Siedlungen beidseitig der südlichen Bahnhofstraße in Castrop

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Castrop-Rauxel
Kreis(e): Recklinghausen
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
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Für die weitere Stadtentwicklung des 20. Jahrhunderts sind einzelne, kleine Siedlungsbereiche im Stadtgebiet Castrop-Rauxel typisch. Sie stehen für die, am tatsächlichen Wohnungsbedarf orientierte, Planung und allmähliche Realisierung der Bebauung durch die verschiedenen Gewerkschaften der Zechen sowie ihrer Wohnungsbaugesellschaften.

Räumliche Begrenzung der Siedlungen
Siedlungsbereich 1
Siedlungsbereich 2
Siedlungsbereich 3
Siedlungsbereich 4
Siedlungsbereich 5
Siedlungsbereich 6
Siedlungsbereich 7
Siedlungsbereich 8
Architektonische Einzelobjekte A-E

Räumliche Begrenzung der Siedlungen
Die Siedlungen beidseitig der Bahnhofstraße werden begrenzt durch:
  • die ehemalige Trasse der Dynamit-Bahn südlich des Städtischen Hallenbades,
  • den Europaplatz im Norden,
  • die Habinghorster Straße (B 235) im Osten,
  • den nördlichen Altstadtring im Süden sowie
  • das Waldgebiet des Castroper Holzes mit der Emschertal-Bahntrasse und der Strittheidestraße im Westen.
Die Entwicklung der Siedlung gliedert sich in folgende Abschnitte:
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Siedlungsbereich 1
Die Wohnbebauung an der Bahnhofsstraße wurde nach 1922 als gemeinsame Baugruppe aus mehreren, zweigeschossigen Gebäudezeilen mit Walmdach entlang der geradlinigen Bauflucht der Bahnhofstraße Hausnummern 135-157 errichtet. Im südlichen Abschnitt springt die Bebauung mit Reihenhäusern zurück und umschließt hier einen kleinen Platz mit großkronigen Bäumen (Platanen). Eingeschossige Nebengebäude verbinden an den Ecken die einzelnen Gebäude und schirmen die großzügigen Gartenflächen westlich der Hausgruppen zur Straße hin ab.
Bauherr war die Bergmannssiedlung Herne GmbH, Bochum. Als Entwurfsverfasser unterzeichnete der Architekt Otto Münnekehoff, Castrop-Rauxel. Der heutige Eigentümer ist die Treuhandstelle für Bergmannswohnstätten (THS), Essen.
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Siedlungsbereich 2
In den Jahren 1921-22 schloss sich die Bebauung an der südlichen Bahnhofsstraße einschließlich der Straße „Im Sandweg“ an.
Bauherr für den ersten Abschnitt der Wohnbebauung an der Bahnhofstraße Hausnummern 39-75 war die Gemeinnützige Baugesellschaft mbH (heute: GEWO), Castrop-Rauxel. Entwurfsverfasser war ebenfalls der Architekt Otto Münnekehoff, Castrop-Rauxel.
Für die weitere Wohnbebauung an der Straße „Im Sandweg“ Hausnummern 3-23 traten verschiedene private Bauherrn (Hausnummer 3) auf. Entwurfsverfasser war auch hier der Architekt Otto Münnekehoff, Castrop-Rauxel. Die Bauanträge wurden zwischen 1924 und 1929 eingereicht, die Fertigstellung der Gebäude erfolgte nach und nach zwischen 1925 und 1930. Die Zeitspanne war durch Inflation und drohende Weltwirtschaftskrise bedingt und ist vielleicht auch eine Erklärung dafür, dass die Bebauung erst spät noch im Stil des „Art deco“ gestaltet worden ist.
Diese Stilrichtung benutzte wohl die traditionellen Architekturformen, verwendete aber verschiedenste Motive bei der Ausgestaltung von Tür- und Fensterumrahmungen. Die „Moderne“, die in diesen Jahren durch das Bauhaus verkörpert wurde, blieb in Castrop-Rauxel - ausgenommen das Haus Voigt, Bahnhofstraße Hausnummer 222, (Verfasser: Architekt Johann Perpeet; Castrop-Rauxel), heute in Nachbarschaft zur Bebauung am Europaplatz – ohne weitere Resonanz.
Es ist zu beobachten, dass bestimmte Stilrichtungen im ländlichen Raum gegenüber den Großstädten erst mit zeitlichem Abstand entsprechend Fuß fassten. In den folgenden 30er Jahren des 20. Jahrhunderts war die Bauhaus-Architektur mit der Ideologie des Nationalsozialismus nicht zu vereinbaren und als „entartet“ verboten.
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Siedlungsbereich 3
Westlich dieses Siedlungsbereichs schloss sich in den Jahren um 1930 die „Musiker-Siedlung“ an der Mozartstraße und Schubertstraße in den Formen des Sozialen Wohnungsbaus der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts an. Grundlage dafür war der „Bebauungsplan für das Gelände zwischen Bahnhofstraße und Holzstraße“, der für das Gebiet in ganzheitlicher Herangehensweise eine Bebauung mit zweigeschossigen Zeilenbauten mit geneigtem Dach entwickelt hatte. Die Verfasser waren Stadtbaurat Peter Schmitz und Stadtbaumeister Langebittel. Die Durchführung oblag privaten Bauherrn bzw. einer Wohnungsbaugesellschaft.
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Siedlungsbereich 4
Die Siedlung Jahnstraße geht zurück auf erste Bauvorhaben im Süden, wo im Anschluss an die nördliche Holzstraße bereits „Ansiedlungen“ durch den Bau von privaten, mehrgeschossigen Häusern mit Mietwohnungen nach 1900 entstanden waren.
Die Straßenbezeichnung bezieht sich auf den Turnvater Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) und auf das benachbarte Stadion östlich der Bahnhofstraße bzw. auf eine lange Zeit unbebaute Fläche zwischen der Jahnstraße und der Rosenstraße (Fliederweg und Kleine Rosenstraße).
Ein Teil der Bebauung durch Einfamilien-Doppelhäuser, in traufenständiger Bauweise mit Satteldach, wurde bereits bis 1945 an der westlichen Jahnstraße sowie an der Rosenstrasse und Tulpenstraße in blockförmiger Bauweise errichtet. Diese Bauweise orientierte die Gebäude beidseitig zur Straße - gegenüber der Zeilen-Bauweise, durch die jeweils nur eine Gebäudeseite erschlossen wird.
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Siedlungsbereich 5
Nach 1950 wurde die Siedlung in gleichen Formen durch eingeschossige Einzel- und Doppelhäuser - ebenfalls in traufenständiger Bauweise mit Satteldach - auf groß zugeschnittenen Grundstücken an der Tulpenstraße ergänzt und genauso am Veilchenweg vervollständigt (Historika 25, 2005; Blatt 4409. Topographische Karte 1:25.000, von 1913, 1938, 1948 und 1958).
Der neuere Siedlungsbereich am Veilchenweg greift auf eine angerförmige Anlage mit einer Grünfläche zurück, die durch die Bebauung umschlossen wird.
Die Siedlung Jahnstraße wurde später bis 1970 im Südwesten am Haselweg durch eine Bebauung mit Doppel- und Reihenhäusern abgerundet sowie im Südosten durch eine - ebenfalls angerförmige - Bebauung an der Kleinen Rosenstraße abgeschlossen (Historika 25, 2005; Blatt 4409. Topographische Karte 1:25.00, von 1968 und 1973).
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Siedlungsbereich 6
Im Westen der nördlichen Holzstraße entstand um 1960 die Siedlung am an der Mulvanystraße und Grillostraße. Die Siedlung setzt sich aus mehreren Süd- bis West-gerichteten Zeilenbauten zusammen, die gemeinsam mit den eingebetteten Grünflächen eine offene Stadtlandschaft bilden. Mehrere Fußwege verbinden die Schleifen-förmige Straßen-Erschließung mit der Gaswerkstraße im Westen und mit der Holzstraße im Osten.
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Siedlungsbereich 7
Die Bebauung am Händelweg Hausnummern 8 bis 20 wurde 1978 bis 1980 durch die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Castrop-Rauxel (2009: GEWO) errichtet. Verfasser waren die Architekten Joachim Zschoch und Heinrich Nachbarschulte, Castrop-Rauxel. Die mehr als 100 Wohnungen in 7 Häusern wurden mit öffentlichen Mitteln gefördert. Die Mehrfamilienhaus-Bebauung ist über Fußwege mit der Altstadt (unter dem Altstadtring mit der Oberen Münsterstraße sowie über die Holzstraße im Westen sowie die Bahnhofstraße und den Engelsburgplatz im Osten) mit der nördlichen Altstadt verbunden.
Die mehrfach gestaffelten Gebäude weisen bis zu 8 Geschosse auf. In Ziegel-Mauerwerk und unter zueinander versetzten Pultdächern folgt die Bebauung dem städtebaulichen Ziel des verdichteten Wohnungsbaus in Nachbarschaft zur Innenstadt Castrop. Die in sich gegliederten Hausgruppen bilden untereinander eine städtebauliche Dominante im Norden dieses Stadtteils und formulieren hier an ihrem Rand eine optisch wirksame „Stadtkante“ gegenüber den weiteren, im Norden anschließenden Siedlungen.
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Siedlungsbereich 8
Nördlich im Anschluss an die Siedlung Mulvanystraße/Grilloweg entstand 2002/2003 am Murdockweg eine kleine Reihenhaus-Siedlung. Auftraggeber und Planer waren die RWE Systems Development GmbH & Co. KG, Dortmund. Als Verfasser der Bebauung zeichnete Architekt Michael Gorecki, Laatzen, von der Firma Cortin GmbH, Laatzen. Die zweigeschossigen Gebäude mit Pultdach entfalten durch die Lage am Hang des Castroper Höhen, die Gruppierung beidseitig einer Wohnstraße sowie durch die einheitliche Architektursprache, die durchaus der heutigen Zeit zuzuordnen ist, ihre Wirkung.
Die Straßen sind nach den Gründern der Zeche Erin benannt William Thomas Mulvany (Ingenieur, 1806 bei Dublin/Irland geboren, gestorben 1885 in Düsseldorf), dem (Großindustriellen Friedrich Grillo (1852 in Essen geboren, 1888 - nach schwerer Krankheit - in Düsseldorf gestorben) sowie William Murdock (Erfinder der Nutzung des Leuchtgases aus Kohle; 1754-1839).
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Architektonische Einzelobjekte A-E
Wesentliche öffentliche Baumaßnahmen der Stadt Castrop-Rauxel als Bauherrschaft umfasste als namhafte architektonische Einzelobjekte - neben den Einzelobjekten Bauvorhaben an der Frebergstraße und am Europaplatz (siehe dort) - den Neubau von weiterführenden Schulen:

Einzelobjekt A
Die Errichtung der neuen Feuerwehrwache an der Frebergstraße fällt in die Zeit nach 1950. Über den Wagenhallen sind die Aufenthalts- und Schlafräume der Belegschaft untergebracht. Der Schlauch- und Übungsturm ist - wie ein Kampanile - im Westen neben das Gebäude gestellt. Bauherr war die Stadt Castrop-Rauxel, Verfasser der Architekt und städtische Mitarbeiter Hanns Bumbel. Am Standort ist südlich davon ein Erweiterungsgebäude entstanden, für das sich der Architekt Zingel, Hildesheim, verantwortlich zeigte.

Einzelobjekt B
Die Grundschule „Am Hügel“ entstand 1967 an der Straße „Am Hügel“ zwischen der Frebergstraße im Norden, der Holzstraße im Osten und der Gaswerkstraße im Westen auf einer kleinen Anhöhe. Das mehrgeschossige Gebäude mit den Klassenräumen erstreckt sich in West-Ost-Richtung, während sich die Turnhalle und der Eingangsbereich nach Süden orientieren. Die Hof- und Freiflächen gruppieren sich rings um die Gebäude. 2008 ist die Schule zur Ganztagsbetreuung um einen Bauteil an der östlichen Stirnseite erweitert worden.

Einzelobjekt C
Auf der Grundlage eines Wettbewerbs 1959 wurde 1963 wurde das Ernst-Barlach-Gymnasium, Lunastraße Hausnummer 3 errichtet (Verfasser: Franz Allerkamp, Essen).

Einzelobjekt D
Ebenfalls ging der Neubau 1979 aus einem Wettbewerb hervor und wurde 1982 als Willy-Brandt-Gesamtschule, Bahnhofstraße Hausnummer 160 ausgeführt (Verfasser: Architekten Paul Schütz und Rainer Maul, Karlsruhe, zusammen mit Eberhard Kleffner, Münster).

Einzelobjekt E
Letztlich gehört das Amtsgericht, Bahnhofstraße Hausnummer 61 (Verfasser: nicht bekannt/Baujahr um 1970), zusammen mit diesen Baumaßnahmen zu den neuen, öffentlichen Bauten aus dieser Zeit nach 1975.

Sie alle dokumentieren die bauliche Entwicklung sowie der Planungspolitik der Stadt, die schließlich den Stadterweiterungen - im Zuge der Industrialisierung bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein - nachfolgte. Der frühere Standort des Amtsgerichtes am Rand des Stadtkerns beim Rocchus-Hospital an der Wittener Straße wurde aufgegeben und das Gebäude aus der Zeit um 1870 abgebrochen.

(LWL-Amt für Landschafts- und Baukultur, 2009)
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Literatur

Bund Deutscher Architekten (BDA), Kreis Recklinghausen (Hrsg.) (1986)
Architektur im Ruhrgebiet, Kreis Recklinghausen. Recklinghausen.
Fondern, Manfred van (2002)
Castrop-Rauxel - die Chronik: von der Industrialisierung zur Europastadt. Essen.
Landesvermessungsamt NRW (Hrsg.) (2005)
HistoriKa 25. Historische topographische Karten des heutigen Nordrhein-Westfalen im Wandel der Zeit. Bonn.
Sparkassenstiftung Castrop-Rauxel für Kultur, Wissenschaft und Umwelt (Hrsg.) (2005)
Das Rote Band - Ein stadtgeschichtlicher Rundgang durch Castrop-Rauxel. Castrop-Rauxel.
Stadt Castrop-Rauxel (Hrsg.) (2001)
Denkmale in Castrop-Rauxel im Kontext der Geschichte ihres Stadtteils. Castrop-Rauxel.
(o.J.)
Archiv des Immobilienmanagements der Stadt Castrop-Rauxel (Bezeichnung, Straße, Haus-Nr.). Castrop-Rauxel.
(o.J.)
Bauakten von Bauvorhaben. Castrop-Rauxel.

Siedlungen beidseitig der südlichen Bahnhofstraße in Castrop

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Bahnhofstraße
Ort
44575 Castrop-Rauxel - Castrop
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:25.000 (kleiner als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung
Koordinate WGS84
51° 33′ 43,07″ N, 7° 18′ 30,74″ O / 51.56196°, 7.30854°
Koordinate UTM
32U 382754.19 5713676.21
Koordinate Gauss/Krüger
2590783.39 5714978.81

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„Siedlungen beidseitig der südlichen Bahnhofstraße in Castrop”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/A-P363N504-20090504-33 (Abgerufen: 17. August 2017)
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