Gut Marienborn bei Seibersbach

Milchhof Soonwald

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Landeskunde, Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Seibersbach
Kreis(e): Bad Kreuznach
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Auf dem westlich von Seibersbach gelegenen Gutshof Marienborn wurden seit jeher landwirtschaftliche Betriebe geführt. Seit den 1960er Jahren unterhält eine Familie auf dem Gut einen Milchviehbetrieb, der heute als „Milchhof Soonwald“ für eine Direktvermarktung der hofeigenen Milch bekannt ist.

Besitzverhältnisse
Während der von 1914 bis 1923 andauernden Deutschen Inflation erwarb ein privater Investor frühzeitig einen Großteil der Flächen im Bereich des heutigen Gutshofes, um vermutlich einer zunehmenden Entwertung seiner Nominalgüter aus dem Weg zu gehen. Als Grundeigentümer konnte er auf diese Weise sein Vermögen bewahren und sich etwaigen Schulden leicht entledigen (vgl. www.historisches-lexikon-bayerns.de). Einige Jahre später veräußerte er seinen gesamten Besitz schließlich an einen Kartäuserorden. Der Ursprung der Kartäuser geht zurück auf das Jahr 1084, als vom heiligen Bruno im Bergmassiv der Französischen Alpen, im Tal der Chartreuse, ein römisch-katholischer Einsiedlerorden gegründet wurde (vgl. www.chartreux.org). Die Mönche und Schwestern jenes Ordens verschreiben sich einem in sich gekehrten und einsamen – einem kontemplativen – Leben, um in der „Verborgenheit des Herzens“ und im Gebet nach Gott zu suchen (vgl. ebenda). Während mit dem Leben in Einsamkeit zugleich eine Trennung von der restlichen Welt einhergeht, finden die Mönche oder Schwestern mit einem Maß an Gemeinschaftsleben ihren Ausgleich. Darüber hinaus sind die Kartäuser auf ein autarkes Wirtschaften angewiesen, um für grundlegende materielle Lebensbedürfnisse zu sorgen, die ein Leben in Abgeschiedenheit mit sich bringt (vgl. ebenda). Im Bereich des heutigen Guts Marienborn sollte ursprünglich ein Kloster errichtet werden, in dem die Mönche ihren täglichen Aufgaben nachkommen konnten. Die wirtschaftliche Selbstständigkeit der Ordensgemeinschaft sollte dabei über gemeinsame Arbeiten in der Landwirtschaft realisiert werden.

Alte Kartenaufnahmen deuten darauf hin, dass der Gutshof zwischen den Jahren 1916 und 1940 erbaut wurde (vgl. Landesamt für Vermessung und Geobasisinformation Rheinland-Pfalz 2011). Vermutungen zufolge wurde die Hofstelle im Auftrag des Kartäuserordens errichtet, eindeutige Hinweise in Form von historischen Schriften bestehen jedoch nicht. Allerdings wurde das Gut ursprünglich von Hofmauern umgeben, sodass die Mönche des Kartäuserordens vor äußeren Einflüssen geschützt waren und ihrer kontemplativen Lebensweise nachgehen konnten. Während die Kartäuser auf dem Hof nachweislich einen landwirtschaftlichen Betrieb unter wechselnden Besitzverhältnissen führten, wurde das angedachte Kloster schließlich im Allgäu errichtet.

Noch bis Ende der 1950er Jahre wurde mit dem Hof die Bezeichnung „Gut Kaltenborn“ in Verbindung gebracht (vgl. ebenda).

Im Jahr 1960 ging der vom Kartäuserorden unterhaltene Hof schließlich als „Gut Marienborn“ in den Besitz der Familie Bange über. Seitdem wird auf dem Hof ein Milchviehbetrieb mit Milchkühen und weiblicher Nachzucht bewirtschaftet.

Erscheinungsbild des Hofes
Im Laufe der Jahre unterlag das Erscheinungsbild des Hofes, aufgrund von Anbauten und neu errichteten Gebäuden, einer beständigen Veränderung. Die Gebäude der ursprünglichen Hofstelle waren um einen länglichen Innenhof angeordnet, wobei das Grundstück in südlicher Richtung über ein Hoftor verlassen werden konnte. Die östliche Seite des Gebäudekomplexes war durch einen freien Bereich gekennzeichnet, der allerdings durch Anbauten in den 1990er Jahren geschlossen wurde (vgl. ebenda). Gleiches gilt für einen Abschnitt auf der Nordseite, auf dem einige Jahre vor dem Verkauf des Guts an den Familienbetrieb ein Hühnerstall errichtet wurde. Als Baustoff wurde überwiegend Bruchstein verwendet, wobei einige Wände eine Mächtigkeit von bis zu 1,5 m aufweisen.
Heute weisen die traditionellen und um den Innenhof angeordneten Gebäude überwiegend Schieferdächer und gelbe Außenfassaden auf. Von den eingangs erwähnten alten Hofmauern sind heute keine Überreste mehr vorhanden, da jene im Zuge von Umbaumaßnahmen durch die heutigen Besitzer abgerissen wurden.

Das im Süden des Grundstücks gelegene Wohnhaus besteht noch heute in seiner ursprünglichen Form. So lässt sich bei genauerer Betrachtung ein mit Schiefer gedecktes Mansardenwalmdach erkennen, dass auf der Südseite durch einen Zwerchgiebel ergänzt wird. Während die Außenfassade auf der Süd- und Nordseite eine gelbe Färbung aufweist, erscheint sie auf der Ostseite des Gebäudes in Weiß. Zudem wird das Gesamtbild der südlichen und östlichen Außenfassade durch rot-braune Fensterläden akzentuiert. Der Eingang des Wohnhauses lässt sich schließlich über eine im Innenhof vorzufindende Treppe erreichen. In früherer Zeit diente das Gebäude unter anderem als Kapelle, wobei über mehrere Zugänge verschiedene voneinander abgetrennte Bereiche erreicht werden konnten.

Im nordöstlichen Bereich der traditionellen Hofstelle finden sich heute zwei weitere Wohngebäude. Während in dem weiter östlich gelegenen Wohnhaus früher ein Verwalter des vom Kartäuserorden geführten landwirtschaftlichen Betriebs lebte, wird es heute vorwiegend für Mietzwecke genutzt. Das andere Wohngebäude entsprach früher dem alten Hühnerstall und wurde nach der Übernahme durch den Familienbetrieb mühevoll umgebaut.
Im Gesamten lässt sich erkennen, dass die Hofstelle sukzessiv durch neue Anbauten weiterentwickelt wurde. So wurde der Hof in den 1990er Jahren etwa um einen nördlich und einen südlich anschließenden Anbau erweitert, wobei die Giebel der Gebäudeteile nach Westen ausgerichtet wurden. Mit dem nördlichen Anbau wurde dabei erstmals eine neue Stallung realisiert, die heute vorwiegend für Jungvieh genutzt wird.

Beim Verlassen des Innenhofes in nördlicher Richtung passiert man zunächst den ursprünglichen Kuhstall des Guts, wobei jener noch heute als solcher genutzt wird. Weiter nördlich werden weitere moderne landwirtschaftliche Gebäude im Außenbereich der Hofstelle ersichtlich, die erst seit den 2010er Jahren bestehen. Diese Neubauten wurden vorzugsweise auf vorhandenen Freiflächen errichtet, da weitere Anbaumaßnahmen aufgrund eines zu hohen Arbeitsaufwandes nicht mehr lohnenswert erschienen. So finden sich außerhalb der alten Hofstelle diverse Fahrsilos, ein Gülleerdbecken, ein Kälberdorf, eine Molkerei sowie ein moderner Boxenlaufstall. Die Ursachen für die Entstehung der neuen Bauten werden im nächsten Abschnitt noch näher beleuchtet.

Wirtschaftliche Entwicklung
Schon die Kartäuser führten auf dem Gut einen landwirtschaftlichen Betrieb, in dem vorwiegend Ackerbau betrieben wurde. Die Bewirtschaftung des Bodens gestaltete sich jedoch äußerst schwierig, da eine für die Region charakteristische Staunässe und geringe Bodenfruchtbarkeit nur geringe Erträge bei zugleich hohem Arbeitsaufwand zuließ. Über jene Tätigkeiten in der Landwirtschaft konnten sich die Mönche des Kartäuserordens jedoch ihre wirtschaftliche Selbstständigkeit bewahren.

Mit der Übernahme des Guts durch Familie Bange erfolgte in den 1960er Jahren eine Umstrukturierung zur Milchviehhaltung. Grundlegende Entwicklungsschritte des Milchviehbetriebs wurden im Vergleich zu anderen traditionellen Betrieben der Region allerdings sehr viel später ausgeführt. So wurde der Hof erst in den 1990er Jahren um die bereits angeführten neuen Stallungen erweitert.
In Zeiten sinkender Milchpreise stand der Familienbetrieb vor richtungsweisenden Entscheidungen, die einen Fortbestand des Milchhofs langfristig gewährleisten sollten. Eine Möglichkeit bestand darin, den Milchviehbestand unter hohem Arbeitsaufwand deutlich zu vergrößern. Im Jahr 2007 entschied sich die Familie stattdessen für einen in der Region unkonventionellen Weg der Direktvermarktung von hofeigener Milch (vgl. www.lwk-rlp.de). Mit diesem Vorhaben waren allerdings vielfältige Bauinvestitionen verbunden, die vorab von den zuständigen Behörden genehmigt werden mussten. Nachdem der Weg für sämtliche Baumaßnahmen bereitet war, investierte der Familienbetrieb zunächst in eine eigene Molkerei, um die Wertschöpfung der Milchprodukte im eigenen Betrieb zu halten (vgl. ebenda). Seitdem werden verschiedene Produkte wie Milch, Natur- und Fruchtjoghurt, Speisequark oder Molke selbst erzeugt und durch einen privaten Lieferservice regional vermarktet. Bestellte Milchprodukte werden dabei an mehreren Tagen in der Woche direkt beim Kunden ausgeliefert.

Die mit der Direktvermarktung einhergehende zusätzliche Arbeitsbelastung musste an einer anderen Stelle wieder eingespart werden. Daher wurden die nachfolgenden Baumaßnahmen vorrangig auf eine Optimierung der Arbeitswirtschaft ausgerichtet (vgl. ebenda). Mit der Errichtung eines modernen Boxenlaufstalls wurde schließlich die Grundlage für eine Verbesserung sämtlicher Arbeitsabläufe geschaffen. So ermöglicht etwa ein automatisches Melksystem mit zwei Melkrobotern ein gleichzeitiges Melken von mehreren Kühen (vgl. ebenda). Insgesamt gliedert sich der Stall in einen Liegeboxenbereich mit installiertem Melksystem und in einen eingestreuten Bereich mit automatischer Einstreuanlage. Für umfassendere Informationen zur Konzeption des modernen Boxenlaufstalls der Familie Bange wird an dieser Stelle auf einen Bericht der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz verwiesen (vgl. www.lwk-rlp.de). Neben dem Boxenlaufstall wurde außerdem ein Kälberdorf mit verschiedenen Einzeliglus realisiert.

Heute unterhält der Einfamilienbetrieb etwa 150 Milchkühe sowie deren weibliche Nachzucht. Darüber hinaus werden etwa 100 Hektar Grünland sowie 50 Hektar Ackerfläche bewirtschaftet. Die damit erreichte Betriebsgröße erscheint aus Sicht des Familienbetriebs als angemessen, sodass trotz vorhandenem Potential derzeit kein Bedarf an einer Ausweitung des Einzugsgebietes besteht.

(Jan Wengel, Universität Koblenz-Landau, 2017 / freundliche Hinweise von Christian Bange, Seibersbach)

Internet
www.historisches-lexikon-bayerns.de: Inflation, 1914-1923 (abgerufen 11.04.2017)
www.chartreux.org: Kartäuserorden - Schnelle Vorstellung (abgerufen 11.04.2017)
www.lwk-rlp.de: Der Milchhof Soonwald - ein Konzept geht auf (abgerufen 11.04.2017)

Literatur

Landesamt für Vermessung und Geobasisinformation Rheinland-Pfalz (2011)
Landschaft im Wandel. Blatt 6012 Stromberg. Historische Kartenblätter von 1811-2000. Maßstab 1:25000. Koblenz.

Gut Marienborn bei Seibersbach

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Gut Marienborn
Ort
55444 Seibersbach
Fachsicht(en)
Landeskunde, Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Fernerkundung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1916 bis 1940
Koordinate WGS84
49° 57′ 19,96″ N, 7° 40′ 10,74″ O / 49.95555°, 7.66965°
Koordinate UTM
32U 404571.28 5534536.26
Koordinate Gauss/Krüger
3404608.32 5536310.65

Empfohlene Zitierweise

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Empfohlene Zitierweise
„Gut Marienborn bei Seibersbach”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-266672 (Abgerufen: 21. November 2018)
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