Junkermühle bei Seibersbach

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Fachsicht(en): Landeskunde, Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Seibersbach
Kreis(e): Bad Kreuznach
Bundesland: Rheinland-Pfalz
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Bereits im Jahr 1701 fand die östlich von Seibersbach im Guldenbachtal gelegene Junkermühle ihre erstmalige Erwähnung. Bis Mitte der 1970er Jahre erhielt sie vor allem für die Herstellung von Backwaren unter wechselnden Besitzverhältnissen regionale und zeitweilig überregionale Bekanntheit.

Standortlage
Die Junkermühle lässt sich unmittelbar orographisch rechts des Guldenbachs verorten, wobei jenes Fließgewässer zugleich eine natürliche Grenze zwischen den Gemarkungen Seibersbach und Daxweiler darstellt. Der Guldenbach entspringt nordwestlich von Rheinböllen und entwässert nach einem überwiegend südostwärts orientierten Verlauf bei Bretzenheim in die Nahe. Bedingt durch das lokale Relief und einer damit einhergehenden hohen Reliefenergie bietet der kurze Oberlauf des Guldenbachs gute Voraussetzungen zum Betreiben von Mühlen. Daher sind im Guldenbachtal, neben der Junkermühle, auch weitere historische Mühlen vorzufinden.
Die südlich entlang der Junkermühle verlaufende Stromberger Straße bietet eine direkte Verbindung nach Seibersbach, während mit der nördlich verlaufenden Landstraße 214 eine Anbindung zur Autobahn 61 besteht. Schon bei einer ersten Geländebegehung wird daher die günstige Standortlage der Junkermühle offenbar.

Gebäude
Auf dem Grundstück der Junkermühle befinden sich verschiedene Gebäude, die früher mit Blick auf die Herstellung von Backwaren unterschiedliche Funktionen erfüllten. So findet sich die ehemalige Mühle im östlichen Bereich des Grundstücks, wobei das heutige Gebäude eine gelbe Außenfassade mit einer nach Südwesten orientierten Stirnseite aufweist. Zudem ist ein künstlich angelegter Mühlgraben erhalten geblieben, der entlang des Geländes verläuft und in den Guldenbach entwässert. Mithilfe eines Mühlrads wurde früher die Lageenergie des Wassers in Bewegungsenergie umgesetzt, sodass verschiedene technische Anlagen der Mühle betrieben werden konnten. Im Laufe der Zeit wurde das Mühlrad schließlich durch Turbinen ersetzt.
An die Mühle schließt sich nach Nordwesten hin eine ehemalige Brotfabrikhalle an. Die längliche Struktur dieser alten Werkshalle ergab sich aus der Notwendigkeit, verschiedene Segmente im Produktionsprozess von Backwaren, wie etwa Brotschnitte oder Verpackungen, räumlich voneinander zu trennen. An dieses Gebäude ist zudem ein altes Pförtnerhaus angeschlossen, das damals vermutlich zur Kontrolle von Personen und Waren diente. Abschließend finden sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Unterstellplatz für PKWs und ein weiteres, kleines, einstöckiges Haus, das heute weitgehend die Funktionen eines Gartenhauses und privaten Arbeitsraumes vereint. Dieses historische Gebäude weist eine weiße Außenfassade und Züge eines flach geneigten Graben- und Kreuzdaches auf, das im Rahmen von Sanierungsmaßnahmen mit grauer Dachpappe abgedichtet wurde. Vermutungen zufolge lebte in diesem Haus schon zu Produktionszeiten eine Familie mit Kindern auf Mietbasis. Alte Preußische Uraufnahmen deuten darauf hin, dass dieses Gebäude zumindest seit dem frühen 19. Jahrhundert besteht.

Besitzverhältnisse
Nach May (2005, S. 82f.) wurde bereits im Jahr 1701 von einer alten Seibersbacher Mühle berichtet, die durch einen Grafen von Ingelheim für 6000 Gulden von Kurmainz käuflich erworben wurde. Als erster Junkermüller wird in jener Zeit Nicolaus May aufgeführt, der bis 1766 die Junkermühle unterhielt. Ferner wurden 1821 der Öl- und Mehlmüller Paul Hoffmann und 1828 Jakob Schmitt als Betreiber der Mühle genannt. Letzterer veränderte das Erscheinungsbild der Junkermühle maßgeblich, als 1860 umfangreiche Umbaumaßnahmen in die Wege geleitet wurden. Schon zum Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Junkermühle zu einer Großbäckerei mit 12 Öfen und 48 Mitarbeitern. Mit Lehnhard Druckermüller oblag dem letzten Müller die Verantwortung zur Unterhaltung der Mühle, bevor jene 1911 in den Besitz der Firma Wandesleben überführt wurde. Einige Jahre später ging die Junkermühle in den Besitz des regional angesehenen Familienunternehmens Kirsch-Puricelli über (vgl. ebenda).

Brandkatastrophe
Mit einer Spezialisierung zur Brotfabrik leitete das Unternehmen Kirsch-Puricelli in den 1930er Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung ein. Dieser erfuhr allerdings im Zuge des Zweiten Weltkriegs ein jähes Ende, als 1940 ein Großteil der wirtschaftlich genutzten Gebäude infolge einer Brandkatastrophe stark beschädigt wurde (vgl. ebenda). Mit dem Wiederaufbau gingen erneut weitreichende Änderungen im Erscheinungsbild des Gebäudekomplexes einher. So erhielt der Giebel der Mühle seine heutige Ausrichtung nach Südwesten, während jene Stirnseite ursprünglich in Einklang mit der alten Brotfabrikhalle nach Nordwesten orientiert war. Da außerdem viele technische Anlagen der Mühle dem Brand zum Opfer fielen und nicht erneuert wurden, konnte fortan kein Mehl mehr aus eigener Produktion genutzt werden.

Blütezeit und Niedergang der Brotfabrik
Nach der Instandsetzung nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die Brotfabrik allmählich wieder an Bedeutung und umfasste in den 1950er Jahren erneut eine Belegschaft von etwa 50 Mitarbeitern. In den 1960er Jahren erlebte die Junkermühle schließlich mit nunmehr 12 Steinöfen und einem Spezialofen für Weißwaren ihre Blütezeit (vgl. ebenda). Überregional bekannt wurde die Brotfabrik insbesondere für ihre „Hunsrücker Bauernschnitte“; ein Qualitätsprodukt, das einen wesentlichen Beitrag zum wirtschaftlichen Fortschritt der Junkermühle leistete. Der Erfolg der „Hunsrücker Bauernschnitte“ lässt sich darauf zurückführen, dass die Brotfabrik Junkermühle in jener Zeit eine der ersten Produzenten von geschnittenem Brot war und damit eine Vorreiterrolle in der näheren Umgebung einnahm. Da viele technische Anlagen der Mühle im Zuge der Brandkatastrophe 1940 zerstört wurden, musste das benötigte Mehl allerdings von anderen Mühlen der Umgebung erworben werden (vgl. May 2005, S. 84). Insgesamt wurde über das vorhandene Schienen- und Straßennetz ein Einzugsbereich bedient, der vom östlichen Ballungsraum Rhein-Main bis zum Ruhrgebiet im Norden reichte (vgl. May 2005, S. 83).

In den Folgejahren läutete eine Reihe von Faktoren schließlich den Niedergang der Brotfabrik ein. Zum einen sah sich das Unternehmen einem zunehmenden Konkurrenzdruck ausgesetzt, sodass die jährlichen Umsätze nach und nach abnahmen. Zum anderen konnten die veralteten technischen Anlagen der Brotfabrik nicht mehr den zeitlichen Anforderungen genügen. Nachdem mit dem Baron Dr. Paul Kirsch-Puricelli der Hauptverantwortliche der Junkermühle verstorben war und vonseiten der Erbgemeinschaft keine Einigungen zur Fortführung der Brotfabrik erfolgten, wurde jene schließlich 1976 stillgelegt (vgl. May 2005, S. 84).

Heutige Nutzung
Nach der Stilllegung der Brotfabrik trat das Unternehmen Kirsch-Puricelli die Junkermühle schließlich an einen neuen Besitzer ab. Daraufhin wurde das Grundstück sukzessive an die privaten Wohnzwecke der neuen Eigentümer angepasst. So wurden etwa sämtliche Öfen der ehemaligen Brotfabrik in mühevoller Kleinarbeit entfernt. Darüber hinaus war das gegenüber der Mühle gelegene kleine Haus zum Zeitpunkt der Übernahme stark verfallen, sodass umfassende Sanierungsarbeiten notwendig wurden. Während die alte Mühle heute noch als Wohnhaus genutzt wird, ist die ehemalige Brotfabrikhalle größtenteils funktionslos geworden (vgl. ebenda).

In Folge starker Regenfälle am 24. Juni 2016 trat der Guldenbach über die Ufer und überflutete Teile des ehemaligen Mühlenkomplexes. Im Laufe des Jahres 2016 fanden daher umfassende Renovierungsarbeiten an der Junkermühle statt.

(Jan Wengel, Universität Koblenz-Landau, 2017 / freundliche Hinweise von Elisabeth Klumb, Seibersbach / Jörn Schultheiß, Universität Koblenz-Landau, 2017)

Literatur

Landesamt für Vermessung und Geobasisinformation Rheinland-Pfalz (2011)
Landschaft im Wandel. Blatt 6012 Stromberg. Historische Kartenblätter von 1811-2000. Maßstab 1:25000. Preußische Uraufnahme, Jahre 1843-1878, Koblenz.
May, Dieter (2005)
Seibersbach - Meine Heimat. Zeugnisse und Geschichten aus alter Zeit. Seibersbach.

Junkermühle bei Seibersbach

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Junkermühle
Ort
55444 Seibersbach
Fachsicht(en)
Landeskunde, Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Auswertung historischer Fotos, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Fernerkundung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1701
Koordinate WGS84
49° 57′ 39,78″ N, 7° 44′ 27,81″ O / 49.96105°, 7.74106°
Koordinate UTM
32U 409703.73 5535059.59
Koordinate Gauss/Krüger
3409742.8 5536834.21

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„Junkermühle bei Seibersbach”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-266631 (Abgerufen: 22. Mai 2018)
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