Lagerhaus der Neusser Lagerhaus AG

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Denkmalpflege
Gemeinde(n): Neuss
Kreis(e): Rhein-Kreis Neuss
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 51° 12′ 29,41″ N: 6° 41′ 24,32″ O 51,20817°N: 6,69009°O
Koordinate UTM 32.338.650,28 m: 5.675.510,21 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.548.268,81 m: 5.675.031,72 m
  • Lagerhaus der Neusser Lagerhausgesellschaft AG (2021)

    Lagerhaus der Neusser Lagerhausgesellschaft AG (2021)

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  • Speicher der Neusser Lagerhausgesellschaft AG (1910)

    Speicher der Neusser Lagerhausgesellschaft AG (1910)

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    Festschrift 1971
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Im Jahre 1896 errichtetes mehrgeschossiges Lagerhaus der Neusser Lagerhaus AG am Hafen.

Geschichte
Im Jahre 1896 ließen die Gebrüder Koenemann und Wilhelm Berger, Spediteure und Großhandelskaufleute, auf ihrem bereits seit Anfang der 1880er Jahre für Lagerzwecke genutzten Gelände am Erfthafen der Stadt Neuss ein mehrgeschossiges Lagerhaus für Getreide und ähnliche Schüttgüter errichten. Dazu riefen sie am 2. Juni des Jahres die Neusser Lagerhaus AG ins Leben, an der die Familie Thywissen wesentlich beteiligt war. Mit Hilfe eines, seit 1906 zweier mechanischer Elevatoren konnte nun loses Schüttgut aus vor dem Lagerhaus liegenden Schiffen direkt auf die Lagerböden des Speichers befördert werden. Die in Neuss „Erftkadetten“ genannten Sackträger protestierten gegen diese Anlage, die ihnen die angestammte Arbeit abnahm. Neben den Waren der Eigentümer wurde die Lagerhaus AG auch als Dienstleister für Dritte tätig; neben der reinen Einlagerung traten im Laufe der Jahrzehnte auch Leistungen wie das Trocknen und die regelmäßige Zustandsüberprüfung der Ware sowie die Reinigung und Schädlingsbekämpfung. Während die Elevatoren zunächst noch mit Dampfkraft betrieben wurden, ging man später auf elektrischen Antrieb über; die notwendigen Anlagen wurden teils in den vorhandenen Bauten, teils in Erweiterungen untergebracht.

Die Gesellschaft nutzte auch hölzerne Lagerschuppen auf dem Gelände. Im Jahre 1921 vernichtete ein besonders starkes Rheinhochwasser Waren, die für die belgische Besatzung eingelagert worden waren. In einem bis 1924 andauernden Prozess vor dem Internationalen Gerichtshof in Paris wurde anerkannt, dass der Gesellschaft hierfür keine Verantwortung zukam und somit kein Schadensersatz geleistet werden musste. Anstelle des Holzschuppens errichtete man ebenfalls 1924 südlich des massiven Lagerhauses ein neues hochwasserfreies Stückgutlager. Das zweigeschossige, massive Stahlbetongebäude verfügte an der Wasserseite über einen auf Schienen laufenden Brückenkran, mit dem die insgesamt vier Tore bedient werden konnten. An der Landseite befand sich nur ein Tor.
Nach der Weltwirtschaftskrise 1929 kamen zwei Silokomplexe hinzu: 1934 wurde auf der Nordseite ein - heute nicht mehr vorhandener - Silospeicher mit 28 Zellen errichtet, 1938 zwischen Altbau und Stückgutlager ein Silospeicher nach dem System Siku, der als verputzter Querriegel mit hohem Satteldach ausgeführt wurde.

Wann die Familie Werhahn, die auf den benachbarten Geländen einen Holzhandel und seit 1924 die Hansamühle am Hafenbecken 2 betrieb, anstelle der Thywissens in die Aktiengesellschaft einstieg, ist nicht klar. Schon nach dem Ersten Weltkrieg mit seinen Hungerjahren für die Bevölkerung begann die deutsche Regierung jedoch mit einer systematischen Dauervorratshaltung von Getreide, die nach dem Zweiten Weltkrieg ausgebaut wurde. Auch die Neusser Lagerhaus AG wurde darin einbezogen. Transport und Zwischenlagerung wurden auch in „Lagerschiffen“ kombiniert, von denen die Neusser Lagerhaus AG über mehr als zwanzig verfügte.

In den 1950er Jahren engagierte sich das Unternehmen auch in der Düngerlagerung; dafür wurde 1959 an der Danziger Straße zwischen den Becken 2 und 3 der sogenannte „Tortenspeicher“ mit anschließender Lagerhalle errichtet. Nachdem drei Generationen der Familie Koenemann die Geschicke des Unternehmens geleitet hatten, wurde 1993 der Betrieb eingestellt; das in eine KG verwandelte Unternehmen wurde 2006 liquidiert.

Im Jahre 2010 wurden der historische Stockwerksspeicher und das Stückgutlager in die Denkmalliste von Neuss eingetragen. In der Folge wurden das ebenfalls aus der Gründungszeit stammende, aber nicht als erhaltenswert erachtete Verwaltungsgebäude an der Düsseldorfer Straße sowie die meisten späteren Ergänzungen abgebrochen. Das Areal mit den verbliebenen Bauten ging an eine Investorengesellschaft, die 2015 von dem Aachener Architekturbüro Stilke die Pläne für eine Umnutzung in ein Hotel mit ca. 300 Betten sowie einem Kongressaal für 600 Personen und ein Fitnesscenter erarbeiten ließ. Wegen dem Einspruch benachbarter Industriebetriebe gegen die Nutzungsänderung wurde jedoch bisher keine Baugenehmigung erteilt.

Beschreibung
Das 1896 in Sichtbackstein errichtete historische Speichergebäude liegt an der mehrere Meter hohen Uferkante zwischen der hochwasserfreien Düsseldorfer Straße und dem damaligen Erftkanalhafen, der heutigen Zufahrt des Neusser Hafens. An der Landseite ist das Gebäude vier bis fünf, an der Wasserseite, wo ihm noch ein Landstreifen vorgelagert ist, sechs Geschosse hoch. Die massiven Backstein-Außenwände sind an den Längsseiten durch Lisenen in zwölf, an den Giebelseiten in fünf Achsen gegliedert. Jede Achse ist in Fenster unterschiedlicher Größe geöffnet; im Sockelbereich an der Uferseite teilweise auch in Durchgänge, jeweils mit Rund- oder Segmentbogenabschluss. An der Landseite ist in Breite der beiden mittleren Achsen ein im Innern massiv ausgeführtes Treppenhaus vorgesetzt. Zwischen dem zweiten bzw. dritten und den drei oberen Geschossen umläuft ein schmales Gesims den Bau; die geschossene Fläche darunter ist jeweils mittig durch einen flach eingetieften sechszackigen Stern verziert. Die breiten Giebelseiten werden durch einen aus den fünf Wandachsen hervorgehenden flachen Stufengiebel geschlossen, der mit polygonalen Türmchen besetzt ist. Das mit kleineren Fenstern versehene oberste Geschoss ist hinter den Giebeln als dreisschiffige, mit einem seitlich durchfensterten Oberlichtaufbau versehenen Halle in leichter Holzkonstruktion ausgeführt, die mit flachem Asphaltpapp-Dach gedeckt ist. Die Sockel - und Hauptgeschosse sind dagegen jeweils in vier Reihen runder Gusseisenstützen geteilt, die mächtige hölzerne Balkendecken mit Holzfußböden tragen. Den Stützen sind im unteren Teil in vier Richtungen jeweils zwei Metallstreifen angefügt, zwischen die Trennbretter eingefügt werden können.
Das nördliche Drittel des Speichers wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem kubischen Aufsatz versehen, der wahrscheinlich zusätzliche Maschinerie für die Getreidebehandlung enthielt. An der Wasserseite verfügte das Lagerhaus ursprünglich an beiden äußeren Achsen über eine Elevatorenanlage aus einem stählernen Turm mit Schwenkarm sowie einer Verbindungsbrücke in das Gebäude. Heute existiert an der nördlichen Kante ein in den 1950er Jahren für pneumatischen Betrieb neu errichteter Elevator in Stahlbetonbauweise mit deutlich größerem Grundriss.

Südlich des Speichers befindet sich ebenfalls an der Hangkante der 1924 errichtete Stückgutspeicher. An der Wasserseite besitzt er über einem hohen Sockel vier gleichartig gestaltete Abschnitte, in denen sich jeweils eine große Toröffnung befindet. Ein auf Schienen an der Uferseite verschiebbarer Brückenkran ermöglichte es mit Hilfe einer Laufkatze, Waren direkt vom Schiff durch eines der vier Tore in den Speicher zu befördern. Über dem nur von der Wasserseite aus zugänglichen unteren Lagergeschoss erhebt sich die hohe Haupthalle, die von schlanken Stahlbetonbindern in vier Querschiffe unterteilt wird. An der Landseite sind diese Schiffe wohl entsprechend der dortigen Platzverhältnisse unterschiedlich lang. Die von dem Neusser Architekten Heinrich Ingerfeld entworfene Halle ist außen ebenfalls mit Backstein verkleidet, der in rechteckige Felder aufgeteilt ist. Den oberen Abschluss vor dem von außen nicht sichtbaren, flach geneigten Dach wird durch mehrere Gesimse gebildet. An der Wasserseite ist dazwischen ebenfalls in Backstein in kantig gebrochenen Buchstaben der Name „Neusser Lagerhaus AG“ eingefügt. Ursprünglich vorhandene Fenster in den Wandflächen wurden nachträglich vermauert; die Belichtung erfolgt über Oberlichte.
Im Rahmen der Umnutzung sollen die beiden historischen Baukörper freigestellt und ihre Fassaden wieder hergestellt werden.

Hinweis
Das Objekt „Lagerhaus der Neusser Lagerhaus AG“ in Neuss ist ein eingetragenes Baudenkmal (Denkmalliste der Stadt Neuss, laufende Nr. 1/152, Eintrag in die Denkmalliste am 16.09.2010)

(Alexander Kierdorf, Institut. Industrie-Kultur-Geschichte-Landschaft, 2021)

Internet
divag.info: Kongress-Hotel im Industrie-Style mit Blick auf den Neusser Hafen

Literatur

Außem, W. (1908)
Beschreibung des Rhein-Erft-Hafens und der Ring- und Hafenbahn nebst Verkehrsübersicht. In: Festschrift zur Vollendung der Oberrealschule, der neuen Hafenanlagen und der Ringbahn der Stadt Neuß, Neuss.
Neußer Lagerhaus-Gesellschaft AG (1971)
75 Jahre Neußer Lagerhaus. Neuss.
Stadt Neuss, Abteilung Denkmalpflege (Hrsg.) (o.J.)
Eintragungstext Düsseldorfer Str. 1b. o. O.

Lagerhaus der Neusser Lagerhaus AG

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Düsseldorfer Straße 1b
Ort
41460 Neuss - Neuss / Deutschland
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Ortsfestes Denkmal gem. § 3 DSchG NW
Fachsicht(en)
Denkmalpflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1896

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Alexander Kierdorf (2021): „Lagerhaus der Neusser Lagerhaus AG”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-343726 (Abgerufen: 19. April 2024)
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