Discothek Lazy Sunday im katholischen Vereinshaus in Alzey

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Landeskunde
Gemeinde(n): Alzey
Kreis(e): Alzey-Worms
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Koordinate WGS84 49° 44′ 39,32″ N: 8° 06′ 44,67″ O 49,74426°N: 8,11241°O
Koordinate UTM 32.436.052,51 m: 5.510.574,67 m
Koordinate Gauss/Krüger 3.436.102,14 m: 5.512.339,72 m
  • Hausausweis der Alzeyer Diskothek Lazy Sunday (um 1970)

    Hausausweis der Alzeyer Diskothek Lazy Sunday (um 1970)

    Copyright-Hinweis:
    Sammlung Volker Gallé, Alzey
    Fotograf/Urheber:
    unbekannt
    Medientyp:
    Bild
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  • Hausausweis der Alzeyer Diskothek Lazy Sunday (um 1970)

    Hausausweis der Alzeyer Diskothek Lazy Sunday (um 1970)

    Copyright-Hinweis:
    Sammlung Volker Gallé, Alzey
    Fotograf/Urheber:
    unbekannt
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Am Kirchenplatz 8 in Alzey befindet sich das Kardinal-Volk-Haus (früher katholisches Vereinshaus), ein wichtiger Ort für die alzeyer Jugendkultur der 1960er und 1970er Jahre von Alzey. Die alzeyer Rock'n'Roll-Band „Guitar Men“ hatte hier im Jahre 1962 ihren ersten Auftritt und es fanden nachmittägliche Tanzpartys an Wochenenden statt, die von Werner Breuder seitens der katholischen Jugend organisiert wurden. Ab 1969 wurde die Disco „Lazy Sunday“ mit den Disconachmittagen an Sonntagen zwischen 14 und 18 Uhr zum Schüler/innen-Treffpunkt in Alzey.

Namensgebung und Gründung
Die Disco
Musik im Lazy Sunday
Jugendkultur in Alzey
Weitere Informationen zum Ort


Namensgebung und Gründung
Im Jahr 1968 hatte die drei Jahre zuvor in London gegründete Rockband „Small Faces“ einen Hit mit dem Song „Lazy Sunday afternoon“. Im Refrain heißt es: Lazy sunday afternoon, no mind to worry, close my eyes and drift away (Übersetzung: Fauler Sonntagnachmittag, ich habe keine Lust, mir Sorgen zu machen, schließe meine Augen und treibe weg). Das war die perfekte Vorlage für die Jugend-Disco im ersten Stock des katholischen Vereinshauses. Sie fand an Sonntagnachmittagen statt und nannte sich demnach „Lazy Sunday“. Initiator war Kaplan Johannes Kraus. Er wirkte von 1969 bis 1973 in der Alzeyer Pfarrei St. Joseph. Danach war er Pfarrer im oberhessischen Hungen. Im August 2001 kam er durch einen Verkehrsunfall ums Leben. In einem Nachruf in der „Allgemeinen Zeitung“ hieß es: „Er hatte es verstanden, die Jugendlichen zu begeistern, genauso wie durch seine unkomplizierte Art, auf Menschen zuzugehen.“ Seine Disco war nicht unumstritten in der Pfarrei, aber er setze das Angebot durch, griff auch hin und wieder ein, wenn ihm der Körperkontakt zu eng erschien.

Die Disco
Die Diskjockeys kamen aus der katholischen Jugend. Georg Engelmann war Messdiener gewesen. Von September 1969 bis Oktober legte er im stündlichen Wechsel mit Kollegen die Platten zum Tanzen auf. Das waren in dieser Zeit Werner Pitsch, Franz Burg, Markus Rohschürmann, Paul Schnitter und Hans Schneider. Es gab eine Einlasskontrolle und Ausweise, um ungebeten Gäste fernzuhalten. Der Besuch war offiziell ab 14 Jahre gestattet. Aber es gab wohl auch ab und an etwas jüngere Mädchen. Das hing mit den Tanzstunden in der Stadthalle zusammen, bei denen die Jungs in der Regel ein Jahr älter als die Mädchen waren. Unter der Woche gab es auch Klassenfeiern mit Lehrern. Die Fenster waren geschlossen. Im Discodunkel gab es nur Schwarzlicht. Ein Höhepunkt im Jahr war der Fastnachtssonntag nach dem Umzug, der am Haus vorbeizog. Da wurden Lautsprecherboxen ins Fenster gestellt und das Umfeld gezielt beschallt. Danach platzte die Disco aus allen Nähten. Als in den 1970ern der Discosound aufkam, kauften die amtierenden Discjockeys 1972/73 gemeinsam mit Kaplan Kraus eine neue Anlage mit einem großen Pioneer-Verstärker. Mit einer neuen Generationen Discjockeys an den Plattentellern bestand das „Lazy“ bis Anfang der 1980er Jahre.

Musik im Lazy Sunday
Getanzt wurde Foxtrott, später Discofox oder Freestyle. Foxtrott gab es auch in den Tanzstunden von Gerda Jablonka. Aufgelegt wurden kaum deutsche Schlager, sondern hauptsächlich englischsprachige Beat- und Rockmusik nach Maßgabe der Charts. Georg Engelmann wurde zum Platten- und CD-Sammler und besitzt heute noch eine große Sammlung von 500 Singles, 2000 LP's und 1000 CD's, die bis in die Lazy-Zeit zurückreicht. Er erinnert sich an häufig gespielte Hits wie „Crocodile Rock“ von Elton John, „Get down“ von Gilbert O'Sullivan, „Superstition“ von Stevie Wonder, „Make me smile“ von Chicago, „Tommorow today“ von den Bee Gees (gut geeignet für einen engen Tanz), „Chewy Chewy“ von Ohio Express, „Gamma Ray“ von Birth Control und „Autobahn“ von Kraftwerk. Im „Lazy“ ging es um Tanzmusik. Privat hatten die Besucher/innen sicher auch andere Geschmäcker, vor allem, wenn es um längere Songs von Konzeptalben ging wie bei „Taste“ oder „Cream“. Hier teilen sich die Liebhabereien in viele Richtungen und Szenen.
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Jugendkultur in Alzey
Mit der Disco „Hinkelstein“ in der Löwengasse und dem „Moulin Rouge“ am Damm gab es auch andere Orte in Alzey zum Treffen und Tanzen für Jugendliche. Im Februar 1976 wurde in den Räumen der früheren Freimaurerloge am Steinweg das „Haus der Jugend“ (heute: Jugend- und Kulturzentrum) in Selbstverwaltung eröffnet. Dort gab es auch Live-Konzerte, u.a. mit Irish Folk. Insgesamt war der Jugend Bewegung wichtig und das Wegtreiben in der Gegenwart. Auch deshalb waren wohl bisher keine Fotos vom „Lazy“ aufzutreiben. Man dachte nicht über Erinnerungen nach. Das Mittel fürs Wegtreiben war die Musik, die in ihren afroamerikanischen Formen Blues, Beat, Rock und Pop von der körper- und tanzorientierten Polyrhythmik aus Afrika beeinflusst war. Nicht nur die Mädchen, auch die Jungs ließen sich die Haare lang wachsen. Jeans waren angesagt. Die Mode orientierte sich oft an der nordamerikanischen Hippiekultur. Die Lazy-Generation wurde mit Jugendmagazinen wie „Bravo“ groß. Dort gab es fotobetonte Starportraits, in der Mitte ein Poster zum Rausnehmen und an die Wand hängen, eine wöchentliche Chartabstimmung und die Sexualberatung von Dr. Sommer (Martin Goldstein). Radio Bremen strahlte von 1965 bis 1972 den Beatclub mit Moderatorin Uschi Nerke und englischsprachigen Musiktiteln aus. Seit 1964 war Englisch für alle Schulen ab der Sekundarstufe Pflichtfach. Auch das unterschied den Geschmack der Generationen. Neben der Popkultur hatten aber auch andere Kulturen Bestand oder weckten neues Interesse. Es gab weiterhin den klassischen Sektor, in Kleinstädten wie Alzey vor allem in der Kirchenmusik vertreten, die volkstümliche Blas- und Chormusik und neu das Folkrevival mit Festivals in Ingelheim und Mainz (Open Ohr). Neu waren auch die Liedermacher wie Reinhard Mey, Franz-Josef Degenhardt oder Wolf Biermann. In Mainz hatte 1966 die Kleinkunstbühne Unterhaus eröffnet. In den letztgenannten Szenen fand auch eine Politisierung der Jugend statt, die stark durch die linke Studentenbewegung von 1960 beeinflusst war.

Weitere Informationen zum Ort
Der Kirchenplatz erstreckt sich nordsüdlich vom Obermarkt bis zur Bleichstraße. Sein Name hat sich im frühen 19. Jahrhundert eingebürgert. Im Westen grenzen die kath. Kirche St. Joseph (Kirchenplatz 7) und die ev. Nikolaikirche (Obermarkt 19) an den Kirchenplatz. Der Katasterplan von 1836/38 verzeichnet bereits eine Freifläche bis zur Käfiggasse im Süden. Nach Abbruch des dortigen Stadtmauerabschnitts wurde der Platz bis zur neu geschaffenen Bleichstraße erweitert. Im Mittelalter gehörte der Bereich zum pfalzgräflichen Salhof (Obermarkt). Salhöfe sind königliche Gutshöfe. Der Alzeyer Salhof ist in fränkischer Zeit als neues Siedlungszentrum entstanden.

„Zwischen den Kirchen errichtete man 1909 unter H. Schreiber das 1984/85 erweiterte katholische Vereinshaus (Nr. 8 “Kardinal-Volk-Haus„) einen neubarocken Walmdachbau (über dem Portal Figur des Guten Hirten). Davor befindet sich seit 2000 eine Bronzebüste des Mainzer des Künstlers Karlheinz Oswald aus Mainz, die von Kardinal Volk (1903-1988) gestiftet worden ist.“ (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, S. 116-118) Im Vereinshaus fanden die zahlreichen katholischen Vereine und Verbände aus Alzey Räume für ihre Arbeit. Mit dem demokratischen Aufbruch vor und nach 1848/49 hatte sich im Großherzogtum Hessen-Darmstadt ein vielschichtiges Vereinswesen entwickelt. Dazu gehörten auch die politischen Piusvereine und die Vereine der katholischen Arbeiterbewegung. Hermann Volk hatte von 1928 bis 1931 als Kaplan in Alzey vor allem die katholische Jugendarbeit betreut. Er lehrte nach Promotion (1938) und Habilitation (1943) von 1946 bis 1962 als Dogmatikprofessor in Münster. Im Jahr 1962 wurde er vom Mainzer Domkapitel zum Bischof gewählt und im Jahr 1973 von Papst Paul VI. zum Kardinal ernannt.
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(Volker Gallé, Alzey, 2025 / freundliche Hinweise von Herrn Georg Engelmann, Herrn Markus Rohschürmann, Herrn Wolfgang Arnold, Frau Doris Seibel-Tauscher und Herrn Walter Steinmetz)

Literatur

Krienke, Dieter; Huyer, Michael (2013)
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Kreis Alzey-Worms: Verbandsgemeinde Alzey-Land, 20.1. Worms.
Widmann, Stefanie (2024)
Alzey einst und jetzt. Band 2. Alzey.

Discothek Lazy Sunday im katholischen Vereinshaus in Alzey

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Am Kirchenplatz 8
Ort
55232 Alzey
Fachsicht(en)
Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger

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Volker Gallé (2025): „Discothek Lazy Sunday im katholischen Vereinshaus in Alzey”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-356740 (Abgerufen: 25. Februar 2026)
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