Niederwalluf

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Eltville am Rhein, Walluf, Wiesbaden
Kreis(e): Mainz-Bingen, Rheingau-Taunus-Kreis, Wiesbaden
Bundesland: Hessen, Rheinland-Pfalz
Siedlungsentwicklung
Ein fränkisches Gräberfeld sowie frühere Siedlungsspuren lassen auf eine durchgehende Besiedlung des Ortes seit der Latènezeit schließen. Der an der Mündung des Wallufbaches in eine weite Rheinbucht an einer alten Rheinquerung gelegene Ort wird als villa waltaffa erstmals 770 anlässlich einer Güterschenkung an das Kloster Lorsch erwähnt. 779 erfolgt an gleicher Stelle ein erster urkundlicher Hinweis auf den Weinbau in Walluf und dem heutigen Rheingau. Der im 15. und 16. Jahrhundert als Walof, Waldaff oder Waldoff erscheinende Bach- und Ortsname deutet auf Wurzeln in vorfränkischer Zeit hin.

Der älteste Siedlungskern lag auf der linken Seite der Walluf im damaligen Königssondergau, also außerhalb der 1324 festgelegten Grenzen des Rheingaus. Der Rheingauer Teil der Gemeinde entstand erst im 13. bis 16. Jahrhundert durch Zuzug aus dem benachbarten Teil des Gebietes, einer Grundherrschaft des Klosters Kornelimünster bei Aachen, die 1263 an die Herren von Lindau überging und als Lindauer Gericht - seit 1678 unter Herrschaft der Freiherren und späteren Grafen von der Leyen - bis 1803 bestand. Niederwalluf war somit eine geteilte Gemeinde, die in zwei Herrschaftsbereichen lag. Auf kurfürstliches Betreiben wurde 1741 zu Niederwalluf, das bisher unter dem Gericht zu Eltville stand, ein eigenes Gericht eingerichtet, so dass in dem kleinen Flecken zwei Gerichte, ein Kurfürstlich Mainzisches Orts- und ein Gräflich von der Leyen'sches Sondergericht nebeneinander bestanden.

Heute weisen die nordöstlich außerhalb des Ortskerns gelegenen Ruinen der alten Turmburg und der ehemaligen Johanniskirche auf den älteren Standort hin. Die Reste der Turmruine wurden um 1933 ausgegraben. Die vermutlich im 11. Jahrhundert entstandene Turmburg diente wohl der Sicherung des Wasserweges, des Landweges am Rheinufer und des Rheinübergangs nach Budenheim. Ihre Lage an der durch die Walluf gebildeten Westgrenze des Köngissondergaus zeigt sie auch als Vorposten des Königshofes Wiesbaden. Die Burg wurde anscheinend um 1200 aufgegeben und zerstört.
Nahe der Turmburg stehen die Ruinen der 1508 vollendeten Johanniskirche, deren Mauerwerk Reste eines um 1000 oder früher entstandenen Vorgängerbaus enthält. Auch nach zwischenzeitlicher Verlagerung des Ortes auf die rechte Wallufbachseite ist für 1527 ihr Gebrauch für Taufe und Gottesdienst überliefert. Trotz Verwüstungen im Dreißigjährigen Krieg mit Zerstörung des zugehörigen Pfarrhauses wurde sie erneuert und blieb Pfarrkirche bis in das beginnende 18. Jahrhundert. Nach Verfügung ihrer Niederlegung durch die kurmainzische Regierung 1773 blieben Kirchhof und Ossarium weiter in Gebrauch; der teilweise Abbruch der Kirche fand erst 1807 statt.

1231 (1314?) wird eine 1197 gestiftete und dem Kloster Rupertsberg bei Bingen überwiesene Adelheidskapelle in Niederwalluf genannt. Nach Erweiterungen im 17. und 18. Jahrhundert wurde sie 1719 Pfarrkirche und übernahm das Patrozinium der ehemaligen Johanneskirche.
Die Ritter von Lindau besaßen 1310 sowohl das Patronat über die im Gebiet des Lindauer Gerichts liegende alte Johanniskirche als auch über die auf kurmainzischem Boden stehende Adelheidkapelle. Das Patronat ging durch Schenkung der Ritter von Lindau 1651an den Dominikanerkonvent in Mainz über.

Ein erstes eigenes Ratssiegel hat Walluf wohl etwa ab 1559. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts ist für Niederwalluf eine eigene Gemeindeverwaltung nachweisbar.
1671 werden zwei Jahrwirte, zum Schwanen und zum Engel, genannt. 1763 sind in Niederwalluf sechs „Schildgerechtigkeiten“ vorhanden, darunter Zum Löwen, Zum Adler, Zum Schwanen, Zum Anker und Zum Goldenen Kreuz.

Von Bedeutung war die alte Wallufer Rheinquerung, die mit einer Fähre das Ufer zwischen Walluf und Budenheim verband. Die Ordnung der Fährleute (Fergen) von 1532 legte fest, dass 16 Fährleute mit einem Marktschiff, zwei Nehen und fünf Flottschiffen für den Fährbetrieb zu sorgen hatten. In Walluf wechselten die Treidler die Rheinseite, um den Weg nach Mainz abzukürzen. Ein weiteres, an den Wasserweg gebundenes Gewerbe war der Schiffsbau. In Niederwalluf waren zwei Schiffswerften mit der Herstellung von Holznachen und –kähnen beschäftigt; im 19. Jahrhundert beschränkten sie sich weitgehend auf Reparaturen und existierten bis in das beginnende 20. Jahrhundert. 1909 wurde auf dem Gelände der Prinz-Heinrich-Werft die J. Goedecker Flugmaschinenwerke gegründet, die vor dem Ersten Weltkrieg nach Mainz übersiedelten.

Insgesamt 26 Mühlen lagen am Wallufbach, sie arbeiteten als Mahl- und Walkmühlen; in jüngerer Zeit wurde die Wasserkraft auch zur Holzbearbeitung oder Papierherstellung genutzt. Bereits um 1200 wird in Niederwalluf eine Mahlmühle erwähnt. 1671 gab es im Flecken zwei Mahlmühlen; außerhalb eine Walkmühle der Wollweber von Mainz, eine Lohmühle, eine weitere Mahlmühle mit zwei Gängen sowie ein abgebrannter Mühlenplatz in kurfürstlichem Besitz.

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Gartenbaufirma Goos & Koenemann mit großen Baumschulen und Staudenkulturen auf einer Fläche von 20 ha zu einem über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannten gärtnerischen Großbetrieb.

Ortsentwicklung
Wenn Goethe die Lage Wallufs als „schön und gefährlich“ bezeichnete, so hatte er noch die oberhalb des Ortes sich ausweitende, als „Rheinbusen“ bezeichnete große Wallufer Bucht vor Augen, in deren Ende die Siedlung wie auf einer Landzunge in den Strom ragte. Dieses Gebiet ist heute nach Regulierungsmaßnahmen des 19. Jahrhunderts überwiegend verlandet.

Das ältestes sichtbares Relikt der Siedlung Walluf, die Turmburgruine mit den Resten der alten Johanniskirche, liegt relativ weit entfernt vom historischen Ortskern am heutigen nordöstlichen Siedlungsrand in Richtung Schierstein. Die dort vermutete mittelalterliche Siedlung löste sich auf und verzog hinter die Wallufgrenze um die dortige ehemalige Adelheidkapelle. Während sich die auf der Rheingauer Seite der Walluf gelegene Dorf ausdehnte, verblieben die Ruinen der ersten Ansiedlung über mehrere Jahrhunderte als isolierte Baureste im freien Feld und wurden erst wieder durch die Ortsausdehnung des 20. Jahrhunderts in die Ortslage einbezogen.
Über lange Zeiträume, bis in das späte 18. Jahrhundert, blieb die Gebückgrenze mit ihren Ausbauten das bestimmende Element der Niederwallufer Ortsentwicklung, die sich anhand historischer Pläne nachvollziehen lässt.

Im Plan der Gemarkung Walluf von Andreas Trauttner 1751 erscheint die dicht gedrängte Siedlung westlich der durch den Backofen und den Stock als Hauptbollwerken ausgezeichneten Gebücklinie, nach Osten begrenzt durch einen Graben südlich des Backofens, nach Westen durch eine Hecke. Der Backofen bildet gleichzeitig die östliche Pforte an der von Schierstein kommenden Landstraße. Die Bedeutung der Uferzone als Fährpunkt wird durch die Vielzahl der dort liegenden Kähne und Boote illustriert. Die Walluf mäandriert frei im von mehreren Mühlen besetzten Bachtal, das mit einer Hecke bewachsene Gebück bildet daneben eine relativ geradlinige, durch weitere Bollwerke besetzte Geländekante.

Der Plan der Gemarkung Walluf von Hock 1774 zeigt einige über den älteren Trauttner-Plan hinausgehende Einzelheiten, so etwa den Ortsgrundriss mit den wichtigsten Straßen und eine differenzierte Darstellung der Gebücksituation mit Wallufbach, Mühlgraben, weiteren Gräben, Pforten, Gebäuden und Gärten. Nur wenige Jahrzehnte später war das Gebück mit seinen Bauten fast restlos beseitigt, wodurch die Ortserweiterung über den Wallufbach hinaus nach Westen ermöglicht wurde. Relativ lange blieb der Weyergraben mit dem tief gelegenen Johannisbrunnen erhalten; erst nach 1960 wurde er zugeschüttet und bebaut, an den mit der Jahreszahl 1768 bezeichneten früheren Johannisbrunnen erinnert ein moderner Brunnen an der Hauptstraße, Ecke Johannisbrunnenstraße.

Zunehmende Bedeutung gewannen die Landverkehrswege; zu der 1802-04 ausgebauten Rheingauer Chaussee kam die Bahn von 1856 als den alten Ortsbereich im Nordwesten durchschneidende und vom Walluftal abtrennende Grenze. Die für den Durchgangsverkehr des 20. Jahrhunderts zu enge Hauptstraße wurde durch 1936 eine neue, weiter nördlich gelegene Führung ersetzt, dabei die alte zweibogige Wallufbrücke abgebrochen und durch eine breite Bachüberbauung ersetzt; damit einher ging ein Verlust alter Bebauung vornehmlich nördlich der Hauptstraße. Hier wurde unter Verlust der historischen Struktur ein Großteil der älteren Bausubstanz ersetzt. Zu den verlorenen Bauten in diesem Bereich zählen u. a. der Metternich'sche Hof und die ehemalige Mühle in der Haselnussgasse sowie das Schwesternhaus mit Kapelle der Dernbacher Schwestern von 1885 im Petersweg.

Einem starken Wandel war auch die Rheinfront unterworfen. Ansichten des frühen 19. Jahrhunderts zeigen eine geschlossene, überwiegend traufständige Häuserreihe, unterbrochen von einigen älteren Giebelhäusern an der Rheinstraße, davor ummauerte Gärten und das durch das Schiffereigewerbe genutzte flache Rheinufer. Als prägnanter Einzelbau fällt ein barockes, von einer Dachlaterne gekröntes, ehemals zum Stadion'schen Hof gehöriges Lustgebäude auf, das 1881 durch den pavillonartigen Schwanensaal des dahinter gelegenen Gasthauses zum Schwan und 1954 durch ein Wohnhaus ersetzt wurde. Die westlich anschließenden Gärten wurden seit dem 19. Jahrhundert für den Fremdenverkehr genutzt und zum großen Wirtsgarten (Schwanengarten) für Schiffsausflügler ausgebaut.
1712 ersetzte der Bau eines neuen Rathauses das alte am Anfang der Kirchgasse (Ecke Kettengasse/Landstraße). Ein biedermeierlicher Nachfolgebau am Rheinufer (La Londe-Platz) wurde nach 1912 durch ein größeres Schulgebäude abgelöst, das heute in aufgestockter, stark veränderter Form (Vereinshaus) die Uferansicht dominiert.

Auch die umgebende Landschaft mit ihren alten Wegebeziehungen wurden durch Flurbereinigungsmaßnahmen und großflächige Wohn- und Gewerbegebiete sowie modernen Straßenbau (Umgehungsstraße) weiträumig verändert. Der Straßenname Hohlweg erinnert noch an die (Alte) Rheingauer Straße, die sich als grabenähnlicher Hohlweg tief in das Gelände eingeschnitten hatte und in Karten des 18. Jahrhunderts als ehemaliges Niederwallufer Landsgebück mit Teufelsgraben erscheint; diese vom Mainzer Gebiet nach Norden zur Hühnerstraße führende Fernwegeverbindung ist möglicherweise älter als die Siedlung Walluf.

Literatur

Söder, Dagmar / Landesamt für Denkmalpflege Hessen (LfDH) (Hrsg.) (2013)
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Hessen: Rheingau-Taunus-Kreis I. (Altkreis Rheingau). Wiesbaden.

Niederwalluf

Schlagwörter
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung
Historischer Zeitraum
Beginn 770
Koordinate WGS84
50° 02′ 51,64″ N, 8° 09′ 7,16″ O / 50.04768°, 8.15199°
Koordinate UTM
32U 439286.12 5544276.32
Koordinate Gauss/Krüger
3439336.88 5546054.71

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„Niederwalluf”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/P-CU-20091105-0002 (Abgerufen: 24. September 2017)
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