Bärstadt

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Bad Schwalbach, Eltville am Rhein, Schlangenbad
Kreis(e): Rheingau-Taunus-Kreis
Bundesland: Hessen
Historische Siedlungsentwicklung
Das nahe der Wallufquelle (im 19. Jahrhundert Waldaffe) und der Hohen Straße gelegene Bärstadt ist der älteste kirchliche und politische Mittelpunkt des überhöhischen Rheingaues. Seit dem 12. Jahrhundert veränderte sich die Schreibweise des Ortsnamens kaum: 1194/98 Berstad, 1315 Berstat vor der Ho, 1694 Berstat. Erst die Gerichtssiegel des 16. bis 18. Jahrhunderts zeigen den (wohl nicht namengebenden) Bären.

Als alter „-stadt“-Ort handelt es sich möglicherweise um eine fiskalische Gründung auf Königsgut. Der hl. Martin als Patron der frühen Kirche spricht für eine Entstehung als königliche Eigenkirche vielleicht im 6. bis 8. Jahrhundert, ebenso das große Kirchspiel (15 überhöhische Dörfer, anfangs auch Kemel). Nach dem 14. Jahrhundert schieden Kemel, Niedergladbach und später Langenschwalbach als eigene Pfarreien aus, andere Dörfer kamen hinzu. Bärstadt war durch umfangreiche Zehnteinnahmen die reichste Pfarrei der Niedergrafschaft Katzenelnbogen. Zum Kurfürstentum Mainz gehörig, war es Hauptort der überhöhischen, außerhalb des Rheingauer Gebücks gelegenen Dörfer.

1315 kaufte Graf Wilhelm von Katzenelnbogen den Ort, das oberste Gericht wurde durch Erzbischof Gerlach 1356 an Graf Adolf von Nassau verpfändet. Das kurmainzische Hoheitsgebiet wurde im 16. Jahrhundert zum Amt Hohenstein der hessischen Niedergrafschaft Katzenelnbogen gezogen. Rechte der Grafen von Katzenelnbogen gingen an die Landgrafen von Hessen über. Das hessische Kirchspielsgericht in Bärstadt verdrängte im 16. Jahrhundert die alten Hubengerichte. 1527 wurde die Reformation eingeleitet. 1577 und 1585 werden 24 Hausgesesse genannt.
Im Spätmittelalter waren das Wollweber- und Tuchmacherhandwerk verbreitet. Im 16. Jahrhundert befand sich eine Walkmühle im Gebiet des heutigen Schlangenbad, die nach dem Niedergang des Tuchgewerbes 1617 in eine kleine Mahlmühle umgewandelt wurde. Eine weitere Mühle wurde 1536 von der Gemeinde veräußert.

1629 gab es 20 Haushalte, um 1636 bis 1640 nur noch acht Hausgesesse. 1664 lebten 14 Mann vom Ackerbau. Die 1694 gezählten etwa 100 Personen, davon 18 Untertanen mit 10 Pferden und 16 Paar Ochsen, waren ebenfalls noch alle „Ackersmänner“„. Um 1800 lebten etwa 400, 1871 über 500 Einwohner in Bärstadt; darauf folgte eine Stagnation der Einwohnerzahl, die auch 1905 noch unter 500 lag. Der folgende Rückgang aufgrund fehlender Erwerbsmöglichkeiten wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgeholt, die heutige Wohnbevölkerung beläuft sich auf fast 1500 Personen.
Die seit 1555 beabsichtigte Gründung einer Schule wurde 1574 verwirklicht. Nach der Einrichtung von Winterschulen in den umliegenden Dörfern im 18. Jahrhundert besaß sie noch Vorrang als Kirchspielschule. 1825 folgte der Neubau des Schul- und Rathauses in der Ortsmitte; mit dem Schulneubau von 1955 hörte hier die Schulnutzung auf.
1657 wurden dem Wormser Arzt Dr. Gloxin die warmen Quellen und ein Stück Wald südöstlich des Dorfes zur Anlage eines Bades überlassen. Erst wesentlich später, ab 1694, entstand hier der Kurort Schlangenbad.

Historische Ortsstruktur
Um den zentralen, sternförmigen Schnittpunkt mehrerer Straßen zeichnet sich im Ortsplan noch ein ovaler mittelalterlicher Ortskern ab, der durch eine in Resten vorhandene radiale Anordnung von Scheunen begrenzt wird. Dieser Rand ist unterbrochen im Bereich des Kirchhofes mit dem anschließenden großen Pfarrhofgelände, das noch die Bedeutung der ehemals wohlhabenden Pfarrei erkennen lässt. Die Ortsmitte ist gekennzeichnet durch einen Platz mit dorftypischen Ausstattungselementen: Linde, Brunnen, Kriegerdenkmal sowie das Rathaus gegenüber der Kirche.
Am Schlangenbader Weg, Ecke Borngasse, scheint sich ein Schwerpunkt der Ortserweiterung nach dem Dreißigjährigen Krieg gebildet zu haben. Die dazwischen liegende ehemalige Bachaue der (jetzt teilweise verrohrten) Walluf wurde möglicherweise erst später durch Bebauung geschlossen. Der Straßenname Backhausstraße erinnert an die früher im Ort vorhandenen zwei (oder mehr) Backhäuser.
Das Rat- und Schulhaus von 1825 ist heute verändert, ebenso die erneuerte Ortsmitte, nachdem die alte Linde durch eine Neupflanzung ersetzt und der Platz gärtnerisch gestaltet wurde. Nach Abbrüchen und Veränderungen fehlen hier wie in der Hauptstraße die verschieferten, giebelständigen Fachwerkhäuser als raumbegrenzende und den Ort charakterisierende Elemente.

Anfang 2000 wurden zwei exponiert gelegene Bauten (um/vor 1800, Fachwerk verputzt und verschiefert), Hauptstraße 17 und Wambacher Straße 1, (post)modern verändert. Die ehemalige große Pfarrscheune wurde schon früher durch den Neubau eines Gemeindehauses ersetzt (Söder / LfDH 2003, S. 455-462).

Kulturdenkmäler (Auswahl) (LfDH, online)
  • Rathausstraße 8: dreigeschossiges Fachwerkwohnhaus mit Krüppelwalmdach, um 1800 erbaut; bauzeitliche Fachwerkscheune ebenfalls mit Krüppelwalmdach; markante Baugruppe am Rand des Ortskernes
  • Schlangenbader Weg 4/6: Doppelwohnhaus, verputztes Fachwerk, mit kleiner Scheune, in der 1. Hälfte des 18. Jh. erbaut
  • zweigeschossiges Wohnhaus, verputzt, Giebelseite verschiefert; barocker Fachwerkbau der 1. Hälfte des 18. Jh.; Gebäude bildet zusammen mit Kirche und Pfarrhaus ein reizvolles historisches Ensemble
  • Evangelische Pfarrkirche mit Kirchhof und Kirchhofmauer; Kirche seit 1190 erwähnt; romanischer Westturm mit vier Giebeln und Rhombendach; Kirchenschiff 1709 nach Plänen des nassau-idsteinischen Baumeisters Friedrich Sonnemann erbaut (verputzter Saalbau mit Strebepfeilern); wertvolle Innenausstattung, u.a. spätgotischer Taufstein
  • Schützenstraße 4: Evangelischer Pfarrhof mit Wirtschaftsgebäude und Einfriedung des ehem. Pfarrhofes und -gartens; nördlich an den Kirchhof anschließend; Wohnhaus des 18. Jh. mit Krüppelwalmdach, Fachwerkobergeschoss über verputztem Erdgeschoss; Fachwerkschuppen bez. 1747; ehem. zugehörige Scheune wurde durch den Neubau eines Gemeindehauses ersetzt
(Landesamt für Denkmalpflege Hessen, 2009)

Internet
denkxweb.denkmalpflege-hessen.de: LfDH, online (Abgerufen: 28.08.2012)

Literatur

Söder, Dagmar / Landesamt für Denkmalpflege Hessen (LfDH) (Hrsg.) (2003)
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Hessen: Rheingau-Taunus-Kreis II. (Altkreis Untertaunus). Wiesbaden.

Bärstadt

Schlagwörter
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung
Historischer Zeitraum
Beginn 1194
Koordinate WGS84
50° 06′ 8,45″ N, 8° 04′ 23,89″ O / 50.10235°, 8.0733°
Koordinate UTM
32U 433728.01 5550421.51
Koordinate Gauss/Krüger
3433776.52 5552202.29

Empfohlene Zitierweise

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„Bärstadt”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/P-FR-20091008-0002 (Abgerufen: 14. Dezember 2017)
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