Erwerb und Umbau des Anwesens
Johann Claudius von Lassaulx und die Gestaltung des Palais
Das Landhaus als Sommerresidenz und gesellschaftlicher Treffpunkt
Auflösung des Besitzes und Übergang an die Kaiserswerther Diakonie
Nutzung im 20. Jahrhundert
Zerstörung des Palais und Umgestaltung des Parks
Erinnerungskultur und Denkmal
Archivalische Forschungen zum Mendelssohn-Gut
Quellen
Erwerb und Umbau des Anwesens
Ende 1818 erwarb der Berliner Bankier Joseph Mendelssohn das rechtsrheinisch gelegene Anwesen in Horchheim. Der Besitz ging auf ein spätmittelalterliches Burghaus der Herren von Helfenstein beziehungsweise der Familie von Reiffenberg zurück, das ursprünglich durch Graben, Mauern und Türme gesichert war. Ein Halbrundturm an der Nordseite des späteren Palais könnte noch mittelalterliche Bausubstanz enthalten haben.
Der kurtrierische Hofrat Fritsch hatte das Anwesen 1752 übernommen und anstelle des älteren Burghauses einen palaisartigen Neubau begonnen. Das Vorhaben blieb jedoch aus finanziellen Gründen unvollendet. Als die Familie Mendelssohn den Besitz übernahm, standen die Fensterbögen teilweise offen, das Dach war undicht und das Gebäude befand sich in einem stark vernachlässigten Zustand.
Der Erwerb und die ersten organisatorischen Maßnahmen wurden maßgeblich von Georg Benjamin Mendelssohn vorbereitet, der sich zunächst in Koblenz einquartierte und die Übernahme des Gutes begleitete. Der bisherige Eigentümer hatte sich verpflichtet, das Anwesen bis zum 1. Juni 1819 zu räumen.
In den folgenden Jahren entwickelte sich das Palais zum baulichen Mittelpunkt des Mendelssohn'schen Landsitzes. Der langgestreckte, zweigeschossige Bau besaß eine betonte Mittelachse mit polygonalem Mittelrisalit sowie beidseitig anschließende langgezogene Flügel. Trotz seiner vergleichsweise schlichten verputzten Fassaden galt das Gebäude als repräsentativer Wohn- und Gesellschaftsbau.
Johann Claudius von Lassaulx und die Gestaltung des Palais
An der baulichen und gestalterischen Ausformung des Anwesens war auch der Koblenzer Architekt, Denkmalpfleger und Bautheoretiker Johann Claudius von Lassaulx (1781-1848) beteiligt. Bereits im März 1819 berichtete Georg Benjamin Mendelssohn in einem Brief an seine Eltern, dass er gemeinsam „mit Lassaulx und einem Freund an der Gestaltung von Horchheim“ arbeite.
Lassaulx werden unter anderem die Veranda an der Nordostecke des Gebäudes sowie ein säulengetragener Eisenbalkon vor dem straßenseitigen Mittelrisalit zugeschrieben. Die Verwendung von Gusseisen entsprach der modernen Bauauffassung des Architekten, der diesen Werkstoff gezielt einsetzte. Das Palais bildete gemeinsam mit den Gartenanlagen, dem Teehaus, den Wirtschaftsgebäuden und den Weinbergen den Mittelpunkt einer großzügigen Sommerresidenz am Rhein.
Das Landhaus als Sommerresidenz und gesellschaftlicher Treffpunkt
Die Familie Joseph Mendelssohns nutzte das Landhaus regelmäßig als Sommer- und Herbstresidenz. Die Aufenthalte dauerten häufig mehrere Wochen und waren mit erheblichem organisatorischem Aufwand verbunden, da neben der Familie auch Bedienstete, Pferde, Kutschen und umfangreicher Hausrat nach Horchheim gebracht wurden. Das Anwesen entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem Ort kultureller und gesellschaftlicher Begegnungen. Zu den Gästen der Familie gehörten bedeutende Persönlichkeiten ihrer Zeit, darunter Alexander von Humboldt, Ludwig Uhland und Georg Wilhelm Friedrich Hegel.
Auch zeitgenössische Reisebeschreibungen erwähnen das Anwesen. In Malten's „Handbuch für Rheinreisende“ aus dem Jahr 1844 wird Horchheim als Dorf an der Grenze zwischen dem Herzogtum Nassau und der preußischen Rheinprovinz beschrieben. Besonders hervorgehoben werden die Landhäuser des Bankiers Mendelssohn sowie des Generals von Müffling. Das Mendelssohn'sche Anwesen wird dabei wegen seiner Gartenanlagen und eines „Schaudichum im mittelalterlichen Geschmack“ erwähnt, das einen bewussten architektonischen Kontrast zum Palais bildete.
Auflösung des Besitzes und Übergang an die Kaiserswerther Diakonie
Bis in die 1880er Jahre blieb die Verbindung der Familie Mendelssohn mit dem Horchheimer Gut eng bestehen. Danach begann infolge wirtschaftlicher Belastungen und schwieriger Jahre im Weinbau schrittweise der Verkauf einzelner Grundstücke. Schließlich wurde der Besitz insgesamt aufgegeben.
Im Jahr 1902 schenkte die Familie Mendelssohn das gesamte Anwesen mit Hauptgebäude sowie oberem und unterem Park der Kaiserin Augusta. Diese übertrug den Besitz 1903 dem „Rheinisch-Westfälischen Verein für Bildung und Beschäftigung evangelischer Diakonissen“ in Kaiserswerth. Der Wert des Anwesens wurde damals auf etwa 150.000 Goldmark geschätzt. Anschließend wurde es vor allem als Erholungsheim für Diakonissen genutzt.
Eine Berliner Zeitung berichtete über die Übergabe des „Landhauses mit prächtigem Park und Garten“ an die Diakonissenanstalt Kaiserswerth. Unterzeichnet wurde der Schenkungsvertrag von Ernst von Mendelssohn-Bartholdy, einem Vertreter der später geadelten Familienlinie.
Nutzung im 20. Jahrhundert
Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme änderte sich auch die politische und symbolische Bedeutung des Ortes. Am 5. Oktober 1934 wurde im Park des Mendelssohn-Palais ein Gedenkstein für den Hitlerjungen Erich Niejahr (1917-1932) enthüllt. Die Anlage wurde zeitweise in die nationalsozialistische Erinnerungskultur sowie in Strukturen der Jugendarbeit einbezogen. Zudem diente das Areal zeitweise als Austragungsort einer HJ-Gebietsführerschule.
1938 wurde das bis dahin als Erholungsheim genutzte Gebäude von den Kaiserswerther Diakonissen an die Likörfabrikanten Bienz & Bienz verkauft. Hintergrund waren insbesondere die im nationalsozialistischen Staat verschärften steuerlichen Belastungen, die den weiteren Betrieb durch die Schwestern zunehmend erschwerten.
Im letzten Kriegsjahr kam es erneut zu einer veränderten Nutzung des Gebäudekomplexes. Nachdem die Kindergartenräume im Krankenhaus St. Josef im Jahr 1944 durch die NSDAP belegt worden waren, richteten die Dernbacher Schwestern im Nordflügel des Mendelssohn-Palais einen Ersatzkindergarten ein. Nach dem Luftangriff auf Koblenz am 6. November 1944 wurde das ehemalige Gut zudem kurzfristig als Ausweichkrankenhaus für Seuchenfälle genutzt. In diesem Zusammenhang wurden auch Patienten der Isolierstation des Kemperhofs in das Gebäude verlegt. Diese Funktion bestand bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach 1945 hatte das Gebäude unter anderem einen Kindergarten, Wohnungen sowie bis 1969 das Medizinal-Untersuchungsamt beherbergt.
Zerstörung des Palais und Umgestaltung des Parks
Ein entscheidender Einschnitt in der Geschichte des Mendelssohn-Gutes war der Brand am 25. März 1970. Durch Brandstiftung wurde das Palais schwer beschädigt. Obwohl eine Instandsetzung grundsätzlich noch möglich erschien, erfolgte im Mai 1973 der endgültige Abriss des Gebäudes. Der Verlust des Palais wird in der Fachliteratur als erheblicher Verlust für die Denkmalpflege in Rheinland-Pfalz bewertet.
Am 25. September 1976 wurde der neu gestaltete Mendelssohn-Park eröffnet. Bürgermeister Willi Hörter übergab die Anlage als öffentliche Grün- und Erholungsfläche ihrer neuen Nutzung. Seit 1980 ist der Park zudem Veranstaltungsort der Horchheimer Kirmes. Die „Kirmes im Park“ gilt innerhalb des Koblenzer Stadtgebiets als Besonderheit und prägt bis heute das kulturelle Leben des Stadtteils.
Erinnerungskultur und Denkmal
Ein wichtiger Schritt zur öffentlichen Erinnerung an die Familie Mendelssohn erfolgte im September 1984 mit der Enthüllung des Mendelssohn-Bartholdy-Denkmals im Park. Der Goldschmiedemeister und Bildhauer Josef Welling schuf eine Bronzestele zur Erinnerung an Felix Mendelssohn Bartholdy und dessen Aufenthalte in Horchheim.
Auf der Rückseite des Denkmals werden drei Werke genannt, die nachweislich während der Aufenthalte in Horchheim entstanden: das Klavierkonzert d-Moll op. 46, der 114. Psalm op. 51 sowie das „Altdeutsche Lied“ op. 57 Nr. 1.
Archivalische Forschungen zum Mendelssohn-Gut
Im Rahmen der Vorarbeiten der Heimatfreunde Horchheim zum KuLaDig-Projekt erfolgte 2025 ein fachlicher Austausch mit dem Mendelssohn-Archiv der Staatsbibliothek Berlin zur Erwerbungs- und Besitzgeschichte des Horchheimer Anwesens. Dabei wurde festgestellt, dass ein ursprünglicher Kaufvertrag zum Erwerb des Gutes bislang nicht nachweisbar ist. Überliefert ist jedoch eine Abrechnung beziehungsweise Übersicht aus dem Nachlass von Georg Benjamin Mendelssohn, die mit dem Erwerb des Anwesens in Zusammenhang steht. Frühere Hinweise auf einen „Kaufvertrag“ beruhen vermutlich auf einer später missverständlichen Archivverzeichnung.
Nachgewiesen werden konnte hingegen ein Brief Georg Benjamin Mendelssohns vom 17. März 1819 mit einer Grundrissskizze des Horchheimer Hauses. Andere in der Literatur erwähnte Schreiben sind dagegen nur noch in späteren Abschriften überliefert. Die Ergebnisse der Archivanfrage verdeutlichen sowohl die Bedeutung der erhaltenen Quellenbestände als auch die Grenzen der archivalischen Überlieferung zur Geschichte des Mendelssohn'schen Landsitzes in Horchheim.
(Heimatfreunde Horchheim e. V., Koblenz-Horchheim, 2025)
Quellen
- E-Mail-Korrespondenz zwischen Hans Josef Schmidt (Heimatfreunde Horchheim) und Dr. Roland Schmidt-Hensel (Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv) sowie weiteren Beteiligten, 06.06.2025-15.06.2025. Betreff: Archivalische Nachweise zum Erwerb des Mendelssohn'schen Anwesens in Koblenz-Horchheim (u. a. MA Nachl. 5, I-IV; MA Nachl. 6,5; MA Ms. 10005,1) sowie Klärung der Überlieferungslage eines möglichen Kaufvertrags von 1818/1819.