Lageplan der Gemeinde Sespenroth mit Auflistung der einzelnen Gebäude um 1850, nach einer Zusammenstellung von Johann Münch (1935) (Plan: G. Feig 1983, S. 17)
Die Wüstung Sespenroth liegt in der heutigen Gemarkung Heilberscheid, ca. 4 km Luftlinie von der Kreisstadt Montabaur entfernt. Etwa 100 m neben der Wüstung verläuft die Gelbachstraße, die sie gleichzeitig auch von den benachbarten Dörfern Bladenheim und Reckenthal trennt. Östlich der ehemaligen Siedlung fließt noch immer der Gelbach, der seit jeher dem Tal seinen Namen leiht.
Der genaue Gründungszeitpunkt der Siedlung Sespenroth ist unbekannt, doch wird die Gemeinde erstmals 1392 auf einer Urkunde im Zusammenhang mit dem Adeligen Hermann von Custerode erwähnt. Spätere Aufzeichnungen belegen, dass die kleine Ansiedlung im Jahr 1525 dem Zuständigkeitsbereich der Kellereien von Hadamar, Nassau und Montabaur unterlag und das Sespenroth 1564 über vier Feuerstellen verfügte. Daraus kann eine Einwohnerzahl von etwa 30 Personen errechnet werden. Durch die Kriegswirren des 30jährigen Krieges (1618-1648) war die Ortschaft stark in Mitleidenschaft gezogen worden und Sespenroth galt 1653 als unbewohnt. Aber dies sollte noch nicht das Ende des kleinen Westerwälder Dörfchens sein. Ca. 30 Jahre später, um 1684, zählte es bereits wieder zwei Feuerstellen. Von da an wuchs die Gemeinde stetig und gehörte schon früh zum Zuständigkeitsgebiet der Grafen von Nassau und der adeligen nassauischen Familie vom Stein.
Die Siedlung selbst lag seit jeher auf einer leicht ansteigenden Anhöhe nahe dem Waldrand und schlängelte sich bis in die Talsenke hinab. Die einzelnen Häuser waren lose entlang eines Weges entstanden, relativ planlos angeordnet und verteilt. Der Mittelpunkt des kleinen Dorfes wird wohl ein Dorfplatz mit einer großen Dorflinde gewesen sein. Anhand einer Zusammenstellung des Lehrers Johann Münch von 1935 ließen sich für Sespenroth im Jahr 1850 21 ½ Gebäude rekonstruieren. Demnach bestand die Siedlung zu diesem Zeitpunkt aus acht einstöckigen und drei zweistöckigen Wohnhäusern, sechs Ställen, anderthalb Scheunen, einem Schuppen, sowie einer Gemeindekapelle und einem Gemeindebackhaus. Um die Gebäude herum waren zudem diverse Hofräume und Gartenflächen angelegt. Der Großteil der Gebäude war schon älter und eher in einem schlechten Zustand, allerdings muss es sich nach den Aufzeichnungen von Lehrer Münch bei zwei einstöckigen Häusern um Neubauten gehandelt haben. Die Bauweise der Häuser im Westerwald hat sich seit dem 16. Jahrhundert kaum verändert. Die Fundamente der Häuser bilden stabile Sockel aus Steinen. Die aufgehenden Wände wurden hingegen aus Fachwerk errichtet. Die so entstehenden Felder zwischen den Holzbalken wurden in der Regel mit einem Weidengeflecht geschlossen und einem Lehm-Stroh-Gemisch abgedichtet. Die Anzahl der Stockwerke variiert mitunter, ein- und zweigeschossige Häuser sind die Regel. Bei den Wohnhäusern handelt es sich fast ausschließlich um sogenannte Niederlasshäuser. Der Name rührt von ihrer außergewöhnlichen Dachform, bei der die Wetterseite des Daches fast bis zum Boden gezogen wird und die Häuser dadurch insgesamt eine einzigartige Asymmetrie erhalten. Die weiteren Wirtschafts- und Nutzräume wurden zudem direkt oder angewinkelt an die bestehenden Wohnhäuser angebaut. Diese Eigenart der Westerwälder verleiht ihren Häusern einen ganz eigenen Charme.
Darüber hinaus ist die Wohnarchitektur des Westerwaldes gleichermaßen gut an ihrer Farbgebung zu erkennen. Während die schweren Fachwerkbalken eine schwarze oder auch ochsenblutrote Bemalung erhielten - hervorragende Beispiele für letzteres finden sich in der benachbarten Kreisstadt Montabaur -, wurde die Lehmausfachung mit Kalkputz oder Kalkanstrich geweißt. Da sich Kalk allerdings nur schlecht mit Lehm verbindet, bedurfte es einer sogenannten Haftbrücke. Es handelt sich dabei um senkrechte, waagerechte oder diagonale Muster, die in den noch feuchten Lehm geritzt wurden und an denen der Kalkanstrich besser haften konnte. Der Nebeneffekt ist eine durchaus ansehnliche Ornamentierung der Lehmausfachung. Fensterläden waren übrigens für die Westerwälder Wohnhäuser des 17. bis späten 19. Jahrhunderts nicht üblich. Die übliche Dachform ist das Satteldach mit leichtem Dachüberstand; Walmdächer oder Zeltdächer waren bei den Westerwälder Häusern vollkommen untypisch. In den ärmeren Gegenden, wie beispielsweise in Sespenroth, waren die Dächer vor allem mit Stroh eingedeckt. Dieses wurde in dicken Bündeln gestaffelt auf den Dachsparren festgezurrt, bis eine dicke Strohdecke von annähernd 35 cm erreicht war. Damit die Dächer auch im Bereich des höchsten Punktes vollständig abgedichtet waren, wurden die Dachfirsten abschließend mit Grassodenbahnen eingedeckt. Der Großteil der Westerwälder Häuser verfügte im ausgehenden 18. Jahrhundert über Schornsteine aus Holz. Die kleine Dorfkapelle von Sespenroth stand auf einem Steinfundament und war ebenfalls aus Fachwerk errichtet worden. Die Wände im Altarbereich waren zudem seitlich eingezogen, sodass eine kantige Apsis entstand. Der kleine Kirchraum wird, wie andere Vergleiche aus dem Westerwald zeigen, gerade einmal Platz für 20 Leute gehabt haben. So war der Großteil der Kirchgänger gezwungen dem Gottesdienst von draußen zu folgen. Im Gegensatz zu den übrigen Gebäuden verfügte die Kapelle allerdings vermutlich über ein mit Schieferschindeln gedecktes Dach. Die Gemeinde besaß neben der Dorfkapelle auch ein Gemeindebackhaus, den sogenannten „Backes“. Die Fachwerkmauern des eingeschossigen Gebäudes waren hier ebenfalls auf einem stabilen steinernen Fundament errichtet. Auch dieses wies im Gegensatz zu den übrigen Gebäuden einige Unterschiede in der Bauweise auf, die vor allem dem Brandschutz dienten. Zum einen ist, wie bei der Kirche, das Dach nicht mit Stroh, sondern mit Schiefer gedeckt worden und weist einen großen Schornstein auf. Zum anderen wurde darauf geachtet, dass die steinerne Grundmauer im hinteren Bereich, sprich dort wo sich der Ofen befindet, höher gezogen wurde als üblich. Der restliche Wandaufbau war in einfach ausgeführtem Fachwerk errichtet.
Bedingt durch mehrere Missernten, Hungersnot, dem Fehlen wirtschaftlicher Sicherheit und dem Wachsen sozialer und politischer Unruhen sah sich die Westerwälder Bevölkerung zu Beginn des 19. Jahrhundert endgültig gezwungen, eine Auswanderung in das ferne Amerika in Betracht zu ziehen. Allein von 1806 - 1866 wanderten ca. 34.000 Einwohner aus dem Herzogtum Nassau aus und suchten ihr Glück am anderen Ende der Welt. Das kleine Dorf Sespenroth war also keine Ausnahme. Seit den 40er Jahren sahen sich immer mehr der Einwohner auf Grund der wachsenden Armut gezwungen, ihren Besitz zu verpfänden. Am 26. Februar des Jahres 1852 stellten die Einwohner Sespenroths geschlossen den Antrag an das Herzogtum Nassau auswandern zu dürfen. Zu diesem Zeitpunkt war fast der gesamte Grund und Boden des Dorfes nicht mehr in ihrem Besitz. Die Gesamtfläche des Dorfes mitsamt umliegendem Ackerland und Waldstücken betrug etwa 364 Morgen Land (ca. 91 ha) und wurde 1852 für 8.583 Gulden an die benachbarte Gemeinde Heilberscheid verkauft. Zu diesem Zeitpunkt zählte Sespenroth noch etwa 76 Personen aus 19 Familien. Erste Familien begannen das Dorf zu verlassen. Am Dienstag, dem 29. März 1853, direkt nach dem Osterfest, verließen auch die restlichen Einwohner (16 Familien mit ca. 60 Personen) für immer das Dorf. Vier Familien entschieden sich in Deutschland zu bleiben und wurden jeweils den Gemeinden Heilberscheid, Reckenthal, Nentershausen und der Stadt Diez zugeteilt. Die restlichen 13 Familien (48 Personen) wanderten geschlossen nach Milwaukee / Wisconsin (Amerika) aus. Ihr Weg führte zuerst zu Fuß mit zwei Handkarren nach Koblenz. Dort wechselten sie auf ein Dampfschiff, um nach Köln zu gelangen. Von dort wurde die Reise wiederum mit dem Zug Richtung Bremen fortgesetzt. Nach der fast zweiwöchigen Reise bestiegen die auswanderungswilligen Sespenröther am 11. April im Bremer Hafen das Schiff „Leander“ und erreichten am 30. Mai 1853 New York. Die verlassene Siedlung wurden zum Zweck der Materialgewinnung von der Bevölkerung der umliegenden Gemeinden abgetragen, sodass Sespenroth bis 1862 fast vollständig geschleift war. Eines der zweistöckigen Wohnhäuser wurde von seinem neuen Besitzer weitestgehend abgebaut und in Ruppach-Goldhausen wiedererrichtet. Die Gemeinde Ruppach kaufte das Wohnhaus 1960 auf und riss es schlussendlich ab, um den Dorfplatz freundlicher ausgestalten zu können. Einzig in Heilberscheid sind noch Reste Sespenroths erhalten, denn dort wurden mehrere der massiven Eichenbalken in zwei heute noch erhaltene Scheunen verbaut. Das letzte Überbleibsel vor Ort war die prächtige Dorflinde, die bis 1929 an die bäuerliche Kleingemeinde erinnerte, um dann von der Gemeinde Heilberscheid während eines kalten Winters geschlagen zu werden. Bis in die frühen 1950er konnten zudem im Bereich der Wüstung noch Reste der mit Gras überwucherten, steinernen Grundmauern der ehemaligen Siedlung identifiziert werden. Seit den frühen 1980er Jahren widmete sich vor allem der Heimatforscher Guido Feig eingängig der Wüstung Sespenroth und der Auswanderung der Sespenröther nach Amerika. In zahlreichen Publikationen stellte er seine Recherchen zusammen und war zudem 1994 an der Gründung der Deutsch-Texanischen Gesellschaft Montabaur - Fredericksburg e.V beteiligt. Diese setzt sich ausführlich mit der Geschichte rund um die Westerwälder Amerikaauswanderer und deren Nachkommen auseinander.
Heute erinnern ein Wegkreuz, eine Informationstafel und eine vor Ort zu besichtigende AR-Rekonstruktion (ARGO) an die Geschichte der aufgegebenen Ortschaft. Grundlage für die Rekonstruktion stellen außer umfassenden Recherchen des bereits genannten Heimatforschers Guido Feig und Angaben aus diversen Zeitungsartikeln seit 1953, insbesonders die wiedererrichteten und restaurierten Westerwälder Wohnhäuser aus den beiden Freilichtmuseen - Landschaftsmuseum Westerwald in Hachenburg und dem LVR Freilichtmuseum Kommern - dar. Im LVR Freilichtmuseum Kommern befinden sich heute frei zugänglich zwei restaurierte Westerwälder Häuser aus der Zeit der großen Auswanderungswelle aus Eppenrod und Ruppenrod, direkten Nachbardörfern von Sespenroth.
(ARGO Edutainment Solutions GmbH, Trier, 2026)
Literatur
Bartolosch, Thomas a.; Neutsch, Cornelius; Roth, Karl Jürgen / Kreisverwaltung des Westerwaldkreises; Freundeskreis Landschaftsmuseum Westerwald (Hrsg.) (2010)
Vom Westerwald nach Amerika, Auswanderung im 19. Jahrhundert. Begleitband zur Sonderausstellung. Hachenburg.
Feig, Guido (1983)
Die Wüstung Sespenroth im Gelbachtal. In: Schriftenreihe "Im Gelbachtal" Nr. 6, Montabaur.
Feig, Guido; Wick, Gerhard / Deutsch-Texanischen Gesellschaft Montabaur - Fredericksburg e.V. (Hrsg.) (2003)
Sespenroth. 150 Jahre nach der Auswanderung 1853. Feier zu Ostern 2003. In: TEXAS- Echo Nr. 8, Montabaur.
Heyn, Eugen (1970)
Der Westerwald und seine Bewohner von den ältesten Zeiten bis heute. Eine Geschichte der wichtigsten Verhältnisse des Westerwaldes und seiner Bewohner, nebst einer Beschreibung und Topographie des Oberwesterwaldkreises auf Grundlage der Quellen. Nachdruck von 1893. Wiesbaden.
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