Papierfabrik Renker & Söhne in Zerkall

Obere Mühle

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Hürtgenwald, Nideggen
Kreis(e): Düren
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 41′ 21,16″ N: 6° 26′ 53,36″ O 50,68921°N: 6,44816°O
Koordinate UTM 32.319.756,24 m: 5.618.371,51 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.531.713,10 m: 5.617.168,85 m
  • Mühlenteich der Papierfabrik in Zerkall (2025)

    Mühlenteich der Papierfabrik in Zerkall (2025)

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  • Mühlenteich und Mühlengraben der Papierfabrik in Zerkall (2025)

    Mühlenteich und Mühlengraben der Papierfabrik in Zerkall (2025)

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Die heutige Papierfabrik geht auf einen historischen Mühlenstandort am südlichen Ufer des Kallbaches zurück. Im Gegensatz zur Unteren Mühle in Zerkall erhielt dieser Mühlenstandort den Nahmen Obere Mühle.

Geschichte der Oberen Mühle bis 1903
Der Beginn der Zerkaller Papiererzeugung 1888
Die Papierfabrik Zerkall GmbH ab 1912
Die Papierfabrik Zerkall Renker & Söhne ab 1919
Heutiger Zustand und kulturhistorische Bedeutung
Hinweise und Quellen

Geschichte der Oberen Mühle bis 1903
Um 1512/1513 wird in den Kellnereirechnungen von Nideggen eine Schleifmühle zu Zerkall erwähnt. Folglich ist laut Neu (1989, S. 213, siehe auch Jahrbuch des Kreises Düren 1979: die Zerkaller Mühlen S. 89) in der Nähe auch eine Eisenhütte anzunehmen. Zuletzt wird die Schleifmühle 1546/1547 in den Nideggener Kellnereirechnungen gelistet verbunden mit der Information, dass diese nicht mehr in Betreib sei (Jahrbuch des Kreises Düren 1979: Die Zerkaller Mühlen S. 89). Sie stand sehr wahrscheinlich an der Stelle der heutigen Papierfabrik und wurde seit 1573 nicht mehr in den Einnahmeregistern geführt (Jahrbuch des Kreises Düren 1979: die Zerkaller Mühlen S. 89).

Offenbar wurde sie bis 1612 in eine Walkmühle umgebaut. Als erste Besitzer sind Laurenz und Johann Pangh erwähnt, die die Mühle laut Kellnereirechnungen bis 1643 betrieben. Kurze Zeit stand die Walkmühle still. Johann Pangh setzte sie bis 1651 wieder instand und ergänzte sie um eine Ölmühle. Die Baugenehmigung erhielt die Auflage, dass nun beide Mühlen von einem gemeinsamen Wasserrad angetrieben werden sollten (Jahrbuch des Kreises Düren 1979: die Zerkaller Mühlen S. 89).
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Heinen (1936, S. 2) berichtet, dass die Ölmühle mehrere Jahrhunderte bestand, während die Walkmühle einging. 1802 errichtete der in Bergstein wohnende Werner Syberg an der Ölmühle eine Bleischmelze. Er war wohl auch Teilhaber „am Kaller Stollen und an der gewerkschaftlichen Bleischmelze in Kall am Bleiberg (also im Mechernicher Bergbaugebiet)“ (Heinen 1936, S. 2). „Die Bleischmelze bestand aus mehreren Gebäuden. Außerdem waren Wohnhaus, Scheune und Stallung vorhanden“ (Heinen 1936). Die beiden Blasebälge der Bleischmelze, genannt ‚Schmelz', wurden von einem unterschlächtigen und die Ölmühle von einem oberschlächtigen Mühlrad angetrieben. Zur Anlage gehörten mehrere Teiche, ein Wehr sowie eine ‚Rinne'. Zudem existierte ein landwirtschaftlicher Nebenerwerbsbetrieb (Heinen 1936).
„In der Bleischmelze wurde hauptsächlich bereits geschmolzenes Blei aus Mechernich weiterverarbeitet“ (Heimatblätter der Dürener Zeitung (1926): Kallmühle, Nr. 18, Juni. S. 140-141), um dort in einem Nachschmelzverfahren die wertvolleren Bestandteile des Bleis - vor allem vorkommendes Silber - zu gewinnen .

Nach dem Tod Sybergs um das Jahr 1815 wurde der Betrieb noch bis etwa 1820 fortgeführt, jedoch kam es erst 1822 zur endgültigen Einigung über die Erbschaft. Die Bleihütte scheint zu diesem Zeitpunkt nicht mehr betrieben worden zu sein. Um das Jahr 1830 war sie verfallen und auch die Ölmühle war nicht mehr in Betrieb (Heinen 1936, S. 3).

Akten aus dem Jahre 1843 berichten von einer Mahlmühle mit Stallungen sowie einer Loh- und Buchweizenmühle, „die anscheinend an die Stelle der alten Bleischmelze auf dem Platz der heutigen Papierfabrik getreten waren“ (Heinen 1936, S. 4), später kam noch eine Brennerei hinzu. Heinen (1936, S. 4) ergänzt: „Nach einer Angabe von Lehrer Geuenich aus den Akten der Aachener Regierung hatte die Dürener Firma Th. J. Heimbach 1816 eine (Walk-) Mühle unter Bergstein, vielleicht die ehemalige Oelmühle in Zerkall, in Betrieb. - 1820 befanden sich in Zerkall noch eine Lohmühle und eine Mahlmühle im Besitz von Matth. Kuth. […} Einen letzten Anhaltspunkt für die Schicksale des Zerkaller Industrieunternehmens gibt ein Schriftstück aus dem Jahre 1862 aus dem Hausener Archiv der Familie Stiegeler: Es ist eine Abrechnung mit dem Pächter Hubert Kutt. Hier ist von der Bleihütte keine Rede mehr, sondern nur von der Mühle“.
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Der Beginn der Zerkaller Papiererzeugung 1888
1887 kaufte Martin Roeb die stillgelegte Mühlenanlage und baute sie in eine Papier- und Pappenmühle um. Der Antrieb sollte über eine Turbine (15 PS) erfolgen; zu diesem Zweck wurde ein Stauwerk in der Kall errichtet bzw. wiederhergestellt. Die Wassergräben der alten Ölmühle wurden weiterverwendet (Aufsatz Papierfabrik Zerkall, Renker & Söhne, S. 217).
Er begann 1888 in der „Papier- und Pappenfabrik, Martin Roeb“ mit der Produktion von Pappe und Büttenpapier und stellte als „erster in Deutschland“ das bisher ausschließlich handgeschöpfte Büttenpapier maschinell auf einer Rundsiebmaschine her. Die benötigten Arbeiter rekrutierten sich aus der lokalen Bevölkerung und Roeb lernte sie selber an (Heimatblätter der Dürener Zeitung 1926: Die Kallmühle, Nr. 25, August. S. 200). „Diese erste Herstellung von Maschinenbütten, das noch ohne Wasserzeichen zum Verkauf kam, ließ sich nicht regelmäßig durchführen, da, zumal im Sommer, die Wasserkraft den Anforderungen nicht entsprach“ (Heimatblätter der Dürener Zeitung 1926: Kallmühle, Nr. 18, Juni. S. 140). Am 23.06.1903 kaufte Gustav Renker (1848-1938), seit 1881 technischer Geschäftsführer der Feinpapierfabrik Heinrich August Schoeller in Düren die Fabrik in Zerkall (Renker 2009, S. 12), verpachtete sie aber weiter an Roeb und ließ die Produktionsstätte ab 1906 baulich erweitern (Herstellung eines Sammelweihers und Verbreiterung des Obergrabens, Bau eines dreistöckigen Fabrikgebäudes für eine Rundsiebpapiermaschine) und technisch aufrüsten mit einer Francis-Turbine. Dies ermöglichte die Herstellung gleichmäßiger Büttenpapiere von guter Qualität mit und ohne Wasserzeichen und eine Produktionsausweitung (Heimatblätter der Dürener Zeitung 1926: Kallmühle, Nr. 18, Juni. S. 140). Die Produkte wurden unter dem Namen „Rheinisches Büttenrandpapier“ gehandelt (Renker 2009, S. 12). Weitere Fabrikanbauten folgten bis 1910.
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Die Papierfabrik Zerkall GmbH ab 1912
1910 endete Roebs Pachtverhältnis und Renkers ältester Sohn, Dr. Max Renker, der auch die Dürener Fabrik präparierter Papiere leitete, trat in die Unternehmensführung ein. Gustav und Max Renker gründeten am 6.12.1912 die ‚Papierfabrik Zerkall GmbH', Betriebsleiter wurde Rudolf Lehmann (Aufsatz Papierfabrik Zerkall, Renker & Söhne, S. 221). Absatzprobleme und der Erste Weltkrieg machten dem Unternehmen zu schaffen.
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Die Papierfabrik Zerkall Renker & Söhne ab 1919
Nach dem Krieg trat Armin Renker (1891-1961) in die Unternehmensführung ein. Die GmbH wurde 1919 in eine Kommanditgesellschaft mit dem Namen „Papierfabrik Zerkall Renker & Söhne“ umgewandelt, an der der Vater und beide Söhne beteiligt waren (Aufsatz Papierfabrik Zerkall, Renker & Söhne, S. 221). Ab 1920 wurde in die USA exportiert und das Büttenpapier unter dem Namen ZERKALL-BÜTTEN weltweit vertrieben. Das Werk beschäftigte 1923 118 Menschen, 1914 waren es 188 (Hahne 2019, S. 304).
Zwischen 1924 und der Weltwirtschaftskrise konnte die Fabrik baulich und technisch erweitert werden.
Nach Gustav Renkers Tod 1938 waren die Brüder Armin, Dr. Max und Dr. Hans Renker Kommanditisten der Papierfabrik Zerkall. 1947 übernahm Armin Renker mit seinen Söhnen Klaus und Alfred die Fabrik. Das Werk erlitt im Zweiten Weltkrieg starke Zerstörungen. Bei den Wiederaufbauarbeiten wurde es jedoch baulich erweitert und beschäftigte 280 Mitarbeiter (Aufsatz Papierfabrik Zerkall, Renker & Söhne, S. 222f).

Bis April 2021 wurde das Werk durch die Familie in vierter Generation betrieben. Danach übernahm es die Firma IP Verpackungen, doch das Jahrhundertwasser im Juli 2021 beendete zunächst die Produktion, da das Werk erheblichen Schaden erlitten hatte. Seit 2024 ist das Unternehmen in der Produktion nachhaltiger Faserverpackungen tätig (www.zerkall.com), zudem wird auf dem Gelände zur industriellen Anwendung pflanzlicher Fasern geforscht (Wikipedia: IP Verpackungen).
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Heutiger Zustand und kulturhistorische Bedeutung
Die Betriebsgebäude der Fabrikanlage bestehen aus mehreren Bruch- und Backsteinbauten unterschiedlicher Zeitstellung, sicherlich auch aus den Gründungsjahren Ende des 19. Jahrhunderts. Auf dem Betriebsgelände sind zudem die Fabrikantenvilla, sowie ein Wohnheim für Bedienstete samt Kantinen- und Küchengebäude erhalten. Entlang der Zufahrtstraße, der Gustav-Renker-Straße, reihen sich Arbeiterhäuser. Im Tal der Kall sind die Stauteiche sowie der Mühlengraben samt Wehr und Rechen erhalten, die teilweise auch auf die Vorgängermühlen zurückgehen. Dem Verlauf des Kallbaches weiter südlich der Fabrik folgend wurden im Rahmen von Bachregulierungsmaßnahmen ein Wehr, eine gegossene Kanalrinne und Uferbefestigungen angelegt.

Die Papierfabrik Renker & Söhne in Zerkall war eine der größten Produktionsanlagen für echte Büttenpapiere und bot diese als einziger Anbieter nicht nur für Grafik und Kunstdruck, sondern auch für das Schreibwarensortiment und Traueranzeigen an. Die Bedeutung des Warenzeichens „ZERKALL-BÜTTEN“ reichte über die Grenzen Deutschlands hinaus (de.wikipedia.org): Das Papier diente als Grundlage für Druckgrafiken von Künstlern wie Max Ernst und Georg Baselitz. Auf Zerkaller Bütten wurden 1949 das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und 1990 der Einigungsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik unterzeichnet (www.zerkall.com). Daraus resultiert eine hohe assoziative Bedeutung.

Aus kulturlandschaftlicher Sicht ist das Objekt „Papierfabrik Renker & Söhne in Zerkall“ Zeuge einer historisch gewachsenen Kulturlandschaft und trägt zu ihrer regionalen Eigenart bei. Die Ablesbarkeit der ursprünglichen Funktion und der Erhaltungszustand sind gut. Der Funktionserhalt ist gegeben. Dadurch, durch die lange Standorttradition und die assoziative Bedeutung sind der historische Zeugniswert und die kulturhistorische Bedeutung insgesamt hoch.
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Hinweis
Das Objekt Papierfabrik Renker & Söhne in Zerkall ist wertgebendes Merkmal des historischen Kulturlandschaftsbereiches Papierfabrik Renker & Söhne in ZerkallPapierfabrik Renker & Söhne in Zerkall (Kulturlandschaftsbereich Regionalplan Köln 480)

(Antonia Ahrens und Nicole Schmitz, LVR-Abteilung Kulturlandschaftspflege, 2024, 2026)

Internet
www.huertgenwald.de: Industriegeschichte Kalltal (abgerufen 27.06.2023)
de.wikipedia.org: Zerkall (abgerufen 06.07.2023)
de.wikipedia.org: IP Verpackungen (abgerufen am 29.06.2026)
www.zerkall.com: Über uns (abgerufen am 29.06.2026)

Quellen
Aufsatz: Papierfabrik Zerkall, Renker & Söhne, Feinpapier- und Feinpappenfabrik, seit 1882, S. 216-224

Literatur

Hahne, Bernd (2019)
Geschichte und Entwicklung der Dürener Papierindustrie. In: Industriekultur: Düren und die Nordeifel, S. 291-338. S. 304, Düren.
Heinen, Reinhold (1936)
Zerkall. Zur Geschichte eines alten Industriestandortes im Rurtal.. In: Heimatblätter. Beilage zur Dürener Zeitung, 13. Jahrgang, Nummer 2, Freitag, 24.Januar 1936., Düren. Online verfügbar: Heinen 1936
Krebs, Helmut (2019)
Unternehmerpersönlichkeiten und ihre Produktions- und Wohnstätten in der Region Düren. In: Industriekultur: Düren und die Nordeifel, S. 45-72. S. 59, Düren.
Lennartz (1936)
Zur Wirtschafts- und Einwohnergeschichte von Zerkall.. In: Heimatblätter. Beilage zur Dürener Zeitung, 13. Jahrgang, Nummer 6, Donnerstag, 19.März 1936, Düren. Online verfügbar: Lennartz 1936
Renker, Alfred (2009)
Zerkall - eine Weltmarke. (Jahrbuch des Kreises Düren 2009.) S. 9-14. Düren.
Renker, Armin (1962)
Mühlen in Zerkall. (Heimatjahrbuch des Kreises Düren.) S. 49-52. Düren.
(1984)
Festschrift (1984) aus Anlass des 60jährigen Bestehen der Gesellschaft Frohsinn Zerkall. Zerkall.
(1979)
Die Zerkaller Mühlen. (Jahrbuch des Kreises Düren 1979.) S. 88. Düren.
(1926)
Kallmühle. (Heimatblätter der Dürener Zeitung, Nr. 18, Juni 1926.) S. 140-141. Düren.
(1926)
Die Kallmühle. (Heimatblätter der Dürener Zeitung, Nr. 25, August 1926.) S. 200. Düren.

Papierfabrik Renker & Söhne in Zerkall

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Gustav-Renker-Straße 5
Ort
52393 Hürtgenwald - Zerkall / Deutschland
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Kein
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1888, Ende 2021

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Antonia Ahrens (2024), Nicole Schmitz (2026): „Papierfabrik Renker & Söhne in Zerkall”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-344336 (Abgerufen: 3. Juli 2026)
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