Basilika Sankt Martin in Bingen

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Denkmalpflege, Architekturgeschichte
Gemeinde(n): Bingen am Rhein (Rheinland-Pfalz)
Kreis(e): Mainz-Bingen
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Koordinate WGS84 49° 58′ 0,56″ N: 7° 53′ 32,12″ O 49,96682°N: 7,89225°O
Koordinate UTM 32.420.557,35 m: 5.535.529,83 m
Koordinate Gauss/Krüger 3.420.600,72 m: 5.537.304,67 m
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Die Basilika St. Martin gehört zu den bedeutendsten mittelalterlichen Kirchenbauten am Mittelrhein. Sie liegt unmittelbar an der Nahe und steht auf einem Platz, an dem archäologische Untersuchungen auch Reste eines römischen Merkurheiligtums nachgewiesen haben. Eine christliche Gemeinde ist in Bingen bereits für das 6. Jahrhundert belegt; als Martinskirche erscheint der Bau seit dem frühen Mittelalter. Seit 1006 ist St. Martin als Kollegiatstift bezeugt. Von der frühromanischen Stiftskirche des 11. Jahrhunderts hat sich vor allem die Krypta unter dem Chor erhalten. Sie entstand wohl im 11. Jahrhundert und gehört zu den frühen salischen Kryptenanlagen am Mittelrhein. Die dreischiffige, aus insgesamt neun quadratischen Jochen bestehende Anlage besitzt Kreuzgratgewölbe, kräftige Gurtbögen und charakteristische Würfelkapitelle. Damit stellt die Krypta den ältesten und baugeschichtlich bedeutendsten Teil der heutigen Kirche dar.

Der romanische Kirchenbau wurde beim Binger Stadtbrand von 1403 zerstört. In der Folge entstand ein vollständig neuer, zunächst einschiffiger gotischer Kirchenbau. Der Chor konnte bereits 1416 geweiht werden. Im weiteren Verlauf des 15. Jahrhunderts wurde das Langhaus durch Seitenschiffe erweitert. Eine besondere Stellung nimmt der „Barbarabau“ ein: Das nördliche Seitenschiff wurde 1502 bis 1505 durch eine zweischiffige spätgotische Halle mit Netzgewölben ersetzt. Dieser ursprünglich als Pfarrkirche dienende Bauteil war gegenüber dem eigentlichen Stiftsbereich funktional eigenständig.

Eine einschneidende Veränderung brachte das 19. Jahrhundert. Nach der Aufhebung des Stifts 1672 wurden die ehemaligen Stiftsgebäude 1817 bis 1819 abgebrochen; damit entstand der heutige offene Vorplatz zur Nahe. 1885 erfolgte unter Leitung des Architekten und Denkmalpflegers Max Meckel eine grundlegende Restaurierung. Dabei wurden unter anderem Seitenkapellen und die Sakristei ergänzt sowie die Maßwerkgalerien der Türme ausgeführt. Die Kirche erhielt damit teilweise jene neugotisch geprägten Elemente, die ihr heutiges äußeres Erscheinungsbild mitbestimmen.

Besonders schwer traf St. Martin die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. 1944 wurde die Kirche durch Bombenangriffe erheblich beschädigt; unter anderem stürzte das Gewölbe des Hauptschiffs ein und auch Teile des Hochaltars gingen verloren. Der Wiederaufbau erfolgte bis 1958, wobei wesentliche Teile der historischen Substanz rekonstruiert wurden. Eine weitere umfassende Restaurierung fand 1981 bis 1988 statt. Bereits 1930 hatte Papst Pius XI. St. Martin zur päpstlichen Basilica minor erhoben. Heute gehört die Kirche zum UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal.

Die Ausstattung der Basilika ist von besonderem kunsthistorischem Rang und verbindet Werke des Mittelalters mit bedeutenden Beispielen der Renaissance und des Barock. Zu den herausragenden mittelalterlichen Bildwerken gehört die thronende Madonna mit Kind im „Barbarabau“, ein Werk der mittelrheinischen Plastik um 1320 mit teilweise erhaltener ursprünglicher Fassung. Hinzu kommen die beiden Tonfiguren der heiligen Barbara und Katharina, die dem frühen 15. Jahrhundert beziehungsweise dem „Weichen Stil“ zugeordnet werden und zu den qualitätvollen Zeugnissen der mittelrheinischen Skulptur dieser Zeit zählen.

Eine besondere Kostbarkeit ist der niederländische Marienaltar von 1579 mit fünf Gemälden des Antwerpener Malers Antonius van Montfoort, genannt Blocklandt. Aus der Barockzeit stammen die Kanzel von 1681, bezeichnet mit „P. M.“, deren figürlicher Schmuck unter anderem die vier Kirchenväter und die Kardinaltugenden umfasst, sowie der monumentale Hochaltar von 1768. Letzterer wurde von dem Mainzer Hofbildhauer Peter Heinrich Hencke nach einem Entwurf des Mainzer Architekten Johann Peter Jäger geschaffen. Der als Ziborienaltar konzipierte Aufbau besteht aus einem von sechs korinthischen Säulen getragenen Baldachin; zwischen den Säulen stehen die überlebensgroßen Figuren der vier Evangelisten (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes), darüber erscheinen Engel und ein reich bewegtes barockes Gebälk. Der Altar wurde nach den Kriegszerstörungen 1957/58 weitgehend rekonstruiert.

Zur Ausstattung gehören außerdem der Hildegardisschrein und der Reliquienschrein des heiligen Rupertus, die an die bedeutende kirchengeschichtliche Tradition Bingens und insbesondere an die Verehrung Hildegards von Bingen anknüpfen. Ergänzt wird die Ausstattung durch weitere mittelalterliche Sakramentsschreine und Skulpturen sowie Glasmalerei des Frankfurter Künstlers Otto Linnemann. Insgesamt vermittelt St. Martin deshalb in ungewöhnlich konzentrierter Form die Entwicklung der mittelrheinischen Sakralarchitektur und -kunst vom salischen 11. Jahrhundert über die Gotik und Renaissance bis zum Barock und zur historistischen Restaurierung des 19. Jahrhunderts.

St. Martin ist ein über Jahrhunderte gewachsenes Ensemble, in dem sich die Geschichte des mittelrheinischen Kirchenbaus exemplarisch ablesen lässt.

(Karl Peter Wiemer, Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz e.V., 2026)

Internet
bistummainz.de: Kath. Pfarrei Hl. Hildegard von Bingen, Rhein und Nahe (abgerufen am 06.10.2026)
de.wikipedia.org: St. Martin (Bingen) (abgerufen am 06.10.2026)
bingen.de: St. Martin in Bingen - Die Geschichte der Basilika (abgerufen am 06.10.2026)
regionalgeschichte.net: St. Martin in Bingen (abgerufen am 06.10.2026)
romantischer-rhein.de: St. Martin in Bingen (abgerufen am 06.10.2026)
youtube.com: Video zur Basilika St. Martin in Bingen (abgerufen am 06.10.2026)

Literatur

Hüser, David (2025)
Basilika St. Martin. Ein Rundgang durch die Basilika des heiligen Martin zu Bingen am Rhein. Bingen.

Basilika Sankt Martin in Bingen

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Basilikastraße 2
Ort
55411 Bingen
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Denkmalpflege, Architekturgeschichte
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Fotos, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Vor Ort Dokumentation

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Karl Peter Wiemer: „Basilika Sankt Martin in Bingen”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-360651 (Abgerufen: 7. Oktober 2026)
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