Beschreibung
Das Gebäude befindet sich an der Scheidterstraße 8, ehemals Horst-Wessel-Straße. Es handelte sich um ein kombiniertes Wohn- und Geschäftshaus mit großflächigem Einzelhandel im Erdgeschoss. Das Haus prägte über Jahrzehnte das wirtschaftliche und städtebauliche Erscheinungsbild des Ortskerns. Bauliche Details sind nicht näher überliefert.
Geschichte
Das Wohn- und Geschäftshaus gehörte ursprünglich Simon Simon I., der dort ein Geschäft betrieb. Seine Tochter Laura Hirsch, verheiratet mit Max Hirsch, übernahm das Anwesen gemeinsam mit ihrem Ehemann. Ab dem Jahr 1915 führten Max und Laura Hirsch in dem Gebäude ein großes Kaufhaus.
Die Familie Hirsch genoss hohes gesellschaftliches Ansehen in Hamm und war in zahlreichen Vereinen aktiv. Max Hirsch war zudem Vorsteher der jüdischen Synagogengemeinde und maßgeblich am Bau der Synagoge beteiligt. Ein überliefertes Hochzeitsfoto von Laura und Max Hirsch dokumentiert die Familie als Teil des bürgerlichen Lebens der Gemeinde.
Anfang 1938 verkaufte die Familie Hirsch das Haus an Willi Birkenbeul und dessen Ehefrau Gerda Birkenbeul und emigrierte anschließend in die USA. Der Verkauf erfolgte im Kontext der zunehmenden Entrechtung und wirtschaftlichen Ausgrenzung jüdischer Bürgerinnen und Bürger. In einer Gestapo-Kartei findet sich unter dem Datum 12. April 1939 der Eintrag, das Besitztum der Familie Hirsch sei im Zuge der sogenannten „Judenaktion“ in „arische Hände“ übergeleitet worden; die daraus resultierenden Vermögenswerte seien an das Reich abgeführt worden.
Gerda Birkenbeul führte das Geschäft auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiter. Anfang der 1950er Jahre mietete die Westfälische Handelsgesellschaft (WEHAG) das Gebäude und betrieb dort ein frühes Selbstbedienungs- bzw. „Discounter“-Geschäft. Im Jahr 1970 erwarb die Kreissparkasse Altenkirchen das Haus und eröffnete an der Ecke Scheidterstraße / Raiffeisenstraße eine Zweigstelle in Hamm.
Bedeutung
Das Haus Hirsch besitzt hohe orts-, wirtschafts- und zeitgeschichtliche Bedeutung. Es steht für jüdisches Unternehmertum und bürgerschaftliches Engagement im frühen 20. Jahrhundert sowie für die systematische Verdrängung, Enteignung und Emigration jüdischer Familien während der nationalsozialistischen Herrschaft. Die spätere Nutzung verdeutlicht den strukturellen Wandel des Einzelhandels im Ortskern.
Zeitliche Einordnung
- ab 1915: Betrieb eines Kaufhauses durch Max und Laura Hirsch
- 1938: Verkauf des Hauses und Emigration der Familie in die USA
- 1939: Dokumentation der Vermögensentziehung in der Gestapo-Kartei
- Ab Anfang 1950er Jahre: Nutzung durch die WEHAG
- 1970: Erwerb durch die Kreissparkasse Altenkirchen
- 1991: Abriss und Neubau der Bankfiliale Sparkasse Westerwald-Sieg
Redaktioneller Hinweis
Der Beitrag behandelt ein Gebäude mit zentraler Bedeutung für die jüdische Ortsgeschichte und die Erinnerung an wirtschaftliche Entrechtung und Emigration. Zeitgenössische nationalsozialistische Begriffe werden ausschließlich in quellenkritischer und distanzierender Weise verwendet.
(Arbeitsgruppe jüdisches Gedenken der Ortsgemeinde Hamm und die Tourist-Information der Verbandsgemeinde Hamm, 2025)
Quellen
- Personenstands- und Melderegister Hamm, 1938.
- Gestapo-Kartei, Eintrag vom 12.04.1939.
- Ortsgeschichtliche Forschungen zur jüdischen Gemeinde Hamm.
- Überlieferungen zur Handels- und Nutzungsgeschichte der Scheidterstraße.
- Fotografische Quellen (u. a. Hochzeitsfoto von Laura und Max Hirsch).