Reinartzhof

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n):
Koordinate WGS84 50° 36′ 42,19″ N: 6° 10′ 4,32″ O 50,61172°N: 6,16787°O
Koordinate UTM 32.299.632,07 m: 5.610.476,91 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.511.926,00 m: 5.608.466,23 m
  • Erinnerungstafel am Standort des Oberhofs des Reinartzhofs (2024)

    Erinnerungstafel am Standort des Oberhofs des Reinartzhofs (2024)

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  • Mauerreste des Oberhofs (2024)

    Mauerreste des Oberhofs (2024)

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  • Erhaltenes Grünland am Oberhof (2024)

    Erhaltenes Grünland am Oberhof (2024)

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  • Heckenreste bei Reinartzhof (2024)

    Heckenreste bei Reinartzhof (2024)

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  • Erinnerungstafel an den sogenannten Mittelhof des Reinatzhofs (2024)

    Erinnerungstafel an den sogenannten Mittelhof des Reinatzhofs (2024)

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  • Rasthütte am Reinartzhof (2024)

    Rasthütte am Reinartzhof (2024)

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  • Marienkapelle gegenüber der Rasthütte (2024)

    Marienkapelle gegenüber der Rasthütte (2024)

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  • Marienstatue der Künstlerin Maria Hasemaier-Eulenbruch aus Raeren am Reinartzhof (2024)

    Marienstatue der Künstlerin Maria Hasemaier-Eulenbruch aus Raeren am Reinartzhof (2024)

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Der einsam im Hohen Venn gelegene Siedlungsplatz „Reinart“ oder Reinartzhof weist eine lange Geschichte auf.

Die Anfänge
Er wird erstmals 1338 erwähnt und war ursprünglich als „Klause“, als Einsiedelei bzw. Eremitage gegründet worden. In solchen Einrichtungen lebten Männer meist allein, die zwar keinem Orden angehörten, jedoch als Einsiedler sich einem gottesfürchtigen Leben, oft im Dienste der Mitmenschen, verschrieben haben. Da der Hof an einem Pilgerweg von Trier über die Vennhochfläche kommend Richtung Aachen lag - den Wegeverlauf der heutigen B258 gab es damals noch nicht -, wird er möglicherweise als Herberge in dieser abgelegenen Gegend betrieben worden sein. 1424 ist in einer Quelle auch von St. Reynart die Rede, was für einen Kapellenbau spricht.
Erst fast 100 Jahre später, nachdem das „Amt Monjoye“ längst ins Herzogtum Jülich integriert war, erscheint der Reinartzhof 1512 wieder in einer herzoglichen Urkunde, diesmal in einem Pachtvertrag, in dem die Eheleute Peter und Elsgen Duister/Duisten als Pächter genannt werden. Sie sollten den ziemlich heruntergekommenen Hof wieder aufbauen und eine Herberge betreiben. Eine Pachtzahlung wird im Vertrag nicht erwähnt, allerdings sollten für den Amtmann in Monschau 25 Ochsen sowie drei weitere Ochsen auf den Weiden gehütet und dazu ein Knecht angestellt werden. Vermutlich wurden die Tiere ins Hochmoorgebiet des Hohen Venns getrieben. Dennoch gehörten zum Hof auch kultiviertes Grünland („Bend“), wo Heu gemacht werden konnte. Kurz Zeit später, 1515, erscheint in einer Urkunde noch die Verordnung, dass im Winter und zu Zeiten von Unwetter eine Glocke auf dem Reinartzhof geläutet werden sollte, um Reisenden und Pilgern den Weg zu weisen. Damit wird deutlich, dass die Gebäude um diese Zeit in erster Linie als Herberge und nicht als landwirtschaftlicher Hof betrieben wurden.

Kriegszeiten und landwirtschaftlicher Pächterhof
Einen starken Einschnitt im Monschauer Land stellten die Kampfhandlungen, insbesondere die Zerstörungen 1543 im Dritten Geldrischen Erbfolgekrieg dar. Auch der Reinatzhof muss in diesem Jahr zerstört worden sein. Allerdings wurde 1553/54 mit dem Wiederaufbau begonnen, diesmal unter dem Pächter „Nellis uffm Reynart“. Er betrieb jetzt einen neuen, vollständigen landwirtschaftlichen Hof mit Backhaus.
1556 wurde unterhalb des „Alten Hofs“, des späteren „Oberhofs“, ein zweiter Hof gebaut, der zunächst die Bezeichnung „Neue-Hoff“, später „Unterhof“ erhielt. Damit einher ging wohl die Kultivierung weiteren Landes, um die Einnahmen des Herzogs bzw. Monschauer Amtmanns zu erhöhen. So mussten auf diesen Ländereien nicht nur die Pächter, sondern auch Personen aus dem Monschauer Land, z. B. aus Lammersdorf, Paustenbach, Imgenbroich und sogar Widdau dort Frondienste leisten. 1557 besaß der Oberhof 55 Morgen, der Unterhof 36 Morgen Land.
Doch die Zeiten in der Region waren nicht friedlich. Schon wenige Jahrzehnte später wurde der Reinartzhof, insbesondere in den 1580er und 1590er Jahren durch durchziehende niederländische und spanische Truppen, die im Achtzigjährigen Krieg gegeneinander kämpften, beschädigt, geplündert oder zerstört. Immerhin lag er an einer wichtigen Wegeverbindung in Grenznähe zu den Spanischen Niederlanden. Auch die folgenden Jahrzehnte, insbesondere die 1630er und 1640er Jahre während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), waren schwer für die dortigen Höfe. Zum Teil lag der Oberhof zerstört da und nur der Unterhof wurde bewirtschaftet.

Genauere Angaben zum Siedlungsplatz finden sich im Lagerbuch von 1649, als eine Kommission im Auftrag des Landesherrn durch die Region reiste und eine Bestandsaufnahme machte. Auf dem Reinartzhof war der Oberhof zu der Zeit noch nicht wieder aufgebaut worden. Erfasst wurden die dazu gehörigen 69 Morgen Land, die sich aus Ackerland, und Grünland, wahrscheinlich mit Hochmooranteilen, zusammensetzten. Der Unterhof war dagegen in einem guten baulichen Zustand und war an Hubert Brull verpachtet. Insgesamt gehörten etwa 44 Morgen Land dazu, die allerdings nicht nur von Brull, sondern auch von anderen, entfernt wohnenden Pächtern bewirtschaftet wurden. Die Kommission regelte im Auftrag des Grundherrn die Landsituation neu, sodass der Oberhof die landwirtschaftlichen Flächen westlich des Weges, der Unterhof diejenigen östlich des Weges zugeschlagen bekam. Später verlief hier auch die Gemeindegrenze zwischen Mützenich und Konzen, sodass die beiden Höfe zu unterschiedlichen Gemeinden gehörten. Auch scheint das Herbergswesen vor Ort erloschen zu sein, da nichts dazu in den Quellen vermerkt ist. Wahrscheinlich hatten die langen Kriegswirren, die Pest, aber auch die Reformation das Pilgern stark zurückgehen lassen.
Bis zum Einmarsch der französischen Revolutionstruppen ins linkseitige Rheinland 1794 blieben die beiden Höfen auf dem Reinart verpachtet, zuletzt an Angehörige der Familie Reinartz, deren Namen allerdings nicht auf den Hofnamen zurückgeht.

Privatisierung
Nach dem Ende des Feudalismus in der Franzosenzeit wurde der Oberhof 1805 an Johann Daniel Petersen, Tuchfabrikant in Roetgen, verkauft. Dieser verpachtete den Hof und verkaufte schließlich die Hälfte des Hofes 1818 weiter an Johann Kauffmann aus Roetgen. Das gesamte zugehörige Land zum Oberhof muss etwa 100 Morgen betragen haben. Doch schon wenige Jahrzehnte später, 1839, kam der gesamte Oberhof in den Besitz der Familie Esser. Angehörige der Großfamilie Esser, später durch Einheirat auch die Familie Graff, waren lange Zeit Besitzer des Oberhofs und bauten diesen zu drei Wohn- und Wirtschaftseinheiten aus. In den 1880er Jahren waren die Gebäude des Oberhofs mehrmals Opfer von Bränden, wurden aber schnell wieder aufgebaut.
Auch der Unterhof wurde 1805 privatisiert, hat aber häufiger den Besitzer gewechselt. Zu diesen haben unter anderem die Familien Neicken/Neyken, Lennartz und Braun gehört. Auch diese Hofstatt ist im Laufe des 19. Jahrhunderts mehrfach abgebrannt und erweitert wieder aufgebaut worden.

Das Leben auf dem Reinartzhof zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Bis zum Ersten Weltkrieg hatte sich das Leben auf dem Reinartzhof nicht von landwirtschaftlichen Betrieben in den Dörfern des Monschauer Landes unterschieden. Die Bewirtschaftung des Landes geschah in erster Linie in Handarbeit, unterstützt von Ochsen oder Pferden. Auch größere Wegstrecken wurden in der Regel zu Fuß zurückgelegt. Als in den 1920er und 1930er Jahren zunehmend die Dörfer elektrifiziert wurden, Maschinen in der Landwirtschaft zum Einsatz kamen, Straßen und Wege ausgebaut wurden und Wasserleitungen das Wasser in die Häuser brachten, blieb dieser Fortschritt auf dem Reinartzhof außen vor. Man hielt hier überwiegend Milchvieh. Da es keinen Elektrizität gab, mussten die Kühe mit der Hand gemolken werden. Anschließend wurde die Zentrifuge und das Butterfass mit der Hand betätigt. Da der Reinartzhof durch die im Versailler Vertrag neu festgelegte Grenzziehung nun zu Belgien gehörte, transportierten die Einwohner zu Fuß ihre Produkte wie Butter und Eier nach Eupen auf den Markt und brachten Einkäufe auf dem Rücken auf dem zweistündigen Rückmarsch wieder nach Hause. Erst nach und nach kamen einige Maschinen bei der Heuernte zum Einsatz, z. B. durch Pferde gezogene Heuwender.
Trotz der neuen Grenzziehung gingen die Kinder aus Reinartzhof weiterhin nach Roetgen zu Fuß zur Schule, was insbesondere im Winter sehr beschwerlich gewesen sein muss. Erst 1954 gab es vor Ort ein Auto.

Der Schmuggel
Aufgrund seiner Grenznähe und einsamen Lage war der Reinartzhof ein idealer Zwischenstopp und Umschlagplatz für Schmuggler. Der Schmuggel in der Region hat zwei Höhepunkte erlebt, zum einen während der wirtschaftlichen Krisen nach dem Ersten Weltkrieg. Hier ist insbesondere das Inflationsjahr 1923 zu nennen. Zum anderen wurde unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs - auch professionell - geschmuggelt. Wurden in den 1920er Jahren vor allem landwirtschaftliche Produkte und Kaffee geschmuggelt, so machten die Schmuggler nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem mit Kaffee und Zigaretten Geschäfte, die sie günstig in Belgien einkauften und teuer auf dem einheimischen Markt verkauften bzw. tauschten. Dabei war diese Tätigkeit nicht nur illegal, sondern auch gefährlich, da die Zollbeamten gelegentlich auch zur Waffe griffen.

Reinartzhof sowie andere Höfe in Grenznähe und Alleinlage galten als Umschlagplätze. So wurden in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre aus Eupen und Raeren große Gebinde mit Kaffee nach Reinartzhof gebracht und dort in Rucksackportionen für die Schmuggler umgepackt. Umgekehrt kam es vor, dass Eierkohle aus dem Aachener Revier über Roetgen in Milchkannen zum Reinartzhof transportiert und dort umgepackt wurde.

Das Ende des Siedlungsplatzes
Die inzwischen auf sechs Höfe angewachsene Siedlung Reinartzhof schien nach dem Zweiten Weltkrieg in eine gute Zukunft zu gehen. Nach einem königlichen Erlass vom 26. Juni 1958 jedoch sollten die Hofstätten innerhalb von drei Jahren enteignet und geräumt werden. Als Grund wurde die 1951 fertiggestellte Eupener Trinkwasser-Talsperre genannt, in deren Einzugsgebiet Reinartzhof lag, sodass die Gefahr der Wasserverschmutzung bestehen würde. Möglicherweise kam auch ein anderer Grund dazu, da der belgische Staat nicht lange nach Kriegsende fürchtete, dass die grenznahe Siedlung zu Deutschland wieder neue Gebietsansprüche nach sich ziehen könnte. Damit war das Ende der seit dem 14. Jahrhundert bestehenden Hofsiedlung gekommen. Neben den Höfen mussten 250 Morgen Land aufgegeben werden, die schnell aufgeforstet wurden. Ab 1959 begannen die Bewohner die Höfe zu räumen. Einige zogen nach Raeren oder Eupen, in die Gegend von Aachen oder nach Lammersdorf. Eine Familie hat sich noch lange gegen die Enteignung gewehrt und verließ Reinartzhof erst 1971. Die Gebäude wurden abgerissen, nur einige Mauerreste waren eine Zeitlang zu sehen. Heute muss man zwischen hohem Gras und Büschen schon nach den wenigen Spuren suchen.
Mit dem Auszug der letzten Familie ist Anfang der 1970er Jahre ein Gedenkort errichtet worden. Pfadfinder aus Belgien haben mit den Steinen der Mauerreste eine Marienkapelle gebaut, die am 11. Juni 1973 feierlich eingeweiht wurde. Die Raerener Künstlerin Maria Hasemaier-Eulenbruch hat dafür eine Marienplastik gestaltet. Außerdem hat die Forstverwaltung im Laufe der Jahre Informationstafeln an den Standorten der Höfe aufgestellt und Obstbäume gepflanzt. Und noch heute erkennt man am Wegesrand alte Heckenreste, welche die früheren landwirtschaftlichen Flächen begrenzten.

(Gabriele Harzheim, 2024)

Literatur

Kamp, Carl (1974)
Das Hohe Venn. Gesicht einer Landschaft. Düren.
Steinröx, Hans / Neuß, Elmar; Hermanns, Franz Wilhelm (Hrsg.) (2014)
Reinartzhof und Hattlich. Zwei alte Kulturstätten im Hohen Venn. In: Beiträge zur Geschichte des Monschauer Landes, Eupen.

Reinartzhof

Schlagwörter
Ort
4700 Eupen / Belgien
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Kein
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Vor Ort Dokumentation, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1338, Ende 1958 bis 1971

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Gabriele Harzheim (2024): „Reinartzhof”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-356453 (Abgerufen: 3. Juli 2026)
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