Kastell Butzbach westlich von Butzbach

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Fachsicht(en): Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Butzbach
Kreis(e): Wetteraukreis
Bundesland: Hessen
Koordinate WGS84 50° 25′ 58,64″ N: 8° 39′ 0,87″ O 50,43295°N: 8,65024°O
Koordinate UTM 32.475.159,65 m: 5.586.828,85 m
Koordinate Gauss/Krüger 3.475.224,39 m: 5.588.624,37 m
Schon seit alters her stellt die Butzbacher Senke einen auch für das Rhein-Main-Gebiet wichtigen Verkehrsknotenpunkt in der Wetterau dar, und die heutige Autobahn A 3 folgt hier ebenso wie die Trasse der Deutschen Bundesbahn einer alten, intensiv genutzten Nord-Süd-Verbindung von Butzbach aus über Friedberg, Okarben, Hofheim und Frankfurt-Heddernheim bis in den Vorort der Provinz, Mainz (lateinisch: Mogontiacum). Diesen Einfallweg in die Wetterau kontrollierte bereits am Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus das Kastell Butzbach dort, wo der Wetterauer Landrücken nördlich des Ortes die Senkungszone der Beckenlandschaft gegen das Terrassensystem des Lahntales abgrenzt und zugleich die Einzugsgebiete von Main und Lahn voneinander trennt. Dass hier bereits neben Handelskontakten tatsächlich Verbindungen mit den im Gießener Becken lebenden Germanen bestanden, zeigt das dort geborgene römische Fundmaterial.
Das im Volksmund Hunneburg genannte Kastell liegt am nordwestlichen Ortsrand von Butzbach, 700 Meter hinter dem Limes. Von ihm ist außer einigen flachen Erdböschungen ebensowenig zu sehen wie von dem großen Kastellvicus, der sich vor allem an der Westseite des Kastells in Richtung zum Pfahlgraben hin entwickelte.
Als Pointe der Erforschung bleibt anzumerken, dass in Butzbach erstmals erfolgreich die Methode der Luftbildarchäologie angewendet wurde. Als sich die Umfassungsmauern des Kastells in einem mit Luzernen bewachsenen Acker im heißen Sommer 1892 als helle Streifen abzeichneten, ließ Rentamtmann Christian Fabricius, der Großvater des späteren Limesforschers Ernst Fabricius (1857 bis 1942), auf der Höhe dieses Streifens im benachbarten Acker weitergraben. Dort stieß man in geringer Tiefe auf die Kastellmauern. Es war ein erster Beleg für die heute bei der Luftbildarchäologie genutzte Beobachtung, dass sich die Mächtigkeit der Humusauflage deutlich sichtbar auf den Bewuchs auswirkt!

Die Baugeschichte von Kastell Butzbach
Die Innenbauten des Kastells
Die Besatzung des Kastells
Der Kastellvicus

Die Baugeschichte von Kastell Butzbach
An dem wichtigen Verkehrsweg in die Wetterau hatte schon der römische Kaiser Domitian (51 bis 96 nach Christus; Regierungszeit 81 bis 96) Truppen stationiert. Dabei bleibt jedoch ungewiss, ob dem für eine Kohorte im späten ersten Jahrhundert angelegten, ungewöhnlich großen Holz-Erde-Kastell ein anderer, schanzenartiger Wehrbau vorausging. Das Lager wurde in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts durch die in Stein ausgebaute Garnison ersetzt, die vermutlich einige Jahrzehnte später noch einmal deutlich nach Süden hin erweitert wurde. Dass das mehrfach zerstörte Lager immer wieder ausgebessert wurde und bis in die Jahre um 260 besetzt blieb, unterstreicht die Bedeutung der hier verlaufenden Verkehrstrassen.

In der jüngsten Ausbauphase betrug die nutzbare Innenfläche 226 mal 149 Meter im Norden beziehungsweise 145,55 Metern im Süden. Durch das intensive Beackern des ertragreichen Bodens fand sich das Fundament der 1,55 bis 1,6 Meter breiten Umfassungsmauer mit abgerundeten Ecken schon in der geringen Tiefe von 1,1 bis 1,85 Metern. Über dem Bruchsteinfundament war der Mauerbereich vor einem Kern aus dem gleichen Material mit bearbeiteten Lungsteinen (Basaltlava) verkleidet, die in großer Zahl nach dem Verlassen des Lagers in die Gräben gestürzt waren. Vor der 1,65 Meter breiten Berme (Verflachung in einer Böschung) verliefen zwei Spitzgräben, deren Maße sich wegen der in späterer Zeit erfolgten massiven Bodeneingriffe stark unterschieden. Auf der Westseite betrug die Kronenbreite des inneren Grabens 11,35 Meter, während der äußere Graben nur acht Meter breit war. Ihre Tiefe schwankte hier zwischen 1,65 (innerer Graben) und 1,5 Metern.
Auch wenn alle vier Kastelltoren von zwei nicht über die Umfassungsmauer vorspringenden Wehrtürmen flankiert wurden, war nur die porta decumana (lateinisch für rückwärtiges Lagertor) nicht mit einer doppelten Durchfahrt ausgestattet. Dieser 3,75 Meter breite Durchlass könnte nach einer zwischen den Türmen aufgeführten Mauer von 1,30 Metern Länge sogar in vermutlich unruhigen Zeiten zugesetzt und gleichzeitig das Turminnere mit einer Rollschicht aus tonnenschweren Steinen unbenutzbar gemacht worden sein. Dagegen zeigen die von 5,5 mal 4,9 bis 5,35 Meter großen Türmen flankierten anderen Tore je zwei ungefähr drei Meter breite Eingänge, die von 1,8 Meter breiten Mittelpfeilern getrennt wurden. Vorhandene Reste lassen eine mehrfach ausgebesserte Straßenpflasterung vermuten. Nur in einem der östlichen Torwege fanden sich zwei große Platten aus Lungstein (Basaltlava), in denen sich die von Wagenrädern verursachten Fahrrillen abzeichneten. Das Turminnere scheint nach in verschiedenen Türmen aufgefundenem, mehrfarbig gefasstem Kalkverputz komfortabler als zumeist erwartet ausgestattet gewesen zu sein. Auch wenn die bunten Ornamente häufig nur aus Streifen und Linien bestanden, fanden sich darunter doch auch Malereien, die ein mit kräftigen Pinselstrichen wiedergegebenes Blattwerk zeigten.

Die Innenbauten des Kastells
In dem großflächig untersuchten Kastell zeichneten sich die Lagerstraßen deutlich ab, die über einer Gründung aus schweren Basalt- und Lungsteinen mit kleingeschlagenem Quarzit und Sand befestigt worden waren. Neben den Hauptstraßen via praetoria und via principalis (der vom Haupttor zu dem Stabsgebäude führenden Straße beziehungsweise der die beiden Seitentore verbindende Weg) sowie der via decumana (von der Rückseite der principia aus zum rückwärtigen Tor führende Weg) erschlossen zahlreiche Querstraßen den vorderen und den rückwärtigen Lagerbereich. Sie verliefen von West nach Ost und endeten an der Lagerringstraße (lateinisch via sagularis: Straße zwischen Kastellbebauung und Kastellmauer). Diese Lagerringstraße wies wohl aufgrund der zahlreichen Umbauten unterschiedliche Breiten auf (im Westen vier, im Süden fünf, im Osten 5,2 und im Norden 5,98 Meter). Den überall bestehenden Zwischenraum von 6,25 Metern zur Innenkante der Umfassungsmauer nahm früher der hinter der Mauer angeschüttete Erdwall ein.
Sowohl in der retentura wie in der praetentura (lateinisch für den rückwärtigen beziehungsweise vorderen Kastellbereich) fand sich der Schutt von Barackenbauten. Stellenweise zeigte er sich bereits an der Oberfläche und reichte 1,2 bis 1,8 Meter tief in den Boden. Die Baracken waren wie üblich als Fachwerkbauten errichtet, scheinen aber einen in Trockentechnik aufgeführten Steinsockel besessen zu haben. Auch wenn sich zwei gut erhaltene Estrichböden zeigten, bestand der Fußboden meist aus Stampflehm. Eine der Baracken scheint über einen Keller verfügt zu haben. Neben den zahlreich aufgefundenen, einfach hergestellten Feuerstellen weisen Funde von bemalten Wandverputz und dickerem sowie dünnerem Fensterglas auf eine trotzdem einigermaßen komfortable Ausstattung hin. Die Größe der erfassten Räume schwankt bei vier Metern Breite zwischen fünf und acht Metern Länge.
Das Stabsgebäude des Kastells, die principia, hatte sich verhältnismäßig gut erhalten. Für den Bau, welcher 75 bis 80 Zentimetern breite Mauern besaß, die stellenweise sogar die Stärke von einem Meter erreichten, war Quarzit vom nahegelegenen Kisselberg und der Steinkaute verwendet worden. Während die schmaleren Mauern nur wenig eingetieft erschienen, saßen die stärkeren gut 1,10 Meter tief im Boden. An den zentral in dem Gebäude gelegenen, mit Kies gepflasterten Hof (28,2 mal 14,4 Meter) schließen sich nach Westen hin zwei, im Osten drei langrechteckige Raumzeilen an. Während die beiden inneren wohl einen nicht unterteilten Umgang um den Hof bildeten, werden in den äußeren die üblichen in den principia untergebrachten Räume wie Schreibstuben oder Waffenkammern (lateinisch: armamentaria) vermutet, die nur durch leichte Wände voneinander getrennt waren. Eine solche Nutzung scheint für die dritte Baustruktur an der Ostseite dagegen unwahrscheinlich, weil sich dieser Raum mit drei ziemlich breiten Türen zur Straße hin öffnete.
Den rückwärtigen Gebäudebereich nahm hinter einem querliegenden Hof mit Kiespflasterung eine Flucht von fünf Räumen ein, deren relativ hochliegende Estrichböden jedoch durch jüngere landwirtschaftliche Arbeiten stark in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Die Nutzung des zentralen Raumes als Fahnenheiligtum (lateinsch: aedes, sacellum) ist durch den hier eingebauten Tresorraum unzweifelhaft, in dem offenbar die Ersparnisse der Soldaten aufbewahrt wurden.
Vor der principia (lateinisch für Stabsgebäude) war in der gesamten Breite der via principalis (lateinisch für die vor dem Stabsgebäude verlaufende, die beiden Seitentore miteinander verbindende Straße) die 65 Meter lange und im 15,5 Meter breite Exerzierhalle aufgeführt.
Westlich der principia fanden sich die Reste eines ausgedehnten Gebäudes, dessen Grundriss aber vor allem an der West- und Nordseite durch den fast vollständigen Mauerausbruch nicht sicher erfasst werden konnte. Es handelt sich dabei zweifelsfrei um das Wohngebäude des Kommandanten, das praetorium, das nach Ausweis der Baufugen und des unterschiedlich sorgfältig ausgeführten Mauerwerks mindestens einmal umgebaut worden sein muss. Dafür sprechen auch die Hinweise auf ein in diesem Gebäude angelegtes Bad. Zahlreiche Räume enthielten noch einen sorgfältig ausgeführten Estrichboden sowie Fragmente von bemaltem Wandverputz.
Ein 9,6 Meter breiter und 21,5 Meter langer Bau, der in der praetentura östlich der via praetoria direkt an die Exerzierhalle grenzte, könnte von seinem Grundriss mit drei parallel liegenden Raumeinheiten her als horreum (lateinisch für Speicher, Lagerhalle) benutzt worden sein. Die Lage des Kastellbades ist dagegen bis heute unbekannt.

Die Besatzung des Kastells
Als erste bekannte Truppe hatte die cohors II Raetorum equitata civium Romanorum (lateinisch für die 2. teilweise berittene Raeterkohorte Römischer Bürger) das Lager bezogen, die um 135 nach Christus auf die Saalburg verlegt wurde. Nach ihr war die zuvor in Heidelberg-Neuenheim stationierte cohors II Augusta Cyrenaica equitata (2. teilweise berittene kaiserliche Kohorte aus der Kyrenaica) in dem Lager stationiert. Wann und in welcher Stärke schließlich die ala Moesica felix torquata (glückliche und ausgezeichnete Reitereinheit der Moeser) nach Butzbach kam, bleibt ebenfalls unsicher. Möglicherweise hängt die Erweiterung des Kastells mit ihrer Ankunft zusammen.

Der Kastellvicus
Für die große Bedeutung des Limesdurchgangs bei Butzbach spricht vor allem die Entwicklung des Kastellvicus, dessen Siedlungsstruktur sich eindeutig an der Straßenführung orientierte. Das Lagerdorf endete nach heutiger Kenntnis ungefähr auf der Höhe Virginia Road/John–F.-Kennedy-Straße. Da die mit den langgestreckten Hausbauten typische Vicusbebauung in Butzbach mit Haupt- und Seitenstraßen aber tiefer gestaffelt erscheint als bei anderen Kastelldörfern, besaß sie ein deutlich ‚städtischeres‘ Aussehen, auch wenn bislang Hinweise auf öffentliche Bauten wie zum Beispiel Tempelanlagen fehlen. Ein von südsüdöstliche in nordnordwestliche Richtung verlaufender, offenbar mehrfach aufgeschotterter Straßenkörper ist vielleicht mit der Richtung Mogontiacum (lateinisch für Mainz) verlaufenden Fernstraße gleichzusetzen. Einige Funde nördlich des Kastells auf der Höhe der Flur Am Kastell könnten außerdem dafür sprechen, dass hier ein Weg verlief, der das Lager in nordnordwestliche Richtung verließ.
Bei einer durchgeführten Grabung zeigte sich, dass die römischen Siedlungsstrukturen stellenweise mindestens drei Phasen umfassten. Die auf eine Holzphase folgende Steinbauphase lässt sich anhand von gemauerten Bruchsteinfundamenten und Schotterstickungen leicht erkennen. Neben den typischen Steinkellern gehören zahlreiche Gruben und Grubenbauten, Gräben und Latrinen in die Holzbauphase, die an Kanäle angeschlossen waren. In den rückwärtigen Bereichen der Hausparzellen konnten fünf holzverschalte Brunnen nachgewiesen werden, die in der Tiefe von drei Metern unter dem heutigen Niveau hervorragend erhalten geblieben waren. Die Funktion einiger großer Gruben und Grubenbauten konnte bislang noch nicht geklärt werden.

Weiterführende Informationen
www.de.wikipedia.org: Domitian (abgerufen am 24. September 2018)
www.de.wikipedia.org: Vicus (abgerufen am 24. September 2018)

(Margot Klee, hessenARCHÄOLOGIE, 2018)

Literatur

Baatz, Dietwulf (1971)
Das römische Kastell Hunneburg bei Butzbach und seine Umgebung. In: Wetterauer Geschichtsblätter 20 1971, S. 1 – 16. Friedberg.
Fabricius, Ernst (1936)
Der obergermanisch-raetische Limes des Roemerreiches Abt. A Bd. II. Die Wetteraulinie vom Köpperner Tal bei der Saalburg bis zum Main bei Gross-Krotzenburg. Berlin/Leipzig.
Fleer, Christian (2004)
Typisierung und Funktion der Kleinkastelle am Limes. In: Limes Imperii Romani. Beiträge zum Fachkolloquium „Weltkulturerbe Limes“ im November 2001 in Lich-Arnsburg, S. 75-89. Bad Homburg v. d. H..
Hettner, Friedrich (1987)
Das Kastell Butzbach. Der Obergermanisch-Raetische Limes des Römerreiches. Abt. B Nr. 14. o. O.
Jorns, Werner; Meier-Arendt, Walter (1967)
Das Kleinkastell Degerfeld in Butzbach, Kr. Friedberg (Hessen). In: Saalburg-Jahrbuch 24 1967, S. 24 – 32. Berlin.
Landesdenkmalamt Baden-Württemberg; Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege; Landesamt für Denkmalpflege Hessen; Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz (2003)
Der Obergermanisch-Raetische Limes / Upper German-Raetian Limes. Antrag zur Aufnahme als Welterbe / Nomination for Inclusion on the World Heritage List. Stuttgart.
Lindenthal, Jörg; Süße, Robert (2012)
Umfangreiche Ausgrabungen im vicus des Kastells Butzbach. In: hessenArchäologie 2012, S. 127 – 130. Stuttgart.
Schönberger, Hans (1965)
Zur Größe des Erdkastells in Butzbach. In: Saalburg-Jahrbuch 22 1965, S. 17 – 27. o. O.
Schunk-Larrabee, Gail; Schunk, Winfried (2011)
Der hölzerne Limesturm auf dem „Schrenzerberg“ bei Butzbach. ein frühes Beispiel historischer Rekonstruktionen. (hessenArchäologie.) S. 104–107. Stuttgart..
Steidl, Bernd (2000)
Die Wetterau vom 3. – 5. Jahrhundert n. Chr.. In: Materialien zur Vor- und Frühgeschichte von Hessen 22, Wiesbaden.

Kastell Butzbach westlich von Butzbach

Schlagwörter
Ort
35510 Butzbach
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Kulturdenkmal gem. § 2 DSchG Hessen
Fachsicht(en)
Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Fernerkundung, Archäologische Grabung
Historischer Zeitraum
Beginn 150, Ende nach 260

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„Kastell Butzbach westlich von Butzbach”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-284602 (Abgerufen: 30. Januar 2023)
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