Mittelalterliche Wüstung Baumkirchen bei Laubach-Freienseen

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Laubach (Hessen)
Kreis(e): Gießen
Bundesland: Hessen
  • Bestattungen im Friedhofsareal in der Grabungsfläche südlich der Kirche in der mittelalterlichen Wüstung Baumkirchen bei Laubach-Freienseen (2006)

    Bestattungen im Friedhofsareal in der Grabungsfläche südlich der Kirche in der mittelalterlichen Wüstung Baumkirchen bei Laubach-Freienseen (2006)

    Copyright-Hinweis:
    Röder, Christoph
    Fotograf/Urheber:
    Christoph Röder
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Ein freigelegter Teil der westlichen Kirchhofmauer in der mittelalterlichen Wüstung Baumkirchen bei Laubach-Freienseen (2005)

    Ein freigelegter Teil der westlichen Kirchhofmauer in der mittelalterlichen Wüstung Baumkirchen bei Laubach-Freienseen (2005)

    Copyright-Hinweis:
    Röder, Christoph
    Fotograf/Urheber:
    Christoph Röder
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Die Südseite des Kirchenschiffs in der mittelalterlichen Wüstung Baumkirchen bei Laubach-Freienseen (2005)

    Die Südseite des Kirchenschiffs in der mittelalterlichen Wüstung Baumkirchen bei Laubach-Freienseen (2005)

    Copyright-Hinweis:
    Röder, Christoph
    Fotograf/Urheber:
    Christoph Röder
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
Die Lage
Die Wüstung Baumkirchen liegt auf dem Gebiet der Gemeinde Laubach im Landkreis Gießen. Das ehemalige Siedlungsgelände bildet heute einen Teil der Gemarkung von Laubach-Freienseen. Der mittelalterliche Ort lag etwa drei Kilometer südöstlich von Freienseen zu beiden Seiten des Seenbachs im hier knapp 300 Meter breiten Talbereich in einer durchschnittlichen Höhenlage von 320–340 Metern über Normalnull. Geografisch gesehen gehört dieser Standort zum Vorderen Vogelsberg. Bei den Böden handelt es sich zumeist entweder um Reste von Lößablagerungen oder auf deren Basis gebildete Parabraunerden. Auf diesen Erden kann Ackerbau betrieben werden. In den Tälern herrschen Kolluvien und Auenböden vor. Für diese Gebiete kommt in erster Linie eine Nutzung als Grünland in Frage. Die heute bewaldeten Höhenrücken, die im Norden und Süden an das Siedlungsreal angrenzen, zeigen mannigfaltige Spuren menschlicher Gestaltung. Besonders augenfällig sind zahlreiche Ackerterrassen, die mit großer Wahrscheinlichkeit der mittelalterlichen Siedlungsperiode zuzuweisen sind. Diese Flurformen weisen darauf hin, dass seinerzeit von einer erheblich geringeren Bewaldung des Areals auszugehen ist. Hingegen sind die ebenfalls in den Hangbereichen zahlreich belegten Plattformen von Holzkohlemeilern, die mitunter auf Ackerterrassen platziert wurden, ein guter Beleg für den Nutzungswandel des wieder vom Wald bedeckten Geländes in der Neuzeit.

Die historische Überlieferung
In den Schriftquellen wird Baumkirchen erstmals 1322 erwähnt. In diesem Zusammenhang wird auch eine „molendino in medio villae“ – also eine Mühle im Zentrum des Dorfes – genannt, deren Lage aber bis heute unbekannt ist. Die heute im ehemaligen Dorfgebiet stehende ehemalige Höresmühle wurde erst im 18. Jahrhundert errichtet. Es folgen acht weitere Urkunden, die zwischen 1340 und 1414 ausgestellt wurden. Sie beziehen sich auf Rechtsgeschäfte, die verschiedene Einblicke in die seinerzeitigen Rechts- und Besitzverhältnisse gewähren. Wichtig für die Siedlungsgeschichte ist der Teilungsvertrag der Brüder Bernhard II. und Johann V. von Solms vom 13. November 1432. Darin wird Baumkirchen neben anderen Orten, darunter auch den Nachbarsiedlungen Oberseen und Kreuzseen, erstmals ausdrücklich als Wüstung bezeichnet. Es ist überliefert, dass zumindest größere Teile der Dorfbevölkerung in das nahe gelegene Laubach gezogen sind, welches um 1400 zur Stadt heranwächst.

Das Ergebnis der Grabungen
Neben Ausschnitten des Siedlungsareals wurden Teile der mittelalterlichen Dorfkirche und des umgebenden, von einer Mauer umfriedeten Kirchhofs untersucht. Außer den Bauresten des Gotteshauses fanden sich im Friedhofsareal zahlreiche Bestattungen sowie Reste einiger kleiner Fachwerkgebäude, die wohl profan genutzt wurden. Bei dem ergrabenen Kirchengebäude handelt es sich um einen Saalbau mit einem eingezogenen, quadratischen oder leicht rechteckigen Chor. Die Gesamtlänge beträgt etwa 18 Meter und die Breite 9 Meter; für den nicht vollständig freigelegten Chor ist ein Außenmaß von etwa 6 Metern anzunehmen. Auffällig ist die leicht differierende Ausrichtung von Saal und Chor, für die aus der Befundsituation heraus keine sichere Erklärung geliefert werden kann. Der Grundriss lässt aus sich heraus keine nähere Datierung zu. Diese Bauform ist von karolingischer bis spätmittelalterlicher Zeit belegt. Nach den Grabungsbefund ist die Kirche wohl um 1100 entstanden. Die Existenz eines Vorgängerbaus ist möglich, aber nicht nachweisbar.

Im eigentlichen Siedlungsareal zu beiden Seiten des Seenbaches konnten Ausschnitte mehrerer Gebäude freigelegt werden. Sie bestanden durchweg aus Fachwerkkonstruktionen. Eines der Häuser verfügte über eine sorgfältig aus Steinen gesetzte Herdstelle. Daneben fanden sich eine Schmiede sowie mehrere kleine Wasserbecken, die wohl gewerblichen Zwecken dienten. Die überwiegende Mehrzahl der Funde und Befunde stammt aus dem Hoch- und Spätmittelalter. Entstanden ist der Ort aber bereits um 800, also in karolingischer Zeit. Die jüngsten Objekte datieren in das 15. Jahrhundert. Die schriftlich überlieferte Auflassung des Ortes spiegelt sich somit auch in den materiellen Hinterlassenschaften wieder.

Nach den Grabungen wurde der Grundriss der Kirche durch eine Mauer visualisiert. Erlärungstafeln vor Ort informieren über die Dorfgeschichte von Baumkirchen und die Ergebnisse der Grabungen.

(Michael Gottwald, hessenARCHÄOLOGIE, 2014)

Internet:
www.hessen-archaeologie.de: Wüstungsforschung in Hessen – Das Projekt Baumkirchen (Abgerufen: 07. April 2014)

Literatur

Gottwald, Michael (2013)
Die Wüstungskirche von Baumkirchen. In: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins 98, S. 229-252. o. O.
Recker, Udo / Röder, Christoph (2006)
Unter den Wiesen zu Baumkirchen. Fortsetzung der Wüstungsgrabung bei Laubach-Freienseen, Landkreis Gießen. In: hessenARCHÄOLOGIE 2005, S. 119-122. o. O.

Mittelalterliche Wüstung Baumkirchen bei Laubach-Freienseen

Schlagwörter
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Kulturdenkmal gem. § 9 DSchG Hessen
Fachsicht(en)
Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Auswertung historischer Schriften, Archäologische Grabung, Archäologische Prospektion, Archivauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 800, Ende nach 1430
Koordinate WGS84
50° 33′ 6,32″ N, 9° 05′ 4,18″ O / 50.55175°, 9.0845°
Koordinate UTM
32U 505985.94 5599983.67
Koordinate Gauss/Krüger
3506062.85 5601784.64

Empfohlene Zitierweise

Urheberrechtlicher Hinweis
Der hier präsentierte Inhalt ist urheberrechtlich geschützt. Die angezeigten Medien unterliegen möglicherweise zusätzlichen urheberrechtlichen Bedingungen, die an diesen ausgewiesen sind.
Empfohlene Zitierweise
„Mittelalterliche Wüstung Baumkirchen bei Laubach-Freienseen”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-89346-20140401-2 (Abgerufen: 25. Mai 2018)
Seitenanfang