Beschreibung
Das Fachwerkgebäude bestand aus einem Wohnhaus mit hohem Treppenaufgang, in dessen hinterem Bereich sich die Metzgerei befand. Das Schlachthaus lag unmittelbar hinter dem Wohnhaus. Um 1930 war das Anwesen durch Verschuldung bei der Vereinsbank belastet. Die Bank leitete 1933 eine Zwangsversteigerung ein und ersteigerte das Haus selbst. Noch im gleichen Jahr wurde das Grundstück an Alexander Bachenheimer verkauft, der das alte Fachwerkhaus abreißen und durch einen Neubau ersetzen ließ, wie er heute noch zu sehen ist.
Geschichte
Hermann Tobias war der letzte jüdische Metzger in Hamm. Er war verheiratet mit Rosa Tobias, geb. Levy (*Schupbach, Limburg-Weilburg), die am 25. September 1935 in Hamm verstarb. Danach führte ihre Schwester Jettchen Levy den Haushalt weiter. Hermann und Jettchen zogen 1938 ins israelitische Asyl nach Köln. Hermann Tobias verstarb dort am 17. September 1940; Jettchen Levy wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 7. November 1942 ermordet.
Die Familie Tobias hatte fünf Kinder:
- Julius (*31.07.1891) – zog 1930 nach Köln, später in die USA
- Gustav (*31.08.1893) – zog 1930 nach Köln, später in die USA
- Hugo (*06.05.1897) – heiratete nach Ruppichteroth, wurde von dort deportiert und ermordet
- Johanna (*25.04.1899) – zog 1930 nach Köln, später in die USA
- Walter (*23.10.1901) – heiratete in Haaren/Paderborn, dort deportiert und ermordet
Für Hugo und Walter wurden Stolpersteine in Ruppichteroth bzw. Haaren/Paderborn verlegt. Die Kinder, die in die USA auswanderten, haben dort Nachkommen.
Bedeutung
Das Haus Hermann Tobias dokumentiert die wirtschaftliche, familiäre und soziale Situation der jüdischen Gemeinde in Hamm und die Zerstörung jüdischer Lebenswelten durch NS-Verfolgung. Besonders deutlich wird die Enteignung durch Zwangsversteigerung und der Abriss des Fachwerkhauses, verbunden mit der Vertreibung der Eigentümerfamilie.
Zeitliche Einordnung
- Bis 1933: Nutzung als Wohnhaus und Metzgerei der Familie Tobias
- 1933: Zwangsversteigerung durch die Vereinsbank; Verkauf an Alexander Bachenheimer
- 1933: Abriss des Fachwerkhauses; Neubau durch Bachenheimer
- 1938: Abmeldung und Flucht nach Köln
- 17.09.1940: Tod von Hermann Tobias in Köln
- 07.11.1942: Deportation und Ermordung von Jettchen Levy in Theresienstadt
Redaktioneller Hinweis
Die Darstellung des Hauses und der Familie Tobias folgt den KuLaDig-Richtlinien zur historischen Genauigkeit. Ereignisse aus der NS-Zeit werden sachlich dokumentiert; Namen, Daten und Ortsangaben sind quellenkritisch übernommen.
(Arbeitsgruppe jüdisches Gedenken der Ortsgemeinde Hamm und die Tourist-Information der Verbandsgemeinde Hamm, 2025)
Quellen
- Kataster- und Grundbuchunterlagen Hamm
- Familienüberlieferungen Tobias/Levy
- Deportations- und Todeslisten Theresienstadt
- Historische Fotos aus Hamm, 1930er Jahre