Rheinböllerhütte bei Rheinböllen

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Daxweiler, Rheinböllen
Kreis(e): Bad Kreuznach, Rhein-Hunsrück-Kreis
Bundesland: Rheinland-Pfalz
An der Stelle der heutigen Rheinböllerhütte befand sich wahrscheinlich bereits im ausgehenden Mittelalter und der frühen Neuzeit eisenverarbeitendes Gewerbe. Der erste urkundliche Nachweis einer Eisenhütte stammt aus dem Jahr 1598. Dort heißt es, dass sich am Guldenbach, an den Rheinböller Wäldern, eine Eisenhütte befand. Bereits Mitte des 17. Jahrhunderts stellte sich die Rheinböllerhütte als ein gut ausgebautes Unternehmen mit weitreichenden, wirtschaftlichen Verflechtungen bis nach Luxemburg, Belgien, in den Westerwald und den Taunus dar.
Die Rheinböllerhütte ist heute, neben der Mariahütte in Nonnweiler, die letzte der Hunsrücker Hütten, die noch industriell genutzt wird.

Besitzverhältnisse
Bauliche Entwicklung
Erzgruben
Personal
Produktion

Besitzverhältnisse
Wer die Rheinböllerhütte bis ins 17. Jahrhundert hinein besaß ist unklar. Mitte des 17. Jahrhunderts wird ein Herr Gerhardt erwähnt, der die Hütte führte. Herr Gerhardt lebte auf seinem Hofgut in Wald-Erbach. Bereits ab 1649 versuchte der aus Lüttich stammende Kaufmann Jean Mariot (1601-1667) die Hütte zu übernehmen. Er besaß bereits eine große Zahl Hüttenwerke in Nassau und ab 1649 auch die Stromberger Hütte. Mit dem Tod von Herrn Gerhardt im Jahre 1658 konnte er die Rheinböllerhütte ebenfalls übernehmen. Mariot setzte bei der Verwaltung der Soonwälder Hütten stets auf seine Verwandtschaft. Daher leitete ab 1660 sein Schwager Ghisbert Delaporte und sein zweiter Sohn Jean die Rheinböller- und die Stromberger Hütte. Im Jahre 1663 ging die Leitung beider Hütten an Jean Mariots zweiten Sohn Bertrand und seinen Schwiegersohn Godefroid-Evrard Nottermans über. Als Pacht verlangte Jean Mariot 300 Reichstaler sowie eine Tonne Wein jährlich. In den folgenden Jahrzehnten verblieb die Hütte in Besitz der Familie Mariot.
Nachdem die Hütte zu Anfang des Pfälzischen Erbfolgekriegs (1688-1697) stark beschädigt wurde, unterblieb eine Nutzung für circa 25 Jahre. Im Jahr 1715 vergab Kurfürst Johann Wilhelm die Besitzrechte neu. Sie gingen an die letzten von Mariot eingesetzten Hüttenverwalter Martin Schmitt, Johann Bender, Peter Emert und Johann Utsch. Ihnen wurden ein Hüttenwerk, ein Eisenwerk, ein Hammerwerk sowie ein Bergwerk übertragen. 1734 schieden Peter Emert und Johann Bender aus der Leitung der Rheinböllerhütte aus. Im Jahre 1736 ging die Hütte an Schmitts Stiefsohn Engelbert Utsch (1692-1749). In den nächsten Jahrzehnten verblieb sie im Eigentum der Familie Utsch. Erwähnenswert ist Friedrich Wilhelm Utsch (1732-1795), der die Hütte ab 1782 leitete. Er war Forstbeamter, der sich überwiegend im Forsthaus Entenpfuhl im Soonwald aufhielt. Ihm schreibt man zu, der Jäger aus Kurpfalz gewesen zu sein.
Friedrich Wilhelm Utsch übertrug 1794 die Hütte seinem Schwiegersohn Carl Anton Puricelli und seinem Sohn Carl Theodor Utsch. Carl Anton Puricelli brachte sich dabei in den folgenden Jahrzehnten sehr stark in den Betrieb ein und trug zu einer sehr positiven wirtschaftlichen Entwicklung bei.
Unter Französischer Herrschaft erfolgte im Jahre 1794 die Abschaffung des Erblehens und die Einführung des Erbeigentums. Von da an konnte die Hütte ohne herrschaftliche Genehmigung weitergegeben werden.
Als Carl Anton Puricelli 1805 starb, übernahm seine Witwe Margarete seinen Platz in der Unternehmensleitung. Ab 1836 leiteten Carl Anton Puricellis Söhne Friedrich, Carl-Theodor und Heinrich den Betrieb und benannten ihn in „Gebrüder Puricelli“ um. Die Brüder entwickelten sich zu sehr erfolgreichen Geschäftsmännern mit weitrechendem Einfluss. 1841 waren sie Mitglieder eines Ausschusses, der auf der Festung Ehrenbreitstein eine Bittschrift zur Änderung der Eisenzölle an den preußischen König übergab. Insbesondere Heinrich Puricelli trat als erfolgreicher Geschäftsmann und Politiker in Erscheinung. 1851 erhielt er den Roten Adlerorden und 1868 den Kommerzienrat-Titel. Außerdem war er Mitglied der Provinzialregierung und der Kreisstände.
Nach dem Tod von Carl-Theodor (1872), Heinrich (1876) und Friedrich Puricelli (1880) übernahmen 1880 Carl, Hermann und Eduard Puricelli die Firmenleitung. Dabei hatte Carl Puricelli die Hauptverantwortung inne und erhielt für seine Verdienste 1907 ebenfalls den Kommerzienrat-Titel.
Im Jahr 1895 heiratete der aus Luxemburg stammende Dr. Nicolaus Kirsch Olga Puricelli, die Tochter von Hermann Puricelli. Nicolaus Kirsch nahm daher den Doppelnamen Kirsch-Puricelli an. Bereits im Jahr 1897 wurde die Hüttenleitung auf Nicolaus Kirsch-Puricelli übertragen. Sein erfolgreiches Wirtschaften führte dazu, dass er Großherzoglich Luxemburgischer Geschäftsträger im Deutschen Reich wurde sowie in den 1920er Jahren den Titel „Baron“ erhielt. Nach dem Tod von Nicolaus Kirsch-Puricelli im Jahre 1936 übernahm sein Sohn Dr. rer. pol. Baron Paul Kirsch-Puricelli die Geschäftsleitung. In der Nachkriegszeit verpachtete er die Rheinböllerhütte an die Firma Meyer und Weichelt aus Leipzig, die bereits 1959 bankrott ging.
Heute gehört die Rheinböllerhütte zum Continental-Konzern, es werden Autoteile hergestellt.
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Bauliche Entwicklung
Während der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bestand die Rheinböllerhütte vermutlich aus einem Schmelzofen, einem Frisch- oder Läuterungsfeuer und einem Hammerwerk. Während des Pfälzischen Erbfolgekrieges (1688-1697) produzierten die mariotschen Hütten vorwiegend Rüstungsgüter für den Pfalzgrafen. Nach der Einnahme des Soonwaldes durch die Franzosen zerstörten diese daher die Rheinböllerhütte und versenkten Eisenteile im Rhein. Die Nutzung der stark beschädigten Hütte unterblieb anschließend für circa 25 Jahre. Nachdem die Hütte ab 1715 wieder in Betrieb genommen wurde, erfolgte der Aufbau der zerstörten Anlagen. Im Jahre 1724 wurde ein neues Hammerwerk an der Hüttenmühle gebaut und im Jahre 1789 ein zweites Frischfeuer angelegt. Während des ersten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts bestand die Rheinböllerhütte vermutlich aus einem Schmelzofen, einem Läuterungs- oder Frischfeuer, einer Erzröstanlage, einer Eisengans, einem großen Hammerwerk sowie einer Sandformerei. Im Jahre 1828 wurde der Hochofen neugebaut. Die Hütte vergrößerte sich in den Jahren 1835 und 1836 deutlich, erstmals wurde auch das linke Guldenbachtalufer bebaut. Die Erweiterungsmaßnahmen beinhalteten einen zweiten Hochofen, zwei Kupolöfen und ein Schlackenpochwerk. In den Jahren 1840 und 1841 wurde ein dritter Hochofen errichtet, der ausschließlich mit Koks befeuert wurde. 1854 bis 1856 erweiterte man diverse Gebäude und baute einen dritten Kupolofen sowie ein zweites Pochwerk. Das Werk hatte zu dieser Zeit zwei Zylindergebläse mit Wasserkraft, ein Zylindergebläse mit Dampflokomobil, eine Tigelschmelze, eine Holzschneidemühle, zwei Pochwerke und eine mechanische Werkstätte mit Wasserkraft. Desweiteren wurden Anlagen für den Bau großer Werkzeugmaschinen gebaut.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden sämtliche Hochöfen ausgeblasen und das Roheisen von da an per Eisenbahn importiert.
1905 wurde das Emailliewerk deutlich erweitert und 1951 ein neues Emaillewerk gebaut.
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Erzgruben
Die Rheinböllerhütte besaß Gruben, um obertägig Eisenerz abzubauen. Die Entfernung dieser Gruben betrug höchstens vier bis fünf Wegestunden. Im Jahr 1860 waren 30 Erzgruben in Besitz der Hütte. Mit Ausblasen des letzten Hochofens Ende des 19. Jahrhunderts wurde ebenfalls der Erzabbau eingestellt. Der Versuch, einige dieser Gruben während des Ersten Weltkriegs wiederzubeleben, misslang.
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Personal
Die Rheinböllerhütte war bereits seit dem 17. Jahrhundert einer der wichtigsten Arbeitgeber der Region. Die Mitarbeiterzahlen betrugen 1740 130. Insbesondere ab der zweiten Hälfte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts stieg die Personalstärke deutlich an auf Werte zwischen 300 und 600 Mitarbeiter. Bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts dauerte das Wirtschaftsjahr zwischen 5 bis 8 Monate. Erst dann wurde durchgehend gearbeitet. Ein Großteil der Belegschaft wurde dabei kampagnenabhängig für Hüttenbetriebs-, Erzgrabungs-, Holzfällungs- und Holzverkohlarbeiten eingesetzt.
Die beiden Weltkriege hatten auf die Personalstärke gravierende Auswirkungen. Im Ersten Weltkrieg starben 124, im Zweiten Weltkrieg 84 Mitarbeiter.
Die Rheinböllerhütte war stets von einem intensiven Wissenstransfer aus anderen eisenverarbeitenden Regionen geprägt. Nach Mariots Übernahme Mitte des 17. Jahrhundert kamen eine Vielzahl von Fachkräften aus Mariots wallonischer Heimat und fanden in der Rheinböllerhütte Arbeit.
Im Zuge der Wiederaufbau- und Expansionsmaßnahmen nach dem Pfälzischen Erbfolgekrieg zogen Fachkräfte aus dem Westerwald, dem Siegerland, dem oberhessischen Bergland, dem südlichen Nassau, aus Schmalkalden und aus der Eifel nach Rheinböllen, um dort Arbeit zu finden.
Nach der Betriebsübernahme durch den Luxemburger Dr. Nicolaus Kirsch-Puricelli brachte er viele Hüttenfachangestellten aus seiner Heimat sowie aus Lüttich dazu, in den Soonwald auszuwandern und für die Rheinböllerhütte zu arbeiten.
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Produktion
In der Rheinböllerhütte wurden meist vor allem Roheisen, Schmiedeeisen, Töpferwaren, Kochherde und Öfen hergestellt. Insbesondere die Öfen hatten bereits Anfang des 19. Jahrhunderts eine ungewöhnlich große Modellauswahl. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erweiterte man das Sortiment auf gusseiserne Rohre, Säulen und Kronleuchter. Anfang des 20. Jahrhunderts begann man außerdem mit der Produktion von Großraumküchen. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde immer stärker auf die Ofenproduktion gesetzt.
Während Kriegszeiten wurden in der Rheinböllerhütte stets Rüstungsgüter produziert.
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(Jörn Schultheiß, Universität Koblenz-Landau, 2016)

Literatur

Bauer, Erich (2007)
Der Soonwald. Auf den Spuren des Jägers aus Kurpfalz (2. Auflage). Seibersbach.
Schmitt, Robert (1961)
Geschichte der Rheinböllerhütte. (Schriften zur Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsgeschichte.) Köln.

Rheinböllerhütte bei Rheinböllen

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Teves-Straße
Ort
55494 Rheinböllen - Rheinböllerhütte
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Geschütztes Kulturdenkmal gem. § 8 DSchG Rheinland-Pfalz
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung
Historischer Zeitraum
Beginn 1598
Koordinate WGS84
49° 59′ 8,66″ N, 7° 41′ 56,58″ O / 49.98574°, 7.69905°
Koordinate UTM
32U 406738.45 5537855.93
Koordinate Gauss/Krüger
3406776.33 5539631.65

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Empfohlene Zitierweise
„Rheinböllerhütte bei Rheinböllen”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-247174 (Abgerufen: 21. Mai 2018)
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