Burg Reichenstein in Trechtingshausen

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Trechtingshausen
Kreis(e): Mainz-Bingen
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Koordinate WGS84 50° 00′ 23,63″ N: 7° 51′ 11,55″ O 50,00656°N: 7,85321°O
Koordinate UTM 32.417.825,00 m: 5.539.990,60 m
Koordinate Gauss/Krüger 3.417.867,26 m: 5.541.767,18 m
  • Burg Rheichenstein über Trechtingshausen (2002)

    Burg Rheichenstein über Trechtingshausen (2002)

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Die Burg Reichenstein in Trechtingshausen zählt zu den bedeutendsten hochmittelalterlichen Höhenburgen des Oberen Mittelrheintals. Zugleich ist sie ein herausragendes Beispiel für die historistische Burgenrestaurierung des 19. Jahrhunderts. Sie erhebt sich auf einem steilen Schieferfelsen oberhalb des Rheins und beherrscht gemeinsam mit den Burgen Rheinstein und Sooneck den engen Talabschnitt zwischen Bingen und Bacharach. Ihre strategische Lage ermöglichte die Kontrolle des Schiffsverkehrs auf dem Rhein sowie der alten Landwege. Als Bestandteil des UNESCO-Welterbes Oberes Mittelrheintal besitzt die Anlage herausragende historische sowie kunst- und baugeschichtliche Bedeutung.

Die Gründung der Burg wird allgemein in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts datiert. Wahrscheinlich entstand sie zum Schutz der Besitzungen der Reichsabtei Kornelimünster um Niederheimbach. Erstmals erwähnt wird sie 1213. Im Laufe des 12. Jahrhunderts entwickelte sich Reichenstein zu einer bedeutenden Befestigung, geriet jedoch spätestens im 13. Jahrhundert in den Besitz von Ministerialengeschlechtern, die Reichenstein zur Raubritterburg machten. König Rudolf I. von Habsburg ließ die Burg deshalb 1282 im Rahmen seiner Maßnahmen zur Wiederherstellung des Landfriedens belagern und schließlich schleifen. Die überlieferten Berichte über die Hinrichtung der Raubritter vor der Burg gehören zu den bekannten legendenhaften Episoden der mittelrheinischen Burgengeschichte.

Bereits im frühen 14. Jahrhundert wurde die Burg unter der Herrschaft des Erzstifts Mainz wieder aufgebaut. In den folgenden Jahrhunderten diente sie als kurmainzische Amts- und Verwaltungsburg und verlor allmählich ihre militärische Bedeutung. Während des Pfälzischen Erbfolgekrieges wurde sie 1689 durch französische Truppen erneut zerstört. Danach blieb sie über mehr als eineinhalb Jahrhunderte als Ruine erhalten und entwickelte sich im Zeitalter der Rheinromantik zu einem beliebten Ziel von Künstlern, Dichtern und Reisenden. Zahlreiche Ansichten der Burgruine aus dem frühen 19. Jahrhundert dokumentieren ihre malerische Einbindung und Wirkung in die Mittelrheinlandschaft.

Den entscheidenden Einschnitt in der Baugeschichte markiert der Erwerb durch den Besitzer der Rheinböllerhütte, Baron Nikolaus Kirsch-Puricelli, im Jahr 1898. Zwischen 1899 und 1902 ließ er die Burg nach Plänen des Regensburger Architekten Strebel auf den mittelalterlichen Fundamenten im Tudorstil wiederaufbauen. Anders als viele romantische Neubauten orientierte sich der Wiederaufbau weitgehend an den erhaltenen Bauresten und an historischen Vorbildern. Ziel war die Schaffung einer repräsentativen Wohnburg im Geist des Historismus unter weitgehender Wahrung des mittelalterlichen Erscheinungsbildes.

Kunsthistorisch zeichnet sich die Anlage durch die Verbindung originaler mittelalterlicher Bausubstanz mit qualitätvoller neugotischer Ergänzungen aus. Der unregelmäßige Grundriss folgt den natürlichen Gegebenheiten des Schieferfelsens. Dominierend sind der mächtige Bergfried, die Ringmauer mit ihren Wehrgängen sowie der Palas. Die Fassaden bestehen überwiegend aus lokalem Schieferbruchstein mit sorgfältig bearbeiteten Sandsteingliederungen an Portalen, Fenstern und Gewänden. Spitzbogenöffnungen, Zinnenkränze, Erker, Staffelgiebel und Maßwerkformen greifen die Formensprache der hoch- und spätgotischen Burgenarchitektur auf. Diese Verbindung von authentischer Substanz und historistischer Interpretation verleiht der Burg ihren besonderen kunsthistorischen Wert.

Die Innenräume spiegeln die Wohnkultur des 19. Jahrhunderts wider und bilden ein Gesamtkunstwerk des späten Historismus - eine Mischung neugotischer Architekturformen, Elementen englischer Tudor-Gotik und deutscher Burgenromantik. Rittersaal, Wohnräume und Kapelle wurden mit Holzvertäfelungen, neugotischem Mobiliar, Wappenschmuck, Glasmalerei und kunsthandwerklich anspruchsvollen Ausstattungsstücken eingerichtet. Sie dokumentieren das Mittelalterbild des Bürgertums im 19. Jahrhundert, das mittelalterliche Architektur konservieren und als Ausdruck nationaler Geschichte und kultureller Identität neu interpretierten wollte. Die umfangreichen Sammlungen historischer Waffen, Möbel und Kunstgegenstände ergänzen dieses Gesamtkunstwerk historistischer Burgenkultur und werden in einem Museum auf der im Privatbesitz befindlichen Burg gezeigt.

(Karl Peter Wiemer, Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz e.V., 2026)

Internet
www.burg-reichenstein.com: Burg Reichenstein am Rhein (abgerufen 10.08.2026)
de.wikipedia.org: Burg Reichenstein (Mittelrhein) (abgerufen 10.08.2026)
www.museumsportal-rlp.de: Burg Reichenstein (abgerufen 10.08.2026)
www.bing.com: Video „Entdecken Sie die Burg Reichenstein in Deutschland“ (abgerufen 10.08.2026)

Literatur

Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz e.V. (Hrsg.) (2002)
Rheinland: Denkmal, Landschaft, Natur - 2003. (Jahreskalender 2003, 33. Jahrgang.) Köln.

Burg Reichenstein in Trechtingshausen

Schlagwörter
Ort
Trechtingshausen
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1214 bis 1900

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Karl Peter Wiemer (2026): „Burg Reichenstein in Trechtingshausen”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-54163-20120917-4 (Abgerufen: 29. August 2026)
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