491/1495 als fränkischer Oberhof („Reichshof“) bezeichnete Hof Castrop kam im 13. Jahrhundert an die Grafen von Kleve. Sie bauten das auf der Vogtei beruhende Gericht Castrop aus, das sie den Herren von Strünkede (Herne), in deren Hand es 1320 gegeben worden war, wieder 1426 abgenommen hatten. Auch schufen die Herzöge von Kleve einen mit Wall, Graben und 3 Toren umwehrten Marktflecken, die „Freiheit“ Castrop, und verliehen ihr 1470 / 1484 Privilegien. Die dem heiligen Lambertus geweihte, katholische Kirche bildete den Mittelpunkt der Siedlung Castrop. Das Kirchspiel umfasste über die Freiheit hinaus noch ein Dutzend Bauerschaften und deckte sich weitgehend mit dem Gericht Castrop.

Die ungefähre Abgrenzung des Ortskerns kann im Verlauf der heutigen Brückenstraße im Norden und Nordosten, - der Wittener Straße im Osten, der heutigen Viktoriastraße im Südosten sowie im heutigen Verlauf der Straßenzüge von Leonardstraße und Lönstrasse im Südwesten gezogen werden.
Folgende historischen Straßenzüge bestimmen den Stadtgrundriss bis heute (siehe hierzu auch die Abbildung der Übersichtskarte der Siedlung):
  • die Münsterstraße nach Norden mit dem früheren Standort des Nordtores (auch „Muffentor“ bezeichnet) in Höhe der heutigen Einmündung der Straße „Biesenkamp“,
  • die Wittener Straße nach Südosten mit dem früheren Standort des Osttores (auch „Bennertor“ oder „Bennerpforte“ genannt) in Höhe der heutigen Einmündung der Brückenstraße (wahrscheinlich geht der Name auf ein Heiligenhäuschen des heiligen Bernhard (= „Benno“) zurück. sowie
  • die Widumer Straße nach Westen mit dem früheren Standort des „Widumer Tores“ (oder auch „Westentor“ benannt) in Höhe der heutigen Einmündung der Lönsstraße. Die Bezeichnung hier geht vermutlich auf „Widum“ (= Pfarrhaus oder Pfarrpfründe) zurück, weil die katholische Pfarre an der Widumer Straße außerhalb des Tores zahlreiche Grundstücke besessen hat.

Die Tore sind bereits schon im 18. Jahrhundert völlig unbedeutend geworden, daraufhin offensichtlich verfallen und infolgedessen abgebrochen worden. Die Tore sind im Urkataster 1826 nicht mehr als bauliche Anlagen dargestellt. Sie lassen sich jedoch entsprechend lokalisieren. Die Heimatforschung geht davon aus, dass der bis 1900 durch Häuser von Bauern und Handwerkern geprägte Ortskern 1810 noch durch Wall und Graben gesichert gewesen ist. Eine Stadtmauer hat es nicht gegeben, denn der Ort besaß als „Freiheit“ nur mindere Stadtrechte, die lediglich die Privilegien für einen eigenen Bürgermeister und zur Abhaltung von Märkten einschlossen. Auf den historischen Ortsgrundriss weisen heute nur noch die Sankt Lambertus-Pfarrkirche von 1900 sowie einige wenige überkommene Fachwerkgebäude in der Nachbarschaft hin.

Im übrigen sind die historischen baulichen Überlieferungen bis auf das Straßen- und Wegenetz in der zurückliegenden Zeit weitgehend durch Sanierungen, Abriss und Wiederaufbau stark überformt worden. Die Veränderungen durch die Industrialisierung und die dadurch angestoßene, umfangreiche Stadtentwicklung haben die auch historischen Abgrenzungen übersprungen. Die Emschertalbahn im Norden (1878), die Thomasstraße im Nordosten (nach WilliamThomas Mulvany) und die Viktoriastraße im Südosten (beide um 1910) sowie der Altstadtring (um 1980) und die Schillerstraße im Westen werden heute als neue Grenzen der heutigen Innenstadt zu den anschließenden Siedlungsbereichen im Norden, Osten und Süden sowie zu den Gewerbegebieten im Westen wahrgenommen. Die Bebauung an den Straßen im Stadtkern wurden seit 1870 nach und nach durch neue Wohn- und Geschäftshäuser ersetzt sowie um 1900 ein neuer Marktplatz innerhalb des Weichbilds des Ortes geschaffen.

Der Ortskern, der sich bis heute zur Altstadt entwickelte hat, ist trotz der starken Bombardierungen des Stadtgebietes im Zweiten Weltkrieg weitgehend erhalten geblieben. Einige Gebäude aus dem Historismus sowie aus der Zeit des Reformstils (als Variante des Jugendstils) um 1900 und der neuen Sachlichkeit markieren jedoch heute noch die historischen oder späteren Baufluchten. Der Stadtkern ist jedoch in weiten Teilen durch nachfolgende Stadtsanierungen stark überformt worden:
  • um 1950 durch den Ausbau der Straße „Biesenkamp“ sowie
  • nach 1960 aufgrund der Innenstadt-Sanierung an der Münsterstraße und der Straße „Im Ort“.

Die weitere Entwicklung der Innenstadt Castrop hat infolgedessen die historischen Abgrenzungen des Ortes verlassen und in Teilen nach Süden und Westen weit übersprungen. Der Stadtkern als Teil der Innenstadt von Castrop macht, angesichts der guten Erreichbarkeit von anderen Einrichtungen andernorts in der Region mit dem Pkw, die Menschen mit den verbliebenen sowie neu geschaffenen Gestaltwerten und deren Ausstrahlung wie auch mit einem guten Angebot für Kultur, Konsum und Freizeit umfassend auf sich aufmerksam.

(LWL-Amt für Landschafts- und Baukultur, 2009)

Literatur

Borger, Hugo / Zimmermann, Walther (1963)
Handbuch der Historischen Stätten Deutschlands. Dritter Band: Nordrhein-Westfalen (Kröners Taschenausgabe, Band 273). Seite 126, Stuttgart.
Fondern, Manfred van (2002)
Castrop-Rauxel - die Chronik: von der Industrialisierung zur Europastadt. Essen.
Hartung, Karl (1968)
Der alte Castroper Markt mit dem Marktbrunnen. (Castrop-Rauxel, Kultur und Heimat; Heimatblätter für Castrop-Rauxel und Umgebung; Jahrgang 20, Heft 1/2.) Castrop-Rauxel.
Scholz, Dietmar (1996)
Von der "Freyheit" zur "Europastadt". Eine Geschichte der Stadt Castrop-Rauxel. Stuttgart.
Schön, Gerhard / Materna, Johannes (1998)
Vom Amt Castrop zur Stadt Castrop-Rauxel. (Kultur und Heimat,. Heimatblätter für Castrop-Rauxel und Umgebung. Ortsverband Castrop-Rauxel des Westfälischen Heimatbundes (Hrsg.). Band 3/4, 49. Jahrgang.) Castrop-Rauxel.
Schröder, Carl (1913)
Beiträge zur Geschichte der Stadt Castrop. Dortmund.
Sparkassenstiftung Castrop-Rauxel für Kultur, Wissenschaft und Umwelt (Hrsg.) (2005)
Das Rote Band - Ein stadtgeschichtlicher Rundgang durch Castrop-Rauxel. Castrop-Rauxel.
Stadtarchiv Castrop-Rauxel (Hrsg.) (1826)
Urkataster 1826. Castrop-Rauxel.

Ortskern Castrop mit historischen Straßen

Schlagwörter
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:25.000 (kleiner als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Schriften
Historischer Zeitraum
Beginn 1400
Koordinate WGS84
51° 32′ 53,23″ N, 7° 18′ 40,17″ O / 51.54812°, 7.31116°
Koordinate UTM
32U 382900.25 5712132.41
Koordinate Gauss/Krüger
2590992.71 5713441.79

Empfohlene Zitierweise

Urheberrechtlicher Hinweis
Der hier präsentierte Inhalt ist urheberrechtlich geschützt. Die angezeigten Medien unterliegen möglicherweise zusätzlichen urheberrechtlichen Bedingungen, die an diesen ausgewiesen sind.
Empfohlene Zitierweise
„Ortskern Castrop mit historischen Straßen”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/A-P363N504-20090701-0008 (Abgerufen: 24. August 2017)
Seitenanfang