Beschreibung
Das Anwesen in der Raiffeisenstraße 4 bestand aus mehreren Gebäudeteilen: links einem Waschhaus, mittig dem Wohnhaus und rechts einem Geschäftsgebäude mit angeschlossener Scheune. Das Ensemble diente der Familie Michel sowohl als Wohnsitz als auch als wirtschaftlicher Standort. Fotografische Überlieferungen dokumentieren die bauliche Gliederung des Grundstücks. Weitere bauliche Details sind nicht überliefert.
Geschichte
Sally Michel wurde am 12. März 1889 in Hamm als Sohn von Diana und Max Michel geboren. Er erlernte den Beruf seines Vaters und war als Kaufmann tätig. Während des Ersten Weltkriegs diente Sally Michel als Soldat und kehrte schwer verwundet nach Hamm zurück; er hatte im Krieg ein Bein verloren. Für seine Tapferkeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse. Sally Michel heiratete Berta Heimann (geb. 22. April 1907) aus Kirchberg. Das Ehepaar zog in das elterliche Haus in der Raiffeisenstraße 4. Am 23. Juli 1938 wurde die Tochter Ruth Michel im Krankenhaus in Wissen geboren. Während des Novemberpogroms 1938 heftete Sally Michel seine Kriegsauszeichnungen an die Kleidung. Dies hielt örtliche Nationalsozialisten davon ab, die Wohnung zu verwüsten; lediglich Fensterscheiben wurden eingeworfen. In dieser Nacht suchten zahlreiche jüdische Frauen mit ihren Kindern im Haus Michel Schutz. Im Dezember 1938 verkaufte Sally Michel das Anwesen an die Familie Walter Krämer. Aufgrund einer Vereinbarung durfte die Familie Michel zunächst weiter im Haus wohnen. Sally Michel begründete dies mit seiner tiefen Verbundenheit zum Ort: Er sei in Hamm geboren und wolle dort auch sterben. Am 27. April 1939 meldete sich die Familie Michel – Sally, seine Ehefrau Berta, die Tochter Ruth sowie Sally Michels Vater Max Michel – als letzte jüdische Einwohner offiziell aus Hamm ab. Sie zogen nach Köln. Im Jahr 1943 wurden sie nach Theresienstadt deportiert. Sally Michel, seine Ehefrau Berta und die Tochter Ruth wurden anschließend nach Auschwitz deportiert und dort ermordet; sie gelten seit dem 30. Dezember 1945 als tot. Das weitere Schicksal von Max Michel ist nach der Deportation nicht überliefert.
Bedeutung
Das Haus Max Michel / Sally Michel besitzt hohe orts-, sozial- und zeitgeschichtliche Bedeutung. Es dokumentiert jüdisches Leben und wirtschaftliche Existenz in Hamm, die Kriegserfahrungen jüdischer Soldaten im Ersten Weltkrieg sowie die Verfolgung, Entrechtung und Ermordung jüdischer Familien im Nationalsozialismus. Die Schutzsuchenden während des Pogroms unterstreichen die Rolle des Hauses als Ort solidarischer Zuflucht.
Zeitliche Einordnung
- spätes 19. Jahrhundert: Nutzung als Wohn- und Geschäftshaus der Familie Michel
- 1914–1918: Kriegseinsatz Sally Michels im Ersten Weltkrieg
- 1938: Pogromnacht; Verkauf des Hauses
- 27.04.1939: Abmeldung der Familie Michel aus Hamm
- 1943: Deportation nach Theresienstadt
- 1945: Ermordung von Sally, Berta und Ruth Michel
Redaktioneller Hinweis
Der Beitrag berücksichtigt die historische Lage des Hauses in Bezug auf jüdisches Leben und wirtschaftliche Tätigkeit in Hamm. Familien- und Namensangaben wurden aus archivalischen Quellen und Zeitungsüberlieferungen rekonstruiert. Begriffe aus der NS-Zeit werden sachlich und quellenkritisch dargestellt.
(Arbeitsgruppe jüdisches Gedenken der Ortsgemeinde Hamm und die Tourist-Information der Verbandsgemeinde Hamm, 2025)
Quellen
- Melderegister Hamm, 1938